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BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN!
DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST...
Von Reichen, Bünden, Hauptstädten
... und einem Bundeshauptdorf

(aber leider nichts von "blühenden Landschaften")



[Wappen Berliner Bär]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOORS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Frau Dikigoros ist in einem Vorort der Stadt geboren, die viele für die ehemalige "Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen" halten, bloß weil dort mal - vor über tausend Jahren - Karl der Große gekrönt worden sein soll. An dieser Vorstellung ist so gut wie alles falsch: Abgesehen davon, daß böse Zungen heute sogar in Frage stellen, ob Karl der Große je gelebt hat außer in den Köpfen einiger mittelalterlicher Märchenbuch-Autoren, war jenes Gebilde weder ein Reich noch war es römisch noch gab es damals schon eine deutsche Nation, sondern allenfalls deutsche Stämme. Und erst recht keine Hauptstadt. Der Mann, der sich in Rom oder Aachen eine Krone aufs Haupt setzte oder setzen ließ, war kein Herrscher im heutigen Sinne. (Herrschen taten vielmehr die mächtigen Herzöge in ihren Stammes-Herzogtümern, in Sachsen - dem heutigen Niedersachsen -, Lothringen, Franken, Schwaben und Bayern.) Er pflegte mit seinem Gefolge von Pfalz zu Pfalz zu ziehen, bis die Vorräte aufgebraucht waren (es gab noch keine Konservendosen, geschweige denn Tiefkühltruhen). Gewiß hatten einige Herrscher ihre lokalen Vorlieben: Karl der Große z.B. soll Aachen besonders geliebt haben - wegen seines heilkräftigen Wassers, nach dem es auch seinen Namen hatte: Aquae. (Nein, liebe Leser, nicht lachen, wenn etwas an der Geschichte von Karl dem Großen glaubhaft ist, dann dieses!) Wenn es in Deutschland Haupt-Städte gab, dann jedenfalls nicht aus politischen, sondern aus allen möglichen anderen Gründen: die Hanse-Mitglieder Lübeck und Hamburg für den Seehandel, Frankfurt (wo später auch die Königs-Krönungen statt fanden) und Leipzig für die Messen, Köln und Mainz für den Karneval bzw. die Fastnacht (nein, liebe Leser, kein Witz, es sind nicht von ungefähr die beiden Erzbischofs-Sitze, denn der Karneval war ursprünglich, d.h. bevor er im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts zu einem Umzug von Narrenschiffen auf Rädern und Kamelle werfender Jecken in Fantasie-Uniformen verkam, ein quasi-religiöses Fest - was er für manche Rheinländer ja heute noch ist :-), Augsburg und Nürnberg für die Finanzgeschäfte, Würzburg und Dresden für Kunst und Kultur. Die wichtigsten deutschen Städte aber, die man am ehesten als "Hauptstädte" hätte bezeichnen können, waren die Residenzen der Habsburger Kaiser: Wien und das damals noch weitgehend deutsche Prag.

[das alte Brandenburger Tor um 1770] [750 Jahre Berlin]
[1937: Berlin wird - angeblich - 700] [Rückseite] [1987: [10 DM 1987] [20 MDM 1987]

Nein, liebe Leser, Dikigoros hat Berlin und München nicht vergessen; aber die wurden erst im 19. Jahrhundert zu Großstädten, bis dahin standen auf dem Boden des heutigen Berlins nur ein paar Spree-Dörfer, wie Cölln, Cöpenick, Spandau oder Teltow. Daran ändert nichts, daß anno 1987 ein paar Witzbolde in Ost und West "750 Jahre Berlin" gefeiert haben, um ein paar dumme Touristen mehr anzulocken und ihnen Souvenir-Nippes zu verkaufen, weil das kurz zuvor mit der "2000 Jahre Bonn"-Feier auch so gut geklappt hatte. (Übrigens eine Idee der Nazis, die 1937 auch schon "700 Jahre Berlin" gefeiert hatten, weil das kurz zuvor bei der Olympiade so gut geklappt hatte, Touristen das Geld aus der Nase zu ziehen.) Tatsächlich gab es 1237 nur die paar Dörfer; das "älteste Stadtsiegel" von 1253 ist in Wirklichkeit das von Frankfurt an der Oder, und das "älteste Stadtwappen" von 1280 das landesherrliches Wappen von Brandenburg. Berlin wurde erst 1710 gegründet und hatte damals gerade mal etwas über 50.000 Einwohner. Ihr müßt Euch von der Vorstellung frei machen, daß schon immer alles so gewesen sei wie zu Eurer Zeit: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die größte tschechische Stadt nicht das einstmal deutsche Prag, sondern Wien (mit ca. 200.000 tschechischen Einwohnern), so wie die größte ungarische Stadt nicht das einstmals deutsche Ofen oder das einstmals türkische Pescht waren (die erst 1872 zu "Budapest" vereinigt wurden), sondern Preßburg (die heutige Hauptstadt der Slowaken, die sie "Bratislava" nennen), so wie die Hauptstadt der echten, "ruthenischen" Ukrainer nicht das russische Kiew war, sondern das galizische Lemberg (aber das ist eine andere Geschichte) und die Hauptstadt der Griechen nicht das attische Kuhdorf Athen (nicht böse sein, liebe Griechen; wenn Ihr etwas mehr Bildung genossen habt als nur die sozialistische Klippschule müßt Ihr doch wissen, daß "die Kuhäugige" ein Ehrenname Eurer obersten Göttin war!), sondern - bis zur Vertreibung von 1922 - Konstantinopel, wie sie es noch immer hartnäckig nennen (obwohl auch "Istambul" - was die Türken sagen - eine verballhornte griechische Bezeichnung ist), und so wie die Hauptstadt der Juden nicht das arabische Jerusalem war, sondern... jetzt wird es etwas schwieriger, jedenfalls für die Zeit vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, als es New York werden sollte (aber das ist eine andere Geschichte). Indes herrscht wohl Einigkeit, daß es eine von vier Kandidatinnen war: Wien, Prag, Krakau oder Lemberg, alles von Deutschen regierte Städte, die sich durch eine in Europa, ja in der Welt einmalige Toleranz gegenüber den Juden auszeichneten - was heutige Juden freilich gerne verdrängen, obwohl sie doch sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Satz im Munde führen: "Niemals vergessen, niemals vergeben." (Aber im Alten Testamtent steht halt nichts von Dankbarkeit, sondern nur von Rache.) Wie dem auch sei, zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam wieder jemand auf die Idee, eine Krönungsstadt zu seiner Hauptstadt zu machen: MarkgrafKurfürst Friedrich von Preußen machte sich in Königsberg zum König von Preußen (das damals noch nicht zum Deutschen Reich gehörte). Viel Glück brachte das den Bewohnern freilich nicht: Ein paar Jahre später brach die Pest aus und entvölkerte weite Teile Ostpreußens. Der König siedelte protestantische Religionsflüchtlinge aus Österreich, der Schweiz und dem von Frankreich besetzten Rheinland-Pfalz an; seine eigene Residenz hatte er schon vorher im brandenburgischen Potsdam genommen. Genug der Vorrede.

[Religionsflüchtlinge ziehen nach Königsberg ein]

