Ein Paß kann [k]eine Brücke sein
von Bergen, Gebirgen, Pässen und Grenzen . . .
und Völkern, denen sie zum Schicksal wurden

"[ . . . ] daß der Glaube keine Berge versetzt, wohl
aber Berge dorthin setzt, wo es keine giebt."
(Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 51)

[Paßstraße] [Begegnung am Khaibar-Paß 1842]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Mißfallen Euch die Anspielungen in der Überschrift, liebe Leser? Oder womöglich auch der Inhalt? Weil Ihr des Glaubens seid, daß ein Paß doch Berge versetzen oder zumindest überbrücken kann? Und womöglich auch die Gegensätze, die sich dahinter ver-bergen? Nun, Dikigoros hat bereits an anderer Stelle geschrieben, daß ein Lied entgegen anders lautenden Gerüchten nicht nur eine Brücke sein kann - jedenfalls nicht, wenn man das auf "Brücke der Freundschaft" verengt, und die Brücke, welche die Feindschaft schlägt, verdrängt, wie das heutzutage so oft geschieht -, sondern auch eine Grenze, eine Abgrenzung. - Ja, aber ein Paß? Was versteht Dikigoros darunter bloß? Nein, nicht jenes geduldige Stück Papier, mit dem einige Polit-Narren, pardon Gutmenschen glauben, die Grenzen zwischen Menschen unterschiedlicher Abstammung und Nationalität ver-bergen, versetzen oder überbrücken zu können. Auch nicht den berühmten Paß in die Tiefe des Raumes, der die Balltreter auf dem grünen Rasen miteinander verbindet, sondern (ausnahmsweise mal :-) überhaupt nichts Hintergründiges, vielmehr schlicht und einfach einen Weg über ein Gebirge. - Und das soll sich mit "Abgrenzung" vertragen? Gebirge trennen Länder und Völker, sie bilden oft Grenzen zwischen Staaten, vor allem wenn sie schwierig zu überwinden sind; aber die Pässe ermöglichen ja gerade letzteres, schaffen Reisewege und Gelegenheiten zu Begegnungen aller Art... Wirklich? Nun, welches die bevorzugte Art solcher Begegnungen ist, darüber hat Dikigoros in anderen Kapiteln seiner Reisen durch die Vergangenheit immer mal wieder mehr oder weniger ausführlich geschrieben. Und wenn Ihr es nicht glauben wollt, dann werft doch bitte mal einen Blick auf die Landkarte und schaut Euch an, wo die meisten bedeutenden Gebirgspässe der Welt liegen: Ihr werdet kaum einen finden, der nicht an einer Staatengrenze (eine "Staatsgrenze" gibt es nicht, liebe Germanisten aus der DUDEN-Redaktion, auch wenn Ihr dieses Wort gerne und gedankenlos gebraucht - das ist ein Widerspruch in sich, pardon, Ihr könnt ja kein Deutsch, das ist eine contradictio in adiecto, denn ein Staat kann ja nicht an sich selber grenzen; zu einer Grenze gehören immer mindestens zwei Staaten!) liegt und der nicht Schauplatz von Begegnungen der ersten - und für viele Beteiligten letzten - Art war, nämlich erbitterter Schlachten. Dikigoros hat sie fast alle gesehen, aber meist nur im Vorüberfahren; und dennoch - oder gerade deshalb - will er Euch mit auf eine Reise in die Vergangenheit nehmen, als an jenen Orten noch mehr "los" war, wie man so schön sagt.

Habt Ihr schon mal von den altgermanischen Sagen gehört? Nein, nicht von Siegfried in Worms und all dem anderen Zinnober, der im "Nibelungenlied" steht, sondern von der "nordischen" Mythologie der Isländer? Wo fand die letzte Begegnung zwischen den Asen und den Mächten des Böses statt? An der Grenze zwischen Asgård und Hel, am Bifröst-Paß, über den die Regenbogen-Brücke führt (von der Dikigoros sich immer gefragt hat, wie die noch stehen soll, wenn doch die Sonne nicht mehr scheint), die Heimdall bewacht - aber das ist eine andere Geschichte. Und habt Ihr schon mal von König Leonídas von Sparta und seinen Lakedaimoniern gehört? Wo fand die letzte Begegnung jener warmen Brüder (ja, es war eine Schwulen-Truppe, das gehörte zur Ausbildung, denn die alten Griechen glaubten, daß solche "Männerfreundschaften" das Zusammengehörigkeitsgefühl und somit die Kampfkraft der Einheiten stärken müßte) mit den Persern statt? Na klar, am Paß der warmen Spieße ("Thermopylen" - kein Scherz, sondern nur ein Treppenwitz der Geschichte :-) - aber auch das könnt Ihr an anderer Stelle nachlesen. Und habt Ihr schon mal vom "Rolandslied" gehört? Bestimmt. (Und wenn nicht, dann könnt Ihr hier etwas darüber lesen.) Wo fand die letzte Begegnung des von den Deutschen "Roland", von den alten Franzosen "Rollant" und von den Spaniern "Roldan" genannten Paladins Karls des Großen mit den "Sarazenen" (oder, wie wir heute zu wissen glauben, den Basken) statt? In dem Talkessel (den die Franzosen "Roncevaux", die Spanier "Roncesvalles" und die Basken "Orreaga" nennen) vor dem Col de Ibañeta (oder, wie die Basken sagen, Ibanita), einem der wenigen Pässe über die Pyrenäen, welche von Alters her die Grenze zwischen Frankreich und Spanien bilden, genauer gesagt dem Paß, der bis heute das "französische" vom "spanischen" Baskenland trennt - und damit sind wir schon fast beim Thema, denn eigentlich hätte Dikigoros hier doch statt "trennt" auch "verbindet" schreiben können - oder nicht? Aber stellen wir diese Frage noch etwas zurück, denn diese drei Pässe sind eigentlich zu unbedeutend, um ihnen längere Ausführungen zu widmen; und die drei hier kurz gestreiften Ereignisse sind zwar groß in die Literatur-Geschichte eingegangen, doch ihre tatsächliche Bedeutung dürfte - wenn sie denn überhaupt je so statt gefunden haben - eher gering sein: Eine Handvoll Götter, deren Welt eh schon untergegangen ist, ein paar hundert Griechen, die eine Stellung zu halten versuchen, die vom Feind in ihrem Rücken längst umgangen ist, ein Dutzend fränkischer "Paladine", die ohnehin nur noch die Nachhut eines auf dem Rückzug befindlichen Heeres bilden... Im Ergebnis waren das drei völlig unbedeutende Fürze in der Weltgeschichte, denn die nordischen Götter wären dem Christengott auch dann unterlegen, wenn sie in der Sage obsiegt hätten; die alten Perser hätten auf die Eroberung des kleinen, unfruchtbaren Hellás auch dann verzichtet, wenn die Spartaner an den Thermopylen ehrenvoll kapituliert hätten, statt den Heldentod zu sterben; und die Franzosen und Spanier hätten die Basken auch dann platt gemacht, wenn die damals nicht die Nachhut Karls des Großen überfallen hätten.

* * * * *

Habt Ihr schon mal von den Alpen-Pässen gehört, liebe Leser? Na klar, was ein guter Tourist ist, muß die doch kennen - zumindest einige: Den Simplon-Paß, der die Lombardei vom Wallis trennt (obwohl doch auf beiden Seiten der Staatengrenze Italienisch gesprochen wird), den Brenner-Paß, der Südtirol von Nordtirol trennt (obwohl doch auf beiden Seiten der Staatengrenze Deutsch gesprochen wird), und wenn Ihr noch die östlichen Ausläufer hinzu zählt, nämlich die Karawanken und die so genannten Steiner Alpen, dann vielleicht auch noch den Loibl-Paß, der Kärnten (die alte Mark Krain) von "Slowenien" trennt (der alten Oberkrain). Gibt das Euch, liebe Leser, die Ihr nicht an das Trennende, sondern an das Verbindende solcher Pässe glauben wollt, nicht zu denken? Ihr werdet doch nicht bestreiten wollen, daß alle diese Paßwege von Staatengrenzen durchtrennt werden. (Darin unterscheiden sie sich - mitten in Europa - in nichts von so exotischen Pässen wie etwa der Dsungarischen Pforte, die Ost-Turkestan von West-Turkestan trennt, da sie die Staatengrenze zwischen China und Kazaķhstān bildet.) Gleichwohl haben doch an diesen Alpen-Pässen keine größeren Kämpfe mehr statt gefunden, seit Hannibal anno dunnemals über sie nach Rom gezogen war mit seinen Elefanten (die alle bis auf einen erfroren sein sollen - kriegsentscheidend war das also nicht). Warum stellt Dikigoros sie dennoch an den Anfang dieses Kapitels seiner "Reisen durch die Vergangenheit"? Nun, wir wollen hier doch keine Reisen über irgendwelche Pässe als Selbstzweck betreiben, sondern uns auf solche konzentrieren, die für die Völker, welche sie trennen, zum Schicksal geworden sind. Und es gab - vor allem im 19., aber auch noch im 20. Jahrhundert - durchaus ernst zu nehmende Historiker, die behaupteten, daß dies die Schicksals-Pässe des deutschen Volkes gewesen seien. (Ja, ja, das war bevor sich das Schicksal der Deutschen im Osten entschied - aber die Leute konnten ja nicht hell sehen.) "Der Drang der Deutschen nach Süden" bezeichnete lange Zeit nicht die Urlaubswut der Normal-Verbraucher, die es an den Teutonengrill, die Costa Germanica und all die anderen schönen Destinationen zog, die Ihr aus den Reise-Prospekten (oder sogar aus eigener leidvoller Erfahrung :-) kennt, sondern die uns heutigen so schwer begreifliche Sucht der deutschen Könige, sich in Italien, genauer gesagt in Rom, der "ewigen" Stadt, zum Kaiser krönen zu lassen, womöglich vom Bischof von Rom (der sich "papa" - Vater - nannte, was die Deutschen später zu "Papst" verballhornen sollten) höchst persönlich.

Nun war eine Reise von Nordeuropa - d.h. Europa nördlich der Alpen - nach Rom nicht immer so einfach wie im Zeitalter der Flugzeuge, Auto- und Eisenbahnen. Dikigoros hat zwar an anderer Stelle über Reisen - speziell die Reisen von Deutschen - nach Italien geschrieben, aber diesen Aspekt hat er dabei außen vor gelassen. (Wer "Herzliche Grüße aus Italien" gelesen hat, wird die zeitliche Lücke - eben der fast fünfhundert Jahre, in denen das Hauptziel einer Italienreise jene Kaiserkrönung war - sicher bemerkt haben.) Der Doktorvater von Frau Dikigoros (der selber immer wieder gerne nach Italien reiste, vor allem nach Rom - auch zum Papst -, und von jener "Schicksals"-Theorie gar nichts hielt), pflegte seinen Hörern zu erzählen, daß es den deutschen Königen in Wirklichkeit gar nicht um den sentimentalen Titel eines "römischen Kaisers" gegangen sei - jedenfalls nicht in erster Linie -, sondern vielmehr um die Herrschaft über die reichen Städte Nord-Italiens, allen voran Mailand in Lombardien. Hm... ob man da wirklich ein knappes halbes Jahrtausend über ein- und denselben Leisten schlagen kann? Als Otto I anno 961 über den Brenner nach Italien reiste, gab es noch gar keine reichen lombardischen Städte, die zu erobern sich gelohnt hätte (nicht umsonst war die Krone der Lombardei nur ein armseliger Eisenreif); und Mailand konnte es noch lange nicht mit Pavia, der damaligen Hauptstadt, aufnehmen. Auch als Heinrich IV anno 1078 nach Canossa reiste (nicht über den Brenner - den hatten seine Gegner gesperrt -, sondern über den Simplon), tat er das nicht, um weltliche Reichtümer zu gewinnen, sondern um seinen deutschen Thron nicht zu verlieren (Papst Gregor hatte ihn gebannt und einen Gegenkönig aufgestellt). Friedrich Barbarossa... ja, der war wohl wirklich nicht ganz bei Trost, denn er war von einer geradezu manischen Sucht getrieben, Italien zu unterwerfen. Sechs lange - und letztlich erfolglose - Italienzüge unternahm er, eigentlich nur unterbrochen von seinem Kampf gegen Heinrich den Löwen, der gegen die ständigen Züge nach Italien opponierte und statt dessen lieber den deutschen Lebensraum im Osten erweitern wollte. (Deshalb war er im Dritten Reich so populär, deshalb blühte damals auch die These von den schicksalhaft-verderblichen Italien-Zügen noch einmal ungeheuer auf - und deshalb ist sie heute verpönt.) Ja, es war eine manische Sucht, aber das war ein Zug der Zeit: Barbarossas Zeitgenossen hatten noch ganz andere schwachsinnige Ideen, z.B. die Eroberung des Heiligen Grabes (auch Barbarossa selber verfiel ihr noch auf seine alten Tage und ertrank unterwegs - aber das ist eine andere Geschichte) oder die der alten oströmischen Hauptstadt Wisádion ("Byzanz") - diese Ziele lagen auch nicht näher als Italien (räumlich schon gar nicht), und sie waren für Europa nicht weniger schicksalhaft. Was war denn an jenen Italien-Zügen letztlich "schicksalhaft" für Deutschland? Die Ost-Kolonisation verhinderten sie nicht; und für die Staufer - die nun mal aus dem Südwesten des Reiches kamen - war nicht Italien schicksalhaft, sondern ihre Verbindung mit den sizilianischen Normannen und das Gift des orientalischen Einflusses, das vor allem Friedrich II das Gehirn umnebelte. Daß dessen letzter Nachkomme anno 1268 einen Kopf kürzer gemacht wurde, war für Deutschland eher eine Erlösung; und das nachfolgende "Interregnum" (das ja eigentlich gar keines war, aber auch das ist eine andere Geschichte) hat ihm auch nicht weiter geschadet. Als anno 1452 mit Friedrich III zum letzten Mal ein deutscher König über den Brenner zog und sich zum "römischen Kaiser" krönen ließ, war das eigentlich schon nicht mehr zeitgemäß: Nur ein Jahr später sollte im Westen der "100-jährige" Krieg zwischen England und Frankreich zuende gehen und im Osten Byzanz an die Türken fallen; damit waren die Handelsmonopole der oberitalienischen Städte bald nichts mehr wert - man konnte sich also die kostspieligen Italienzüge sparen.

Aber Dikigoros hat Euch die drei oben genannten Pässe ja nicht von ungefähr heraus gepickt.
(...)

