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Kreuzfahrer und Troubadoure
Von Lissabon bis Byzanz


[Krak des Chevaliers, Burg des Johanniter-Ordens]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

(FORTSETZUNG VON TEIL I)

Wieder ein paar Jahre später. Dikigoros ist einmal mehr nach Wien gereist, in die Heimatstadt seiner Mutter, der klassischen Musik und der letzten Troubadoure unserer Zeit. Stimmt das eigentlich? Weder Haydn noch Mozart noch Beethoven waren Wiener, ebenso wenig ihre verfeindeten Epigonen Brahms und Bruckner. Und die modernen Troubadoure sind nicht mal richtige Österreicher, und vielleicht auch gar keine richtigen Troubadoure mehr? Dikigoros' Cousine Geli spricht abfällig nur von "Jammer-Affen". Auf einem Konzert von Professor h.c. Jürgen Udo Bockelmann alias "Udo Jürgens, für den schon seine Mutter schwärmte, stellt Dikigoros fest, daß auch der längst nicht mehr so gut singt wie früher, eher seichte Schlager als Chansons; aber das tut seiner Popularität vorerst keinen Abbruch. (Er wird seine Voraussage wahr machen, "mit 66 Jahren" noch auf der Bühne zu stehen.) Er ist der einzige Troubadour deutscher Zunge, der jemals Weltruhm erlangt hat - was nicht mal sein Landsmann Walther von der Vogelweide von sich behaupten konnte. Eigentlich sind sie gar keine echten Landsleute. Walther war zwar mutmaßlich in Tirol geboren und Udo in Kärnten; aber die Familie seines Vaters kam aus Moskau - von dort waren sie als Bankiers, also Kapitalisten, 1917 vertrieben worden, zunächst nach Hessen -, und die seiner Mutter aus dem Elsaß - von dort waren sie als Deutsche 1918 vertrieben worden, zunächst nach Norddeutschland. Troubadoure kommen halt weit herum in der Welt. Ein echter - wenngleich nicht ganz waschechter, aber immerhin gebürtiger - Wiener ist dagegen "der Junge von Sankt Pauli", Freddy Quinn, unehelicher Sohn eines irischen US-Bürgers und einer Wiener Journalistin, der weiter in der Welt herum gekommen ist als alle anderen hier erwähnten Personen (Dikigoros eingeschlossen), und der mal den schönen Namen "Baron Friedrich von Petz" trug - er legte ihn ab und nahm wieder den seines leiblichen Vaters an, nicht weil er etwas gegen Bären hätte, sondern gegen seinen Adoptiv-Vater, den Sugar-Daddy und zweiten Ehemann seiner Mutter, der altersmäßig sein Urgroßvater hätte sein können. Es war auch eine Absage an Wien und an Österreich; fortan spielte er den Hamburger - ging also den umgekehrten Weg wie Brahms. (Ein weiterer gebürtiger Wiener, der aus Böhmen stammende Peter Alexander [Neumayer], hat dagegen nie an die große Glocke gehängt, daß er sich noch 1945 freiwillig zur Reichskriegsmarine meldete und was er anschließend in britischer Kriegsgefangenschaft erlebte; aber er hat immer alle Angebote, in angelsächsischen Ländern aufzutreten, abgelehnt, einmal mit der Begründung, in Kanada könne man nicht angeln - er war ein begeisterter Angler, und als solcher wußte er natürlich, daß Kanada das Anglerparadies auf Erden schlechthin war; aber das mußte ja nicht jeder gleich wissen. Über Udo Jürgens und seinen Kamillentee hat er sich ebenso mokiert wie über dessen griechischen Wein; er selber hat das Bier von Pilsen - wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte - nie besungen.)

"Wieso nennst Du Freddy einen Jammer-Affen?" fragt Dikigoros' Tante, die nun schon auf die 100 zugeht, vorwurfsvoll ihre Nichte, "der singt auch nicht schlechter als die früher". Sie erinnert sich noch genau, wie sie vor einem halben Jahrhundert, mitten im Kreuzzug gegen den Bolschewismus, in der weißen Burg am blauen Fluß zum ersten Mal das Lied spielten, das die Nazis eigentlich verboten hatten, und das dennoch zu ersten deutschsprachigen Welthit wurde, von der Soldatenbraut, die unter der Laterne vor der Kaserne auf ihren Liebsten wartet. Melodie, Text und Arrangement waren in der Tat mehr als dürftig; und die Sängerin, eine gewisse Berta Bunnenberg aus Bremerhaven-Lehe (dem Sankt Pauli von Bremen), die sich aus unerfindlichen Gründen "Lale Andersen" nannte und am Ende Wahl-Wienerin wurde, erlangte auch keinen Weltruhm, da die fremdsprachigen Fassungen von anderen gesungen wurden; aber wie Dikigoros schon so oft festgestellt hat: Die Welt ist ungerecht, und manche Troubadoure haben halt halt mehr Glück als andere, und wenn sie noch soviel Stuß zusammen singen. Dikigoros ist überzeugt, daß der passionierte Tee-Trinker Professor Bockelmann den griechischen Wein zwar besungen, aber noch nie ernsthaft verkostet hat, sonst wüßte er, daß der eher mittelprächtig schmeckt (aber "Wiener Kamillentee" wäre wohl kein Hit geworden); und was singt Freddy da: "Istanbul ist weit"? Ja, ist der Kerl denn blind? Er bräuchte sich bloß mal in seiner Geburtsstadt umzusehen, dann wüßte er: Istanbul ist ganz nahe! Daran muß Dikigoros denken, als er eine Veranstaltung besucht, auf der man der Schlacht bei Zenta gedenkt und des "Edlen Ritters" Prinz Eugen, der dort vor 300 Jahren die Türken schlug (aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle) und sie damit endgültig vom christlichen Abendland fern hielt. Endgültig? Die vielköpfige türkische Gemeinde von Wien hat eine lautstarke Demonstration gegen diese "volksverhetzende" Gedenkfeier organisiert, die dem ganzen einen etwas peinlichen Beigeschmack verliehen hat. "Dafür haben sich unsere Vorfahren also damals geschlagen," sagt ein älterer Teilnehmer bitter, "daß dieses Pack heute ungehindert in unser Land kommt, seinen kriminellen Machenschaften nachgeht, Sozialhilfe schmarotzt und dann auch noch frech wird."

