Make your own free website on Tripod.com

Das Reich in dem die Kugel rollte


VON NEU-AMSTERDAM BIS BATAVIA
oder: von Käsköppen, Nassauern und deutschem Blut

[Karte west][Karte ost]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Im 16. Jahrhundert herrschten die spanischen Habsburger über ein Reich, von dem sie glaubten, daß in ihm die Sonne nie unterginge: Von Lateinamerika bis zu den Filippinen. Allein in Europa umfaßte es Portugal und Spanien, Königreich und Freigrafschaft Burgund, Elsaß und Lothringen, die "Spanischen Niederlande" (heute BeNeLux), Österreich und Ungarn, Böhmen und Mähren, das Königreich beider Sizilien und andere Teile Italiens. (Das mit England und Schottland hatte nicht geklappt, aber das war ja auch nicht so wichtig; dort kam die Sonne eh nur selten hinter den Wolken hervor; und man wollte ja kein Reich, indem der Regen nicht aufhörte - das ist eine andere Geschichte.) Aus den Kolonien in Mexiko und Peru kam das Silber, mit dem man sich Wohlstand vorgaukelte, aus Fernost der Pfeffer und die anderen schönen Gewürze, mit denen man den schalen Geschmack der einheimischen Gerichte "aufpeppte" - und alles war in Butter. Die kam überwiegend aus Holland; aber im allgemeinen war man noch weit von der Erkenntnis entfernt, daß Gewürzen alleine nicht satt machen und daß man Edelmetalle überhaupt nicht essen kann, daß sie allenfalls einen Gegenwert darstellen können für Erzeugnisse, die der Gewerbefleiß der Menschen herstellt, daß zum Beispiel die Kleidungsstücke, die sie verschönern sollen, erstmal als solche da sein müssen. Stoffe und Tuche aber wurde in den Spanischen Niederlanden hergestellt, ebenso wie Molkereiprodukte und andere Grundnahrungsmittel; das schöne Silber aus Übersee dagegen führte erst zur Inflation, dann früher und später (nicht "oder" - mehrmals!) zum Staatsbankrott. Irgendwann hatten es die Holländer satt und erklärten ihre Unabhängigkeit. (Ja liebe Leser, nicht alle Niederländer wurden unabhängig, sondern nur die sieben nördlichen Provinzen, die "General-Staaten", vor allem Holland, deren Einwohner Protestanten waren und einen niederdeutschen Dialekt sprachen; die südlichen Provinzen - das spätere Belgien -, dessen Bewohner überwiegend welschsprachige Katholiken waren, blieb vorerst eine spanische Kolonie.) Nach 80 Jahren zwischen Krieg und Waffenstillstand wurde sie allgemein anerkannt; und die Holländer blickten auf ihr Reich: Es war inzwischen größer als das der Spanier im Silbernen Zeitalter (das sie fälschlich "Siglo de Oro [Goldenes Zeitalter]" nannten, obwohl es nicht auf Gold-, sondern wie gesagt auf Silberfunden in Mexico und Peru beruhte), denn es reichte von Nord- und Südamerika über Südafrika bis Süd-, Ost- und Südostasien. Ob und wann da die Sonne auf- oder unterging war den geschäftstüchtigen Holländern freilich ziemlich egal, denn dafür konnten sie sich nichts kaufen; für sie kam es allein darauf an, daß der Handel florierte, daß der Rubel, pardon der Gulden rollte - und die Käsekugeln.