[Popocatépetl vom Paso de Cortés aus gesehen]

Habt Ihr schon mal vom Popocatépetl gehört, liebe Leser? Wahrscheinlich, wenngleich ebenso wahrscheinlich falsch betont, nämlich auf der dritten Silbe, aber das ist ja auch nicht ganz einfach - woher soll man schon wissen, wie die Mexikaner (das spricht sich "Meshikaner", das alte spanische "x" war - jedenfalls vor Vokalen - ein weiches "sh", wie im französischen Journal oder Jalousie - was übrigens im Original nicht "Rolladen", sondern "Eifersucht" bedeutet -; die deutsche Aussprache "Mekßikaner" ist ebenso falsch wie das, was die Kastilianer mit ihrem harten, kratzigen "jota" - gesprochen wie "chrota" - daraus gemacht haben) den Namen ihres höchsten Vulkans ("rauchender Berg") betonten? Weniger wahrscheinlich ist, daß Ihr auch von seinem etwas kleineren Bruder, genauer gesagt seiner etwas kleineren Schwester im Norden gehört habt, der Iztaccíhuatl ("weißen Frau"), obwohl auch die fast 5.300 m hoch ist. Daß Ihr auch persönlich dort gewesen seid, ist noch unwahrscheinlicher, denn selbst wenn Ihr mal in México wart und die Zeit nicht nur an den Stränden von Acapulco oder Cancún und in der Hauptstadt tot geschlagen, sondern auch einen oder mehrere Ausflüge gemacht habt, z.B. nach Puebla, dann habt Ihr dabei im Zweifel eher die bequeme Autobahn benutzt als südlich derselben jene alte Landstraße über Amecameca und Cholula, die zu den beiden Vulkanen führt. Aber wie war das vor dem Bau der Autobahn, als es noch keine Autos gab und auch keine Flugzeuge? Da wäret Ihr nicht am Flughafen von "Mexico City" oder Cancún gelandet, sondern - mit dem Schiff - in Vera Cruz, der reichen Stadt des wahren Kreuzes. Im Früjahr 1519 landete dort - genauer gesagt an der Mündung des Tabasco (den die Spanier "Río Grijalva" nannten) ein anderer Reisender, von Kuba kommend, nein, eine ganze Reisegruppe von rund 600 Mann. Ihr Reiseleiter hieß Hernán Cortés. (Ihr könnt ihn auch "Cortez" schreiben, denn er stammte aus der Estremadura, wo man das "z" wie "s" aussprach; aber bitte nicht "Cortes" oder "Cortéz", denn die letzte Silbe ist betont, und das ist sie, wenn das Wort auf "z" endet, auch ohne Akzent auf dem "e", wenn es aber auf "s" endet, nur mit Akzent - das mögt Ihr für verrückt halten, aber Dikigoros hat die spanischen Rechtschreibregeln nicht gemacht :-) Natürlich gab es damals die Stadt Veracruz noch nicht - die ließ Cortés erst später bauen; zunächst einmal hatte er eine ganz andere Stadt im Sinn: Tenochtitlán, die Hauptstadt der "Azteken" (die sich selber "Mexica" nannten), das heutige "Mexico City", damals eine Inselstadt im Texcoco-See (hier - vor Konsonant - dürft Ihr das "x" wie ein deutsches "sch" aussprechen, also "Teschkoko"), die nicht annähernd so groß, versmogt und übervölkert war wie heute mit 20 Millionen Menschen und 5 Millionen Autos. Für letzteres sorgten schon die Bräuche der blutrünstigen Azteken, die rund ein Jahrhundert zuvor ins Hochland eingedrungen waren, die dort ansässigen Völker ausgerottet oder unterworfen und ihre Kulturen weitgehend zerstört hatten. Weitgehend, aber nicht ganz - was zwei Gründe hatte: Erstens brauchten sie immer reichlich Frischfleisch für die Opfer-Orgien zu Ehren ihrer Götter, allen voran den einbeinigen Kriegsgott Huitzilopochtli ["blauer linker Kolibri"] - den die meisten Deutschen seit Carl May "Vitzliputzli" nennen, da dessen Buch über den gleichnamigen Professor ungleich populärer war als das Gedicht aus der schon damals nur wenig bekannten und heute fast vergessenen Sammlung "Romanzero", das Heinrich Heine bereits anno 1851 über die Original-Gestalt geschrieben hatte -, eine Inkarnation des Sonnengottes Tezcatlipoca, was soviel heißt wie "rauchender Spiegel" (so sahen die Azteken die Sonne :-). Gerade erst hatten sie wieder 20.000 Gefangene am Altar abgeschlachtet. (Aber ist das eigentlich schlimmer, als ungeborene Kinder im Mutterleib zu töten, wie es in den heutigen "Kultur"-Staaten geschieht? Es war halt ihre Art der "Bevölkerungspolitik", und sicher nicht grausamer, als das, was man heute beschönigend "Geburtenkontrolle" - welch ein Wort! - nennt.) Und zweitens schöpften sie reichlich aus deren Mythologie. (Sie selber hatten nur eine primitive Abstammungssage gehabt, wonach sie aus Aztaclán - daher kommt ihr heutiger Name - stammten, der einer Naturkatastrofe zum Opfer gefallenen "Stadt der Reiher" - aber das ist eine andere Geschichte.) Eines dieser zerschlagenen Völker waren die Tolteken, und von denen übernahmen die Azteken nicht nur die Zeitrechnung, sondern auch die Legende vom "Quetzalcóatl", der gefiederten Schlange, die einst in Menschengestalt, genauer gesagt in Gestalt eines hellhäutigen Mannes mit langem Bart, zurück kehren und Tod und Verderben über diejenigen bringen sollte, die ihn vertrieben hatten. Wann genau das sein würde, darüber herrschte keine Klarheit; aber da sich die Geschichte alle 52 Jahre wiederholte (das glaubten jedenfalls die Azteken) und just dies wieder eines der Jahre war, in denen Quetzalcóatl auftauchen konnte, hatten die Azteken nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern geradezu Angst, als sie hörten, daß irgendwo an der Ostküste eine solche Gestalt aufgetaucht war - womöglich sogar viele solcher Gestalten. Ihr Häuptling, ein gewisser "Moctezuma" oder "Montezuma" (so nannten ihn jedenfalls die Spanier; richtig, d.h. auf Náhuatl, hieß er wahrscheinlich Moteczuma oder Moteczoma, da sind sich die Gelehrten nicht ganz einig), deutschen Mexico-Touristen vor allem durch die nach ihm benannte Durchfall-Krankheit bekannt, beschloß, ihn erst einmal hinzuhalten, schickte Botschafter mit schönen Worten und noch schöneren Geschenken (u.a. ein paar schönen Jungfrauen) gen Osten und...

Stop - jetzt schauen wir uns das ganze mal von der anderen Seite an, der spanischen. Wenn Ihr heute über Land von Veracruz nach Mexico City gelangen wollt, liebe Leser, dann fahrt Ihr wahrscheinlich südwestlich bis Fortín und nehmt dann die Autobahn, die Ihr in einem Stück durchbrausen könnt, vorbei am Pico de Orizaba, der noch ein gutes Stück höher ist als der Popocatépetl, und von dem der alte Weltreisende Colin Ross - auch ein großer Autofan - seinerzeit so begeistert war. Cortés dagegen wandte sich nordwestlich nach Zempoala, der Hauptstadt der Totonaken, und kam gerade recht, als eine Delegation der Azteken aus Tenochtitlan auftauchte, um Tribut einzufordern. Nein, nicht etwa Gold oder andere Preziosen, nach denen den Spaniern der Sinn stand, sondern etwas ganz anderes: Die Mexikaner benutzten damals als Währung Kakaobohnen, was Dikigoros sehr vernünftig findet - jedenfalls vernünftiger als Zigaretten, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland als Währungsersatz verwendet wurden. (Damit haben wir zugleich den Bogen von der wahrscheinlich segensreichsten und der wahrscheinlich unheilvollsten Pflanze gespannt, die aus Amerika nach Europa gekommen sind - leider hat sich die erstere nicht gegen den ungleich schädlicheren Kaffee durchsetzen können, während der Tabak in letzter Zeit zur "Einstiegsdroge" für noch schlimmeres Kraut geworden ist.) Cortés erkannte seine Chance, Verbündete gegen die Azteken zu gewinnen, gab deren Delegierten einen Fußtritt und ließ sie ins Gefängnis werfen. (Später ließ er sie wieder frei, damit sie den Azteken zuhause berichten konnten, daß Cortés gar nichts weiter von ihnen wollte als die Anerkennung seiner christlichsten Majestät, des Königs von Spanien, und seiner allein selig machenden Religion.) Dann zog er weiter, über Jalapa (die Autobahn über Cardel gab es noch nicht), wo der Pfeffer wächst (der in México nach dieser Stadt "Jalapeño" heißt, wie Leser von Kugelfisch und Kupfer-Canyon längst wissen) und durch die Perote-Schlucht nach Xocotlá (die Stadt, nach der wir das Produkt der Kakaobohne "Schokolade" nennen - heute ist die Gegend um Zacatlán mehr für ihren Apfelwein bekannt) dann nach Tlaxcala, von dessen Einwohnern die Spanier rauh, aber herzlich begrüßt wurden. Nach ein paar kleineren Geplänkeln sahen die Tlaxcalteken ein, daß mit den Spaniern nicht gut Kirschen essen war - oder vielmehr doch; man mußte ihnen nur erzählen, daß man selber ein erbitterter Feind der Azteken war (das stimmte) und daß dort jede Menge märchenhaften Reichtums nur darauf wartete, erbeutet zu werden (das war ein Märchen), und schon kam ein Zweckbündnis zustande, und man konnte gemeinsam überlegen, wie man am besten gegen die Azteken vorging. Heute gibt es von Tlaxcala einen Autobahnanschluß, der direkt westlich nach Mexico City führt. Damals gab es dagegen nur zwei [Um-]Wege: einen nordwestlichen über Otumba - aber daran verschwendeten die Spanier (noch) keinen Gedanken - und einen südwestlichen über Cholula; und das machten die Spanier mit Hilfe ihrer neuen Verbündeten als nächstes platt. (Wohlgemerkt: Die größte Pyramide der Welt, die dort einmal gestanden haben soll, hatten schon die Azteken zerstört, als sie Cholula einst eroberten; aber es gab noch immer einiges kaputt zu machen - und wieder aufzubauen: die Spanier sollten Cholula später zur Stadt der Kirchen machen.)

Und nun, liebe Leser, schaut Euch bitte auf der Landkarte an, wie man von Cholula nach Tenochtitlan (Mexico City) kommt: zur Linken habt Ihr den Popocatépetl, zur Rechten die Iztaccíhuatl. Zwischen diesen beiden Vulkanen verläuft seit Alters her ein Paßweg, dessen Scheitelpunkt die Mexikaner heute "Paso de Cortés" nennen, und den die Reiseführer ob seiner guten Aussicht bei schönem Wetter rühmen. Die mag es auch vor 500 Jahren schon gegeben haben - bei schönem Wetter. Doch als Cortés und seine Mannen dort am 3. November 1519 ankamen, tobte ein eisiger Schneesturm - besonders angenehm, wenn man in eiserne Rüstungen gekleidet ist. Ja, war der Kerl denn bekloppt? Die sesselpupsenden Schreibtisch-"Historiker" unserer Tage, die noch nie vor Ort waren, im Zweifel nicht gedient haben und jedenfalls nie einen größeren (oder auch nur mittleren) Feldzug mit gemacht, haben sich angewöhnt, diese Frage leichthin mit "ja" zu beantworten, denn es paßt ja so schön in ihr politisch-korrektes Gutmenschen-Weltbild: Der brutale, primitive Conquistador Cortés und seine Handvoll Spanier eroberten mit Hilfe ihrer Feuerwaffen, Pferde und Rüstungen das Aztekenreich und zerstörten diese große Kultur aus rücksichtsloser Goldgier, denn sie wußten nicht, was sie da taten. Auf der anderen Seite stand mit dem abergläubischen Moctezuma ein armer Irrer, der Cortés für einen Gott und die übrigen Spanier für Übermenschen ("teules") hielt und sich deshalb nicht traute, eine ordentliche Verteidigung in die Wege zu leiten, bis es zu spät war; denn auch er wußte nicht, was er tat. Amen. Darf Dikigoros dagegen halten? In Cortés und Moctezuma standen sich die beiden größten Staatsmänner ihrer Zeit gegenüber, strategische und taktische Genies, die einander belauerten und jeden ihrer Züge mit voller Überlegung und unter Beweis großer persönlicher Tapferkeit (wie ihn heute kein Politiker oder auch nur höherer Offizier mehr aufbrächte) ausführten; die Partie stand wiederholt auf des Messers Schneide, und am Ende gab es keinen glücklichen Gewinner, sondern nur unglückliche Verlierer. Cortés' indianische Verbündete hatten ganz genaue Vorstellungen von dem Feldzug gegen Tenochtitlan: Sie stellten ein 100.000-Mann-Heer auf (die besagten Schreibtisch-Historiker stellen diese Zahlen heute gerne in Frage; aber alle Quellen sind sich darin einig - Dikigoros sieht keinen Grund, sie in Zweifel zu ziehen), mit dem erklärten Ziel, die Stadt dem Erdboden gleich zu machen und seine Einwohner samt und sonders den Göttern zu opfern (diese Angewohnheit hatten wohlgemerkt nicht nur die Azteken). Moctezuma ließ kalt lächelnd am Paso Sperren aus gefällten Bäumen errichten und seine Bogenschützen in Stellung gehen: ein so großes Heer hätte in dem engen Paßweg unweigerlich in der Falle gesteckt. Das sah freilich auch Cortés: Er verzichtete dankend auf den größten Teil der Hilfstruppen, nahm nur ein paar tausend Indios mit, um Munition, Verpflegung und seine Kanonen zu schleppen und machte sich auf den Weg.

Moctezuma reagierte sofort - und wieder richtig: Die Hauptstreitmacht der Tlaxcalteken zu vernichten wäre eine Sache gewesen; aber wenn er nur die paar Mann aufhielt, die jetzt von Cortés heran geführt wurden, dann hätte er gar nichts erreicht - die wären umgekehrt und im nächsten Frühjahr wieder gekommen - vielleicht auch über die Nordwest-Route. Nein, dieses kleine Häuflein mußte er in die Falle locken und seines Kopfes berauben - seine Spione hatten sehr wohl mit bekommen, daß die Spanier untereinander alles andere als einig waren: Die meisten von Cortés' Offizieren plädierten längst für eine Rückkehr nach Kuba, denn für ihren Eroberungsfeldzug gen Westen hatten sie keine Erlaubnis, geschweige denn einen Befehl von oben. Und die einfachen Soldaten hatten bisher noch keinen Sold gesehen, geschweige denn nennenswerte Beute gemacht - auch deren Motivation, weiter zu marschieren, war auf dem Nullpunkt angelangt. Also ließ Moctezuma die Baumsperren schleunigst wieder abbauen und schickte den spanischen "Göttern" Boten entgegen, die ihnen Geschenke aus Gold und [Halb-]Edelsteinen (Türkis und Jade, für die México bis heute berühmt ist) brachten (denn sie hatten inzwischen erfahren, worauf die Spanier scharf waren - jedenfalls nicht auf Kakaobohnen) und sie herzlich einluden, in "ihre" Stadt zu kommen. Cortés wußte sicher, wie riskant es war, sich in die Höhle des Löwen, pardon des Jaguars ("Ozelotl") zu begeben. Aber er hatte nun einmal den Rubicon, pardon den Paso überschritten, und im übrigen dürfte er schon geplant haben, Moctezuma gefangen zu nehmen und damit die Macht im Aztekenreich an sich zu reißen, denn auch er hatte seine Spione, die ihm berichtet hatten, daß das Reich ohne seinen Kopf verteidigungsunfähig sei. Nachdem Cortés die hängenden Gärten von Xochimilco und den "Heuschreckenhügel" Chapultépec (über den Dikigoros an anderer Stelle mehr schreibt) passiert hatte, kam es zum persönlichen Treffen der beiden Protagonisten auf dem heutigen "Zócalo". Die Begegnung verlief in falscher Herzlichkeit, oder wie man heute sagen würde: sch...-freundlich; Moctezuma stellte den Spaniern einen "Palast" zur Verfügung, in dem sie gut bewacht wurden, und zur gleichen Zeit schickte er einen Stoßtrupp nach Veracruz, um die dort zurück gebliebenen Spanier zu überfallen. Der Überfall gelang - wichtigste Erkenntnis: Weder die Spanier noch ihre Pferde waren unverwundbar, geschweige denn unsterblich, und ihre abgehackten Arme und Beine schmeckten genauso gut wie die von geopferten Indios, es waren also keine Götter. Gerade wollte sich Moctezuma daran machen, die Konsequenzen aus dieser erfreulichen Erkenntnis zu ziehen, da kam ihm Cortés zuvor und setzte ihn gefangen. Das ging solange gut, wie er sich nicht in die Regierungs-Angelegenheiten der Azteken einmischte, sondern wenigstens formell Moctezuma weiter regieren ließ. Der Eklat kam bei einem gemeinsamen Tempelbesuch. (Jawohl, das war eine Regierungs-Angelegenheit, übrigens nicht nur in Méxiko, sondern auch in Europa, wo das Zeitalter der Reformationskriege bevor stand!) Cortés nahm eine große Eisenstange mit, und zum Entsetzen aller Indios zerschlug er damit die Götterstatuen - das hatte er schon in Zempoala so gemacht, und die Indios hatten das hingenommen, zumal er ihnen dafür ein Bildnis der Mutter Gottes spendiert hatte, wie er es jetzt in Tenochtitlan auch tun wollte. Aber die Azteken reagierten ganz anders als die Totonaken: Ab sofort waren die Spanier keine "Götter" mehr (das einfache Volk hatte man bis dato noch in diesem Glauben gelassen), sondern Teufel, die es zu vernichten galt.