Was ihm wohl der alte Türke aus Istanbul darauf geantwortet hätte? Vielleicht, daß die Türken den Österreichern ihr National-Getränk gebracht haben, den Kaffee, ohne den sie heute nicht vor Aldi stehen würden? Oder auch ihr National-Frühstück, die "Hörnchen", die ein Wiener Bäcker während der Belagerung der Mondsichel auf den türkischen Flaggen nachempfunden haben soll? (Die Franzosen nennen die Dinger genauer "Croissant" - das ist ihr Wort für die "wachsende" Mondsichel -, und da sie sich schon nicht schämen, am Brunnen des Eremiten eine Moschee für die Türken gebaut zu haben, schämen sie sich natürlich erst recht nicht, das Zeug bis heute täglich zu essen.) Oder daß Wien in dem halben Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg fast ein Drittel seiner Bevölkerung verloren hatte, daß man es noch Ende der 1960er Jahre als "Greisenasyl Europas" verspottete und daß die Wiener zunächst heilfroh war, als die ersten jugoslawischen und türkischen Gastarbeiter kamen? Aber inzwischen ist auch Dikigoros nicht mehr wohl bei dem Gedanken, daß inzwischen Millionen türkischer und anderer Muslime in Mitteleuropa leben. Deren erste Generation, die echten Gast-Arbeiter (Gäste und Arbeiter!), waren noch nett, arbeitsam, bemüht, Deutsch zu lernen und - eben eine Minderheit; Dikigoros war mit einigen befreundet, bis sie in ihre Heimat zurück gingen, zu ihren Familien - was damals die Regel war. Die zweite Generation war schon schwieriger zu integrieren; sie holten ihre Familien aus der Türkei nach; in Deutschland entstanden die ersten Türken-Viertel, in denen die Deutschen erst zur Minderheit wurden und dann ganz verschwanden. Die dritte, bereits in Deutschland geborene Generation ist militant und gefährlich, pocht auf ihre "Rechte". Dazu zählt sie vor allem das Recht auf freie Ausübung ihrer Religion - Betonung auf ihrer, denn ein Recht auf Religions-Freiheit, geschweige denn Gleichberechtigung auch der Andersgläubigen kennen sie nicht und würden es auch niemals anerkennen; sie verstehen als erste Bürgerpflicht eines guten Muslims den Jihād. (Das bedeutet wörtlich "Anstrengung", wird aber richtiger Weise meist sinngemäß mit "heiliger Krieg" übersetzt - es ist eben nicht die geistige Auseinandersetzung mit den "Ungläubigen" gemeint, wie das unwissende oder unaufrichtige Apologeten des Islamismus immer wieder behaupten, sondern die fysische Vernichtung der Andersgläubigen und anders Denkenden!)

Dikigoros weiß von seinen Reisen um die Welt, daß die Muslime immer nur solange nach Religions-Freiheit schreien, wie sie in der Minderheit sind; sobald sie selber in die Mehrheit und an die Macht kommen, ist es damit vorbei, dann gilt nur noch der Islam, als Staats-Religion; und auf Abfall vom einzig wahren Glauben steht in allen islamischen Ländern nur eine Strafe: der Tod. In der Türkei selber verhindert das - noch - die laïzistisch eingestellte Armee; im Ausland, vor allem in Deutschland und Österreich, toben sich die radikalen Muslime von "Milli Görüs (Ideologie der Staatsreligion)" - die sich als "IGMG e.V." getarnt haben und so in ihren über 500 Moscheen allein in Deutschland den Schutz des Vereinsgesetzes genießen und mißbrauchen - und die extremen Nationalisten von "Bozkurtlar (Grauwölfe)" (das Türkische liebt die Wortzusammensetzungen ebenso wie das Deutsche, liebe Leser, es gibt also keinen Grund, das mit "graue Wölfe" zu übersetzen!) dafür umso mehr aus. Mit denen gibt es - entgegen allem Multikulti"-Geschwätz von Politikern, die selber noch nie mit Türken zu tun hatten in ihren Elfenbeintürmen - keine Gemeinsamkeiten mehr, geschweige denn Freundschaften, wenn man selber Christ ist. Auch und erst recht nicht, wenn man selber nur gemäßigter Muslim ist - vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb es alle anständigen Türken zurück in die Türkei zieht, wo das Fundamentalisten-Pack sie nicht so ungestraft terrorisieren darf wie in der BRD, deren Politiker auf dem rechten Auge blind sind, wenn es um kriminelle Ausländer geht. (Die türkische Regierung wirft solches Gesocks ins Gefängnis - und alle "Menschenrechts"-Organisationen" jaulen laut auf, weil man sie dort nicht gerade mit Glacé-Handschuhen anfäßt.) Noch hält sich ein letzter türkischer Gemüse-Händler an der Ecke; aber im Nacken sitzt ihm nicht nur die Konkurrenz von Aldi schräg gegenüber, wo es jetzt sogar schon Knoblauch und Fladenbrot für die Hälfte des Preises gibt, zu dem er sie anbietet, sondern auch die islamische Mafia, die ihm Schutzgeld abpreßt. Er wird wohl bald aufgeben, wie sein letzter Konkurrent vor einem halben Jahr, und beim Sozialamt die Hand aufhalten; denn von den paar Pfeffer-Schoten und eingelegten Oliven, die Dikigoros und ein paar andere Unverbesserliche von Zeit zu Zeit bei ihm kaufen, kann er auf Dauer nicht leben. Dann wird die Hauptgeschäfts-Straße endlich "türkenfrei" sein, jedenfalls frei von Türken, die sich ihren Lebensunterhalt auf ehrliche und anständige Art selber verdienen. Weder dem westlich eingestellten Atatürk noch den kommunistischen Sowjets ist es gelungen, die Turk-Völker dem islamischen Bannkreis zu entziehen - der Glaubens-Kampf ist verloren, und die Türken für die westliche Zivilisation auch. In den ehemaligen Sowjet-Republiken Turkestans herrscht bereits offener Bürgerkrieg; in der Türkei schwelt der Kampf zwischen Türken und Kurden noch im Untergrund - von Zeit zu Zeit bricht er aber auch schon mal hervor.