Frühherbst 1818. Joe Louis Müller (der sich lieber "Willi" nennen läßt, nicht weil er etwas gegen schwarze Boxer hätte - davon kann er ja noch nichts wissen -, sondern weil auch sein König Fritz Willi heißt) geht auf Reisen. Eigentlich soll es ins Osmanische Reich gehen, genauer gesagt in zwei seiner Provinzen, die den guten Willi als studierten Historiker besonders interessieren: Griechenland und Ägypten. Jawohl, Willi ist ein geschichtsbewußter Mensch, und das nicht nur am Schreibtisch: Er hat gegen Napoleons Franzosen mit gekämpft, bei Lützen, Bautzen, Hanau und Kulm, und in Prag, der früheren, und Brüssel, der späteren Hauptstadt Europas, war er auch schon. Aber studiert hat er in Berlin, wo es seit acht Jahren endlich eine Universität gibt. Es ist auch seit neun Jahren endlich Hauptstadt des seit drei Jahren endlich wieder vereinigten Preußens (Napoleon hatte es in drei Teilstaaten - das Königreich Westfalen, das Großherzogtum Warschau und Rest-Preußen - zerlegt), sehr zur Freude aller guten Untertanen. Wie viele seiner Zeitgenossen ist Willi kein Nationalist, sondern ein Patriot, der auch allen anderen Völkern ihre Freiheit und Unabhängigkeit gönnt und sogar bereit ist, dafür aktiv mit zu kämpfen - so auch in Griechenland. (Er läßt sich deshalb auch gerne "Griechen-Müller" nennen.) Leider läuft nicht alles so, wie es sollte: In Konstantinopel bricht die Pest aus, die Reise in den Orient zerschlägt sich, also reist Willi erstmal nach Italien - wie es damals alle tun, denen nichts besseres einfällt (aber das ist eine andere Geschichte). In Rom schreibt er ein Liedchen, das zu einem der beliebtesten der nächsten Jahrzehnte werden soll: "Das Wandern ist des Müllers Lust". Anschließend kehrt er heim ins Reich, pardon, das heißt ja gar nicht mehr Reich, sondern seit drei Jahren "Bundesrep...", pardon "Deutscher Bund". (Dessen formelle Hauptstadt ist übrigens Frankfurt am Main; dafür haben die großen jüdischen Bankhäuser gesorgt, die dort sitzen und es zur reichsten Stadt Deutschlands gemacht haben, vor allem die Rothschilds.) Leider läuft auch dort nicht alles so, wie es sollte, denn es stellt sich heraus, daß es mit der viel gepriesenen "Freiheit" nicht weit her ist - weder mit der politischen von den Franzosen, die seit drei Jahren besteht, noch mit der persönlichen, welche die nach Stein und Hardenberg benannten "Großen" Reformen vor acht Jahren endlich gebracht haben.

[Müller] [Rothschild] [Stein]
"Griechen"-Müller, Dichter               Rothschild, Bankier               Freiherr vom Stein, Reformer

Ja, liebe Leser, mit vielen "Endlichs" ist das so eine Sache: Man erhofft sich so viel davon, und wenn es dann eintrifft, treten die vielen Pferdefüße zutage, und zwar oft recht kräftig! In diesem Fall hatte sich der preußische Staat von der Bauern-"Befreiung" ein erhöhtes Steueraufkommen versprochen (die Kassen sind leer vom Krieg und von der Ausplünderung durch die Franzosen) - denn liegt es nicht nahe, daß jemand, der für sich selber arbeitet, das fleißiger tut als jemand, der von einem Grundherrn ausgebeutet wird? Leider sieht die Praxis ganz anders aus: Die Grundherren sind nun nicht mehr verpflichtet, ihre Bauern in einer Art christlich-patriarchalischem Fürsorge-Verhältnis durch zu füttern, wenn es mal nicht so läuft; "frei-setzen" kann auch bedeuten, überflüssige Esser auf die Straße zu setzen - und das tun sie denn auch, sobald ein Überangebot an Arbeitskräften besteht. Und die kleineren Bauern (schließlich sind sie nicht alle Großgrundbesitzer) können ohne ihre an die Scholle gebundenen Knechte ihre Höfe vielfach nicht mehr halten - zumal sie jetzt auch kräftig erhöhte Steuern zahlen sollen. (Es kommt noch niemand auf die hübsche Idee, diese Steuern in "Solidaritätszuschlag" umzubenennen, was ja viel besser klingt.) Sie machen nach wenigen Jahren Pleite und werden billig von den Großgrundbesitzern aufgekauft, die ihre Höfe noch vergrößern. (40.000 Höfe landen damals unter dem Hammer, dazu noch einmal 80.000 so genannte "nicht spannfähige Besitzstellen", also Klitschen, die im Familienbetrieb bewirtschaftet werden). Die solchermaßen "frei" gesetzten Bauern und ihre Angehörigen aber ziehen notgedrungen in die Städte ("Frei-Zügigkeit" nennt man das "Recht" dazu), vor allem in die schöne neue Hauptstadt Berlin, die nun schnell zur Großstadt heran anwächst. Dort vergrößern sie das damals schlagartig entstehende Proletariat der schon zuvor "frei" gesetzten Bauernknechte und der ebenfalls vom Zunftzwang "befreiten" Handwerker-Gesellen. (Man hat die Zünfte mit einem Federstreich zerschlagen - Gewerbe-"Freiheit" nennt man das.) Sie alle müssen sich nun zu Hungerlöhnen in den aufblühenden Manufakturen und Fabriken verdingen - und das mit dem "Hunger"-Lohn ist wörtlich zu nehmen. Denn als Folge der tollen Bauern-"Befreiung" sinkt die bewirtschaftete Anbaufläche allein in Preußen um ein Viertel, das Ernteaufkommen noch stärker, und am stärksten - um fast die Hälfte - die Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. (Damit sinkt natürlich auch das Steueraufkommen - der Schuß ist nach hinten los gegangen. [Einige Dummschwätzer, pardon Universitäts-Professoren für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, verbreiten heute das Märchen, jene "Mißernten" seien darauf zurück zu führen, daß 1815 am anderen Ende der Welt, auf dem fernen indonesischen Inselchen Sumbawa, der Vulkan Tambora ausgebrochen sei; aber laßt Euch keine Bullenscheiße auftischen, liebe Leser: Im Jahr des Ausbruchs mag die Ernte in Indonesien verdorben worden sein; aber dafür fiel sie in den folgenden Jahren Dank der fruchtbaren Vulkanasche umso üppiger aus - und auf die Kartoffeläcker in Mitteleuropa hatte das gleich gar keinen Einfluß.] Preußen muß daher seine erste Auslandsanleihe aufnehmen - der Bankier Rothschild verdient gut an ihrer Plazierung.) Das einzige, was steigt, ist die Inflationsrate, und während der nächsten Jahrzehnte kommt es in Deutschland regelmäßig zu Hungersnöten. Kaum eine "Befreiung" hat jemals so katastrofale Folgen gezeitigt wie diese bis heute als "soziale Wohltat" durch die Geschichts- und Märchen-Bücher spukende Narretei zweier weltfremder Frei-Herren. Willi Müller aber regt sich auf einer Reise durch die verarmten, pardon befreiten Lande des Deutschen Bundes so sehr auf, daß er mit noch nicht 33 Jahren einen Herzschlag erleidet und das Zeitliche segnet.

[Hungermedaille] [Hungermedaille] [Stein Medal]
Steins Verdienst: Inflation und Hungersnot - vier Generationen später wird er als großer Reformer gefeiert

Frühherbst 1873. Seit drei Jahren gibt es in Preußen (und in den meisten anderen deutschen Staaten) endlich wieder eine neue Freiheit: Die Gründungsfreiheit für (Kommandit-)Gesellschaften auf Aktien - endlich kann jeder seine eigene AG gründen, ist das nicht schön? Seit zwei Jahren hat Deutschland auch endlich wieder eine neue Hauptstadt - es ist die alte Hauptstadt Preußens, Berlin - und auch endlich wieder ein neues Reich, und einen Reichskanzler - es ist Otto, der alte Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes - und sogar einen neuen Kaiser - es ist Willi, der alte König von Preußen. Einige meinen sogar, daß Deutschland seit zwei Jahren endlich "wiedervereinigt" sei und übersehen dabei geflissentlich, daß Ottos neues Reich nicht nur die Herzlande des alten Reiches - die Ostmark, Böhmen und Mähren - abgenabelt hat, sondern daß es auch einige der treuesten Deutschen draußen im Regen stehen läßt, die erst zur Minderheit im eigenen Land werden und es dann bald ganz verlieren sollen - aber wer erinnert sich schon noch an den von einem Landsmann verratenen und von den alliierten Besatzern erschossenen Südtiroler Andreas Hofer? Dafür hat man jede Menge Franzosen, Dänen und Polen "heim ins Reich" geholt, die zwar von den Deutschen vielfach gar nichts wissen wollen, aber die werden sich das schon anders überlegen, wenn sie erst sehen, wieviel besser es ihnen in Deutschland geht, und wenigstens die deutsche Reichsmark lieben lernen, die es auch seit zwei Jahren gibt. Ja, die Währungsreform, pardon Währungsunion anläßlich der Wiedervereinigung hat Deutschland erstmal einen tollen Wirtschaftsboom verschafft, und die Milliarden-Reparationen aus dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich werden die Konjunktur und den Konsum noch weiter anheizen. "Gründerjahre" nennt man das - böse Zungen sprechen auch von "Gründungsfieber", aber der Ausdruck ist nicht so beliebt, er suggeriert ja, daß es sich dabei um eine Art Krankheit handelt...

