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EIN ÜBERRASCHENDES WIEDERSEHEN
(oder: Parteibuch und Soldaten-Karriere)
(Anhang zu: Kugelfisch und Kupfer-Kanyon)

[Wappen]   oder   [Wappen]
Ochsenkopf und Silberpfeile               zwei Rückkehrer aus USA

Jahrzehnte später, Pfingsten. Dikigoros und seine Frau machen einen Spaziergang am Rhein entlang, da stolpern sie plötzlich in ein anderes Ehepaar. Dikigoros glaubt seinen Augen kaum trauen zu können (er ist in letzter Zeit ziemlich kurzsichtig geworden und hat mal wieder die falsche Brille auf): "Captain Kangaroo?!" - "Tarzan?!" Ja, sie sind es wirklich, auch wenn sie sich selber nur noch entfernt ähnlich sehen nach all den verlorenen Haaren und den gewonnenen Pfunden - da kommt es auf ein Gläschen Gerstensaft mehr oder weniger im nahe gelegenen Biergarten (der früher mal ein Vorortbahnhof war) auch nicht mehr an - selbst wenn es kein Tecate ist. Zu seiner Überraschung erfährt Dikigoros, daß sein ehemaliger Vorgesetzter nicht nur in dieser Stadt, sondern sogar in diesem Ortsteil geboren ist, fast um die Ecke, und gerade auf Besuch bei Verwandten weilt. "Jetzt, da ich wenigstens in der Nähe stationiert bin, geht das ja wieder." Kurzes verbales Abtasten, Auffrischen der Erinnerungen an die Ochsen von El Paso, dann beginnt Dikigoros als geübter Anwalt, seinem Gegenüber die Einzelheiten seines Lebensweges Stück für Stück aus der Nase zu ziehen. "Wissen Sie noch, was ich Ihnen damals gesagt habe: Maulen Sie nicht 'rum, Gefreiter, wenn Sie Berufssoldat geworden wären wie ich, dann hätten Sie es auch zu was bringen können. Was war ich damals naiv!" - "Na, Sie sehen aber nicht gerade aus, als ob Sie in der Zwischenzeit verhungert wären - was hatten Sie denn erwartet? Eine Versetzung ins Ausland mit allen Annehmlichkeiten, die das mit sich bringt, müssen Sie überall bezahlen, wenn Sie zurück nach Deutschland wollen, das ist in der Privatwirtschaft nicht anders als im Öffentlichen Dienst. Jede Abwesenheit von mehr als 3 Wochen Lehrgang kann zum Karriereknick führen." - "Ja, bei meinem Vorgänger vielleicht, dem Specht. Der hat ja den Hals nicht voll gekriegt und gleich nochmal drei Jahre Texas dran gehängt. Dann hat er 15 Jahre bis zum Oberstleutnant gebraucht, und das ist er heute noch. Aber bei mir war es nicht die Abwesenheit, sondern das falsche Parteibuch. Ich hätte nicht gedacht, daß es unterhalb der Generalsränge schon so sehr darauf ankommt." - "Von welcher Feldpostnummer sind Sie denn?" - "SPD." - "Ach, das kann Ihnen doch erstmal nicht weiter geschadet haben, damals waren die doch an der Macht." - "Eben. Eigentlich habe ich mich überhaupt nicht für Politik interessiert, ich wäre auch in die CDU eingetreten, wenn die damals dran gewesen wäre; ich dachte halt, Mitglied in der Regierungspartei zu werden kann nur nützlich sein." - "War es das denn nicht?" - "Erstmal doch. Sie wissen ja, ich war mit 27 Hauptmann und Lehroffizier in Fort Bliss. Und wenn mich die drei Jahre dort eine Verzögerung meiner späteren Karriere um drei Jahre gekostet hätten, dann wäre es mir das wert gewesen. Aber so war es ja nicht." - "Sondern?" Also, als ich zurück kam, hatte man erstmal keine ordentliche Verwendung für mich. Zum Nachschub haben sie mich abgeschoben, das hat mich ein weiteres Jahr gekostet, dann bin ich endlich Kompanieführer geworden, mit 31. Aber ich kann nicht klagen, drei Jahre später haben sie mich zum Major befördert, und damit war ich dienstgradmäß eigentlich wieder auf Kurs." - "Da haben Sie aber ein Mords-Schwein gehabt, damals war doch dieser