Und nun ist Dikigoros auf der Rückreise von der Donau an den Rhein, sitzt in einem der vielen vollen Züge (aber das ist eine andere Geschichte) und blättert in der Broschüre der besagten Veranstaltung, auf deren Titelblatt Prinz Eugen prangt, mit langer, gelockter Perücke. "Wer ist denn das?" fragt sein junger Abteilnachbar, der sich als polnischer Student der Germanistik und Geschichte namens Jan vorstellt. "Das ist Prinz Eugen von Savoyen, der österreichische Feldherr, der die Türken vor Wien geschlagen hat." - "Die Türken vor Wien geschlagen? Wann soll denn das gewesen sein?" - "Im 17. Jahrhundert." - "Da hat nur einer die Türken vor Wien geschlagen, 1683, in der Schlacht am Kahlenberg." - "Genau." - "Nämlich Jan III., der König von Polen. Eugen von Savoyen, der übrigens kein Österreicher, sondern Franzose und gebürtiger Pariser war, war 1683 gerade erst als 20-jähriger Fahnenjunker ins österreichische Heer eingetreten, weil er in Frankreich für untauglich zum Kriegsdienst befunden worden war. Deshalb hat er später im Spanischen Erbfolgekrieg auch mit besonderer Wut gegen die Franzosen gekämpft, um denen zu zeigen, wie tauglich er war. Aber wir Polen haben Europa 1683 vor den Türken gerettet. Wir haben das übrigens vor 14 Jahren groß gefeiert - Sie in Deutschland auch?" Dikigoros spürt, daß er rot wird, was äußerst selten bei ihm vorkommt. Er redet irgend etwas daher, daß er damals nicht in Deutschland war und das deshalb nicht so genau weiß. "Das müssen Sie doch wissen. Wir haben zum Beispiel Gedenkmünzen auf dieses Ereignis geprägt." - "Damals, noch unter kommunistischer Herrschaft?" - "Ja. Die hängt uns wohl noch ewig an in Ihren Augen." - "Wie kommen Sie darauf?" - "Nun, das scheint bei Ihnen doch schwerer zu wiegen als das, was wir 1683 für Sie getan haben. Zum Dank dafür ist die Türkei heute mit der Europäischen Union assoziiert, und ohne den Widerstand der Griechen wäre sie schon Vollmitglied. Polen bleibt dagegen außen vor, beides vor allem auf deutsches Betreiben." - "Das eine ist drei Jahrhunderte her; die Ermordung und Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien nur ein halbes."

Jan vertieft das nicht; insbesondere versucht er nicht, es mit den üblichen Hinweisen auf den National-Sozialismus zu entschuldigen. Solche Versuche provoziert Dikigoros immer gerne - seine Schwiegermutter ist Volksdeutsche aus Polen; er weiß daher, was seit einiger Zeit nicht mehr in deutschen Schulbüchern stehen darf, nämlich daß die Deutschen in Polen schon lange vor 1933 grausam unterdrückt und verfolgt wurden und daß der Bromberger Blutsonntag von 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, keine Erfindung der Nazis war. (Jan hat das wohl aus gutem Grund nicht vertieft, wie Dikigoros nach seiner Rückkehr beim Blick in einen Münzen-Katalog feststellen wird: Die Gedenkmünze auf Jan III war eine eher zufällige Dutzend-Prägung innerhalb einer Serie auf die polnischen Könige - auch wenn darauf sein Sieg bei Wien pflichtgemäß vermerkt wurde; aber "richtige", d.h. speziell auf den jeweiligen Anlaß geprägte Gedenkmünzen hat Polen sich für ganz andere Ereignisse vorbehalten: 1984 für den 40. Jahrestag der Errichtung der "Volks"-Republik, oder 1989 für den 50. Jahrestag des Kriegsbeginns gegen die verhaßten Deutschen, die ihnen leider knapp zuvor gekommen waren - die Polen hatten ja schon längst ihre eigenen Angriffspläne in der Schublade. Andere gefeierte Ereignisse, derer auf polnischen Gedenkmünzen gedacht wurde, waren z.B. der polnische Überfall auf die frechen Oberschlesier, die es 1921 gewagt hatten, für Deutschland zu stimmen, die Gründung der polnischen Partisanen-, pardon, "Volks"-Armee" 1943 und die Annexion der deutschen Ost-, pardon, urpolnischen Westgebiete 1945. Und natürlich darf bei den regelmäßigen Gedenkfeiern auch die Schlacht von Tannenberg 1411 nicht fehlen, und sei das Jubiläumsjahr noch so krumm und an den Haaren herbei gezogen wie der ganze Anlaß; denn das war damals ja keineswegs ein "Kreuzzug" der deutschen Ordensritter gegen die Polen gewesen, wie letztere gerne behaupten - sonst hätte ihn Dikigoros längst erwähnt -, sondern ein schlichter Kampf zwischen verfeindeten Lehensherren, der dadurch entschieden wurde, daß während der Schlacht mehrere "deutsche" Kontingente zum Heer des Königs von Polen überliefen. Was schließlich die Türken vor Wien anno 1683 anbelangt, so hat der König von Polen die zwar tatsächlich mit bekämpft; aber nun allein ihm den Sieg zuzuschreiben ist doch etwas übertrieben: Herzog Karl von Lothringen und Graf Rüdiger von Starhemberg - dem Idol der österreichischen Rechten - gebührt da ebenso viel Verdienst.)