[Berolina]

Aber woher denn? Es läuft doch alles ganz prächtig: In den letzten zwei Jahren sind allein über 100 neue Actien-Banken gegründet worden, fast ebenso viele Bau- und fast ebenso viele Bergwerks-Unternehmen, außerdem 25 Eisenbahn-Gesellschaften, insgesamt fast 1.000 Actien-Gesellschaften - ein neuer Markt ist entstanden. Breite Schichten des Volkes werden zu blinden Aktionisten, pardon wohlhabenden Actionnairen, selbst solche, die eigentlich gar nichts davon verstehen: Man braucht ja bloß ein beliebiges "Wertpapier" zu kaufen und dann abzuwarten, bis die Kurse steigen, und die steigen scheinbar unaufhaltsam. (Bald wird sogar eine deutsche Zentralbank gegründet werden, die man "Reichsbank" nennt - das kann ja nur ein voller Erfolg werden.) In Wien sind zwar schon im Frühjahr die Börsenkurse zusammen gebrochen, aber wen scherts - das gehört ja nun nicht mehr zum Deutschen Reich. Gewiß, seit Anfang September sinken auch in Frankfurt und Berlin die Actien-Kurse, aber die werden sich bestimmt bald wieder erholen. Tun sie aber nicht - im Gegenteil: Auch jenseits des Atlantiks, in den Wiedervereinigten Staaten von Nordamerika (ja, auch die haben - nur sechs Jahre vor den Deutschen - eine "Wiedervereinigung" gefeiert, nach vier Jahren Bürgerkrieg, gegen den der Krieg von 1866 zwischen Preußen und Österreich gar nichts war) bricht eine schwere Wirtschaftskrise aus. Die Kurse sinken weiter bis 1879, und dann bleiben sie fast zwei Jahrzehnte auf ihren Tiefstständen. "Große Depression" nennt man das; breite Schichten der Bevölkerung verarmen. Es ist die größte Geldvernichtung in Friedenszeiten, die es bis dahin in der Geschichte gegeben hat. Die Arbeiter geben den bösen Unternehmern die Schuld und laufen in Scharen der marxistischen SPD in die Arme; die Bürger geben den jüdischen Kapitalisten die Schuld und werden zu Antisemiten - die Rothschilds in Frankfurt und die Bleichröders in Hamburg können ihnen fortan gestohlen bleiben, zumal es ja jetzt endlich brave, arische Banken gibt, vor allem die Deutsche Bank in Berlin und die Dresdner Bank dortselbst. (Daß das zugleich auch die Banken sind, welche die "Wert"-Papier-Emissionen der meisten maroden, inzwischen Pleite gegangenen Schwindel-Firmen am neuen Markt durchgeführt haben, ist der Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit entgangen.) Dikigoros erspart sich Ausführungen über die nächsten Jahrzehnte, denn Berlin bleibt allen Umwälzungen zum Trotz fürs erste Hauptstadt des Deutschen Reiches.

[Berlin 1933]    [Berlin 1945]
Wie wenig sich die Bilder gleichen: Hauptstadt Berlin Januar 1933 (Brandenburger Tor) - Hauptstadt Berlin Mai 1945 (Reichstag)

Frühherbst 1949. Die Deutschen suchen mal wieder eine neue Hauptstadt. Ihre alten Hauptstädte Berlin und Wien (und Königsberg) sind von alliierten Bombenangriffen vollständig zerstört und zwischen den Besatzern als Kriegsbeute aufgeteilt worden. Die haben das "Deutsche Reich" für aufgelöst erklärt und die Gründung von deutschen Teilstaaten veranlaßt. Kaum eine "Befreiung" hat jemals so katastrofale Ergebnisse gezeitigt wie diese bis heute als "politische Wohltat" durch die Geschichts- und Märchen-Bücher spukende Narretei zweier fremder Weltmächte. Die Mitteldeutschen bekommen für ihre "Deutsche Demokratische Republik" von den Sowjets großzügig die Osthälfte des angeblich aus Ruinen auferstandenen und der Zukunft zugewandten, in Wirklichhkeit aber von nun an immer weiter verfallenden Berlins als Hauptstadt zugewiesen; die Ostmärker bekommen Wien zurück und dürfen eine neutrale "Republik Österreich" gründen (und die Bayern einen "Freistaat", dem auch Franken und Teile Schwabens zugeschlagen werden; aber der wird weder neutral noch selbständig, sondern muß sich zum großen Leidwesen seiner Bewohner dann doch der BRD anschließen); die Westdeutschen aber müssen sich für ihre "Bundesrepublik Deutschland" nach etwas anderem umsehen. Der neue "Bundes"-Kanzler, ein schon etwas älteres Semester (aber die meisten der "jüngeren" deutschen Männer, d.h. die unter 65, sind entweder gefallen oder in alliierter Gefangenschaft - aus der die meisten auch nicht mehr lebend zurück kehren werden), hat als ehemaliger Oberbürgermeister von Köln seinen Wohnsitz in Rhöndorf bei Bonn am Rhein genommen, weil dort das Wasser so gut ist. Adenauer ist nämlich ein leidenschaftlicher Kaffee-Trinker, und das Wasser von Frankfurt am Main, dem Favoriten für das Rennen um den Hauptstadt-Titel (mehr als ein Titel ist es nicht, denn die Westdeutschen werden künftig von Washington aus regiert, so wie die Mitteldeutschen von Moskau aus), ist greulich, das kann Dikigoros aus eigener leidvoller Erfahrung nur bestätigen (aber das ist eine andere Geschichte). Das Trinkwasser für Rhöndorf kommt dagegen nicht aus dem Rhein (der auch zunehmend verschmutzt, seit die Franzosen ihre Abwässer verstärkt dort hinein leiten), sondern von der nahe gelegenen Wahnbach-Talsperre hinter Siegburg. Die versorgt auch Bonn. Und ein Vorwand, das kleine Universitäts-Städtchen zur "Bundeshauptstadt" zu machen, ist schnell gefunden: Frankfurt ist zerbombt, dort steht kaum noch ein Stein auf dem anderen. (Und es gibt auch keine jüdischen Bankiers mehr, die mit ein wenig Schmiergeld "nachhelfen" könnten.) Bonn auch, aber da gibt es noch ein halbwegs intaktes größeres Gebäude, das Museum König, da kann das Parlament erstmal tagen, bis das ehemalige Wasserwerk umgebaut ist. Mit dieser offiziellen Begründung wird Bonn am Rhein also "provisorische" Hauptstadt (böse Zungen sagen auch "Hauptdorf" - in den Rheinauen weiden noch die Schaf-Herden, und dort, wo heute eine Autobahn-Brücke den Rhein überspannt, wachsen wilde Tomaten-Felder) der Westdeutschen und bleibt es für die nächsten vier Jahrzehnte. Es sind Dekaden, in denen es - zumindest im Westen - stetig bergauf geht, so daß Dikigoros für sie das echte Symbol der Freiheitskämpfer im 19. Jahrhundert ausgesucht hat, die Flagge mit den aufsteigenden Farben: aus der schwarzen Vergangenheit über die blutige Gegenwart in die goldene Zukunft. (Die Vollidioten von 1919 stellten sie auf den Kopf, und die Polit-Deppen von heute haben es natürlich auch nicht bemerkt und nie korrigiert - vielleicht weil sie uns aus einer goldenen Vergangenheit in eine schwarze Zukunft führen wollen?)

[altes Bonner Rathaus]

*****

[Bus]