Nicht lachen, liebe Leser, die Ihr Seereisen nur im "Traumschiff" auf Kreuzfahrt kennt, mit Morgen-, Mittag- und Abend-Buffet vom Feinsten mit Nachfassen nach Belieben. Und auch Ihr, liebe Militär-Historiker, die Ihr glaubt, in der Weltgeschichte sei es immer nur auf die Kanonenkugeln aus Eisen und auf die Räder der Streitwagen angekommen. Oder auf sonst irgendeine große technische Neuerung, vom Zündnagelgewehr bis zur Atombombe, wo man nur den Nippel durch die Lasche ziehen, den Finger am Abzugshahn krümmen oder auf den Knopf drücken muß. Das mag in einem stark technisierten Zeitalter wie dem unseren so sein; aber früher spielte der Faktor Mensch noch eine größere Rolle. Zwar hat ein großer und durchaus origineller - aber eben auch nicht immer unfehlbarer - Historiker wie Hellmut Diwald (ein Landsmann der Katz, Kisch und Ross) einmal geschrieben, die Holländer hätten im 17. Jahrhundert die halbe Welt erobert (von den Spaniern, Portugiesen, Engländern und Franzosen, die sie schon fast unter sich aufgeteilt hatten), weil sie einen neuen, überlegenen Schiffstyp erfunden hätten, die Fleute. Nun, es mag ja stimmen, daß aus den Werften von Hoorn damals die besten Schiffe der Welt kamen; aber wie das so ist mit Erfindungen: sie sprechen sich herum, werden kopiert und nachgebaut. (Wer gab schon etwas auf Urheberschutzrechte? Das Wort "Copyright" war noch nicht erfunden!) Nur wenige Jahre später hatten die anderen Seefahrer-Nationen gleich gezogen; die Engländer bauten bald sogar noch bessere Schiffe - daran kann es also kaum gelegen haben. Nein, Dikigoros ist überzeugt, daß die Holländer nur deshalb so auftrumpfen konnten, weil aus Edam die besten Käsekugeln der Welt kamen, und aus Gouda die besten Käseräder der Welt. [Nur am Rande erwähnt er, daß die Holländer aus dem Armagnac auch den besten Branntwein der Welt holten, während andere Seefahrer-Nationen ihre Matrosen mit Rum dumm machten. Denn die Getränke waren fast noch wichtiger als die Speisen: Trinkwasser wurde schnell brackig (Mikropur gab es noch nicht), das konnte man bald nur noch im Suff ertragen - nicht umsonst hatte jeder Matrose Anrecht auf einen halben Liter harten Alkohols pro Tag auf See.] Die Stellung eines Landes in der Welt hing schon damals vom Außenhandel ab, also von der Geschicklichkeit seiner Weltreisenden; und da es damals noch keine Flugzeuge, Auto- und Eisenbahnen gab, benutzte man Schiffe. Und zwar keine "Traumschiffe" mit starken Motoren, die fast von selber liefen, und Tiefkühltruhen mit hygienisch einwandfreien Konserven, sondern Segelschiffe, die mit Matrosen bemannt waren.