Aber an alledem trägt jemand wie Jan natürlich keine Schuld; er ist jung, und er sieht in die Zukunft: "Sie werden uns bald wieder brauchen. Die Türken beherrschen bereits große Teile Berlins und anderer deutscher Großstädte, die Russen andere, das sind unsere gemeinsamen Erbfeinde; den Blick auf diese Tatsache sollten Sie sich nicht verstellen lassen durch irgendwelche politische Ismen. Uns hat niemand gefragt, ob wir kommunistisch werden wollen, jedenfalls nicht meine Generation. Wir hätten auch gerne DM und West-Autos gehabt." - "Ja, ich weiß," versetzt Dikigoros, "Sie sind ja jetzt auch schon im Weltraum. Schauen Sie mal aus dem Fenster." Draußen ist es mittlerweile stockdunkel; der Sternenhimmel funkelt. "Wie meinen Sie das?" - "Der große Wagen ist weg." Aber Jan kann über den Witz nicht lachen; nun ist es an ihm, rot zu werden. "Die Autodiebe sind in Polen nur eine Minderheit, genauso wie es die Nazis in Deutschland waren." - "Ich bezweifle, daß die Nazis in Deutschland eine Minderheit waren," sagt Dikigoros, "und die Autodiebe in Polen, na ja..." - "Sie gehören also auch zu unseren Feinden," meint Jan traurig, "waren Sie mal in Polen?" - "Ja, und nach allem, was ich gesehen habe, glaube ich nicht, daß es reif für die EU ist. Und was die Türken anbelangt, da mögen Sie zwar Recht haben; aber Sie können uns da auch nicht helfen." Er schenkt Jan zum Abschied die Broschüre über Prinz Eugen. "Schreiben Sie dem Herausgeber, was nach Ihrer Meinung falsch ist; vielleicht korrigiert er es ja in der nächsten Auflage."

* * * * *

Dikigoros denkt zurück an seine erste Reise nach Lissabon und was er inzwischen über die Eroberung von Byzanz durch die Türken gelesen hat. "Ein Glück, daß die Griechen uns davor bewahren," denkt er und fühlt sich einmal mehr in der Überzeugung bestätigt, daß Reisen bildet, "das ist die einzige Rechtfertigung für ihre eigene Mitgliedschaft in der EU." Er findet noch immer, daß die Griechen ein komisches Völkchen sind; aber mit dem Verstehen (er spricht inzwischen recht gut Neu-Griechisch) ist auch sein Verständnis gewachsen, sogar für die jüngere Generation, jene komischen Nudeln, die mit ihren schwarz-gekleideten, kinderreichen Müttern so gar nichts mehr gemeinsam haben. Seine Nachbarin, eine gebürtige Griechin und seit ihrer Heirat 150%ige Deutsche (obwohl sie selber Deutsch nie ganz ohne Akzent zu sprechen gelernt hat, hat sie ihre Tochter einsprachig aufgezogen), hat keine Karte von Groß-Griechenland mit der alten Hauptstadt Konstantinopel an der Wand hängen, sondern ein Foto ihres im Streit mit einer türkischen Schlägertruppe getöteten Ehemannes (er war Polizist) und eine Karte der Groß-BRD mit der neuen Hauptstadt Berlin, die sie sich von der Bundeszentrale für politische Bildung geholt hat. Ihr ist es ziemlich egal, ob ein französischer Prinz oder ein polnischer König einst Wien vor den Türken gerettet hat: "Wenn nicht endlich ein deutscher Regierungschef es ihnen gleich tut, geht es uns bald wie den Byzantinern. Dann können wir Berlin in Neu-Istanbul umbenennen."

Niki - so heißt sie, nach der altgriechischen Göttin des Sieges, die ihr Volk in den letzten Jahrzehnten so unbarmherzig im Stich gelassen hat - sieht das alles ganz anders als damals der Archäologie-Student aus München: "Selbstverständlich gehören wir zu Europa, zu West-Europa. Was haben wir denn mit den Russen zu schaffen? Die haben doch schon lange ihre eigene orthodoxe Kirche gegründet, die unseren Patriarchen nicht mehr anerkennt, und die ist völlig von Kommunisten unterwandert." - "Und Konstantinopel?" - "Was?" - "Byzanz, Istanbul." - "Ach so. Ja, was soll damit sein?" - "Na, und die ganzen Gebiete, die Griechenland in Kleinasien verloren hat?" - "Da haben wir nichts verloren, das war in Wirklichkeit ein Gewinn." - "Wieso?" - "Na, wie für Deutschland, daß es seine Ostgebiete los geworden ist. Die waren doch ganz arm, und die anderen Siedlungsgebiete der Deutschen in Ost-Europa auch, weil sie da so viele fremdländische Faulpelze mit durchschleppen mußten. Wenn die Deutschen dort geblieben wären, wären sie inzwischen alle slawisiert, sieht man doch an den Aussiedlern. Die Deutschen können froh sein, daß diese guten Leute nach dem Krieg rechtzeitig zurück gekommen sind, solange sie noch Deutsche waren. Und wir Griechen genauso. Unsere tüchtigsten Leute stammen aus Kleinasien. Wenn sie 1923 nicht vertrieben worden wären, wäre Onassis heute ein Türke."