Frühherbst 1989. "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!" grölt es durch den Bus, der vorschriftsmäßig langsam auf der Interzonen-Autobahn gen Osten rollt. Nein, es sind nicht die Fans irgendeiner Fußball-Mannschaft, die zum DFB-Pokalfinale fahren, sondern nur die Mitarbeiter eines Verbandes auf Jahresausflug. Der geht wie immer nach Berlin, denn dort wurde der Verband irgendwann in grauer Vorzeit mal gegründet, als es noch Reichshauptstadt war und als noch nicht mal Herr Leutselig, der dienstälteste Abteilungsleiter (der zufällig Berliner ist), geboren war, so lange ist das her. In der Satzung steht zwar noch irgendwo der Satz: "Sitz des Verbandes ist Berlin; bis Deutschland in Frieden und Freiheit wiedervereinigt ist, ist der Sitz vorübergehend Bonn." Als das geschrieben wurde, haben sie die kleine Universitäts-Stadt am Rhein noch belächelt und Witze über das "Bundeshauptdorf" gerissen. Aber die Zeiten sind längst vorbei; und diese längst überholte Floskel wird sicher bei der nächsten Satzungsänderung gestrichen, denkt Herr Schalk, der Verbands-Geschäftsführer, ein frühpensionierter Bundeswehr-Offizier, der sich mit Herrn Leutselig nicht so gut versteht, denn der verfährt stets nach dem Motto: "Solange ich hier das höchste Gehalt habe, ist mir egal, welcher junge Spund unter mir Geschäftsführer ist." Er hat sie alle überlebt, drei sind allein in den letzten fünf Jahren über seine Intrigen gestürzt. Die Stimmung ist gut, denn der Verband hat sich spendabel gezeigt. Er hat nämlich gerade seine alten Liegenschaften in Ost-Berlin zu Geld gemacht, "sie für'n Appel und'n Ei an die DDR verschachert," wie Herr Adler, das Faktotum des Verbands, das griesgrämig nennt; aber der Vorstand hatte es einfach satt, diese Klötze am Bein weiter mit sich herum zu schleppen; schließlich sagt einem schon der gesunde Menschen-Verstand (und erst recht natürlich der politische Fach-Verstand, der sich in diesem erlauchten Gremium über die Jahrzehnte so angesammelt hat), daß es mit der Wiedervereinigung auf absehbare Zeit nichts mehr wird, also weg mit Schaden... Die Wanderung geht durch den Grunewald, allen voran die immer gut aufgelegte Leiterin des Schreib-Pools, Frau Müller, und die Gruppe singt aus voller Kehle: "Das Wandern ist des Müllers Lust".

[Mauerfall]

Ein paar Wochen später fällt zur Überraschung aller die Mauer. (Nein, liebe Leser, niemand sagt: "endlich" - im Westen hatte man Den Dummen Rest von Deutschland längst abgeschrieben, Dikigoros will hier keine falsche Parallele ziehen!) Endlich gibt es wieder eine neue Freiheit: die Reisefreiheit - endlich kann jeder in Ost und West so oft nach Mallorca zum Ballermann jetten und sich besaufen wie er will, ist das nicht schön? Noch ein Jahr später meinen einige sogar, daß Deutschland nun endlich "wiedervereinigt" sei und übersehen dabei geflissentlich, daß ihre neue Republik nicht nur... aber lassen wir das, der geneigte Leser wird die Parallele sicher auch alleine ziehen können, ohne daß Dikigoros den obigen Absatz nochmal parafrasiert. Viele Mitteldeutsche, pardon "Ostdeutsche" heißen die ja jetzt offiziell (damit ja niemand mehr daran erinnert wird, daß es auch einmal echte Ostdeutsche gab, irgendwo zwischen Königsberg und Breslau, pardon Kaliningrad und Wroczlaw), in inoffizieller Abkürzung auch einfach "Ossis", wollen zwar von den Westdeutschen, den "Wessis", gar nichts wissen, aber die werden sich das schon anders überlegen, wenn sie erst sehen, wieviel besser es ihnen in Groß-Wessiland, pardon der Bundesrepublik Deutschland geht, und wenigstens die deutsche Weichmark lieben lernen (eine Kreuzung aus der harten DM und dem Alu-Chip der DDR), die es inzwischen auch gibt, und natürlich Bananen für alle, auch für die Ossis, denen "BRD" bald für "Bananenrepublik Deutschland" steht.

[Flagge der Bananenrepublik Deutschland, geschwungen vom deutschen Michel]

Natürlich bekommt das wiedervereinigte Deutschland auch eine neue Hauptstadt - es ist Berlin, die alte Hauptstadt der DDR. ("Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!", lallt ihr Ex-Bürgermeister mit schwerer Zunge.) In Bonn geht man freilich davon aus, daß sich Berlin mit dem hohlen Titel "Bundeshauptstadt" wird begnügen müssen, während der Regierungssitz selbstverständlich bleibt, wo er ist. Jedenfalls die wichtigsten Ministerien, oder wenigstens zum Teil - oder etwa auch nicht? Vor dem alten Bonner Rathaus finden jede Woche Demonstrationen statt gegen den Umzug nach Berlin ("Umzug ist Unfug" steht auf den Plakaten und Transparenten geschrieben); anfangs haben sie großen Zulauf, dann wird das Wetter schlechter, die Teilnehmer bleiben aus, und schließlich schläft die Sache ganz ein. Aber man lebt doch auf der Schwelle zum nächsten Jahrtausend, die Telekommunikation macht Riesen-Fortschritte - Fax, Email und bald auch Glotzofon gehören zu jeder ordentlichen Büro-Ausstattung -, da braucht man doch nicht mit den Politikern in derselben Kneipe zu hocken und Bier zu trinken, um Lobby-Arbeit zu betreiben, oder? Herr Schalk hat jedenfalls in der Nähe von Bonn gebaut, und um nicht zurück zu stehen, kauft auch Herr Leutselig demonstrativ ein Haus vor Ort. Zwar beschließt der Vorstand, sich um die Rückübereignung der kurz vor Toreschluß verschleuderten Immobilien in Ostberlin zu bemühen; aber diese Aufgabe wird bewußt Herrn Adler übertragen, der bei der Fernseh-Übertragung von der Maueröffnung vor Aufregung einen Schlaganfall erlitten hat; da ruht das Verfahren in guten Händen...

[Wir zeigen Flagge: Danke Helmut!]

1992. Der Verband feiert ein rundes Jubiläum - natürlich wieder in Berlin. Der Vorstand läßt sich (bzw. die Verbandskasse) diese Feiern eine sechsstellige Summe kosten. Einige alte Mitglieder bemerken leicht säuerlich, daß diese Großzügigkeit schlecht zu der vor einem Jahr erfolgten Anhebung der Mitglieds-Beiträge passe. Das Finanzamt hat schon mal Ärger gemacht wegen der Gemeinnützigkeit; und sicher fragt sich da jetzt wieder jemand, woher das Geld kommt und ob solche Feiern wohl zu den satzungsgemäßen Aufgaben gehören. "Na klar," meint der Präsident, "wir müssen hier doch Flagge zeigen, in Deutschlands neuer Hauptstadt." Ob er damit die notorische Fahne meint, die seinem Mund entströmt, wenn er zu so schönen Reden ansetzt? Einigen im Verband scheint das nicht mehr zu gefallen; sie nötigen ihn zum Rücktritt. Sein Nachfolger läßt als erstes einen Kassensturz machen und beschließt eine erneute Anhebung der Mitglieds-Beiträge. Zweimal in zwei Jahren - das hat es noch nie gegeben. Aber wenn man wirklich nach Berlin umziehen und dort groß bauen will, ist das notwendig, denn Zuschüsse von Bund und Ländern gibt es schon lange nicht mehr - der Verband zählt zu jenen Einrichtungen, die politisch nicht mehr opportun sind, obwohl er fein ausgewogen und zweifellos neutral zwischen den großen Parteien hin und her laviert. Aber muß man denn wirklich nach Berlin ziehen? Herr Adler soll einen Zwischenbericht zum Stand der Dinge vorlegen; aber der liegt gerade mal wieder im Krankenhaus. In einem kleinen Ortsverband - und vielleicht nicht nur in diesem - ziehen die Mitglieder (d.h. diejenigen, die noch nicht verstorben oder ausgetreten sind) einstimmig die Konsequenzen: Sie hauen die Vereinskasse auf den Kopf, nach dem Motto: Wenn die da oben so viel Geld verprassen mit Fressen und Saufen, dann können wir das auch tun. Wozu sparen, nachher beschließen die noch, daß wir alle Überschüsse an den Bundesverband abführen müssen oder als Sonderopfer für Berlin... Das ist ein böses Wort. Die Sondersteuer, die der Bund unter dem Vorwand der Kosten für die Wiedervereinigung einführt, wird beschönigend als "Solidaritätszuschlag" bezeichnet; aber die Älteren wissen noch, was das "Notopfer Berlin" in den 1950er Jahren bedeutete. Damals war kalter Krieg (und der heiße war noch nicht so lange vorbei), da verstand man das - aber jetzt?