Hauptmannsstau; Tausende hingen mit bestandenem Stabsoffiziers-Lehrgang herum und hatten keine Planstelle." - "Eben, ich doch auch nicht. Welche Verwendung hatten sie denn für mich als Major? Wieder Kompaniechef, bei einem anderen Haufen, weitere sieben magere Jahre. Insgesamt war ich sage und schreibe zehn Jahre lang Kompaniechef, stellen Sie sich das mal vor!" - "Ja, aber das waren andere auch, nur mit Hauptmanns-Gehalt; was hat denn das nun alles mit Ihrem Parteibuch zu tun?" - "Ja, dann kam doch wieder die CDU an die Regierung. Um es kurz zu machen: In den 16 Jahren der Regierung Kohl bin ich genau einmal befördert worden, genau mitten drin, nach acht Jahren. Dabei habe ich mich wirklich auf den Kopf gestellt und alles nur Erdenkliche getan, um voran zu kommen. Ich bin flexibel, wissen Sie, ich bin zum Luftflottenkommando gegangen, als Personalreferent ins Verteidigungsministerium, war schon Geschwader-Kommodore und sogar stellvertretender Brigadekommandeur, aber alles für die Katz. Erst habe ich Jahre lang als Major Hauptmanns-Arbeit gemacht, und anschließend Jahre lang als Oberstleutnant Obristen-Arbeit." (Na und? denkt Dikigoros und bestellt noch eine Runde Weizenbier, das gleicht sich doch aus!) "Als ich 50 war", fährt Hüpf fort, "haben sie mich dann ins Luftwaffenamt abgeschoben, zum Papierschwärzen, immer noch als OTL." - "Aber lieber Herr Hüpf, auch das lag doch nicht an Ihrem Parteibuch, sondern an den besonderen Umständen: Die Bundeswehr wurde reduziert, da konnten nicht mehr so viele Leute befördert werden, schon gar nicht auf Einsatz-Kommandos; auch die Luftwaffe ist halt zu einer Riege von Schreibtischtätern geworden. Aber inzwischen sind doch Ihre Genossen wieder an der Regierung, hat Ihnen das nicht geholfen?" - "Doch, natürlich, Scharping hat mich sofort zum Oberst befördert." (Das lag dann aber doch am Parteibuch, denkt Dikigoros.) "Aber die Planstelle blieb erstmal die selbe," fährt Hüpf fort, "ich war halt schon zu alt, um noch General zu werden. Als ich dann zu maulen angefangen und endlich ein Kommando verlangt habe, haben sie mich nach Ossiland versetzt, nach Mecklenburg." - "Und als was?" - "Wieder als Geschwader-Kommodore, das war ich neun Jahre vorher ja schon mal. Also ein Auf-der-Stelle-treten. Und was war das für ein Sauhaufen, und in was für einer Gegend! Ich hab's zwar geschafft, ein Jahr später in den Westen zurück versetzt zu werden, in gleicher Funktion, aber damit ist meine Karriere endgültig am Arsch. Erst zehn Jahre lang Kompaniechef, dann zehn Jahre lang Geschwader-Kommodore. Und das werde ich wohl auch noch die restlichen Jahre bis zur Pensionierung machen, es sei denn, Schröder verliert die nächste Bundestagswahl, und die Schwarzen schicken mich zwangsweise in Frühpension..." Tja, denkt Dikigoros, so sind die Leute: Die Vorteile, die ihnen das Parteibuch verschafft, nehmen sie als ganz selbstverständlich hin (und das waren bei Oberst Hüpf nun wirklich einige - er hat eine weit überdurchschnittliche, interessante Laufbahn hinter sich, zumal für einen kaum mehr als durchschnittlichen Luftwaffen-Offizier, der er ist). Aber wenn sie dann mal weg sind von den Fleischtöpfen mit der Staatsknete und ein paar Jahre lang keine Extra-Würste gebraten bekommen, tun sie sich unendlich leid. Wenn er es sich recht überlegt, ist das ein Grund mehr, die rot-grüne Regierung mit ihrem ungedienten Verteidigungs-Minister im Herbst abzuwählen, sonst machen die so einen Typen, der früher als Charakter-Major abgegangen wäre, doch noch zum General...

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