Nein, mit diesen Griechen ist kein Kreuzzug gegen Byzanz mehr zu führen. Die führen jetzt ganz andere Kreuzzüge, zum Beispiel gegen die Diskriminierung der Frau, für ihre Emanzipation. Diskriminierung heißt Unterscheidung - sollen die Unterschiede zwischen Männern und Frauen einfach per Dekret aufgehoben werden? Und Emanzipation heißt Befreiung. Befreiung wessen wovon wozu? Die deutschen Frauen kennen das ja aus der Nachkriegszeit: Befreiung von ihren Vätern, Männern, Brüdern und Söhnen (und sie müssen dankbar dafür sein, denn das könnten ja alles Nazis gewesen seien), nebenbei noch von ihren Uhren, von ihren Lebensmittel-Vorräten, von ihren Häusern und Arbeitsplätzen - aber kann man das auch mit den Griechinnen machen, mitten im Frieden? Oh ja, man kann: Als erstes befreit man sie von ihrem gesetzlich verbrieften Anspruch auf eine Mitgift gegen ihre Väter, weil es doch "ungerecht" sei, daß Frauen ohne Mitgift praktisch keinen Mann bekämen. Bis dahin hatte die Verheirateten-Quote in Griechenland bei nahezu 100% gelegen - es war die höchste in Europa, denn kein Mann durfte heiraten, bevor nicht alle seine Schwestern unter der Haube waren - deshalb brachten in der Praxis auch meist die Brüder die Mitgift auf. Nun sackt die Heiratsquote plötzlich dramatisch ab. Die Regierung, nicht faul, führt das auf die kirchliche Eheschließung zurück und nimmt das zum Anlaß, die Zivilehe einzuführen. Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten: Binnen eines Jahrzehnts fällt Griechenland in der Ehe-Quote vom ersten auf den letzten Platz Europas zurück. Die Regierung führt das auf die Unlust der Frauen zum Kinderkriegen zurück und gibt die Abtreibung frei. Auch das bleibt nicht ohne Folgen: Die Zahl der Eheschließungen nimmt zwar nicht zu, aber Griechenland fällt auch in der Geburten-Statistik vom ersten auf den letzten Platz in Europa zurück. Dafür klettert es in der Statistik der Abtreibungen vom letzten auf den ersten Platz: Auf eine Geburt kommen nun fast drei Abtreibungen.

Und Frauen ohne Mitgift finden - zur Überraschung nur der Regierung - auch weiterhin keinen Ehemann in Griechenland. "Sollen sie sich ihre Mitgift doch selber verdienen," sagt die Regierung und entfacht eine massive Bildungs-Offensive. Sie feiert es als großen Erfolg, daß nun mehr Mädchen als Jungen die höheren Schulen und Universitäten besuchen; und damit sie auch ja alle einen Abschluß schaffen, schafft "MM", die neue Kultus-Ministerin (eine abgehalfterte Chanson-Sängerin und glühende Hasserin alles und aller Deutschen) die alte Schriftsprache ab und führt die neue Volkssprache als verbindliche Amts- und Unterrichts-Sprache ein. Das ist, als ob an den Ämtern und Schulen im tiefsten bayrischen Wald auf einen Schlag Hochdeutsch durch Bayrisch als Schriftsprache ersetzt würde. Das mag praktisch sein für Leute wie Dikigoros, die Griechisch mühsam als Fremdsprache lernen müssen und sich nun freuen, daß sie endlich die meisten Akzente vergessen können, die sie sowieso nie richtig gesetzt hatten; aber schon seine Griechisch-Lehrerin macht ein langes Gesicht: Sie hat auf der Schule noch die Schriftsprache gelernt und die meiste Zeit ihres Erwachsenen-Lebens in Österreich verbracht; und nun kann sie weder richtig Hochdeutsch sprechen noch richtig Neu-Griechisch schreiben. Und den jungen griechischen Frauen und Mädchen hilft das natürlich auch nichts, denn denen, die zu blöde sind, um die eigene Sprache richtig zu lernen, kann man zwar ein Abitur-Zeugnis und vielleicht sogar ein Universitäts-Diplom in die Hand drücken, aber man erreicht damit nur, daß sie ein paar Jahre später in der Arbeitslosen-Statistik auftauchen. Doch auftauchen tun sie unweigerlich, denn anders als die unfreiwillig "emanzipierten" deutschen Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg, die in so genannte "Männer-Berufe" ausweichen konnten, können ihre verspäteten griechischen Schwestern das nicht: Griechenland hat schon nicht genügend Arbeitsplätze für seine jungen Männer, geschweige denn, noch einmal so viele (oder mehr) für ihre jungen Frauen, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Und während in den Sommer-Monaten die Urlaubs-Reisenden aus West- und Mitteleuropa die Strände Griechenlands überlaufen, setzt fast unbemerkt eine entgegen gesetzte Reisewelle von Griechenland nach West- und Mitteleuropa ein, vor allem nach Deutschland. Die klugen Griechinnen reisen dorthin, um zu heiraten (deutsche Ehemänner bekommen sie auch ohne Mitgift), weniger kluge, um - "befreit" von Vätern, Brüdern, Männern und Söhnen - zu arbeiten.