[Wappenschild der Groß-BRD mit allen neuen Bundesländern]

Niemand will gerne den Gürtel enger schnallen, wenn es ihm gut geht. Und jetzt geht es doch allen gut in Deutschland, oder? Hat der Kanzler nicht gesagt, daß es nach der Wiedervereinigung allen besser gehen wird? "Blühende Landschaften" hat er versprochen, und es sieht doch ganz danach aus, als sollte er Recht behalten. Die Währungsreform, pardon Währungsunion hat Deutschland erstmal einen tollen Wirtschaftsboom verschafft; die Billionen Transfer-Gelder, die die Westdeutschen in die "neuen Bundesländer" schaufeln, heizen die Konjunktur und den Konsum (die Ossis haben einen ungeheuren Nachholbedarf) weiter an; und dazu werden noch die Erlöse aus der Privatisierung einiger unrentabler Staatsfirmen durch die Treuhand kommen. Außerdem sind in den letzten zwei Jahren fast 10.000 neue Aktiengesellschaften gegründet worden - ein neuer Markt ist entstanden. Man nennt ihn bald ganz offiziell so, weil die alten, altmodischen Vorschriften über den Börsengang unterkapitalisierter Gesellschaften großzügig gelockert worden sind - man will ja schließlich die Privatinitiative förden, da darf man die unternehmerische Freiheit nicht beschneiden! Schließlich sind in der Ex-DDR ein paar Millionen Arbeitsplätze weg gefallen, und wie sollen sich die Betroffenen selbständig machen (wie man es ihnen wärmstens empfohlen hat), wenn nicht auf Pump? Breite Schichten des Volkes werden zu blinden Aktionisten, pardon wohlhabenden Aktionären, selbst solche, die eigentlich gar nichts davon verstehen: Man braucht ja bloß ein beliebiges "Wertpapier" zu kaufen und dann abzuwarten, bis die Kurse steigen, und die steigen scheinbar unaufhaltsam. (Bald soll sogar eine europäische Zentralbank gegründet werden - das kann ja nur ein voller Erfolg werden.)

[Leutselig]

Spätsommer 1995. "Frau Müller zum Diktat!" brüllt Herr Leutselig, daß man es noch ein Stockwerk drunter und drüber hört. Er hat nie gelernt, mit einem Diktafon umzugehen, und das Haustelefon ist ihm eh suspekt. "Frau Müller hat Urlaub," bemerkt Frau Kohlrabe süß-sauer, "muß ja auch mal sein." Sie hat einst als Sachbearbeiterin bei Herrn Leutselig angefangen, da mußte sie noch selber schreiben; aber jetzt ist sie Referentin und von solch niederen Arbeiten freigestellt; sie empfindet für ihren alten Chef weniger Mitleid als Schadenfreude. Der Verband ist einer jener so genannten "Tendenzbetriebe" (wie Gewerkschaften und Kirchen), die zwar immer lauthals schreien, wenn es um die angeblich so schlechten Arbeitsbedingungen bei anderen Arbeitgebern geht, die sich aber selber durch lange Arbeitszeiten, niedriges Gehalt und schlechtes Betriebsklima auszeichnen. Aber es ist ein sehr erfolgreicher Verband, stark an Einfluß und Mitgliedern - seit der Wiedervereinigung ist in den neuen Bundesländern noch ein ordentlicher Schub hinzu gekommen; der Verband hat keine Kosten und Mühen gescheut, um fünf neue Landesverbände aus dem Boden zu stampfen. Da kann man mit dem guten Gefühl arbeiten, "etwas zu bewegen". Und Leutselig hat diese Arbeit seit Jahrzehnten maßgeblich mit geprägt. "Diese verdammten Tippsen," schimpft er lautstark, "na, die werden eh alle gekündigt, wenn wir nach Berlin gehen; da laufen genug arbeitslose Sekretärinnen von der alten DDR-Regierung herum, die kosten nur die Hälfte." Nun ist es raus, und bis zum nächsten Morgen weiß es das ganze Haus.

Natürlich ist niemand gegen den Umzug des Verbandes nach Berlin, vielmehr gibt sich jeder nach außen hoch erfreut; nur man selber hat irgendwelche zwingenden Gründe, weshalb man leider nicht mit kommen kann. Schließlich wollen die Bundes-Ministerien nur teilweise nach Berlin umziehen, da kann man doch auch selber einen Teil der Abteilungen in Bonn belassen, zum Beispiel die eigene... Frau Zeisig, die Leiterin der Auslands-Abteilung, die auch schon auf die 60 zugeht, hat extra ein Häuschen in der Nachbarschaft des Verbandes gekauft und wohnt dort mit ihrer pflegebedürftigen alten Mutter. Sie läßt sich sofort zusichern, daß die Auslands-Abteilung in Bonn bleibt, bis sie in Rente geht. Frau Essig, die Leiterin der Finanz-Abteilung, beruft einen Kriegsrat ein. Sie regiert ihre Abteilung mit eiserner Hand: Da kommt niemand später und geht niemand früher als sie; die Abteilung marschiert auch geschlossen zum Essens-Empfang, alle nehmen stets das gleiche Menü, und selbst zur Karnevals-Feier erscheinen alle in der gleichen Verkleidung und trinken gleich viel - oder gleich wenig - Sekt. So gehört sich das. Ergebnis des Kriegsrats: Aus zwingenden finanziellen Gründen wäre es nicht zu verantworten, wenn die Finanz-Abteilung mit nach Berlin umzöge. Die muß bis zuletzt in Bonn bleiben. Der einzige, der gerne mit nach Berlin gehen würde, ist Baron von Bohne, Leiter des Personal-Referats und passionierter Reiter, der aus dem Ostelbischen stammt; aber der geht bald in Rente, den "mit zu schleppen" lohnt sich nicht mehr, meint der Vorstand.

Frau Dikigoros spitzt die Ohren, als ihr der alte Tierfreund das erzählt. Sie ist gelernte Lehrerin, empfindet es aber als angenehmer, Referatsleiterin im Verband zu sein und Redakteurin des Blättchens, das er herausgibt, als sich mit schreienden Blagen an der Schule herum zu ärgern. Obwohl sie wie Leutselig aus Berlin stammt, verspürt auch sie wenig Lust, umzuziehen, zu den Ossis oder ihren "Landsleuten", wie ihr Mann die in letzter Zeit mit auffallend spöttischem Unterton nennt, und zu den Polen, Russen und anderen Mafiosi, die Berlin inzwischen massiv unterwandert haben. Ihre Schwägerin hat Berlin gerade fluchtartig den Rücken gekehrt. Ihr Mann, der zufällig Anwalt und auf Immobilienrecht spezialisiert ist, beruhigt sie: "Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird," meint er, "die können noch gar nicht umziehen. Selbst wenn sie die Ostberliner Immobilien zurück bekommen, sind die bis auf eine Ausnahme alle mit Sozialhilfe-Empfängern belegt und können nicht geräumt werden; und für das einzige unbebaute Grundstück liegt noch gar kein Flächennutzungsplan vor, geschweige denn ein Bebauungsplan, und dann kommen da noch die Widersprüche der Nachbarn und anderer Neider, mit aufschiebender Wirkung; bevor da der erste Spatenstich getan ist, fließt noch viel Wasser den Rhein und die Spree 'runter; und ob der Verband dann genug Geld hat, um da ein gleichwertiges Gebäude zu errichten, möchte ich noch sehen; für das alte Gebäude in Bonn werden sie kaum noch etwas bekommen; die Preise für solche Objekte verfallen immer mehr, weil nun plötzlich alle Verbände nach Berlin gehen, und die ausländischen Botschaften noch obendrein."

[Exkurs: Dikigoros soll Recht behalten: Im Jahre 2003 wird der ehemalige Bonner Verbandssitz für eine lächerliche Summe unter den Hammer kommen: weniger als 500 Teuro/m² - so weit sind die Immobilienpreise unter "normalen" Umständen denn doch noch nicht verfallen. Aber was ist schon noch normal im ehemaligen Bundeshauptdorf? Den Zuschlag wird der Strohmann eines korrupten Vorstandsmitglieds erhalten, der schon lange scharf auf den Kasten war und alles unternommen hat, um keine lästigen Mitbieter zu haben: Wiewohl in einem Bonner Nobelviertel gelegen, wird das Objekt von dem Berliner (!) Auktionator unter einem anderen Stadtnamen (dem des schon vor drei Jahrzehnten eingemeindeten Ortsteils) und sogar unter einem anderen Bundesland (Rheinland-Pfalz statt Nordrhein-Westfalen) im Auktionskatalog geführt; kein Wunder, daß es dort von ernsthaften Interessenten nicht rechtzeitig gefunden wird, denn die Auktion findet mit nur zweiwöchiger Vorankündigung statt. Exkurs Ende.]