Halt, liebe Leser, hier müssen wir wieder eine kleine Denkpause einlegen. Was wollte Cortés eigentlich? Er hatte die Herrschaft über eine famose Stadt - wahrscheinlich die schönste des Kontinents -, die er durchaus zu schätzen wußte, denn er war ein zwar arm geborener, aber gebildeter Edelmann (ganz im Gegensatz etwa zu Francisco Pizarro, dem Eroberer Perús - der übrigens ein Vetter seiner Mutter war und ein eher ungehobelter Haudrauf - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr), auch wenn er das Studium an der Universität Salamanca (das war damals die erste akademische Adresse Spaniens, ja vielleicht Europas) nach dem Bachillerato (das freilich mehr war als heute das französische Baccalauréat oder das deutsche Abitur - eher ein angelsächsischer B.A.) abgebrochen hatte; er hatte Gold und Edelsteine, Frauen und Diener, alle Freuden des weltlichen Lebens. Aber die hatte er auch auf Kuba schon gehabt auf seiner großen Hacienda - warum hatte er das alles aufgegeben? Wirklich nur aus Abenteuerlust und Beutegier? Kaum, liebe Leser, es gibt auf diese Frage nur eine schlüssige Antwort: Cortés war ein christlicher Fundamentalist, er wollte tatsächlich ein neues christliches Reich errichten und die Indios in den Schoß der heiligen Mutter Kirche führen, und zu diesem Zweck mußten die indianischen "Götzen" zerstört und die eingeborenen Schäfchen getauft werden. Wenn sie das nicht wollten, mußten sie sterben und in der Hölle schmoren. Er zeigte sich seinen besiegten Feinden gegenüber immer versöhnlich, ja großmütig - wenn sie nur zur Taufe bereit waren. Ihr meint, daß Genie und Wahnsinn in diesem Falle nah bei einander liegen, liebe Leser? Mag sein; aber vergeßt bitte nicht, wie viele Kriege - u.a. zwei "Weltkriege", in denen mehr als ein Reich zerstört wurde, das mehr wert war als das der Inca - noch im 20. Jahrhundert aus ideologischen, also pseudo-religiösen Gründen geführt wurden, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Sozialismus, Demokratismus, Liberalismus und was der schönen Ideale mehr sind. Und ob Ihr es glauben wollt oder nicht: Einige der Narren, die sie führten, müssen sogar daran geglaubt haben, sonst wäre nicht zu erklären, warum sie zu ihrem eigenen Nachteil daran fest hielten, sie bis zum bitteren Ende auszufechten. Cortés war nicht dümmer oder ideologisch verbohrter als Wilson oder Roosevelt, Hitler oder Stalin, Churchill oder Eisenhower, Mao oder Pol Pot - er glaubte halt an die Richtigkeit dessen, was er tat, und die Konsequenzen nahm er mit uneingeschränktem Gottvertrauen in Kauf. Zu allem Überfluß bekam er jetzt auch noch Probleme aus den eigenen Reihen: Der Gouverneur von Kuba hatte ihm eine Strafexpedition nachgeschickt, um ihn abzusetzen und als Gefangenen nach Hause zu führen. Aber auch diesen Schachzug parierte Cortés mit blitzartigem Genie: In einem Gewaltmarsch führte er den größeren Teil seiner Truppen nach Veracruz zurück, überfiel das Lager der frisch gelandeten Spanier und... überzeugte sie mit einer flammenden Rede, zu ihm über zu laufen - sein demagogisches Geschick muß nicht geringer gewesen sein als das gewisser Politiker im 20. Jahrhundert.

Und schon zog Cortés wieder zurück gen Westen. Wieder boten ihm die Tlaxcalteken ihr 100.000-Mann-Heer an (es stand noch immer Lanze bei Fuß!), wieder lehnte Cortés dankend ab, obwohl er inzwischen erfahren hatte, daß die in Tenochtitlán zurück gelassene spanische Kompanie angegriffen worden war und belagert wurde. Nein, er glaubte noch immer daran, daß er die schöne Stadt noch einmal unversehrt in seine Hände bekommen würde - schließlich hatte er durch die spanischen Überläufer jetzt mehr Soldaten, Pferde, Waffen und Munition als je zuvor. (Daß sie ihm auch die Pocken mitgebracht hatten - und den Indios, die sich beim Kannibalenschmaus an ihren Leichen infizieren sollten - wußte er noch nicht.) Wieder ließ er also die meisten Hilfstruppen zurück, und wieder zog er in Eilmärschen über den Paso; aber diesmal war nichts zu retten: Die Azteken hatten sich wie ein Mann erhoben, um die ausländischen Teufel zur Hölle zu schicken. Moctezuma versuchte, sie mit einer salbungsvollen Rede zum Frieden zu ermahnen - die aufgeputschte Menge tat das, was die Deutschen 1940 mit Hitler auch hätten tun sollen, als er die Engländer bei Dünkirchen entkommen ließ, die Soldaten demobilisierte, die Rüstungs-Programme einmottete und naïve Friedensangebote nach London schickte: sie steinigte ihn. Da half Cortés & Co. nichts mehr, auch nicht die vermeintlich überlegene Bewaffnung: Die Munition für die Schußwaffen war schnell alle, die schweren Rüstungen bedeuteten, wenn man ins Wasser fiel, unweigerlich den Tod, und zu fressen gab es bald auch nichts mehr - von Medikamenten ganz zu schweigen. Als Cortés keinen unverwundeten Mann mehr hatte, beschloß er, das einzig richtige zu wagen: eine Evakuierung der Überlebenden bei Nacht und Nebel. Aber die Azteken hatten aufgepaßt und ließen ihn nicht so ohne weiteres entkommen; die Spanier wurden fürchterlich zusammen geschlagen: Cortés verlor in dieser einen Nacht zwei Drittel seiner Spanier, drei Fünftel seiner Indios und - was am schlimmsten war - drei Viertel seiner Pferde; Stunden lang soll er geheult haben wie ein Kind; die Eroberung Méxicos war gescheitert, die Spanier konnten nach Hause segeln. Amen.

[Exkurs. Ende des 20. Jahrhunderts entwickelten die Historiker, nein, sagen wir "gewisse Historiker" die Theorie, daß Spanien heute noch eine Großmacht wäre, wenn es nicht im 16. und 17. Jahrhundert so viele Ressourcen in Lateinamerika, nein, diese Bezeichnung ist ja eine Erfindung Napoléons III, in Iberoamerika verplempert, sondern sich auf die Vorherrschaft in Europa konzentriert hätte. An der Theorie ist was dran, allerdings aus ganz anderen Gründen, als ihre Urheber meinen: Zunächst einmal steckte Spanien kaum Ressourcen in das Amerika-Abenteuer, weder an Mensch noch an Material; die spanischen "Heere" oder "Expeditionskorps", die dort operierten, zählten in der Regel nach Hunderten, bestenfalls auch mal nach Tausenden; und an Geld wurde nur ein Bruchteil dessen investiert, was zurück floß. Um die Vorherrschaft in Europa aber hätte das arme, kleine Spanien gar nicht mitkämpfen können ohne eben diese Gelder (genauer gesagt ohne die Edelmetalle) aus Amerika; jene Theorie beruht also insoweit auf einer Milchmädchen-Rechnung. Allenfalls hätte Spanien vielleicht Portugal auf Dauer halten können - aber das wäre ohne Kolonialreich ebenso arm und wertlos gewesen. Aber was heißt schon "arm" und "reich"? Die Kehrseite der Edelmetall-Einfuhren aus Amerika war nämlich ein ganz verheerende: Inflation, Zerstörung der einheimischen Industrie, ja des gesamten gewerblichen Mittelstandes (wie man heute sagen würde - und da wir gerade bei heute sind: in Kastilien hat er sich bis heute nicht von diesem Schlag erholt, er existiert praktisch nicht mehr), und am Ende der Staatsbankrott. Das alles wäre Spanien in der Tat erspart geblieben, auch der ebenso alberne wie ruinöse Kampf um die deutsche (bzw. "römische") Königskrone, denn wovon hätten ohne das amerikanische Silber die Bestechungsgelder an die Kurfürsten bezahlt und die späteren Kriege finanziert werden sollen? Spanien wäre natürlich keine "Großmacht" geworden - aber das war es, bei Licht betrachtet, ohnehin nie, auch nicht mit den amerikanischen Kolonien: Die Bevölkerungsdecke war einfach zu dünn - es machte "Spanien" nicht zu einer Großmacht, daß irgendwo in Amerika eine dünne spanische Oberschicht wie der Deckel auf einem brodelnden Topf voller Indios saß, der früher oder später überkochen mußte. Spanien wäre groß geworden, wenn die Spanier zuhause blühende Landschaften geschaffen hätten - aber das hätten sie auch ohne die Entdeckung und Eroberung Amerikas wohl nicht getan. Exkurs Ende.]

Das Datum des 30. Juni hat in der Geschichte zweier Völker eine wichtige Rolle gespielt: bei den Deutschen 1934, in der "Nacht der langen Messer" (aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle), und bei den Spaniern ging jener 30.6.1520 als "noche triste [traurige Nacht] in die Geschichtsbücher ein. Und doch stimmt die Parallele, die Dikigoros eben angedeutet hat, nicht - die richtige kommt vielmehr erst eine Woche später: Eine Woche nach dem "Sichelschnitt", mit dem die Deutschen den britischen Truppen in Frankreich 1940 den Rückzug nach Süden über die Somme abgeschnitten hatten, standen sie vor Dünkirchen. Eine Woche nach der "noche triste"- nach der die Azteken den Spaniern den Rückzug nach Süden über den Paso versperrt hatten - stellten sie deren im Norden um den Texcoco-See geflohenen Reste (die nur deshalb entkommen waren, weil die Azteken sie nicht töten, sondern lebendig gefangen nehmen wollten, um sie Vitzliputzli zu opfern) bei Otumba - Ihr erinnert Euch vielleicht noch. Die Lage der Spanier war mit einem Wort hoffnungslos - wie die der Engländer 1940 bei Dünkirchen. Das sah auch Cortés - aber er sah noch etwas: den Anführer der Azteken, gut zu erkennen an seinem hohen, bunten Federbusch und dem Feldzeichen. Cortés nahm seine Stute und griff ihn persönlich an. Die Stute fiel, der Azteken-Führer auch, Cortés überlebte. Na und? Seine paar Leute waren noch immer von tausenden Aztekenkriegern umgeben. Fand sich unter denen nicht ein höherer Offizier, der das Kommando übernommen und den restlichen Spaniern den Garaus gemacht hätte? Ja, fand sich denn im Sommer 1940 unter den Deutschen nicht ein höherer Offizier, der das Kommando übernommen und Hitlers wahnsinnigem Befehl zum Anhalten der Truppen vor Dünkirchen zuwider gehandelt hätte? Die Antwort ist beide Male die gleiche: Offiziere sind Beamte, Cortés war Privatier - er entkam unter Zurücklassung allen schweren Materials nach Tlaxcala, wo noch immer das 100.000-Mann-Heer darauf wartete, erneut mit ihm gen Tenochtitlán zu ziehen. Cortés betete zu seinem dreifaltigen Gott und kam zu der Erkenntnis: Aller guten Dinge sind drei. Wieder zog er über den Paso, und diesmal nahm er die Streitmacht der Tlaxcalteken mit - sie hätten es sich diesmal auch schwerlich verbieten lassen, oder?

Ihr irrt, liebe Leser, wenn Ihr das annehmt, Ihr irrt: Cortés hoffte immer noch, die schöne Stadt unzerstört zu erobern und seine Einwohner undezimiert zu unterwerfen; er ließ die Tlaxcalteken vor den Toren zurück und versuchte einen letzten Handstreich allein mit seinen paar Spaniern. Erst als auch der mißlang und ein Drittel seiner Leute (aber das waren ja nicht mehr gar so viele) im Kochtopf gelandet waren, gab er schweren Herzens nach und ließ den Tlaxcalteken freie Hand. Das Resultat ähnelte dem der alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg: In Tenochtitlán blieb kein Stein auf dem anderen stehen (Cortés ließ es später wieder aufbauen); von den schätzungsweise 300.000 Einwohnern kamen nach Abschluß der Kämpfe etwa 30.000 - die rechtzeitig geflohen waren - zurück. Cuauhtemoc, der letzte Azteken-Herrscher, der bis zur letzten Speerspitze weiter gekämpft hatte, obwohl ihm alle einst verbündeten oder neutralen Staaten - Italien, Rumänien, Finnland, Bulgarien, die Türkei, pardon Texcoco, Iztapalapa, Churubusco, Mexicalcingo, Culhuacán, Mizquic, Cuitlahuac usw. - in den Rücken gefallen waren (ein typischer "Durchhaltepolitiker", würden die Herren Schreibtisch-"Historiker" von heute sagen) wurde von Cortés gefangen genommen und später, als er ihm auf dem Marsch nach Panamá lästig wurde, nach einem Scheinprozeß (nein, nicht in Nürnberg, sondern irgendwo in Guatemala oder Honduras) als "Kriegsverbrecher" hingerichtet. Cortés selber segelte nach Spanien zurück, wurde in irgendwelche Hof-Intrigen verwickelt, abgesetzt und starb arm und verbittert auf irgend einer Klitsche in Kastilien, so wie Churchill vier Jahrhunderte später abgewählt wurde und reich und verbittert auf irgend einer Klitsche in England starb. Auf dem Paso - der wie gesagt heute "Paso de Cortés" heißt - hat man ihm ein Denkmal errichtet; auch das kann man heute noch besichtigen, ebenso wie die anderen Ergebnisse der "Conquista" Lateinamerikas durch die Spanier.