Niki ist ein Beispiel dafür, daß auch die Klugen manchmal die Dummen sein können: Als die Türken ihren Mann ermordeten, war er Ende zwanzig; Anspruch auf Witwenrente hatte sie noch nicht; und wenn sie ihn mit Mitte 40 hätte, läge die unter dem Sozialhilfesatz. Aber sie ist in Deutschland geblieben und schlägt sich mit Hilfsarbeiten - hausmeistern und putzen - durchs Leben. Und wem verdankt sie das alles? Was ist das für eine Regierung, die so viel Unglück über eine ganze Generation junger Mädchen gebracht hat wie noch nie zuvor in der an Unglück wahrlich nicht armen Geschichte Griechenlands? Nun, Griechenland hat zwar den alten König verjagt und die Monarchie formell abgeschafft; aber dafür gibt es jetzt eine neue Erb-Dynastie, die der sozialistischen Parteibonzen-Familie Papandreou. Ihr Begründer, der den Namen des Heiligen trug, nach dem auch die Festung von Lissabon benannt ist, hatte den König zum Teufel gejagt und ihn beerbt; der mittlere, der jetzt an der Macht ist und den Namen des englischen National-Heiligen trägt, hat seine alte Frau, die Vorsitzende des griechischen Emanzen-Verbandes, zum Teufel gejagt und eine vollbusige Edel-Nutte, die seine Enkelin sein könnte, erst zu seiner Maitresse, dann zu seiner neuen Ehefrau gemacht.

Seitdem führt "Mimi" de facto die Regierungs-Geschäfte für den schon ziemlich vertatterten Polit-Greis. Ihre Ehe mit ihm erkennt freilich kein billig und gerecht denkender Grieche als solche an; also sollen auch die anderen Frauen keine Ehe mehr führen können. Sie hat keine Kinder, also sollen auch die anderen Frauen keine bekommen - und wenn sie denn schwanger werden, sollen sie gefälligst abtreiben. Sie hat selber anschaffen müssen, also sollen auch die anderen Frauen gezwungen werden, mit Lohnarbeit Geld zu verdienen; und das gilt im östlichen Mittelmeerraum traditionell - und im Inneren Anatoliens bis heute - als gleichbedeutend mit Prostitution: Nicht der Sex ist das Verwerfliche, sondern das sich-von-fremden-Männern-für-eine-Tätigkeit-bezahlen-lassen. So einfach ist das also. Der jüngste Papandreou heißt wieder wie sein Großvater und ist bereits stellvertretender Außen-Minister; er wird sicher bald die Regierungs-Geschäfte übernehmen, wenn seine Stiefmutter das Zeitliche gesegnet hat.

[Wappen Malta]

Wieder ein paar Jahre später. Dikigoros und seine Frau verbringen ihren Urlaub auf der alten Kreuzritter-Insel Malta - endlich einmal. Sie haben sich das immer aufgehoben und aufgeschoben, denn so etwas können auch ältere Leutchen noch problemlos machen; da muß man nicht mehr so gut drauf sein wie für eine selbst-organisierte Abenteuer-Reise durch Anatolien, wie einst ihre Hochzeits-Reise. Aber tatsächlich ist diese Reise schlecht vorbereitet, und das liegt daran, daß Dikigoros ihre Planung seiner Frau überlassen hat, die das Programm voll gestopft hat mit der Besichtigung von Museen, Kirchen und prä-historischen Hinkelsteinen - so lernt man Land und Leute nicht kennen. Aber wie auch? Sie beherrschen ja nur die Touristen-Sprachen Englisch und Italienisch, kein "Maltesisch" (ein arabischer Dialekt, wenngleich mit lateinischen Lettern geschrieben) - mit wem sollen sie also groß Kontakt aufnehmen als mit den offiziellen Vertretern des Tourismus, von dem die Insel überwiegend lebt? Gewiß, sie haben sich vorab informiert über all die Heldentaten, die hier Geschichte gemacht haben: Die Abwehr der Türken (deren Eroberungsversuche in Europa sich ja nicht auf Wien beschränkt hatten) anno 1565 durch die braven Malteser-Ritter, nach deren Anführer La Valetta die Hauptstadt der Insel benannt ist, und die Abwehr der bösen Nazis und Fascisten im Zweiten Weltkrieg, die entscheidend war für den Sieg der Alliierten in Nordafrika - beide Ereignisse werden vor allem von britischen Historikern und Fremdenführern immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses gestellt. Heuer organisieren die Briten keine Seereisen nach Lissabon mehr, sondern Flugreisen zu ihrer einstigen Kolonie. Auf den ersten Blick könnte man meinen, daß sie es heute noch ist; denn trotz der Unabhängigkeitserklärung von 1974 blieben ja britische Truppen im Lande, halt nicht als Besatzer, sondern als "Verbündete"; und obwohl jenes "Bündnis" von der kommunistischen Regierung Maltas fünf Jahre später nicht verlängert wurde (statt dessen verbündete sie sich mit Libyen, wo der Terroristenführer Gaddafi ein Jahrzehnt zuvor die Macht an sich gerissen hatte), scheint die Insel nach wie vor fest in der Hand britischer Matrosen und Marine-Soldaten zu sein, die halt weiterhin hierher auf Urlaub fahren. Es ist ein eher ungehobelter Menschenschlag, der seinem Mutterland weder Respekt noch Sympathien gewinnen kann - Leute, die ihre tätowierten Bierbäuche vor sich her schieben und keinen Portwein mehr zu schätzen wissen. Aber Hauptsache, man verdient gut an ihnen - und das tut man, denn die Preise sind gesalzen; Dikigoros und seine Frau sind froh, daß sie ihre Kredit-Karten mit haben. Und das Preis-Leistungs-Verhältnis könnte kaum schlechter sein: Sie sind beide weiß Gott nicht verwöhnt; aber was hier unter "4-Sterne"-Hotel läuft hätte nicht mal in der Türkei einen, geschweige denn im christlichen Abendland, von den Restaurants ganz zu schweigen... Erst langsam bekommen sie Kontakt zur einfachen Bevölkerung, die auf jene beiden "Heldentaten" pfeift, da sie sowohl die Ritter des Malteser-Ordens (der längst nach Rom übergesiedelt ist, wo er von Gnaden des Papstes lebt) als auch die Briten des Zweiten Weltkriegs als Besatzer betrachtet - ihre Vorfahren hätten sich nichts sehnlicher gewünscht als von den Truppen des Osmanischen Reichs bzw. der Achse befreit zu werden. Und heute? Kreuzfahrer unerwünscht, mit Ausnahme der Kreuzschiff-Fahrer, die eine Menge Geld da lassen, und dazu gehören Dikigoros und seine Frau nun mal nicht. Sie sind sich einig: das war ihr erster und letzter Urlaub auf dieser Proleten-Insel.