Frau Dikigoros sucht Frau Essig auf, um just darüber mit ihr zu sprechen. "Steht es denn wirklich so schlimm um uns?" - "Um wen? Sie? Sie und mich? Den Verband? Das Vaterland?" - "Na ja, überhaupt, wir leben ja nicht im luftleeren Raum." - "Nein, aber bei Ihnen habe ich manchmal den Eindruck, daß Sie im Wolkenkuckucksheim leben. Glauben Sie eigentlich wirklich, was Sie in Ihrem, äh... unserem Käseblatt daher schreiben? Ich nenne das immer Tante Erikas Märchen-Stunde." - "Wie meinen Sie?" - "Na, die drei großen, politisch gewollten Lügen: Die Wiedervereinigung war ein voller Erfolg, die europäische Integration ist ein voller Erfolg, und die multikulturelle Gesellschaft wird ein voller Erfolg, das schreiben Sie doch jede Woche wieder. In Wirklichkeit hat die Wiedervereinigung uns wirtschaftlich fast das Genick gebrochen, die Erweiterung der EU tut es gerade, und der ungehemmte Zustrom von Ausländern, die weder integrationswillig noch -fähig sind, wird uns den Todesstoß versetzen." - "Nun übertreiben Sie aber. Unserem Verband hat die Wiedervereinigung einen großen Auftrieb verschafft, und unserem europäischen Dachverband..." - "Aber Kindchen, was reden Sie denn da? Die Wiedervereinigung ist gescheitert, und wir sind eines der besten Beispiele dafür, auch wenn das aus politischen Gründen nicht breit getreten werden darf. Alle, ich wiederhole alle Mitglieder, die wir nach 1990 in den neuen Bundesländern gewonnen haben, sind inzwischen wieder ausgetreten; finanziell war der Aufbau der neuen Landesverbände ein Aderlaß, wie Sie ihn sich gar nicht vorstellen können. Am besten wir würden unsere Läden dort wieder dicht machen; aber auf mich hört ja niemand." - "Aber wer sollte denn ein politisches Interesse daran haben, uns etwas vorzumachen, was nicht wahr ist?" - "Seien Sie doch nicht naiv. Es gibt noch immer Interessen-Verbände, die mehr Einfluß haben als wir. Wir vertreten doch letztlich nur Wahlvieh. Wir können nicht wie die Lobbyisten der Großindustrie mal eben ein paar Millionen locker machen, um korrupte Politiker zu schmieren. Wir sind bloß ein Papiertiger." - "Welches Interesse sollte denn die Industrie daran haben, Wiedervereinigung, EU und Einwanderung schön zu reden?" - "Nun, dafür gibt es verschiedene Gründe. Für die meisten Produzenten war die Wiedervereinigung ein Geschäft, denn die Ex-DDR ist ein riesiger Absatzmarkt, von wo nichts Gleichwertiges zurück kommt, also keine Konkurrenz. Die EU halten einige für den notwendigen Rahmen des nächsten großen Absatzmarktes; dabei war unser Export in die jetzigen EU-Länder vor Gründung der EWG prozentual sogar höher als heute. Und die Zuwanderung von Ausländern sehen die Konzerne nur unter dem Aspekt der billigen Arbeitskräfte. Die Kosten der Schein-Asylanten, die nicht arbeiten, sondern nur die Hand aufhalten, dürften eigentlich gar nicht dagegen gerechnet werden, aber irgendwer in der Regierung tut es und bekommt unter dem Strich immer noch knapp schwarze Zahlen heraus, weil er die sozialen Kosten nicht mit rechnet, zum Beispiel die der Strafverfolgung von kriminellen Ausländern. Deshalb haben die das ja auch aus der Statistik genommen. Und am schlimmsten ist es in Berlin, wo ja jetzt alle unbedingt hin wollen. Na dann, viel Spaß... Schauen Sie mich nicht so entgeistert an und erzählen Sie es nicht gleich überall weiter, sonst werde ich hier noch 'raus geworfen bevor ich selber kündige. Ich finde jederzeit woanders eine adäquate Stelle; schließlich habe ich etwas gelernt, im Gegensatz zu diesen... Sozialwissenschaftlern."

[Birne weg]

Herbst 1998. Die Regierung wird endlich (wieder mal!) gestürzt, pardon abgewählt. Die Wähler in Ost und West haben die Geduld verloren mit dem Kanzler, der ihnen einst "blühende Landschaften" versprochen hatte; bisher haben die Wessis nur ein Billionengrab ihrer Transfergelder gesehen, und die Ossis haben nichts davon gemerkt, daß die irgendwo angekommen, geschweige denn sinnvoll verwendet worden wären. Die "Treuhand" war, wie sich nun herausstellt, eine Untreuhand, Korruptionsskandale erschüttern die Republik, eine Pleitewelle unvorstellbaren Ausmaßes schlägt über den Köpfen (und Ärschen) der Gründerjahre zusammen. Es ist nicht alles gelaufen, wie es eigentlich sollte, und mit der viel gepriesenen "Freiheit" ist es nicht weit her - weder mit der politischen noch mit der wirtschaftlichen. Muß Dikigoros die Parallelen zur Zeit nach der Gründung des ersten Deutschen Bundes, pardon Reiches, hier noch weiter nachzeichnen? Die Leser, die es interessiert, kennen die Zahlen wohl ebenso gut wie er... Beschränken wir uns auf das traurige Fazit: Die "Wieder"-Vereinigung hat Deutschland ruiniert (auch wenn das einige noch nicht bemerkt haben); in der Wohlstands-Statistik der Europäischen Union ist es in weniger als einem Jahrzehnt vom ersten auf den letzten Platz zurück gefallen. Das einzige, was steigt, sind die Arbeitslosenzahlen und die Inflationsrate - gerade daß es nicht zu Hungersnöten kommt. Kaum eine "Befreiung" hat jemals so katastrofale Folgen gezeitigt wie die bis heute als "politische Wohltat" durch die Geschichts- und Märchen-Bücher spukende Narretei der Zusammenverstaatlichung zweier einander fremder Völker durch ein paar weltfremde Politiker. (Die Privaten ziehen nicht nach: Ossis und Wessis kreuzen sich nicht - die Heiratsrate zwischen Westdeutschen und Thailänderinnen ist höher als selbst die zwischen Ost- und Westberlinern. Es wächst halt nicht zusammen, was nicht zusammen gehört!) Herr Adler aber regt sich auf einer Reise durch die verarmten, pardon befreiten neuen Bundesländer so sehr auf, daß er einen weiteren Schlaganfall erleidet und bald das Zeitliche segnen wird.

[Köter]

Frühsommer 1999. Herr Leutselig hat endlich den alten Vorstand gestürzt, pardon, abwählen lassen, und der neue Vorstand betreibt nun endlich den Umzug nach Berlin mit allen Mitteln, koste es was es wolle. "Was hat er sich bloß dabei gedacht?" fragt Frau Dikigoros ihre Kollegin, Frau Kohlrabe, "ich dachte, der wollte auf keinen Fall nach Berlin?" - "Ja, wußten Sie das denn nicht? Der hat sich doch mit seinem Nachbarn verkracht, weil sein Hund dessen Katze gebissen hat oder umgekehrt; dann haben sie sich gegenseitig die Haustüren mit Hunde-Scheiße beworfen; seine Frau ist hysterisch geworden und aus dem Fenster gesprungen, und jetzt will er nur noch weg." So entscheidet also Hunde-Scheiße über die Zukunft unseres Verbandes, denkt Frau Dikigoros bitter und läßt sich von Herrn Adler, der einen seiner letzten lichten Tage hat, über den Stand der Dinge unterrichten: Der Verband hat endlich das unbebaute Grundstück in Berlin - ein Filet-Grundstück direkt im neuen Regierungs-Viertel - zurück bekommen, unter der Maßgabe, daß dort sofort gebaut wird und daß zur Wahrung des internationalen Gesichts auch die Auslands-Abteilung des Verbandes als erste mit hinzieht. "Da wird sich Frau Zeisig aber freuen." - "Nicht nur die. Wissen Sie, wer noch gekündigt hat, als sie das erfahren hat? Frau Bellheim." Das ist die junge Nachfolgerin des Barons von Bohne, gerade erst ein halbes Jahr dabei. "Der Vorstand sucht händeringend einen neuen Personal-Referenten." - "Referenten?" - "Ja, das Referat wird abgewertet und der EDV-Abteilung unterstellt. Die macht ja sowieso schon die Mitglieder-Verwaltung. Unser neues Gebäude in Berlin wird kleiner sein als unser altes in Bonn, da müssen wir Platz sparen und Geld." - "Wer finanziert denn überhaupt diesen Wahnsinn? Haben wir noch irgendwo einen Reptilienfond?" - "Im Vertrauen, es finden bereits auf höchster Ebene Fusions-Gespräche mit einem anderen Verband statt. Wenn wir zusammen legen und dabei gewisse Synergie-Effekte erzielen, könnten wir den Neubau finanzieren." - "Synergie-Effekte, soll das heißen, die Belegschaft wird halbiert, und die nicht gestrichenen Stellen werden herab gestuft?" - "Richtig." - "Betrifft das auch mich?" - "Nicht, daß ich wüßte." Aber Frau Dikigoros traut dem Braten nicht. Sie bespricht die Sache erst mit ihrem Mann, und dann mit Frau Essig. Die reagiert eiskalt, läßt ihrem Kollegen von der Finanz-Abteilung des anderen fusionswilligen Verbands diskret ein paar Informationen zukommen, und einige Wochen später platzt die Fusion: Der Verband steht kurz vor der Pleite (ob das stimmt oder nicht, kann niemand nachprüfen, denn die tatsächlichen Vermögens-Verhältnisse kennt nur Frau Essig selber), wer will schon mit sowas zusammen legen... Insgeheim geht ein tiefes Aufatmen durch den Verband, und in Berlin ist immer noch kein Spatenstich getan.