Exkurs. Wenn Ihr heute nach Mexico City reist, liebe Leser, dann könnt Ihr Euch kaum eine Vorstellung machen, wie schön und einzigartig Tenochtitlán damals gewesen sein muß. Gewiß, es gab auch andere schöne Städte, die mitten ins Wasser gebaut waren, wie Venedig, Amsterdam, Stockholm und später Batavia alias "Jakarta" und Sankt Peterburg; und noch später wurde es geradezu Mode, Hafenstädte auf [Halb-]Inseln vor der Meeresküste anzulegen, wie Neu-Amsterdam alias "New York", Bambai alias "Bombay" alias "Mumbai", San Francisco, Hongkong und Singapur; aber wo sonst gibt es eine Großstadt mitten in einem See in einem Hochgebirgstal? Dikigoros wüßte keine. (Shrināgar liegt nicht in, sondern an einem See; außerdem ist es keine Großstadt; und über das historische "Xanadu" oder Shang-du - das sicher nicht identisch ist mit dem heutigen Duolun, auch wenn sich unwissende Touristen das immer wieder einreden lassen - wissen wir zu wenig Konkretes.) Und was haben die Menschen daraus gemacht? Sie haben den See trocken gelegt und statt dessen Autostraßen gebaut, aus einem Paradies eine Hölle gemacht. Aber man kann nicht mal "den" Spaniern die Schuld daran geben, denn es geschah ja erst nach der "Unabhängigkeit" Mexicos von Spanien, der Sündenfall ist also hausgemacht, und "Moctezumas Rache" müßte eigentlich ganz andere treffen als die armen Touristen, die doch nichts dafür können, daß die Luft und das Wasser vergiftet und von Bakterien verseucht sind, denn den Leuten ist Benzin wichtiger als sauberes Trinkwasser und Atemluft - wenn ersteres knapp und/oder teuer wird, gehen sie auf die Barrikaden, wenn letzteres zunehmend verschwindet, nehmen sie es unbekümmert hin. (Und das gilt für "Mumbai" und "Jakarta" ja genauso; aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle.) Exkurs Ende.

Nein, Dikigoros will das nicht bewerten, das können andere viel besser; er will nur die Parallele aufzeigen: 1520 (übrigens das Jahr, in dem die Vorfahren eines gewissen Morgenthau aus Spanien - wo die sefardischen Juden brutal verfolgt wurden - über die spanischen Niederlande nach Amerika gelangten) und 1940 wurden zwei Schlachten geschlagen, als deren Folge zwei große Reiche - die beiden größten, die Amerika bzw. Europa je gesehen hatten - zerstört wurden und zwei große Kulturen untergingen, die "prä-kolumbianische" (die man besser "prä-cortesische" nennen sollte) und die abendländische. Ja, es waren harte, brutale Militär-Diktaturen - auf den Opfersteinen des Aztekenreiches starben täglich nicht weniger Menschen als in den Konzentrations-Lagern des Dritten Reiches -, das hatte Dikigoros ja schon angedeutet. Aber 99% der Bevölkerung standen begeistert hinter diesem System, solange es florierte, und man muß auch sehen, was danach kam, nach den siegreichen Kreuzzügen der Christen im 16. und der Demokratisten und Kommunisten im 20. Jahrhundert, und dann relativiert sich halt so einiges, denn die Spanier beseitigten ja nicht nur die kleine Adelskaste der Azteken, sondern am Ende alle unabhängigen Indio-Staaten, ebenso wie die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die kleine Parteikaste der Nazis beseitigten, sondern alle Staaten Mittel- und Osteuropas zerschlugen, wobei sie gezielt die Volkssubstanz der Besiegten zerstörten, durch millionenfache Vergewaltigungen, eingeschleppte Seuchen (vor allem Sifilis, an der auch Cortés und Churchill litten) und eingeführte Negersklaven (von denen die Besetzten, pardon Befreiten heißen die ja von nun an, übrigens noch am wenigsten auszustehen hatten). Christentum statt Götzendienst, Demokratismus (bzw. Kommunismus) statt National-Sozialismus? Nein, leicht ist es nicht, diese Parallele zu sehen, denn die Spanier unterdrückten und vernichteten systematisch alle Aufzeichnungen der geschlagenen Azteken aus ihrer Sicht, so wie die Alliierten seit 1945 alle ihnen nicht genehmen Aufzeichnungen der geschlagenen Deutschen unterdrückt und die Darstellung der Geschichte aus ihrer Sicht durch die Nachgeborenen verboten haben - deshalb schreibt Dikigoros das ja hier, weil Ihr diese Parallele nirgendwo anders gezogen findet. Denkt trotzdem mal drüber nach - Ihr auch, liebe Schreibtisch-Historiker! -, und reist im nächsten México-Urlaub mal abseits der ausgelatschten Touristen-Pfade zum Paso de Cortés (43 km Feldweg im Eselskarren - aber was solls :-) und nach Otumba.

[Denkmal auf dem Paso de Cortés]

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[Khaibar-Paß]

Habt Ihr schon mal vom Khaibar-Paß gehört, liebe Leser? Ja, wahrscheinlich spätestens im Jahre 2002, als die US-Amerikaner und Briten (letztere übrigens nicht zum ersten Mal, aber dazu kommen wir gleich) in Afģānistān einmarschierten, um es von der Herrschaft der radikal-islamischen Paschtunen zu "befreien". Besser vertraut ist Euch vielleicht die englische Schreibweise "K[h]yber", aber das bleibt sich von der Aussprache her gleich. [Das "kh" wird aspiriert gesprochen, d.h. so, wie es die Deutschen beim "k" ohnehin tun, auch wenn sie es nicht mit schreiben - was Afģānen und Inder, die Deutsch lernen wollen, ziemlich verwirrt, denn für sie sind "k" und "kh" zwei völlig verschiedene Laute. Das "ģ" in Afģānistān, das im Westen oft fälschlich als "gh" transkribiert wird, ist dagegen nicht aspiriert, sondern es trägt einen Härte-Punkt - in indischer Schrift unter, in arabischer Schrift über dem Konsonanten -, d.h. es ist ein eigener Buchstabe, der "ģain" genannt wird, im Gegensatz zum "gāf", das gesprochen wird wie ein deutsches "g". Das "ģain" wird fast wie ein deutsches "ch" nach a, o, u gesprochen, genauer gesagt wie ein Berliner "r" oder wie ein griechisches "Ģamma" - die Sprachwissenschaftler nennen es "Gaumen-r".] Vielleicht habt Ihr an anderer Stelle gelesen, daß der Name des Passes vom hebräischen Wort für "Fort" komme. Aber bitte glaubt nicht alles, was heutzutage, nach Jahrzehnten Bürgerkrieg und systematischer Verblödung durch die Mullahs, aus afģānischer Feder kommt. "Khaibar" dürfte vielmehr dem Urdū-Wort "Khewā" verwandt sein (das es auch im Hindī gibt; "ai" unterscheidet sich vom "e" nur durch ein zusätzliches Häkchen über dem "kha", und das "ba" nur durch einen zusätzlichen Beistrich vom "wa"). Das bedeutet "Brücken-Zoll" - und einen besseren Namen könnte man für diesen Paß schwerlich finden. Wenn Ihr Euch nun als historisch interessierte Menschen angesichts der häufigen Nennung dieses Passes in den Nachrichten ein wenig schlau zu machen versucht, werdet Ihr früher oder später auf die These stoßen, daß dies "der Schicksals-Paß des indischen Volkes" gewesen sei. Das glauben vor allem die Inder, zumal jene, die von der britischen Geschichtsschreibung beeinflußt worden sind. Es stimmt wohl, daß von Alters her alle Eroberer Indiens auf dem Landweg kamen (bis zur Ankunft der Europäer - die sollten mit dem Schiff kommen), und zwar durchweg über den Khaibar-Paß. Aber was besagt das schon? Eigentlich nur, daß das der nächste und daher schnellste Weg von Kābul nach Pīshwar (und damit auch nach Lāhaur und Dillī) war. Wenn es den nicht gegeben hätte... hätten die Invasoren die Wahl zwischen einem halben Dutzend anderer Pässe etwas weiter im Süden gehabt, die auch nicht enger und auch nicht unbequemer waren - halt nur einen kleinen Umweg erfordert hätten. Nach Indien wären sie in jedem Fall gekommen, wenn sie erst einmal in Kābul waren.

[Salang-Paß]

Wo kamen sie eigentlich her, diese fremden Eroberer, die Indiens Schicksal - soviel ist richtig - derart verhängnisvoll beeinflußten? Na, woher wohl: Welches war im Mittelalter die größte und reichste Stadt Asiens (und wahrscheinlich der Welt), von der aus die mongolischen Horden, nachdem sie islamisiert und damit ideologisch zum Griff nach der Weltherrschaft aufgestachelt worden waren, im Westen bis nach Schlesien vorstießen, im Osten bis nach China und im Süden bis nach Indien? Wo sich die in aller Welt zusammen geraubte Beute ebenso ansammelte wie die Werke der aus aller Welt in die Sklavarei verschleppten Architekten, Handwerker und Künstler? Samarkand, die Hauptstadt Usbekistāns. [Die heutige Hauptstadt Taschkend (die Ihr, liebe deutsche Leser, doch bitte nicht immerzu "Taschkent" schreiben und "Thaschkhännt" aussprechen wollt; sie wird im Original "Tashakenda" geschrieben und mit einem - im Deutschen unbekannten - weichen Endungs-d gesprochen, genau wie Samarkand, das im Original "Samarakanda" geschrieben und vorne mit einem - im Deutschen unbekannten - scharfen Anlaut-"ß" gesprochen wird) gab es auch schon, strategisch günstig an der Seidenstraße gelegen, aber sie war nicht ganz so bedeutend.] Wer hört nicht mit Schaudern die Namen Mahmud Ģaznī (das letztere ist ein Ehrenname und bedeutet "Christentöter" - aber er tötete auch Hindūs), Djīngis Ķhān (ein Beiname des Temudschin, der "Sattelkönig" bedeutet - wenn Ihr das zweite Wort wie "Khān" aussprecht, bedeutet es übrigens "Vorratslager für Sättel - dafür hätte Euch Temudschin einen Kopf kürzer gemacht, also sprecht es bitte schön als "Ķhān" aus, mit hartem "Ch" im Anlaut!), Timur Lenk und Babar? Wie kamen diese Geißeln der Menschheit nach Indien? Natürlich über den Khaibar-Paß - aber das wissen wir ja schon. Doch so weit wären sie nie gekommen, wenn nicht... ja wenn es nicht weit im Westen, zwischen Buķhara und Herat, einen anderen Paß gegeben hätte, den einen und einzigen Paß, der Afģānistān von der ehemaligen Sowjet-Union trennt (obwohl doch auf beiden Seiten der Staatengrenze Usbekisch gesprochen wird). Die meisten von Euch werden seinen Namen noch nie gehört haben; Ihr findet ihn seit 1964 in sowjetischen Atlanten unter dem Namen "Salang-Paß" wieder. Die Inder nannten ihn dagegen Löwen-Paß, und das, obwohl ihn wahrscheinlich noch nie ein Löwe betreten hat. Aber der Barbar, pardon Usbeke Muhamad bin Umar Mīrza, der zum ersten Mal nicht nur den Panjāb (d.h. das Land zwischen Pīshwar und Dillī) unterwarf und ausplünderte, wie es seit Beginn des 11. Jahrhunderts schon seine zahlreichen Vorgänger immer wieder mal getan hatten, sondern ganz Nord-Indien, und damit die verfluchte Herrschaft der Muģale (auch die schreiben sich mit "ģain" - "Moghule" ist eine dümmliche Verballhornung, mit deren Aussprache Euch kein Inder versteht) begründete, trug den Beinamen "Babar" (nicht "Babur", wie Ihr anderswo lesen werdet) - und das bedeutet Löwe. 1526 gewann er die entscheidende Schlacht, die für mehr als vier Jahrhunderte den größten Teil Indiens dem muslimischen Joch unterwarf - das es erst 1947 wenigstens teilweise abschütteln konnte. Und die Inder wußten, welchem Paß sie das "verdankten"...

Aber Dikigoros hat Euch den Khaibar-Paß ja nicht von ungefähr heraus gepickt. 1842
...

[Cumberland Gap]

Habt Ihr schon mal vom Cumberland Gap gehört, liebe Leser? Wahrscheinlich nicht - es sei denn, Ihr hättet Dikigoros schon auf einer anderen seiner Reisen durch die Vergangenheit begleitet; aber das habt Ihr wahrscheinlich nicht, denn wiewohl er selber sie für eine seiner interessantesten hält, ist sie ausweislich der Zugriffs-Statistik die mit Abstand am schlechtesten besuchte seiner Webseiten überhaupt. Und dennoch war es der Schicksals-Paß eines ganzen Volkes - wie wir heute wissen zwar nicht eines tödlichen Schicksals, aber eines Schicksals, das vielleicht noch trauriger ist.
(...)

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Habt Ihr schon mal vom Arco-Paß gehört, liebe Leser? Wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn Ihr Südamerika intensiv bereist habt und ausgesprochene Kordilleren-Fans seid. Natürlich, den La Cumbre hat jeder schon einmal überquert, der von Argentinien nach Chile oder umgekehrt gereist ist, von der argentinischen Wein-Stadt Mendoza nach Viña del Mar, Valparaiso oder Santiago de Chile. (Dikigoros erinnert sich noch gut an den alten, ausrangierten Mercedes-Bus, in dem er seinerzeit drüber gerumpelt ist - ohne ihn in allzu guter Erinnerung zu behalten. Er weiß auch, daß über jenen Paß einst einer der drei südamerikanischen "Libertadores [Befreier]", über die er an anderer Stelle mehr schreibt, nämlich José de San Martín [ein Landsmann "Che" Guevaras, also Argentinier], zog, um Chile - und andere Länder - von den Spaniern zu "befreien"; aber das hält er für ein ziemlich sinn- und vor allem folgenloses Unterfangen, denn durch jene "Befreiung" änderte sich für die betroffenen Völker nichts, was sich nicht im Laufe der Zeit auch ohne sie geändert hätte: Die Weißen herrschten, die Indios wurden beherrscht, die Mestizen standen dazwischen, und als sich das Zahlenverhältnis allmählich verschob, gab es mehr und mehr Probleme.) Eisenbahn-Fans unter Euch werden vielleicht auch noch den etwas höher gelegenen Socompa-Paß kennen, knapp 1.000 km weiter im Norden, über den die Bahnlinie von Salta nach Antofagasta am Pazifik verläuft. Den zwischen den beiden vorgenannten gelegenen San-Francisco-Paß werden dagegen nur diejenigen kennen, die ihren Ehrgeiz darauf gerichtet haben, die Kordilleren auf dem höchsten Paß (knapp 1.000 m höher als der Socompa) und auf der schmalsten Auto-Straße zu überqueren. Aber der Arco-Paß, über den keine Eisenbahnlinie und keine mit Bussen befahrbare Straße verläuft, der weder besonders hoch noch besonders schön noch sonst irgendwie von touristischem Interesse ist, dürfte Euch allensamt unbekannt sein. Und dennoch war es der Schicksals-Paß eines ganzen Volkes, das heute so gut wie vergessen ist - woraus Ihr schon schließen könnt, daß es wiederum ein tödliches Schicksal war.