Matrose zu sein war damals so ziemlich der härteste Knochenjob den es gab, zumal in der Kriegsmarine. (In England gab es einen Spruch: "Lieber in der Hölle als in der Marine.") Das schlimmste daran war nicht so sehr die Arbeit oder die eiserne Disziplin, auf die dabei gehalten wurde, auch nicht die Stürme oder die Seeschlachten, sondern - die schlechte Verpflegung. Der Mensch ist, was er ißt (und trinkt); und die Matrosen der Übersee-Segler, die Wochen, bisweilen (wenn die Fleute in die Flaute geriet) Monate lang kein Land - und damit keine Proviant-Stationen - sahen, waren alles andere als die vor Kraft strotzenden Seebären, die uns romantische Kino- und Fernsehfilme heute vorgaukeln. In der Regel, d.h. wenn sie nicht gerade Offizier oder Smutje waren, waren es arme, abgerissene Wracks, ausgemergelt, hungernd, durstend, an Skorbut leidend; mit 30 waren sie erfahrene "Old hands", mit 40 alte Eisen, die ihre letzte Heuer in irgendwelchen schäbigen Hafenspelunken versoffen und in der Gosse starben. (Nein, liebe Schlips-Matrosen von heute, damals gab es noch keine Seemannsheime und kein Versorgungswerk!) Fett bezogen sie meist aus ranzigem Speck, Kohlenhydrate aus trockenem Schiffszwieback, und ihr einziger Eiweißträger (sobald das Dörrfleisch, wenn es überhaupt welches gab, aufgebraucht war) waren die Maden darin. (Kluge Seeleute klopften sie nicht heraus, sondern aßen sie mit.) Was hätte man sonst mitnehmen sollen? Die Holländer fanden die Antwort: Käsekugeln! Die Rinde aus Wachs schützte den Inhalt vor dem Feuchtwerden oder Austrocknen, dem Faulen oder Verschimmeln - der wurde sogar mit dem Alter immer besser! Nicht ihre Kanonenkugeln - oder jedenfalls nicht die alleine - eroberten den Holländern die Meere und die halbe Welt, sondern ihre Käsekugeln. Alkohol pro Tag auf See. Bei einer solchen Ernährung waren Mangelkrankheiten vorprogrammiert, vor allem der gefürchtete Skorbut; aber wie wir heute wissen, war es das nicht allein, und die Probleme lagen auch nicht nur in etwas Vitamin-C-Mangel. Viel schlimmer war auf lange Sicht der Knochenschwund, vor allem das Ausfallen der Zähne; und das wurde durch Calcium-Mangel verursacht - auch dagegen half den Holländern ihr Käse. Solange die Edamer Kugel rollte ging im holländischen Kolonialreich die Sonne nicht unter.

Nun hat Dikigoros in den vorigen Absätzen zwei Begriffe benutzt, die heute in vielen Ohren keinen guten Klang mehr haben: "erobern" und "Kolonialreich". Dikigoros erinnert sich noch an die Würfelspiele seiner Kindheit, da galt es, auf einem Pappbrett "Reiche" zu "erobern"; später, als das nicht mehr als schicklich galt, ändern die Hersteller zwar nicht das Spiel, aber die Ausdrücke: künftig hieß es "befreien" statt "erobern". Was lernen wir daraus? Daß beides offenbar weniger weit voneinander entfernt ist, als uns die politisch-korrekten Gutmenschen weismachen wollen. Gewiß, auch die Geschichtsbücher wurden umgeschrieben; wenn man nur daran denkt, wieviele Länder und Völker allein die Amerikaner schon befreit haben in den letzten zwei Jahrhunderten: Erst Louisiana von den Franzosen, dann den Wilden Westen von den Indianern, dann Texas, New Mexiko, Arizona, Kalifornien und Nevada von den Mexikanern, dann Kuba, Puerto Rico und die Filippinen von den Spaniern, dann Europa vom Kaiser und seinen deutschen Hunnen, dann die ganze Welt von Hitler und seinen Nazi-Deutschen (und die letzteren von ihren Armbanduhren), usw., usw. - bis hin zum Irak, den sie von ihrem bösen Diktator Saddam Hussein befreiten. Tatsächlich war damit jedesmal auch eine Eroberung verbunden; und deshalb will Dikigoros nicht lange um den Brei herum reden, sondern seine geneigten Leser - denen er sonst die Frage zu stellen pflegt: "Freiheit wessen wovon wozu?" - diesmal fragen: "Eroberung wessen von wem für wen?" Das führt uns gleich zum zweiten Begriff, der sich eigentlich aus zwei Begriffen zusammen setzt: Eine Kolonie ist etwas, das der Kolon ("Landwirt") bebaut (weshalb man ihn früher, als körperliche Arbeit noch nicht verpönt war und eine Berufsbezeichnung, die diese anzeigte, noch nicht als Schimpfwort galt, auch "Bauer" nannte), besiedelt und im Idealfall auch regiert - denn "regieren" und "Reich" haben die gleiche Wortwurzel. Deshalb hat Dikigoros immer etwas Bauchweh, wenn er in mehr oder weniger klugen Geschichtsbüchern - egal, ob sie nun den Käse und seine Bedeutung erwähnen oder nicht - Wendungen liest wie: "Die Eroberung der Welt[meere]" oder "Die Entstehung der Kolonialreiche". Denn das meiste, was da entstand, waren weder Kolonien noch Reiche, und was da von wem fül;r wen "erobert" wurde, ist auch noch die Frage. Die ersten europäischen "Entdecker" - meist Spanier und Portugiesen (und Italiener - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle), dachten nicht im Traum daran, so etwas zu schaffen - die waren froh, wenn sie überhaupt lebend wieder nach Hause kamen. Und auch die ersten "Eroberer" dachten nicht daran, neue Reiche zu schaffen und dort Landsleute anzusiedeln (schon gar nicht, um dort etwas an- oder aufzubauen), sondern sie wollten eigentlich nur die schon vorhandenen Reiche erobern - deshalb nannten sie sich ehrlicherweise auch "Konquistadoren". (Hätten sie 400 Jahre später gelebt, hätten sie sich selbstverständlich "Befreier" genannt - allerdings mit einiger Berechtigung, denn sie befreiten das heutige Lateinamerika von der Terrorherrschaft der Azteken und Inka. Dagegen führten die "Libertadores" des frühen 19. Jahrhunderts diesen Titel schon zu Unrecht - aber auch das ist eine andere Geschichte.)