[Büroalltag]

Sommer 2000. Frau Dikigoros kehrt aus dem Urlaub zurück zur Arbeit und wundert sich, daß ihre Kolleginnen und Kollegen offenbar noch alle in den Ferien sind. Bis auf Herrn Krümpel, den Nachfolger von Frau Bellheim, der fast so alt ist wie Baron von Bohne, und das nur noch macht, um seine Rente aufzubessern. "Wo stecken denn Frau Müller und ihre Mädchen vom Schreibpool?" - "Frau Müller hat gekündigt und ist wieder zur Bank gegangen; Frau Kern hat Erziehungsurlaub genommen, und Frau Kraft hat sich krank schreiben lassen. Ich höre übrigens auch Ende des Jahres auf, darf ich Ihnen hier den Fragebogen überreichen?" Fragebogen? Tatsächlich. Da wird knallhart formuliert: "Ich erkläre mich verbindlich bereit, zum 1.1. nächsten Jahres mit nach Berlin zu gehen. Kreuzen Sie ja oder nein an." - "Das ist doch gar nicht zulässig," meint Dikigoros, als ihm seine Frau den Wisch zeigt. "Wenn die eine Änderungs-Kündigung aussprechen wollen, können sie das ja tun; aber so geht's nicht." Der Fragebogen wird zurück gezogen und ein neuer, etwas vorsichtiger formulierter, ausgeteilt; allen, die mit nach Berlin gehen, wird großzügig die Erstattung der Umzugskosten zugesichert. - "Das ist doch eine Selbstverständlichkeit," meint Dikigoros nur, "was sagt denn euer Betriebsrat dazu?" Aber der Betriebsrat existiert praktisch nicht mehr. Der letzte Jurist (außer Leutselig) hat soeben gekündigt und sich als Vermögensberater selbständig gemacht. Am nächsten Tag erhält Frau Dikigoros Besuch von ihrem Kollegen vom Jugend-Referat: "Da ist was im Busch. Dein Referat soll aufgelöst und du als Referentin Leutselig unterstellt werden. Wenn du ablehnst, steht deine Nachfolgerin schon bereit; sie soll vom Landesverband weg gelobt werden." Frau Dikigoros ruft Frau Barthe an, das für sie zuständige Vorstands-Mitglied. (Auch die ist neu, ihre beiden Vorgängerinnen - auch diese Posten sind "zusammen gelegt" worden - sind beim Sturz des letzten Vorstands mit weg gefegt worden.) Die weiß angeblich von nichts. "Der würde ich nicht über den Weg trauen," meint Dikigoros. "Die wird mich doch nicht belügen, wir sind sogar per Du."

Aber am Ende der Woche packt ausgerechnet Leutselig aus - er hat erfahren, wer die Nachfolgerin von Frau Dikigoros werden soll: seine Intimfeindin, Frau Huhn, vom größten und reichste Landesverband, der schon wiederholt damit gedroht hat, aus dem Bundesverband auszutreten und sich selbständig zu machen, wenn seine Personal-Vorstellungen nicht durchgesetzt werden. Als Frau Huhn erfahren hat, daß sie kein eigenes Referat übernehmen, sondern unter Leutselig arbeiten soll, hat sie ihre Bewerbung prompt zurück gezogen. "Wer hat denn das bloß alles angezettelt?" fragt Frau Dikigoros - der das Talent zum Intrigieren abgeht - mehr oder weniger fassungslos. "Das war Frau Barthes Idee, ich habe nichts damit zu tun, ehrlich." Leutselig ist jetzt ziemlich kleinlaut, zumal er praktisch lahm gelegt ist - soeben hat nämlich die letzte noch verbliebene Mitarbeiterin seiner Abteilung gekündigt. "Der Verband ist ruiniert, personell und finanziell. Den Neubau können wir alleine nicht finanzieren, d.h. wir müssen drüben erstmal Gebäude anmieten, wenn wir 'rüber gehen, und das höhlt unsere Finanzen noch mehr aus als sie es schon sind. Am liebsten würde ich den Krempel auch hinwerfen; aber in meinem Alter finde ich keine vergleichbare Stellung mehr, vor allem nicht mit vergleichbarer Bezahlung." - "Hat es überhaupt noch Zweck, weiter zu machen? Sollten wir nicht besser gleich eine Selbstauflösung beschließen, solange wir noch die satzungsmäßig notwendige Zahl von Mitgliedern zusammen bekommen? Die laufen uns doch auch in Scharen davon; knapp 50% sind nur noch Kartei-Leichen." - "Woher wissen Sie denn das?" - "Jemand hat aus dem Nähkästchen geplaudert, bevor er gegangen ist." - "Und Sie?" - "Was glauben Sie?" - "Sie müssen Montag den neuen Fragebogen abgeben." - "Wie hoch ist denn bisher der Rücklauf?" - "Raten Sie mal." - "Null." - "Falsch, einer - meiner. Ich laß' mich scheiden und gehe nach Berlin. Ich verzichte sogar auf die Umzugskosten-Erstattung." Leutselig hält ohnehin schon den Scheidungsrekord im Verband, aber Frau Dikigoros verkneift sich eine diesbezügliche Bemerkung und sagt nur: "Meinen Fragebogen gebe ich am Montag ab."

Bereits im Vorjahr hatte sich Frau Dikigoros höchstvorsorglich wieder für den Schuldienst beworben. Am Sonntag nachmittag bekommt sie einen Anruf ihres künftigen Chefs: "Ich habe gerade von der Bezirksregierung erfahren, daß Sie in drei Wochen, zu Beginn des neuen Schuljahrs, bei uns anfangen können. Montag haben Sie's schriftlich im Briefkasten." Keine Haken, keine Ösen, keine Teilzeit, keine Befristung, keine fachfremde Verwendung, kein Nachmittags- und kein Samstags-Unterricht. Frau Dikigoros faxt die Annahme des Angebots noch am Montag vom Büro ihres Mannes aus und läßt sich von ihm eine außerordentliche Kündigung beim Verband aufsetzen, die sie zusammen mit ihrem Resturlaubsantrag - ihr stehen just noch drei Wochen zu - persönlich beim Geschäftsführer abgibt. Herr Schalk empfängt sie in dem gähnend leeren Verbands-Gebäude, sehr gelassen, mit Galgenhumor: "Mir war längst klar, daß Sie auch gehen würden," sagt er, "Sie wären ja schön blöd gewesen wenn nicht." Er selber hat seine Rente beisammen und wird wohl auch zum Jahresende aufhören; das spart dem Verband eine Menge Geld, denn nun braucht er niemandem mehr den Umzug zu bezahlen.