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Ende des 20. Jahrhunderts. Gute Kunde zieht durch die Reisebüros Europas: Die Tourismus-Branche lebt wieder von organisierten Kreuzfahrten (und das nicht schlecht). Beliebteste Reiseziele sind Palma de Mallorca im Süden der Iberischen Halbinsel und das Hinterland von Byzanz, vor allem die Südküste Anatoliens. Hauptsache weit weg von Mittel-Europa, da kann der Kreuzfahrer die niedrigsten Reisepreise verlangen, vor allem an der "östlichen Riviera" mit dem alten Kreuzfahrer-Hafen Antalya (so wird das jetzt geschrieben); im Jet-Zeitalter ist die nur wenige Stunden von zuhause entfernt. Dort sitzen zwar schon seit langem die Türken, aber das sind ja inzwischen zivilisierte Menschen geworden, d.h. solche, die auch gerne gut verdienen, z.B. dem Souvenir-Handel, mit Hotels, Restaurants und Bars. (Dort darf man inzwischen so viel Alkohol trinken wie man will und [bezahlen] kann: Es gibt türkischen "Raki" [ein Mißverständnis infolge eines Übersetzungsfehlers aus dem Griechischen, genauer gesagt aus dem Kretischen, wo "Raki" das ist, was die Italiener "Grappa" nennen, nämlich farbloser Weinbrand aus Trester-Abfällen; die Türken bezeichnen dagegen mit "Raki" das, was die Griechen "Ouzo" nennen, nämlich Anis-Schnaps] und sogar türkisches Bier!) In ganz Europa wimmelt es von Döner-Buden und Shish Kebab. Mit den terroristischen Ägyptern, die auf Kreuzfahrer-Busse schießen, und den intoleranten Arabern, bei denen weibliche Pilger nicht oben ohne am Strand herum liegen und selbst männliche in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken dürfen, kann man sich dagegen nicht mehr arrangieren.) Das verdankt man sicher dem Umstand, daß viele von ihnen in Deutschland leben - allerdings längst nicht so viele wie umgekehrt jedes Jahr Deutsche in die Türkei pilgern - und dort deutsche Lebensart, d.h. Weißwürste mit Sauerkraut und Bier kennen gelernt haben, die sie nun auch bei sich zuhause kultivieren. Die Kreuzfahrer - eher die ungehobelte Sorte, aber an der verdienen die Reiseveranstalter am besten, denn die Masse macht's, und die Jumbos müssen voll werden - haben ihr neues Gelobtes Land so gründlich erobert und so fest in der Hand wie die mittelalterlichen Kreuzfahrer es nie geschafft hätten. Gewiß, auch hier drohen Gefahren, z.B. könnten Terror-Anschläge der kurdischen Minderheit dem lukrativen Fernreise-Verkehr bald ein Ende machen. Das wäre ärgerlich. Doch die Reiseveranstalter wissen Rat: Mit Gottes Hilfe bauen sie die Touristik-Hochburgen zu Festungen aus, auch die besser gesichert, als es sich die mittelalterlichen Kreuzfahrer je hätten träumen lassen, mit Stacheldraht-Zäunen und schwer bewaffneten Posten drum herum. Da bleibt einem auch der ohnehin unerwünschte Kontakt mit den Einheimischen weitgehend erspart.