Habt Ihr schon mal von den Moluche gehört? Woher denn auch... Nein, das ist nicht irgend so ein unbedeutender Indio-Stamm, sondern das war ein echtes Volk (dessen Stämme, von Norden nach Süden aufgereiht, die Picunche, die Pehuenche und die Huilliche waren), und die letzten Berichterstatter, die sie im 19. Jahrhundert noch unter natürlichen Lebensbedingungen sahen, waren sich einig, daß es sich um ein körperlich, geistig und kulturell allen anderen Indios Lateinamerikas weit überlegenes Volk handelte. Übrigens auch militärisch, denn die Moluche waren die einzigen in Südamerika, die sich dem Terror-Regime der Inca mit Erfolg widersetzten und sich auch von den Spaniern nicht so bald unterkriegen ließen. Mitte des 19. Jahrhunderts - Chile war längst unabhängig - hatten sie ein Art modus vivendi mit den Weißen gefunden: Die letzteren - damals noch überwiegend Spanier und Engländer - blieben schön im Norden, und die Moluche im Süden, den die Spanier nach einem Conquistador des 16. Jahrhunderts, Don Pedro de Valdívia, benannt hatten. Anno 1773 war darüber sogar ein förmlicher Vertrag geschlossen worden. So weit, so gut. Warum findet Ihr dann heute im Lexikon den Namen des "Moluche"-Volkes nicht mehr, geschweige denn die Namen seiner Stämme? Ganz einfach: Man hat sie ihnen genommen, so wie man in Nordamerika den Sioux (und anderen "roten" Völkern) ihre Namen genommen hat, denn einem Volk seinen Namen und seine Sprache zu nehmen, ist der sicherste Weg zum Völkermord. (Ein paar gestorbene Menschen sind schnell ersetzt, eine ausgestorbene Sprache nicht - die Ausnahme Israel, wo man das Hebräische wieder belebt hat, bestätigt die Regel, die sich für Völker ohne Schriftsprache freilich nicht durchbrechen läßt.) Statt dessen hat man ihnen das Schimpfwort "Araucanes" beigelegt, was so viel bedeutet wie "Rebellen" - der gleiche "Name", den die Yankees der Nordstaaten den Conföderierten der Südstaaten im US-Bürgerkrieg gaben. (Merke: Die Sieger in einem Sezessionskrieg sind "Freiheitskämpfer; die Verlierer sind "Rebellen".) Was für eine Rebellion soll das gewesen sein - und welche Rolle soll dabei der Arco-Paß gespielt haben?

Holen wir etwas weiter aus: 1851 kamen zwei bemerkenswert junge Männer (sie waren 42 bzw. 43 Jahre alt) an die Macht: In Chile wurde Manuel Montt (am Namen erkennt Ihr, daß er katalanischer Abstammung war) Präsident. Er liebte und bewunderte die Deutschen, deshalb holte er rund 10.000 von ihnen - meistenteils Hessen und Pfälzer - ins Land und siedelte sie in Valdívia an (zum Dank gaben sie ihrer Hauptstadt den Namen "Puerto Montt"). Mit den Moluche kamen sie - wie das unter Völkern, die zwar im Ansatz grundverschieden, aber im Ergebnis gleich tüchtig sind, erfreulich oft der Fall ist - gut aus. Zur selben Zeit machte sich in Frankreich Louis Napoléon Bonaparte (am Namen erkennt Ihr, daß er korsischer Abstammung war) zum Präsidenten auf Lebenszeit (und ein Jahr später zum Kaiser - als solcher nannte er sich nach seinem Onkel "Napoléon III"). Er fürchtete und haßte die Deutschen, und darauf stellte er - der innenpolitisch ein Genie war - seine Außenpolitik ganz und gar ab, weshalb sie auch in allen Punkten zur Katastrofe wurde: Erst zettelte er gegen Preußens besten Verbündeten, den russischen Zaren, den Krimkrieg an; dann hetzte er die Italiener zum Krieg gegen Öuml;sterreich auf und zur "Wieder"-Vereinigung mit ihren Südis (sozi-, pardon sizilianische Mafiosi, napoleonische, pardon napolitanische Camorri und anderes Gesocks), unter der sie heute noch in einem Maße leiden wie sonst nur die Deutschen unter der "Wieder"-Vereinigung mit ihren Ossis (sächsische... den Satz könnt Ihr Euch je nach gusto selber ergänzen, liebe Leser :-); dann hetzte er Maximilian von Österreich in das mexikanische Abenteuer gegen Benito Juárez (und damit in den sicheren Tod); dann hetzte er die Polen zum erfolglosen Aufstand gegen Russen und Preußen (was für dessen Anführer ebenfalls den sicheren Tod bedeutete), und schließlich brach er den Krieg gegen Preußen vom Zaun, der Bismarck zum Herrn Deutschlands machen (aber das ist eine andere Geschichte), ihn selber vom Thron fegen und Frankreich wieder zu einer Republik machen sollte. Ja und? Ach so - eine Heldentat Napoléons III, die Ihr in keinem Eurer Geschichtsbücher finden werdet, hat Dikigoros bewußt zurück gestellt, weil er sie nicht mit einem Halbsatz abtun kann: Er hatte nämlich beschlossen, daß der Süden Chiles unter keinen Umständen deutsch werden dürfe, sondern vielmehr französisch werden müsse.

Also schickte er einen jungen Franzosen (wie jung er war, darüber streiten die Gelehrten - er sei "um 1820" oder "um 1825" geboren) namens Aurélie Antoine de Tounens (oder so ähnlich - um die korrekte Form des Namens prozessieren seine Nachfahren noch heute) nach Valdívia, um dortselbst ein französisches Königreich zu errichten. Die Spanier und die Deutschen in Chile lachten den guten Mann herzlich aus; aber die Moluche fanden Gefallen an dem schneidigen Advokaten a.D., der sich - und das ist einer der vielen Treppenwitze der südamerikanischen Geschichte - als neuer Inka gerierte. (Nun rächte es sich, daß die Moluche die alten Inka nie wirklich als Herrscher kennen gelernt hatten!) Als solcher verfaßte Tounens Gedichte an den Sonnengott, die etwas minder bemittelte Franzosen in eben solchen Diskussionsforen heute zu der Annahme verleiten, er sei ein ins peruanische Exil gegangener Dichter des 18. Jahrhunderts gewesen. Nichts weniger als das. Vielmehr ließ er sich anno 1861 von den Moluche zum König - Orelio Antonio I - von Patagonien ausrufen. Die Chilenen lachten immer noch. Als er auch bei ihnen aufkreuzte, zum "Staatsbesuch", steckten sie ihn kurzerhand in die Klapsmühle und schoben ihn nach Frankreich ab. Das nahmen ihnen die Moluche allerdings ziemlich übel, und sie begannen einen Krieg - der für sie freilich hoffnungslos war, denn inzwischen gab es Schußwaffen (der amerikanische Sezessionskrieg war gerade zuende gegangen, und die USA exportierten schon damals nicht mehr benötigte Waffen in alle Welt, bevorzugt nach Lateinamerika), gegen die auch der tapferste Krieger mit Lasso, Lanze und Bola (eine Spezialwaffe der Moluche - stellt Euch das Gerät vom "Hammer"-Werfen vor, mit je einer Eisenkugel an beiden Enden) nicht ankam. Im Januar 1870 mußten sie Frieden schließen, der sie zwar ihre Autonomie kostete - und ihren Namen, denn fortan wurden sie nur noch "Arauca" genannt -, aber noch nicht ihr Leben als Volk. Wer erinnerte sich noch an König Aurelius? Der hatte 1863 in Frankreich seine Memoiren veröffentlicht (die freilich kaum jemand gelesen hatte), seitdem hatte man nichts mehr von ihm gehört. Offiziell galt er als verschollen; trotzdem hatte die chilenische Hafen- und Grenzpolizei seinen Steckbrief noch immer in den Akten - über den Pazifik oder die oben genannten Kordilleren-Pässe wäre er nicht unbemerkt gelangt, und eine "grüne" Grenze, über die man mal so eben ins Land huschen konnte, gab es nicht. Oder etwa doch?

Wenn Ihr auf Abenteuerurlaub steht, liebe Leser, und überdies gut reiten könnt, dann habt Ihr vielleicht schon mal etwas vom "Gaucho-trail" über den Arco-Paß gehört, denn inzwischen wird dieser Trip sogar als begleitete Touristenreise angeboten. (Nein, Dikigoros blendet Euch den Link hier nicht ein, denn er will keine Schleichwerbung für eine viel zu teure Dienstleistung machen - wenn Ihr unbedingt wollt, geht ins Reisebüro und fragt nach "Comacho".) Auf diesem Trail gelangt man über den südlichsten der Kordilleren-Pässe von Argentinien nach Chile - und König Aurelius und seine heimlich in Frankreich rekrutierten Söldner, pardon Befreier, saßen schon in Argentinien bereit und warteten nur darauf, los zu schlagen...
Die letzten Reste entkamen über den Arco-Paß nach Argentinien, wo ihre Nachfahren noch heute leben. Die, denen die Flucht nicht gelang, wurden von den Chilenen in Konzentrationslager gesteckt, wo die meisten von ihnen umkamen. Ein paar Mischlinge überlebten. (...)
Ach, liebe Leser, Ihr habt Euch "schlau" gemacht und eine ganz andere Geschichte gefunden? Schon möglich; aber das ist dann nicht die Geschichte, sondern eine Geschichte, ein Märchen des 20. Jahrhunderts. (Wenn Ihr die Wahrheit lesen wollt, müßt Ihr Euch ältere Literatur besorgen, z.B. Meyers Konversations-Lexikon in der Auflage von 1888 - aber bitte nicht unter "Mapuche" nachschlagen, sonst werdet Ihr nicht fündig :-) Und das lautet so: Moluche hat es nie gegeben. Die "Araucaner" hießen vielmehr ursprünglich "Mapuche", und die gibt es heute noch. Pardon, liebe Märchenonkel, aber das ist grober Unfug, der daraus resultiert, daß das Wort "völkisch" und alles, was damit zusammen hängt, tabu ist; Völker oder Volkszugehörigkeiten darf es nicht mehr geben, sondern nur noch Staatsangehörige und Sprecher von Sprachen oder Dialekten. Und "Mapuche" (oder "Mapudungu") war die gemeinsame Sprache der Moluche. So weit, so schlecht. Was machen nun aber die Märchenonkel mit den einzelnen Stämmen?
Heute zählt man wieder "600.000", die Mapuche sprechen, also "Araucaner" sein müssen. So ist das also
Und die Entkommenen? Die werden heute als "Huilliche" bezeichnet; und es wird so getan, als hätten sie schon seit Urzeiten in Argentinien gelebt. (...)

* * * * *

Wart Ihr mal auf dem Balkan, liebe Leser? Nein, Dikigoros meint nicht das Gebiet des ehemaligen Jugo-Slawiens, sondern den echten Balkan, das Gebirge, das mitten durch Bulgarien läuft und deshalb seine Theorie von den Staaten trennenden Gebirgs-Pässen zu widerlegen scheint, denn es gibt sie doch, oder? Ja, es gibt sie, und Dikigoros wird Euch gleich noch ein paar andere von dieser Sorte vorstellen, damit Ihr entscheiden könnt, ob sie nicht doch besser trennen würden, was nicht zusammen gehört und deshalb auch nie richtig zusammen gewachsen ist; aber erst will er Euch noch berichten, wie der heutige "Balkan" zu seinem Namen gekommen ist. Wer gibt den Reisezielen Namen? Natürlich die Reisenden, und das müssen nicht immer Militärs sein, sondern es können auch Kaufleute sein - wenn sie denn ordentlich bewaffnet sind und sich deshalb selber schützen können. Denken wir an die Zeit zurück, als noch ein reger Levante-Handel herrschte, als Konstantinopel noch nicht an die Türken gefallen war, sondern der Umschlagplatz Nr. 1 für eben diesen Handel. Ein Großteil davon ging per Schiff nach Italien, vor allem nach Venedig oder Genua; aber wenn es von dort nach Mitteleuropa gelangen sollte, dann mußte man die Alpenpässe überqueren, was mühselig, zeit-, und kostspielig war. Warum sollte man die Waren also nicht gleich auf dem Landweg dorthin transportieren? Das Herz Mitteleuropas schlug damals nicht in Berlin oder Frankfurt, sondern in Prag, Wien und Ofen; und wenn man das weiß, dann sieht man in der Tat keinen Grund, die Waren nicht von Konstantinopel direkt dorthin zu schaffen, und zwar über Hadrianopel, den Schipka-Paß (den meinte Dikigoros, als er eingangs dieses Absatzes fragte, ob Ihr schon mal auf dem Balkan war, das ist nämlich der Paß auf dem Balkan-Gebirge), durch die Walachei und über den Rotenturm-Paß (der für die Süd-Karpaten in etwa die gleiche Bedeutung hatte wie der Schipka-Paß für den Balkan) nach Hermannstadt in Siebenbürgen; und von dort war es schon nicht mehr weit bis nach Ofen. Das war also die Balkan-Route. Dann kamen unruhige Zeiten; in der Theiss-Ebene, in Siebenbürgen und in der Walachei war der Teufel los; und so "entdeckten" die Kaufleute allmählich einen anderen Weg: von Ofen südlich die Donau entlang nach Belgrad, dann weiter über Nisch und Sofia nach Hadrianopel, und von dort weiter wie bisher nach Konstantinopel. Von dieser neuen "Balkan-Route" übertrug sich der Name allmählich auf die Gegenden, durch die sie führte; während der "echte" Balkan bald in Vergessenheit geraten sollte. Der letzteren Route seid Ihr, liebe Leser, wenn Ihr mal auf den Balkan gereist seid, bevor die Bürgerkriege in Ex-Jugo-Slawien begannen, wahrscheinlich auch noch gefolgt; denn auf der alten Balkan-Route hatte offenbar niemand Interesse daran, ordentliche Verkehrsverbindungen - sei es Autostraßen oder Eisenbahnlinien - anzulegen. Warum eigentlich nicht?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir nicht nur einen Blick auf die Karte werfen, sondern auch in die Geschichtsbücher; denn es ist eben doch nicht, daß jene Pässe so gar nicht in das Schema dieser "Reise durch die Vergangenheit" passen. Nehmt Euch am besten einen historischen Atlas älteren Datums vor. Wenn Ihr Glück habt, werdet Ihr dort diese und noch andere Pässe über den Balkan und über die Karpaten eingezeichnet finden, und zwar an Ländergrenzen, die heute nicht nur nicht mehr existieren, sondern auch weitgehend aus der Erinnerung verdrängt sind. Vom Schipka-Paß hatten wir schon gehört. Ja, aber was trennt[e] der eigentlich? Nun, wenn Ihr Euch mal die Landkarte Ost- und Südosteuropas zu Beginn des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts anschaut, dann werdet Ihr wahrscheinlich ein bißchen neidisch werden auf die Schüler damaliger Zeiten (Dikigoros wird es jedenfalls :-), die sich nicht mehr als drei Staaten merken mußten: Österreich-Ungarn, Rußland und das Osmanische Reich. Nun war aber dummerweise das 19. Jahrhundert das Jahrhundert des Nationalismus, und deshalb wollte plötzlich jedes Volk und jedes Völkchen seinen eigenen Staat haben, und niemand nahm Rücksicht auf die armen Schüler, die gerade all die deutschen Duodez-Fürstentümer hatten vergessen dürfen - es gab ja nun das "Deutsche Reich" -, und gar keine Lust hatten, sich statt dessen plötzlich mit neuen Kleckerstaaten abzuplagen wie Serbien, Montenegro, Bosnien, Herzegowina, Moldau, Walachei, Bulgarien oder gar Ostrumelien. (Nie gehört, was? Gab es auch ein Westrumelien? Nein, es waren die Reste des Oströmischen Reiches, die von den Türken so genannt wurden.) Nur einer schien Verständnis für die armen Schüler zu haben (weshalb er auch bald sehr populär wurde, aber das ist eine andere Geschichte): ein gewisser Otto v. Bismarck, seines Zeichens Kanzler des Deutschen Reiches. Als daher gewisse Bösewichter daran gingen, den europäischen Teil des Osmanischen Reichs immer mehr auseinander zu pflücken, schob er dem energisch einen Riegel vor: Auf dem Berliner Kongreß anno 1878 spielte er den "ehrlichen Makler" und stieß damit alle Beteiligten vor den Kopf, ohne für Deutschland irgend etwas heraus zu holen als den Haß aller anderen, frustrierten Großmächte - damals wurde der Grundstein gelegt für die künftige Unbeliebtheit Deutschlands und der Deutschen in aller Welt. Was hatte er denn nun zustande gebracht für die braven, aber lernfaulen Schüler? Bosnien und Herzegowina blieben türkisch (aber die Österreicher schickten "Schutztruppen", um den Frieden zu sichern), Serbien und Bulgarien wurden unabhängig (aber es waren winzige Staaten, nichtmal halb so groß wie heute), Moldau und Walachei wurden zu dem neuen Kunststaat "Rumänien zusammen geschlossen, und Ostrumelien blieb türkisch. (So ganz nebenbei krallten sich England - als einzige Großmacht, die nicht leer ausging - die bis dahin türkische Insel Cypern.) Damit glaubte Bismarck, das friedliche Gleichgewicht der Kräfte in Europa auf Dauer gesichert zu haben. Die Dauer dieser Dauer betrug genau sieben verflixte Jahre; dann reisten die Bulgaren über den Schipka-Paß (der die Grenze bildete - wer hätte das gedacht :-) nach Ostrumelien ein, sehr zum Ärger all seiner neidischen Nachbarstaaten, die sich auch auf die Reise machten. Langer Rede, kurzer Sinn: Bis 1913 rissen die Kriege auf dem Balkan nicht mehr ab (auch wenn offiziell, d.h. in den Geschichtsbüchern, nur die beiden letzten so genannt werden).