[Marathon]

Frühjahr 2001. Am Rande des Bonner Marathon-Laufs, den großzügige Sponsoren alljährlich veranstalten, trifft Frau Dikigoros zufällig Herrn Schalk wieder. Der macht ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, obwohl zum ersten Mal in diesem Jahr die Sonne strahlend vom Himmel scheint, denn er hat vor einigen Jahren seine gesamten Ersparnisse in Aktien der Deutschen Telekom AG und andere "Wert"-Papiere vom "Neuen Markt" angelegt; denn gleich zwei große, seriöse Banken - die Deutsche Bank und die Dresdner Bank - hatten ihm das nachdrücklich zur "privaten Altersvorsorge" empfohlen. (Daß das zugleich diejenigen Banken waren, welche die Emission dieser Schwindel-Papiere durchgeführt hatten, war seiner Aufmerksamkeit entgangen.) Auch der Staat hatte das Aktien-"Sparen" - so nennt man jetzt das hemmungslose Spekulieren ohne Rücksicht auf Kurs- und Gewinnverhältnis oder andere "konservative" [das ist jetzt ein Schimpfwort im Sinne von "überholt" oder "übervorsichtig"] Anlage-Gesichtspunkte - steuerlich gegenüber anderen, "altmodischen" Geldanlagen begünstigt (und tut es weiter). Nun sind die Träume der Hobby-Börsianer weltweit zerplatzt wie die sprichwörtlichen Seifenblasen: 90% von seinen Höchstkursen hat der NEMAX, der Index für deutsche Schwindel-Aktien, inzwischen verloren; viele "Wert"-Papiere sind kaum noch das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind; und deshalb müssen Herr Schalk und andere Dumme, die auf diesen Schwindel herein gefallen sind, nun doch noch weiter arbeiten. Böse Zungen sprechen von Spekulanten-Dämmerung oder von der größten Geldvernichtung aller Zeiten; aber das ist natürlich Unsinn - im Vergleich zu den irrsinnigen Kosten der deutschen "Wieder"-Vereinigung im allgemeinen und der Verlegung der Bundeshauptstadt von Bonn nach Berlin im besonderen sind die an der Aktien-Börse verlorenen Milliarden wirklich nur "Peanuts".

[Post geht an die Börse] [Telekom Kursverlauf] [Ron Sommer]
Achtung - Taschendiebe!                            Kursverlauf der T-Aktie                               Niete in Nadelstreifen
(Quelle: Commerzbank)

Herr Schalk ist also noch immer Geschäftsführer des bewußten Verbandes - der seinen Betrieb mühsam mit Zeitarbeitskräften aufrecht erhält - und pendelt jede Woche zwischen Bonn und Berlin, wo Leutselig die Stellung hält, als Super-Abteilungsleiter, denn er hat alle verwaisten Stellen an sich gerissen. Bis auf die von Frau Zeisig, für die sich auch keine Nachfolgerin gefunden hat; die Auslands-Abteilung - wegen der man doch angeblich unbedingt nach Berlin ziehen mußte - ist aufgelöst worden, und der Verband ist aus der internationalen Dach-Organisation ausgetreten, in der Mitglied zu sein für sein Ansehen und das des Vaterlandes doch angeblich so lebenswichtig war. Die Betriebsrenten-Zusagen an die Mitarbeiter sind widerrufen worden - sie standen unter dem ausdrücklichen Vorbehalt der finanziellen Machbarkeit. Aber all diese Einsparungen haben nichts geholfen - Frau Essig hatte wohl doch Recht mit ihrer Einschätzung der Verbandsfinanzen: Als der erste Spatenstich endlich ansteht, erklärt der Geschäftsführer der eigens zu diesem Zweck gegründeten Tochtergesellschaft, daß das Geld nicht ausreiche zur Finanzierung des großen Projekts (dessen geschätzte Kosten sich mittlerweile verdoppelt haben, so schnell galoppiert die Inflation schon; auch wenn die offiziellen Statistiken sie noch herunter zu lügen versuchen - jede Hausfrau weiß es besser). Aber wenn nicht gebaut wird, würde das bedeuten, daß der Verband auch das Grundstück zurück geben müßte, also wird beschlossen: Es wird gebaut, bis die Kassen leer sind, und nach uns die Sintflut. "Das hätten Sie auch hier haben können," meint Dikigoros zynisch zum Ex-Chef seiner Frau - das jährliche Hochwasser des Rheins hat gerade erst vor einem Tag die Laufstrecke wieder frei gegeben, denn der Millionen teure Hochwasserdamm, den die Stadt in den letzten Jahren eigens dagegen angelegt hat, hat ebenso wenig gehalten wie die Versprechungen der Politiker von den "blühenden Landschaften" in Berlin und Umgebung und die der Anlageberater der Banken vom immerwährenden Aktien-Boom. "Sie sind doch Anwalt, könnten Sie nicht mal prüfen..." - "Nein," meint Dikigoros ungerührt, aber wahrheitsgemäß, "mit Konkursrecht kenne ich mich nicht aus."

Spätsommer 2002. Ja, liebe Leser, so manche Reise durch die Vergangenheit wird, zumal wenn sie in die Gegenwart hinein spielt, leicht zur unendlichen Geschichte. Frau Zeisig hat nicht etwa selber gekündigt, wie es der Büro-Klatsch wissen wollte, sondern vor dem Arbeitsgericht eine erkleckliche Abfindung für über dreißig Jahre Mitarbeit erstritten, die sie in die Gründung eines Konkurrenz-Verbandes gesteckt hat, deren Präsidentin natürlich sie selber geworden ist. Leiterin der Finanzabteilung des neuen Verbandes wurde - Frau Essig, ihre Sekretärin - Frau Müller, und neue Leiterin der Auslandsabteilung - Frau Dikigoros. Nur Herr Behnke, den sie gerne zum Leiter der Sozialabteilung gemacht hätten, ist verschollen. (Er war als einziger außer Herrn Leutselig mit nach Berlin gegangen, hatte sich aber beim Schummeln mit der Reisekosten-Abrechnung erwischen lassen und war fristlos gekündigt worden; dem Vernehmen nach ist er in Litauen untergetaucht, wo er eine Art Blockhütten-Datsche gekauft haben soll, wo genau, weiß niemand.) Das Reisen zwischen Bonn und Berlin ist jetzt viel einfacher geworden (man fragt sich, weshalb es überhaupt notwendig war umzuziehen), und die rot-grüne Bundesregierung hat etwas getan, damit es auch umweltfreundlicher wird: Sie hat eine neue Bahntrasse legen lassen - nicht etwa zwischen Bonn und Berlin, sondern zwischen dem Flughafen Frankfurt und dem Flughafen Köln-Bonn, damit die Leute als Zubringer nicht mehr das Flugzeug nehmen, sondern den Zug. Das ist durchaus vernünftig gedacht, denn auf Inlandsflügen wird unverhältnismäßig viel Treibstoff verbraten, das muß ja nicht sein. Der Ärger ist nur: Die Züge fahren leer hin und her, denn inzwischen gibt es eine Billig-Fluglinie, mit der man für nur 29.- Teuro von Frankfurt nach Bonn fliegen kann - der famose neue Zug kostet mehr als das Doppelte. Und da man mit derselben Fluglinie auch für 29.- Teuro von Bonn nach Berlin fliegen kann, kommen nun sogar die Reisenden aus Frankfurt extra angeflogen, und die Umweltbelastung ist nicht gesunken, sondern gestiegen. (Daher plant man jetzt, den alten Flughafen Hangelar wieder in Betrieb zu nehmen und auszubauen.) Nun, immerhin hat die Bauindustrie etwas davon gehabt, denn das Projekt hat 'zig Milliarden verschlugen, die nun zwar in den Sand gesetzt sind, aber das hat auch sein Gutes, denn dadurch ist die Verschuldung der Deutschen Bahn AG derart gestiegen, daß vorerst niemand mehr wagt, sie an die Börse zu bringen - den Verbrauchern bleibt also ein neues Milliardengrab wie bei der "Volksaktie T" erspart. Und als der "NEMAX" (das ist der 1997 eingeführte Index für die Schwindel-Aktien des "Neuen Marktes") statt Kurs- nur noch Konkursziele anzeigt (er hat über 95% seines einstigen Papier-"Werts" verloren, das ist selbst den dümmsten Anlegern nicht mehr schön zu reden), wartet man noch kurz bis nach den Bundestagswahlen, dann schafft man dieses börsentägliche Ärgernis einfach mit einem Federstrich ab.

[Fuchs und Has' sagen einander gute Nacht vor Bonner Stadtschild] [Gedächtniskirche Berlin - Elections on 09/22, 2002: The Night the Lights Went Down in Germany]

Nachtrag. 1999 waren den von damals 152 Botschaften in der BRD 62 noch nicht nach Berlin umgezogen. 2000 waren nur noch 40 diplomatische Vertretungen in der "Bundesstadt Bonn" zu finden. 2002 wurden noch 24 gezählt. "Die Habenichtse bleiben am Rhein" titelten Zeitungen. Ende 2008 halten nur noch die drei afrikanischen Staaten "Demokratische Republik Kongo", Sierra Leone und Kamerun ihr Botschaftspersonal in Bonn-Bad Bodesberg - freilich nur weil es die Bundesregierung bisher abgelehnt hat, ihnen den Umzug nach Berlin zu finanzieren, wie man hier nachlesen kann.


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