Was ist der Sinn einer Kolonie, liebe Leser? Darüber kann man trefflich streiten. Die alten Griechen und Römern sahen ihn darin, dort ihren Bevölkerungsüberschuß, d.h. Hungerleider, die der heimische Acker nicht mehr ernährte, Ungläubige, Kriminelle oder sonst Leute, die man los sein wollte - freiwillig, d.h. ohne Not, ging praktisch niemand in die Fremde, ins Elend, in die Verbannung (alles Ausdrücke, die damals synonym waren) - ansiedelten. Das war eine feine Sache, zumal wenn es denen auch noch gelang, einen Überschuß an Nahrungsmitteln zu produzieren oder gar Bodenschätze oder sonst etwas Brauchbares zu finden - dann konnte man Handel mit ihnen treiben, d.h. es ihnen billig abkaufen. Aber das war wie gesagt urspünglich nicht das Hauptanliegen, denn Handel hätte man mit fernen Ländern und Reichen auch treiben können, ohne dort eigene Leute anzusiedeln. Aber galt das im 17. Jahrhundert, also der Zeit, um die es uns hier gehen soll, auch noch? Dikigoros hat da aus vielerlei Gründe seine Zweifel. Der wichtigste dieser Gründe ist, daß die Bedürfnisse - und vor allem die Geschmücker - der Menschen verschieden sind. Die meisten "Kolonialwaren" sind objektiv betrachtet überflüssiger Luxus. Gewiß, auch Dikigoros ißt gerne Ananas, Apfelsinen, Bananen, Kiwis und Kokosnüsse; aber im Grunde genommen täten es auch Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen und andere Früchte aus einheimischer Produktion; und für Stoffe, Edelsteine u.ä. gilt erst recht, daß die nicht lebensnotwendig sind. Das sah man freilich damals ganz anders: Gold und Silber bedeutete "Reichtum", und Gewürze auch. Der Ärger war nur: Die Einheimischen in den Herkunftsländern wollten die Notwendigkeit, diese Bodenschätze mühsam abzubauen, nicht so recht einsehen - in Mexiko z.B. zahlte man nicht mit Silber, einem ziemlich häufigen und daher wenig wertvollen Metall, sondern mit Kakaobohnen -, ebensowenig die Notwendigkeit, Überschüsse zu produzieren, um sie gegen irgendwelches Zeug, das ihnen die Europäer im Tausch dafür anboten, einzuhandeln - weil das für sie meist ebenso überflüssiger Luxus war. Die Europäern mußten sich also etwas einfallen lassen - aber was?

Fortsetzungen folgen

[Fr. Antje]

weiter zu

zurück zu

heim zu Reisen duch die Vergangenheit