Katharina Bullin - Dann wirst du in Unehren entlassen
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"Dann wirst du in Unehren entlassen"

Katharina Bullin errang 1980 olympisches Silber mit der Volleyball-Nationalmannschaft der DDR. Im Dokumentarfilm "Katharina Bullin - Und ich dachte, ich wär' die Größte" erzählt sie dem Filmemacher Marcus Welsch ihre Lebensgeschichte - und wie sie durch Doping und harten Drill zur Invalidin, Alkoholikerin und Arbeitslosen wurde. Der Film hatte kürzlich beim Duisburger Filmfestival Premiere.

Frankfurter Rundschau: Wie kamen Sie auf die Idee, über Katharina Bullin einen Film zu machen?

Marcus Welsch: Wir sind uns vor fünf Jahren in der Schweiz zufällig über den Weg gelaufen. Ich hatte bis dahin ein eher abgeklärtes Verhältnis zum Themenkomplex Doping. Man weiß ja, dass ab einer gewissen Leitungsgrenze in Ost und West das Zeugs genommen wird. Was ich aber dann in den Akten und auch in den Büchern von Brigitte Berendonk und Professor Franke sowie den Sportlerinnen-Porträts von Ines Geipel gelesen habe, hat meinen Relativismus schlagartig beendet. Ich wollte aus der Perspektive einer Sportlerin ihre Realität etwas ausführlicher beleuchten. Mir erschien es wichtig, dass nicht nur über die Betroffenen geredet wird, sondern dass der komplexe Weg der eigenen Aufarbeitung im Mittelpunkt steht.

War es schwer, Katharina Bullin zur Mitwirkung am Film zu überreden?

Ich hatte tatsächlich Gespräche mit Sportlerinnen, denen bei der Vorstellung äußerst unwohl war, vor der Kamera ihre Geschichte auch mit den Schattenseiten zu erzählen. Mir wurde erst bei diesen Gesprächen klar, dass es immer noch Mut bedarf, diesen Weg der Destruktion offen zuzugeben. Da gehört schon was dazu, sich einzugestehen, nicht dem Bild des tollen starken Sportler zu entsprechen. Daneben gibt es aber leider immer noch die reale Angst, angegriffen zu werden. Auch in den Interviews mit Katharina kam immer wieder die Erinnerung an den Satz ihres Trainers, der wie eine Drohung über allem hing: "Dann wirst du in Unehren entlassen." Es ist eben auch eine Geschichte über die Arroganz der Manipulation, die neben dem Medikamentenmissbrauch aufzudecken ist.

Was ging in Ihnen vor, als sie von Katharina Bullins Schicksal während der Entstehung des Films so ausführlich erfahren haben?

Erst einmal tiefer Respekt, dass sie sich überhaupt geöffnet hat und diesen ganzen Weg vor der Kamera nachvollzogen hat. Dann empfand ich auch Scham. Die Auswirkungen von Testosteron im Frauenkörper ist im Nachhinein mit vielen Demütigungen verbunden. Wenn man als Frau aus den Damentoiletten vertrieben wird oder Jugendliche einen auf der Straße anpöbeln, bekommt man eine Wut auf die Arroganz ehemaliger Funktionäre und Ärzte, die heute noch leugnen, wie weit verbreitet Zwangsdoping in den obersten Kaderklassen des DDR-Sports war, oder die Folgen banalisieren.

Wie haben Sie den Film finanziert?

Das war eine lange vergebliche Tour de Force, weil bis zur Fertigstellung niemand den Film finanzieren wollte. Es gibt eben die weit verbreitete Meinung, dass alles schon gesagt wurde. Dabei gibt es meines Wissens keinen Film, der die Auswirkungen des Staatsplans 14.25 aus der Perspektive einer Sportlerin in einer längeren Dokumentation zeigt. Das Tolle ist doch, dass es dabei um viel mehr geht als um das Doping in der DDR. Es geht generell um die Haltung zur eigenen Biografie und wie man in der heutigen Zeit, wenn man nicht mehr in die Schablonen des Arbeitsamtes passt oder gute Beziehungen hat, mit einer solchen Biografie überlebt.

Interview: Jutta Heeß


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