Dikigoros und seine Frau verbringen ihren Urlaub in Portugal. Dort gibt es auch eine beliebte Südküste, an der nur noch der Name - Algarve - arabisch ist; aber die ist nicht so wohlfeil und daher Gott und seinen christlichen Pilgern nicht so wohlgefällig wie die Südküste der Türkei. Die Schmierereien an den Hauswänden Lissabons sind längst beseitigt, ebenso der alte Feigenbaum auf der Praça da Figueira, die nach ihm benannt ist, unter dem Dikigoros einst Blätterteig-Pasteten mit Portwein zu frühstücken pflegte. Die byzantinische Flagge ist inzwischen wieder durch die alte portugiesische ersetzt worden, mit dem Wappen der Bragança-Könige in der Mitte, obwohl - anders als in Spanien - kein König regiert, auch keine kommunistischen Militärs, sondern ein EU-Kommissar, d.h. er läßt regieren, von irgendwelchen portugiesischen Marionetten. Denn Portugal und Spanien sind inzwischen (wie Griechenland, nicht aber die Türkei - Byzanz bleibt draußen) in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen worden und erhalten reichlich Subventionen. Nicht zuletzt dadurch ist alles ziemlich teuer geworden; deshalb taugt Portugal auch nicht mehr zur echten Touristik-Hochburg. Dikigoros steht wieder oben auf dem alten Festungsberg von Lissabon und blickt hinunter: In der Ferne sieht er die nicht mehr ganz so berühmte Hänge-Brücke, die nun gar keinen Namen mehr hat, dafür aber schon einige Rostflecken. Am Fuße des Berges liegt noch immer die Alfama. Von ihrem einst arabischen Gepräge ist nichts mehr geblieben außer dem werbewirksamen Namen und ein paar Nepp-Lokalen, in denen mehr schlecht als recht "Fado" gejault wird, oder das, was die Touristen dafür halten. Deutsche Touristen können auch gleich zuhause bleiben und sich von cleveren Musikproduzenten erzählen lassen, eine gewisse Mísia, die dort seit Anfang der 90er Jahre herum turnt, pardon tourt, sei die neue "Königin des Fado". (Dabei ist die Frau zwar zufällig in Portugal geboren, aber ihre Eltern stammen aus Spanien, wo sie auch aufgewachsen ist; und sie singt nur "modernes", linkes Zeug, das überhaupt nichts mit dem "[r]echten" Fado zu tun hat, den sie ganz offen als "vergammeltes Relikt der älteren Generation" bezeichnet - das Wort "Saudade" kommt im Wortschatz des Kastilianischen nicht vor, und so streicht sie es auch aus den Texten ihrer "Fados" und ersetzt es durch das deutsche Wort "Sehnsucht".) Und holländische Touristen können sich das gleiche über die ebenso linke Cristina Branco erzählen lassen, die ihren "corpo iluminado" vorzugsweise in Amsterdam präsentiert. Wer dagegen Dulce Pontes, die wahre musikalische Erbin der Amália Rodrigues, singen hören will, muß nach Porto fahren, in die alte Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft; dort tritt sie ab und zu im Coliseum auf. Aber dazu hat Dikigoros keine Lust. Und der Portwein - streng nach EU-Norm hergestellt, die Alkoholgehalt, Farb- und Süßstoffe exakt vorschreibt, damit die Qualität immer schön gleich bleibt - schmeckt ihm auch nicht mehr. (Auf Rückfrage eines Leser: Ja, das war einer der Gründe - wenngleich nicht der einzige -, weshalb er zum Abstinenzler geworden ist :-)

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Nachtrag: Die Zeit ist nicht stehen geblieben, sondern über vieles, was Dikigoros oben geschrieben hat, hinweg gegangen: Im November 2002 sind auch in der Türkei die Islamisten an die Macht gekommen - ganz legal, durch freie Wahlen (da sieht man mal wieder, wozu die Demokratie gut ist)! Das war der Anfang vom Ende des christlichen Pilger-Tourismus. (Fünf Jahre später besuchen fast nur noch ent-gläubigte Ex-Sowjet-Menschen - Russen und Ukraïner stellen jetzt über 80% der Reisenden - das Land, das ihre Tsaren so lange für das orthodoxe Christentum hatten zurück erobern wollen.) Aber das will im Westen noch niemand wahr haben, ganz im Gegenteil: Verbrecherische Politiker, insbesondere aus der BRDDR, betreiben weiterhin die Aufnahme der re-islamisierten Türkei in die EU - wohl wissend, daß damit eine "ganze legale" Invasion von mindestens 10 Millionen Muslimen ins ent-christlichte Mitteleuropa einsetzen würde. Unterdessen werden den katholischen Polen, die im Westen arbeiten wollten - vom Erntehelfer bis zur Haushaltshilfe - alle möglichen juristischen Knüppel zwischen die Beine geworfen - ganz wie Jan es voraus gesehen hatte -, obwohl Polen im Mai 2004 EU-Mitglied geworden ist. Aber mit einem Pilgerreiseboom etwa nach Tschenstochau ist das nicht verbunden gewesen - das kennt außerhalb Polens noch heute kaum jemand. Nein, der Pilger-Tourismus hat sich völlig unerwartet einem anderen Ziel zugewendet, und Dikigoros kann noch nicht einmal schreiben, einem neuen Ziel, denn es ist eigentlich ein ganz altes: Santiago de Compostela. Kleine Anlässe, große Wirkungen: Anno 2006 beschließt ein schwuler Hanswurst, dessen Albernheiten auf der Bühne und auf dem Bildschirm niemand mehr sehen und hören will, "mal weg" zu gehen, nämlich auf den alten Pilgerpfad; und als er zurück kommt, schreibt er darüber ein Buch. Was niemand für möglich gehalten hätte: "Ich bin dann mal weg" wird ein Bestseller. Millionen Leute kaufen es - was weder am Autor noch am Inhalt liegen kann, sondern nur... am Thema! Bald darauf beginnt sich ein Pilgerstrom ungeahnten Ausmaßes über den Weg zum Heiligen Jakob zu ergießen - pro Jahr machen sich wesentlich mehr Menschen auf die Socken als auf allen Kreuzzügen des Mittelalters zusammen genommen. Freilich reisen sie auch wesentlich weniger unbequem, denn clevere Reiseveranstalter organisieren das mit modernen Verkehrsmitteln viel perfekter, als es sich ihre Vorfahren 800 Jahre zuvor jemals hätten träumen lassen: Nun kann man mit dem Flugzeug nach Bordeaux pilgern und von dort den Pilgerbus bis nach Galizien nehmen. Zwischendurch kann man ab und zu auch mal ein paar Minuten aussteigen, sich die Beine vertreten und im "Pilgerlook" fotografieren - oder gar filmen - lassen, damit man seine Frömmigkeit dokumentieren kann und Petrus einen, wenn man denn dereinst vor dem Himmelstor steht, nicht mit dem schnodderigen Satz eines alten Troubadours: "Sie müssen erst den Nippel durch die Lasche ziehn" abweist. So schließt sich der Kreis - vorläufig; wer weiß, ob sich die Geschichte nicht auch im "Nahen Osten" bald wiederholen wird?

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