Aus Sicht der Balkanesen war auch der "Erste Weltkrieg" eigentlich nicht mehr als die logische Fortsetzung dieser Kämpfe in etwas größerem Maßstab - nur daß halt die Balkan-Pässe keine Rolle mehr spielten. Aber wozu haben wir die Karpaten-Pässe? So dachten auch die Russen, als sie 1914... Moment mal, wo soll denn da nun wieder eine Grenze sein? An der Staatengrenze zwischen Rußland und Österreich-Ungarn gab es doch damals, wie ein Blick in den historischen Atlas lehrt, keinen einzigen Paß, oder? An der Staatengrenze nicht, liebe Leser - aber habt Ihr schon mal etwas von einer "Volkstumsgrenze" gehört? Wahrscheinlich nicht, denn das Wort ist ja seit 1945 verboten.

(...)

[Dariel-Paß]

Habt Ihr schon mal vom Dariel-Paß gehört, liebe Leser? Nein, natürlich nicht, denn Ihr findet ihn heute in keinem Atlas und in keinem Lexikon mehr. (Gebt mal "Meyers Konversationslexikon 1889" in Eure Suchmaschine ein; da werdet Ihr noch fündig.) Als Dikigoros zu Schule ging, gab es ihn noch im "Diercke Weltatlas", unter dem falschen Namen "Krestowy"-Paß (so nennen ihn die Russen, nach dem "Krestowy Gor" [Kreuzberg], über den sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Straße bauten, auf der Trasse der alten "Grusinischen Heerstraße" von Tiflis (Tbilisi) nach Wladikawkas ["Beherrsche den Kaukasus"] am Terek, dem Grenzfluß zwischen Europa und Asien. Die Straße und den Paß gab es schon im Altertum (die Stadt auch, aber die hieß damals noch "Artaxata"); und das ist bis heute die einzige Verbindung von Persien nach Rußland über das Gebirge geblieben. (Davor und danach, also bis Tiflis und bis Wladikawkas, gibt es heute Eisenbahnen; aber dazwischen nicht, obwohl es im Jahre 1914 mal ein diesbezügliches Projekt gegeben haben soll.) Es ist dies auch die einzige Stelle, an der das Sinn macht, denn hier ist der Kaukasus "nur" knapp 2.500 m hoch, während der benachbarte Kasbek mehr als 5.000 m, also gut doppelt so hoch ist. Würde es Euch sehr wundern, liebe Leser, nach allem, was Ihr bisher hier gelesen habt, wenn auch dieser Paß eine Grenze zwischen zwei Staaten ist und wenn er historische Bedeutung hatte? Nun, das wäre ja noch nichts weiter; aber dieser Paß trennt nicht nur zwei Staaten und zwei Kontinente, sondern zwei Welten: die des (orthodoxen) Christentums und die des Islām. Als sich im 18. Jahrhundert sowohl das Osmanische als auch das Persische Reich anschickten, den Kaukasus zu erobern, rief der christlich-orthodoxe König Herakles II von "Georgien" (so nannte er die grusinischen Lande um Kartalinien und Kachetien - aber auch die deutschen Lande um Bayern und Preußen nennt man ja "BRD" :-) die Russen zu Hilfe - als das geringere Übel. Die wurden damals von einer Deutschen regiert, die sich "Katharina II" nannte, und von der man ansonsten halten mag, was man will (wen Dikigoros' Meinung interessiert, der kann sie demnächst an anderer Stelle nachlesen), die hier einmal etwas nachvollziehbares tat: sie kam den Georgiern mit einem Bündnisvertrag zu Hilfe - und nicht nur denen, sondern auch den auf halbem Wege liegenden Ossen (deren Vorfahren Ihr, liebe deutsche Leser, vielleicht wenigstens dem Namen nach als "Alanen" der Völkerwanderungszeit kennt), die von ihren Nachbarn, den Tschetschnjern (schon mal gehört? In Euren Fernseh-Nachrichten heißen sie "Tschetschenen") bedrängt wurden. Bei der Gelegenheit gründete sie, als Riegel hinter dem Dariel-Paß, das eben erwähnte Festungsstädtchen Wladikawkas neu. Das war auch dringend nötig, denn jenseits des Passes blieben die Perser gefährlich: 1795 eroberten sie die georgische Hauptstadt Tiflis und brannten sie bis auf die Grundmauern nieder. Katharina II holte zum Gegenschlag aus, und so eroberten die Russen weite Teile dessen, was heute die Staaten Armenien, Georgien und Aserbajdschan sind - und auch einige Gebiete, deren Bewohner sie nicht um Hilfe gebeten, sich diese vielmehr ausdrücklich verbeten hatten. (Die Tschetschnjer hatte Dikigoros ja schon genannt; die anderen findet Ihr im politischen Teil Eurer Tageszeitung, seit einiger Zeit etwas weiter hinten, aber immerhinque.) Sie halfen, Tiflis wieder aufzubauen, und damit so etwas nicht noch einmal vorkam, bauten sie, wie bereits erwähnt, die "Grusinische Heerstraße" aus, um ihre Truppen im Bedarfsfall schnell über den Dariel-Paß schaffen zu können. Manchmal reicht diese Demonstration, Krieg führen zu können, um den Frieden zu sichern. 1914 brach er dann doch aus; aber den Türken gelang es nicht, den Paß zu erobern. 1917, nach der glorreichen Oktober-Revolution, wurden die drei genannten Staaten für drei Jahre unabhängig; dann kam ein gewisser Ordschonikidse und machte sie mit "Hilfe" der Roten Armee erst zu Sowjet-Republiken, dann zu Teilen der Sowjet-Union. Und deshalb gab es, als Dikigoros zur Schule ging, auch den Namen "Wladikawkas" nicht mehr, denn die Stadt wurde Anfang der 30er Jahre nach jenem krummen Hund benannt. [Das erste, was die Osseten nach dem Zusammenbruch der Sowjet-Union anno 1991 tun sollten, war, sie wieder in "Wladikawkas" umzubenennen.]

Tja, aber was ist denn nun an alledem so weltbewegend? Kann sich der Dariel-Paß in seiner Bedeutung wirklich mit anderen Pässen vergleichen, die Dikigoros Euch auf dieser "Reise durch die Vergangenheit" vorstellt? Und ob, liebe Leser, und ob; er hat im 20. Jahrhundert geradezu weltgeschichtliche Bedeutung erlangt, denn er hat einen Weltkrieg mit entschieden. (Manche meinen sogar zwei; aber diese Auffassung teilt Dikigoros nicht.) Moment - hatte Dikigoros nicht an anderer Stelle geschrieben, daß die entscheidende Verkehrsader im Zweiten Weltkrieg eine Eisenbahnlinie gewesen sei, nämlich die der Murman-Bahn? Ja, schon, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lautet: Selbst wenn die Deutschen (oder Finnen) die Bahnlinie von und nach Murmansk unterbrochen hätten - und damit rechneten die Alliierten eigentlich täglich - wäre die Sowjet-Union noch nicht völlig von allen Nachschublinien abgeschnitten gewesen; denn die Alliierten hatten schon im August 1941 vorsorglich Persien überfallen, den Shah gestürzt und deportiert. (Ja, speziell die Engländer hatten noch nie große Skrupel, neutrale Länder zu überfallen - nur wenn andere das taten, war das in ihren Augen ein "Kriegsverbrechen". Was hatten sie sich nicht im August 1914 aufgeregt, als die Deutschen das angeblich neutrale, aber in Wahrheit längst insgeheim mit Frankreich verbündete Belgien besetzten... daß sie selber 1916 das (wirklich) neutrale Griechenland überfielen und besetzten, davon lest Ihr dagegen heute nirgendwo mehr etwas. Im Zweiten Weltkrieg war es genauso.) Und nun konnte der Nachschub für "Onkel Jo" Stalin über den Dariel-Paß rollen. Das war auch bitter nötig, denn bis Mitte 1943 kamen kaum Geleitzüge heil bis nach Murmansk durch (was mit ein Grund dafür gewesen sein mag, daß die Deutschen die Eroberung der Murman-Bahn damals, als sie dazu noch in der Lage gewesen wären, nicht forcierten); und wenn doch, dann hätten die Sowjets bei ihren miserablen Bahnverbindungen das gelieferte Material kaum bis in den Süden an die Front transportieren können. Die Schlachten um Rostow am Don (den Endpunkt der Eisenbahn von Wladikawkas) und um Stalingrad hätten die Russen nicht führen - geschweige denn gewinnen - können, wenn es diese zweite alliierte Nachschublinie über die "Grusinische Heerstraße" und den Dariel-Paß nicht gegeben hätte. 10 Kilometer standen die Truppen der Wehrmacht im November 1942 vor Wladikawkas, pardon Ordschonikidse; die kaukasische Bevölkerung begrüßte ihre deutschen Befreier überall mit Jubel; und hätte Hitler, statt zwei Armeen in Stalingrad zu verheizen, nur zwei Regimenter nach Kandalakscha geschickt und zwei nach Wladikawkas (oder nur zwei Kompanien Gebirgsjäger an den Dariel-Paß - statt dessen ließ dieser Kindskopf sie auf den Elbrus kraxeln, damit sie auf dem höchsten Berg des Kaukasus eine Hakenkreuzfahne hissen konnten, nur um später festzustellen, daß sie sich im Gipfel geirrt hatten :-), dann wäre der Rußland-Feldzug einige Monate später beendet gewesen, und der Zweite Weltkrieg auch.

* * * * *

Habt Ihr schon mal vom Pangsau-Paß gehört, liebe Leser? Wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn Ihr Angelsachsen seid und der Meinung huldigt, daß der Kampf um die Barmā-Straße eine entscheidende Rolle im Zweiten Weltkrieg gespielt habe, weil dort der Vormarsch der Japaner nach Indien aufgehalten wurde. Pardon, werden diejenigen fragen, die doch schon mal davon gehört - oder sich jetzt schnell kundig gemacht - haben, was hat denn der Pangsau-Paß mit der Barmā-Straße zu tun? Tja, mit dem sich "kundig" machen ist das manchmal so eine Sache. Wenn Ihr auf eine heutige Landkarte schaut, dann ist die Barmā-Straße da im Zweifel gar nicht mehr eingezeichnet, und in die westlichen Grenzgebiete der Provinz Yünnan (wo noch immer Volksstämme leben, die mit den Han-Chinesen nichts zu tun haben wollten, wenn man sie fragen würde - man fragt sie aber nicht) läßt die Volksrepublik China bis heute keine ausländischen Touristen reisen. Auf älteren Karten, wo Ihr sie vielleicht noch verzeichnet findet, beginnt sie für gewöhnlich in Kunming und endet in Lashio. Von dort führt eine kleine Bahnlinie nach Mandalay am Irrawaddy, und von dort gelangt man relativ unproblematisch - auf der einzigen Route, die man auch als ausländischer Tourist in Barmā, pardon Myanmar sagt man ja jetzt, bereisen darf, mit Schiff, Eisenbahn oder Bus bis nach Rangūn, pardon Yangon schreibt man ja jetzt (aber man sagt nach wie vor "Jangun", mit langem "u"; nur Hauptadt ist es nicht mehr - die hat man verlegt ins Landesinnere, nach Neu-Pidau). Wenn die Barmā-Straße nur dorthin führen würde, wäre sie freilich für die Angelsachsen bald wertlos gewesen, denn die Japaner hatten bereits zu Beginn des Krieges Rangūn und Süd-Barmā besetzt. Der Witz ist aber, daß sich die Barmā-Straße direkt hinter der chinesisch-barmesischen Grenze, bei einem Kaff namens Mu-se, gabelt. Die südliche Route führt nach Lashio - aber um die ging es wie gesagt nicht -, und die nördliche - die im Zweiten Weltkrieg heiß umkämpft war - führt durch Katschin (eine Provinz, wo noch immer Volksstämme leben, die mit den Barmesen nichts zu tun haben wollten, wenn man sie fragen würde - man fragt sie aber nicht) zunächst nach Mogaung, und von dort auf einer Strecke, die man auch "Ledo-Straß" nennt, über den Pangsau-Paß (hinter dem das Städtchen Ledo liegt, daher der Straßenname) nach Asām (das mit scharfem "s", also wie ein deutsches "ß" gesprochen wird, weshalb es manche auch "Assam" schreiben; aber das ist falsch, denn die Betonung liegt auf der zweiten Silbe, die sich streng genommen mit zwei "a" schreibt), genauer gesagt bis an die Mündung des Flüßchens Dibru in den Brahmaputr, wo eine Stadt liegt, die folgerichtig den Namen Dibrugarh trägt.

[Exkurs. "Garh" bedeutet Burg, Stadt; es ist eines der ältesten gemeinsamen Wörter der so genannten "indo-europäischen" Sprachen, das sich im russischen "gorod" (bzw. der Kurzform "-grad") ebenso wieder findet wie im deutschen "Garten". Ja, was hattet Ihr denn gedacht, liebe Leser, woher der seinen Namen hat? Von dem Grünzeug, das in ihm angebaut wird? Nein, vom schützenden (vgl. die "Garde", vom französischen "garder", hüten, beschützen) Zaun, der ihn früher ebenso umschloß wie die Dörfer und Städte. Deshalb irrte Jean-Jacques Rousseau, der gefeierte "Naturrechts"-Filosof, geistige Vater der Französischen Revolution und selbst ernannte Pädagoge (der seine eigenen fünf Kinder ins Waisenhaus abschob), als er schrieb, daß die Felder und Gärten ursprünglich allen Menschen gemeinsam gehört hätten, und daß der erste, der ein Teil davon abgetrennt und für seinen eigenen Zweck reserviert und mit einem Zaun umgeben habe, ein Verbrecher gewesen sei. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Das öde, unbebaute Land und der Urwald mögen allen - also keinem - gehört haben; aber niemand war bereit, es für die Allgemeinheit zu roden, zu bearbeiten und dort etwas anzubauen, bevor nicht der erste Gartenzaun ihm sein Eigentumsrecht daran sicherte. Der erste, der auf diese geniale Idee - die Idee des Privateigentums - kam, war der größte Wohltäter der Menschheitsgeschichte. Exkurs Ende]

Von Dibrugarh führt eine Bahnlinie nach Westen, d.h. nach Bengalen, über die der Nachschub aus Indien anrollen kann. Aber um von Osten dorthin zu gelangen, muß man das Patkai-Gebirge überwinden, und der einzige Paß, auf dem das möglich ist, wurde von den Angelsachsen "Hell's Gate [Höllen-Pforte]" und von den Asāmī "Pangsau" genannt. Die Japaner, die 1940 nach einem Abkommen mit der neuen französischen Regierung in Vichy Indochina besetzt hatten, schafften ihren Nachschub von Hanoi mit der Eisenbahn, die ihnen die Franzosen freundlicherweise noch gebaut hatten, nach Kunming, und von dort über die Barmā-Straße Richtung Indien, so weit die Füße trugen. Hätten sie Dibrugarh erreicht und genommen, wäre Indien gefallen.

[Die Bahnlinie nach Asam - rechts oben Dibrugarh]

Wart Ihr schon mal in Dibrugarh, liebe Leser? Natürlich nicht - selbst erfahrene und hart gesottene Travelers, einschließlich die Verfasser all der schönen, "alternativen" Indien-Reiseführer, sind nie über Gavhatī ("Gawahati", "Guwahati", "Gauhati") hinaus gekommen, deshalb werdet Ihr nirgendwo etwas Touristisches über Dibrugarh lesen; und selbst auf besseren Landkarten werdet Ihr nur selten die Bahnlinie eingezeichnet finden, die es mit Westbengalen und dem Rest Indiens verbindet. Der Grund dafür ist ganz einfach: Ausländer benötigen für den Besuch jener äußersten nordöstlichen Ecke Bhāratas seit dem indisch-chinesischen Krieg von 1962 ein Special Permit. Wenn Ihr das zuhause beantragen wollt, sagt man Euch, das müßtet Ihr in Dillī oder Kålkattā tun; und wenn Ihr es dort versucht, erzählt man Euch, daß Ihr das schon zuhause beim Konsulat hättet tun müssen - so beißt sich der bengalische Tiger, der in Asām ebenso beheimatet ist wie das Nashorn, in den Schwanz. [Warum? Nun, im Osten des alten Asām - von dem 1972 ein halbes Dutzend neuer Mini-Bundesländer abgetrennt wurden - leben vielerlei Menschen, die mit den Indern nichts zu haben wollten, wenn man sie fragen würde (man fragt sie aber nicht): schlitzäugige, die eher zu China tendieren oder zu Barmā, und muslimische, die als Wirtschaftsflüchtlinge aus Banglā Desh gekommen sind. Sie alle bekämpfen einander erbittert bis aufs Messer. Und das ist wörtlich zu nehmen: in den letzten Jahrzehnten hat es bei solchen bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen hunderttausende Tote gegeben - da muß man die Ausländer ja nicht unbedingt zuschauen oder gar hinein geraten lassen.] Aber habt Ihr Euch mal gefragt, wie kontrolliert wird, ob jemand trotzdem, d.h. auch ohne Permit, hin fährt? Nun, die Inder denken da ganz praktisch: Ein Ausländer, der erfolglos versucht hat, in Dillī oder Kålkattā ein Permit zu bekommen und es trotzdem versuchen will, wird entweder ein Flugzeug nach Mohanbarī - dort, ca. 10 Meilen außerhalb von Dibrugarh, liegt der Flughafen, nach dem eine Teesorte benannt ist, die gar nicht dort wächst - nehmen (was völlig aussichtslos ist, denn spätestens bei der Landung wird selbstverständlich kontrolliert; wer erwischt wird, darf gleich den nächsten Flug zurück zum Ausgangsort nehmen - auf Kosten von Indian Airways, die beim Einchecken nicht aufgepaßt haben, deshalb tun die das inzwischen verstärkt, so daß der Versuch wahrscheinlich heute schon vor dem Abflug enden würde) oder aber einen Zug. Auch das kann man relativ leicht kontrollieren, denn es gibt nur zwei, die nach Dibrugarh fahren: den Rājdhanī-Express von Nayi-Dillī und den Kamrup-Express von Kålkattā-Howra. Beide fahren über Nacht und nur mit reservierten Plätzen, d.h. die Namen der Reisenden stehen - wie das in Indien üblich ist - draußen an der Abteil-Tür; es braucht nur jemand durch den Zug zu gehen, schon sieht er, wenn sich etwa ein Ausländer eingeschlichen haben sollte; und wenn der bei der Kontrolle kein Permit hat, dann hilft auch kein Bakshish - der wird an der nächsten Station heraus geholt und prompt in den nächsten Zug in Gegenrichtung gesetzt.

Stimmt das eigentlich alles? Jein - denn einen Zug hat Dikigoros bewußt "vergessen": den Brahmaputra Mail. Ohne das in seinem Reise-Bericht über die großen Kanalbauten der Welt bemühte Wort "Von Meer zu Meer" in "Von Paß zu Paß" umwandeln zu wollen, darf er doch festhalten, daß man mit etwas Glück - d.h. wenn die Grenze zwischen Pākistān und Bhārat nicht gerade mal wieder wegen des Konflikts um Kashmir gesperrt ist - vom Khaibar-Paß fast direkt bis zum Pangsau-Paß durch fahren kann. Und wenn nicht, dann jedenfalls von Amrītsar über [Alt-]Dillī bis Dibrugarh. Zwei Tage und drei Nächte braucht dieser Post-Zug (plus durchschnittlich einen halben Tag Verspätung :-); und nachdem man die Transsibirische Eisenbahn vergessen kann, ist diese Fahrt eines der letzten großen, vielleicht sogar das größte Bahnreise-Abenteuer dieser Erde. Aber kein Ausländer macht sie - jedenfalls haben die Inder noch keinen erwischt (sonst stünde es sicher am nächsten Morgen in der Zeitung). Wie auch? Erstens wird eh nicht kontrolliert (denn welcher Ausländer würde schon so einen langsamen, unbequemen Bummelzug nehmen, den man - im Gegensatz zu den beiden anderen - auch nicht schon von zuhause aus übers Internet reservieren kann?), und selbst wenn... Nein, nicht einmal Dikigoros würde es fertig bringen, drei Tage auf einem unreservierten Sitzplatz der letzten Klasse zu verbringen; 2. Klasse Liegewagen muß schon sein; aber Ihr glaubt doch nicht etwa, daß er so leichtsinnig wäre, sein Reservierungs-Formular in lateinischen Buchstaben auszufüllen? Wenn an der Abteiltür "N. Dikigoros" stünde, würde es vielleicht doch irgend jemandem auffallen; aber da steht ja in Dewnagrī "N. Dī-kī-ģo-ro-sa" (mit einem Punkt unter dem "go", wie sich das gehört :-), und daran stört sich niemand. Schon am Buchungsbahnhof hat niemand nach einem Ausweispapier gefragt - Dikigoros schreibt schneller und flüssiger als alle Inder, die er je kennen gelernt hat, er muß also ein Einheimischer sein. Da der Zug aus dem Panjāb kommt, fällt er auch mit seiner Körpergröße und seiner hellen Haut nicht auf; denn das ist die einzige Ecke Indiens, wo es 2-Meter-Männer gibt - sie entstammen der Kriegerkaste der Sikh -, und Dikigoros trägt eine Militäruniform (wie immer auf seinen Indien-Reisen), einen straff gewickelten Turban, um die zwar nicht mehr sehr zahlreichen, aber dennoch unverkennbar blonden Haare zu verdecken, und den obligatorischen Schnurrbart (den er schwarz gefärbt hat, mit dem Zeug, das der DUDEN "Kajal" schreibt und schminksüchtige Frauen "Kayál" aussprechen, obwohl es doch vom indischen "kājal" kommt und folglich "Kádschal" ausgesprochen wird - aber das ist eine der vielen peinlichen Verballhornungen indischer Wörter im Westen); außerdem spricht er, da sein Lehrer aus dem Panjāb kam, Hindī mit leichtem dortigem Akzent (aber immer noch besser als jeder Asāmī); niemand kontrolliert ihn, niemand hält ihn auf. Guten morgen, Dibrugarh, schön, daß der Zug nicht fahrplanmäßig um 5:30 Uhr angekommen ist, sondern ganz zivil zum Ausschlafen, d.h. schlappe fünf Stunden später.

[Die Straße zum Pangsau-Paß]

Von nun ab wird es etwas schwieriger, denn Dikigoros hat natürlich auch kein Visum für Barmā. (Die Halsabschneider verlangen dafür 40.- US-$, und obwohl er sich ansonsten mit dem - deutschen - Büroleiter des barmesischen Konsulats immer gut verstanden hat... aber lassen wir das.) Braucht er auch nicht; denn bis zum Pangsau-Paß nimmt ihn ein kleiner Militär-Konvoi mit; die Jungens sind richtig stolz darauf, daß er sie begleitet, denn sie halten ihn für einen amerikanischen Oberst. Dikigoros - der den Turban inzwischen mit einem khakifarbenen Käppi vertauscht hat - trägt am Kragen zwei Anstecker, die eigentlich ein Adler-Totem kanadischer Indianer darstellen sollen, aber bei entsprechender Unkenntnis leicht mit den Rangabzeichen eines "full chicken colonel" der U.S. Army verwechselt werden können; er hat sich diese "Sprungbeförderung" gegönnt, obwohl er viele Jahre lang vollauf zufrieden damit war, als "Captain" herum zu laufen; aber inzwischen hat er allmählich das Alter erreicht, in dem man als solcher in den Ruhestand versetzt wird; und obwohl er sich schmeichelt, noch für ein paar Jahre jünger durchgehen zu können... (Heutzutage sind die Herren Berufsoffziere ja schon sauer, wenn sie mit 30 noch immer nicht Major sind. Als Dikigoros' Vater zum Major d.R. befördert wurde, war er 40 und hatte sich noch ehrlich gefreut, es "in so jungen Jahren" geschafft zu haben :-) Also hat er das Ahornblatt gleich übersprungen - da weiß im Ausland eh niemand so genau, welche Farbe den Major (gold) und welche den Oberstleutnant (silber) darstellt.

Exkurs - es muß ja auch mal etwas zu lachen geben auf dieser "Reise durch die Vergangenheit", und warum nicht über die Spitznamen, die sich der Soldaten-Humor für die Rangabzeichen seiner Vorgesetzten ausgedacht hat?! Dem Obersten Hühner auf die Spiegeleier (Epauletten) zu setzen, das mag ja noch einigermaßen nahe liegen. Aber da eben vom Major die Rede war: Die Amerikaner nennen das Eichenlaub auf den Schirmmützen der Stabsoffiziere aus unerfindlichen Gründen "Scrambled eggs [Rührei]", und Dikigoros' Vater bezeichnete die Achselstücke der Stabsoffiziere noch als "Raupenschlepper" (obwohl es dafür in der Bundeswehr gar keine Veranlassung mehr gab; und auch in der Wehrmacht hätte man eigentlich von "Raupenschlepperspuren" sprechen müssen). Die Briten nennen die Vierecke der Subalternoffiziere (die sich von den deutschen nicht wesentlich unterscheiden) respektlos "Bottlecaps [Kronkorken]", was empfindliche Naturen dahingehend auslegen könnten, daß man ihre Träger für Flaschen hält. Da ist es doch noch weniger biestig, wenn die Amerikaner die Rangabzeichen des Hauptmanns als "Railroad tracks [Eisenbahn-Schienen]" bezeichnen - was immer damit gemeint sein mag. Der "Hoffnungsbalken" der deutschen Unteroffiziers-Anwärter ist dagegen leicht zu erklären: Es herrscht ja die merkwürdige Angewohnheit, ihn schon solchen Aspiranten zu verleihen, die den einschlägigen Lehrgang noch gar nicht besucht, geschweige denn bestanden haben, also vorerst bloß von der Hoffnung auf eine Anwartschaft leben, nicht etwa bloß noch die Zeit abwarten müssen, bis sie zur dem Grunde nach bereits sicheren Beförderung anstehen. Wenn Dikigoros' Lesern noch weitere Beispiele einfallen - er freut sich über jede Zuschrift. Exkurs Ende.

Vom Militärposten auf der indischen Seite der Grenze hat man einen hervorragenden Blick auf die barmesischen Stellungen auf der anderen Seite. Britische Militär-Historiker haben sich immer große Stücke darauf zugute gehalten, daß sie es gewesen seien, die den japanischen Vormasch in Barmā gestoppt hätten. Tatsächlich stellten sie bloß ein paar armselige Guerilla-Trupps auf, die so genannten "Chindits", die sich irgendwo im Djungel hinhaltende Gefechte mit den Japanern lieferten. Für den Ausgang des Kampfes um Barmā waren die aber schwerlich entscheidend. Und selbst wenn sie es gewesen wären - für die Zukunft der britischen Herrschaft über Indien wären sie völlig unerheblich gewesen. Nur sah das damals noch kaum jemand - die Japaner nicht, die Inder nicht und die Briten schon gar nicht. Nur einer ahnte, daß es in Barmā gar nicht um Indien ging, wie alle Welt glaubte, sondern vielmehr um... China! Das war der amerikanische General Stilwell, ein erbitterter Feind Tschiang Kai-sheks und großer Freund Mao Tse-tungs, der mit seinen chinesischen Truppen just auf der "Ledo-Straße" stand, mit dem Rücken zum Pangsau-Paß, und verbissen um jeden Meter Boden kämpfte; denn er hatte erkannt, daß sich der erstere mit den Japanern (die bereits die wichtigsten Teile Chinas besetzt hatten) arrangieren und den letzteren platt machen würde, wenn nicht schleunigst Hilfe in Form von Waffen, Munition, Verpflegung und Medikamenten von den Alliierten kämen. Wenn Ihr der Meinung seid, liebe Leser, daß Rot-China dereinst noch eine bedeutende Rolle in der Weltgeschichte spielen wird, dann werdet Ihr zu den "entscheidenden" Schlachten des Zweiten Weltkriegs auch die "Befreiung" der Barmā-Straße durch Stilwells Chinesen zählen müssen. [Dikigoros persönlich glaubt das nicht, weder, daß aus Rot-China jemals eine Großmacht werden wird, und auch nicht, daß der Kampf um die "Burma Road" für den Ausgang des chinesischen Bürgerkriegs entscheidend war; hätten in der Regierung Truman nicht lauter Idioten gesessen, die blind und taub für die Realitäten alles taten, was Stilwell wollte, hätten die USA die verhängnisvolle Entwicklung auch noch in den Jahren 1945-49 aufhalten können.]

Wessen Schicksal war der Pangsau-Paß also?

[Tangalá-Paß]

Habt Ihr schon mal vom Tangalá-Paß gehört, liebe Leser? Wahrscheinlich nicht; und doch ist es der Schicksals-Paß eines ganzen Volkes - und zwar aller Voraussicht nach der eines tödlichen Schicksals. Dabei beginnt die Straße, die über ihn führt, eigentlich ganz harmlos. Wenn Ihr mal in Dārjiling wart, der Hochburg des westbengalischen Tee-Anbaus, und Euch ein wenig umgehört habt, dann wißt Ihr, daß dort von einschlägigen "Trekking"-Führern Reisen auch am Rande der so genannten Legalität angeboten werden, u.a. über die "grüne", d.h. weiße (oder politisch gesehen rot[chinesisch]e) Grenze nach Tibet. Das ist gar nichts besonderes, denn wenn Ihr mal die Berichte der großen Tibet-Reisenden, wie Heinrich Harrer oder Sven Hedin, lest, dann war das eigentlich schon immer so. Und wenn man halt nicht legal in ein Land reisen darf... Dikigoros hat sich dennoch nicht getraut, denn er wäre schon äußerlich allzu sehr aufgefallen; aber ein Japaner, den er im Hotel kennen gelernt hatte, ließ sich überreden, und er hat ihm später schriftlich berichtet: Die "Tibet-Straße" führt über Gyantse entweder gen Westen über Shigatse und den Heiligen See Shiwas, den Kailās[h] sarowar, nach Gartok (von wo man über den Shipki-Paß wieder nach Indien zurück kehren kann, nach Shimlā - merkt Euch diese Route bitte schon mal) oder aber gen Norden in die einst (und bisweilen immer noch) verbotene Stadt Lhasa - Traumziel aller ausländischen Touristen. Von dort kehrt man für gewöhnlich wieder um und ist froh, wenn man nicht erwischt wird (denn sonst kostet es ein größeres Bakshish, um die chinesische Grenzpolizei zu bestechen). Wenn einen aber der Hafer sticht, dann kann man noch weiter nach Norden reisen - Lastkraftwagen brettern die mehr als 1.100 km lange Strecke über den Tangalá-Paß bis nach Karmu (oder, wie es heute heißt, Golmud) im "Marco-Polo-Gebirge", wo man auf die legendäre Seidenstraße trifft, in 24 Stunden herunter. (Noch weiter nördlich geht nicht, denn dahinter beginnen die Zaidam-Sümpfe, und die kann man zwar theoretisch auch durchqueren, aber dafür werdet Ihr beim besten Willen keinen Führer und keinen Fahrer finden, weder für Geld noch für gute Worte - was Dikigoros nicht einfach nur so daher schreibt, denn in jenen Breitengraden ist das, anders als bei uns im Westen, noch eine Alternative, wenn man den Leuten sympathisch ist.) Dort trifft man dann vielleicht auf Touristen, die "legal", d.h. mit rot-chinesischem Visum und unter rot-chinesicher Bewachung, pardon Begleitung, von Golmud nach Lhasa und zurück fahren, im Ausländer-Bus, hübsch langsam, mit einer Übernachtung in Amdo, ganz in der Nähe des Tangalá-Passes. Gewiß, die sehen mehr vom Land, und sie bekommen auch mehr zu hören von ihren "Begleitern" - aber ob sie auch mehr erfahren?

Exkurs. Seid Ihr etwa schockiert, liebe Leser, daß Dikigoros hier lauter unerlaubte Reisetips verbreitet, die in keinem gedruckten Reiseführer stehen dürfen? Nun, erstens braucht das ja niemand nachzumachen. Und zweitens darf er daran erinnern, was Billy Wilder in seinem Meisterwerk Avanti Jojo Blodgett sagen läßt, als Wendel Armbruster sich erstaunt gibt, mir welchen Mitteln hart am Rande der Legalität er die Leiche seines Vaters aus Italien ausreisen lassen will: "Das ist noch gar nichts. Bei Gelegenheit werde ich Ihnen mal erzählen, wie wir Batista aus Kuba rausbekommen haben." Bei Gelegenheit wird Euch Dikigoros mal erzählen, wie er nach Mäkka und Mädina rein- und wieder rausgekommen ist. Nein, nicht zum Hajj. (Wie käme er dazu? Er ist, wiewohl getaufter Katholik, nie zum Osterfest nach Rom gereist; er ist auch, wiewohl bekennender Shiwaït, nie zum Kumbh Melā nach Haridwār oder einen anderen seiner Schauplätze gereist; und er wäre, wenn er Kommunist gewesen wäre, auch nie zum Jahrestag der wodka-, pardon rumreichen Oktober-Revolution oder zu Lenins Geburtstag nach Moskau gereist, um dort vor seinem Mausoleum Schlange zu stehen - das muß alles nicht sein.) Nur zur Umra. Das war gefährlich genug für jemanden, der auf einen falschen Paß reiste, den er selber nicht lesen konnte, der außer der Shahada und dem blöden Spruch: "labbaik', Allahumma, labbaik'" (er geht noch weiter, aber den Rest hatte er vergessen) kein Wort Arabisch konnte, und der nicht nur aus dem Dar äl-Harb kam, sondern ein waschechter "Kāfir" war (und ist :-), d.h. einer, der den Qur'ān gelesen und sich dennoch nicht zum Islām bekehrt hat, also des todeswürdigen Verbrechens des "Kufr" schuldig ist. (Dikigoros ist zwar nicht ganz sicher, ob das auch für solche Personen gilt, die wie er die "Mutter aller Bücher" nicht im Original, sondern nur in Übersetzung gelesen haben, aber er hätte es nur ungern darauf ankommen lassen :-) Und der auch sonst mehrmals unangenehm aufgefallen ist: Erstens, weil er die drei "schnellen" Umrundungen der Kāba eher als 400-m-Läufe aufgefaßt und auch ein wenig gedrängelt hat, um den Schwarzen Stein zu berühren. (Er macht doch nicht so eine weite Reise, um nur die rechte Hand aus der Ferne danach auszustrecken, wie manche brave Waschlappen! :-) Zweitens, weil er sich beim Jamrat-Steinchenwerfen (das bei Umra eigentlich gar nicht dazu gehört; aber viele Pilger, die sich einen "echten" Hajj aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nicht leisten können - in der Hauptsaison ist halt alles teurer -, ziehen trotzdem das volle Hajj-Programm durch, schaden kann das ja nicht :-) sehr viel weniger ungeschickt angestellt hat als die anderen barfüßigen Sesselpupser, die das offenbar noch nie im Leben gemacht hatten. (Wer hat schon mal - selbst als Muslim - die Gelegenheit, etwa an einer untreuen Ehefrau - der eigenen oder der des Nachbarn - zu trainieren? :-) Man muß bekanntlich auf drei Säulen, die Satan symbolisieren sollen, je sieben Treffer landen (wie auf dem Jahrmarkt - der Hajj hat sich aus einem Jahrmarkt bei der Quelle von Zamzam entwickelt, ganz ähnlich wie "Pützchens Markt" im Rheinland, zu dem heutzutage mehr Menschen angepilgert kommen als zu jedem anderen christlichen Wahllfahrtsort in der Welt, aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle). Dazu hat man 70 Versuche (ursprünglich nur 49, aber die Anforderungen sind irgendwann mal gesenkt worden, wie beim deutschen Sportabzeichen :-), d.h. 70 Steinchen; wenn man es nicht schafft, dann ist die ganze Pilgerfahrt für die Katz, d.h. unwirksam gewesen. Nun gibt es aber die menschenfreundliche Regel, daß man sich, so man selber des Werfens unkundig ist, der Hilfe eines Vertreters bedienen darf; und da Dikigoros selbst auf der kleinsten Säule schon mit den ersten sieben Würfen sieben Treffer erzielte, konnte er sich bald vor Menschenfreunden nicht retten, die den größten Teil ihrer Steinchen schon mehr oder weniger erfolglos verballert hatten und nun jemanden suchten, der ihren Arsch rettete. (Jawohl, den Arsch. Ihr kennt doch den Ausdruck aus dem Sport, daß man einen Platz "mit hoch erhobenem Haupt" verlassen kann, wenn man Erfolg hatte; aber für die Muslime bedeutet das ja, daß sie sich mit hoch erhobenem Hintern dem nächsten Gebet auf der heiligen [Tor]Tour widmen können.) Und wenn er dann auch mal einen Wurf daneben setzte, fühlte sich der Vertretene gleich persönlich beleidigt... Drittens hat er sich nach dem Steinchenwerfen beharrlich geweigert, ein Opfertier zu schlachten oder schlachten zu lassen, unter Hinweis darauf, daß auch das eigentlich nicht zum Umra-Pflichtprogramm zählt, und daß er es jedenfalls durch 3 Tage Fasten ersetzen darf (der Halal-Fraß schmeckt ihm eh nicht; und die 7 Tage zusätzliche Fasten nach der Rückkehr zuhause kann ja niemand kontrollieren :-). Und viertens... Aber lassen wir das; Dikigoros hat nicht umsonst der Versuchung widerstanden, den "Musdalifa" zwischen Mäkka und dem Berg 'Arafāt zu einem Paß im Sinne dieser "Reise durch die Vergangenheit" hoch zu stilisieren; und seiner Reise nach Sa'ūdi-Arabien und in den Yemen - die gefährlicher war als alles andere, was er sonst in der Welt erlebt hat, zusammen genommen - wird er vielleicht mal ein eigenes Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" widmen. Exkurs Ende.

Diejenigen "legalen" Touristen, die von Golmud aus die Busfahrt nach Lhasa unternehmen, sind offenbar keine Freunde des Flugzeugs und deshalb wahrscheinlich schon von Lanzhou aus mit dem "Eisernen Pferd" angereist, auf der Bahnlinie, die in den 60er Jahren, unter dem großen Steuermann Mao Tse-tung, von Millionen politischen Gefangenen in Zwangsarbeit erbaut und mit dem Leben bezahlt wurde. Das äußere Tibet (welches vom inneren Tibet durch das Tangalá-Gebirge getrennt wird), das die Han-Chinesen schon lange zum General-Gouvernement "Tschinghai" (oder, wie sie es heute schreiben, "Qinghai") gemacht haben, ist das größte Konzentrations-Lager der Welt, in dem nach vorsichtigen Schätzungen nie weniger als 10 Millionen Gefangene "untergebracht" sind. Das Zentrum dieses Lagersystems - und des dazu gehörenden Militär-Apparats - ist Golmud. Und von dort nahmen auch jene Reisen ihren Ausgang, von denen die "legalen" Touristen in den Ausländer-Bussen nichts erfahren, es sei denn in der verzerrten Darstellung einer Han Su-yin.
1950
1959

Dikigoros' treue Leser werden jetzt das vermissen, was Joachim Fernau, der große Cyniker unter den Populär-Historikern des 20. Jahrhunderts, ein "Rondo" zu nennen pflegte, und was Dikigoros am Ende aller seiner "Reisen durch die Vergangenheit" herzustellen versucht: den aktuellen Zeitbezug. Aber den hatten wir doch schon - oder? Wie war das mit den ständigen Nachrichten über den Khaibar-Paß? Und über den Babar-Paß weiterhin kein Wort. Aber wie schon kurz erwähnt, wird er ja heute anders genannt, nämlich "Salang-Paß". Darf Dikigoros etwas weiter ausholen? Wie Ihr sicher alle wißt, gibt es in der heutigen Politik viele edelmütige, gänzlich uneigennützige Helfer, die so genannten "Entwicklungshelfer". Ganz besonders viele von dieser sympathischen Sorte Mensch hat die einstige Sowjet-Union hervor gebracht. Das meint Dikigoros durchaus nicht nur cynisch, denn bei einigen Projekten versuchte man zweifellos das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden - und dagegen ist ja gar nichts zu sagen. So bauten die Sowjets den Afģānen anno 1964 eine Eisenbahnlinie bis zum Salang-Paß, und weil es zu umständlich gewesen wäre, die Gleise über den Paß zu verlegen, sprengten sie einen Tunnel in den Felsen - ein technisches Meisterwerk, kein Zweifel. Hätte Dikigoros dieses Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" vor 20 Jahren geschrieben, hätte er den Zeitbezug nur dadurch herstellen können, daß die Sowjets Weihnachten 1979 die nützliche Seite ihres "Geschenks" hervor kehrten, und da erwies es sich denn für die Afģānen doch eher als die Rute von Knecht Rupprecht. Jedenfalls am Anfang; dann ruppten die islamistischen Nachfahren Babars, die sich "Mujaheddin [Freiheitskämpfer]" nannten, allmählich immer kräftiger zurück - vom Westen ebenso heimlich wie nachhaltig unterstützt (auch von Westdeutschland, wobei sich die Partei mit dem christlichen Namen besonders hervor tat). Rund ein Jahrzehnt später zogen die Sowjets wieder ab, nachdem sie sich blutige Nasen geholt hatten; den Eisenbahntunnel von Salang zerstörten die "Freiheitskämpfer", und den Rest des Landes ebenso.

Aber Dikigoros hat Euch den Salang-Paß ja nicht von ungefähr heraus gepickt. Die Sowjets hatten nämlich 1979 noch einen Schritt weiter gedacht: In ihrer Republik Usbekistān gab es Erdöl, das man gerne auf dem kürzesten Weg zum Indischen Ozean transportiert hätte - und 1982 baute man folgerichtig auch eine Pipeline durch den Salang-Tunnel. Ja was, liebe Leser, Ihr glaubt doch nicht im Ernst, die Angelsachsen wären 2002 in Afģānistān einmarschiert, um die Bevölkerung von der Terror-Herrschaft der islamischen "Tāliben" (Plural von "Tālib", [Qur'ān-]Schüler) zu befreien, um (wenn sie Briten waren) die Niederlage am Khaibar-Paß von 1842 zu rächen oder (wenn sie US-Amerikaner waren) den Kamikaze-Anschlag auf das World Trade Center von 2001? Oder um Usamā Bin Ladin zu fangen? Das wäre im Zeitalter der leeren Kassen doch ein ziemlich schlechter, da kostspieliger Scherz gewesen - dieses Märchen wurde nur von den regierungsamtlichen Nachrichten-Agenturen verbreitet, damit auch der brave Medien-Konsument im Westen an etwas glauben konnte. Tatsächlich waren die Angelsachsen der Auffassung, daß nach dem Zusammenbruch der Sowjet-Union sich jemand anderes ihrer einstigen Projekte annehmen mußte.

Exkurs. Wohlgemerkt, liebe Leser, Dikigoros möchte hier nicht mißverstanden werden: Er ist ein überzeugter Verfechter des Kampfes gegen den Islām in unseren christlichen, jüdischen, hinduïstischen, buddhistischen und allen anderen zum Glück (nein, er schreibt nicht "Gott sei Dank" - Allah & Co. wollen wir doch tunlichst aus dem Spiel lassen :-) noch nicht islamisierten Ländern der Welt - und unter "Kampf" versteht er nicht etwa dialogisieren oder gar tolerieren. Der Versuch, die Muslime mit intellektuellen Argumenten zu überzeugen, daß sie sich zu einem "gemäßigten Islām" bekehren sollten, ist vergebliche Liebesmüh, denn das, was die Gutmenschen im Westen als "radikalen Islamismus" mißverstehen, ist der echte Islām, wie ihn jeder gute, gläubige Muslim zu vertreten hat (jedenfalls innerlich - nach außen hin darf und soll er sich tarnen, um die Ungläubigen über seine wahren Absichten zu täuschen und in die Irre ["Tāqya" - wörtlich "Hinterhalt"] zu führen; so steht es in seinem heiligen Buch, dem Qur'ān). Der Islām, genauer gesagt seine Träger, die Muslime, müssen aus unserer Mitte verschwinden, und zwar ausnahmslos. Wenn sie nicht freiwillig gehen, dann müssen sie gezwungen werden; wenn sie sich widersetzen, muß ihr Widerstand gebrochen werden, notfalls mit Gewalt bis hin zur Tötung, wenn wir nicht wollen, daß sie eines Tages uns töten, denn sie haben dabei überhaupt kein schlechtes Gewissen - im Gegenteil: Christenhunde und andere Ungläubige zu töten, ist Allāh wohlgefällig. (Außerdem - zur Beruhigung der Weichherzigen unter Euch - haben sie selber überhaupt keine Probleme mit dem Sterben: "Töten und töten lassen" ist ihre Devise; und wer im Kampf für den Glauben - dem Jihād - sein Leben läßt, kommt zur Belohnung direkt ins Firdaus, das Paradies der Muslime, wo ihn die jungen, hübschen Huren, pardon Hūrīs, und Lustknaben, pardon Ģhilmanen, schon erwarten, um ihn mit allen erdenklichen fleischlichen Genüssen für das zu entschädigen, was ihm auf Erden etwa entgangen sein sollte.) Aber - und dieses "Aber" wollt Ihr bitte keinswegs gering achten: Wenn die Menschen in Afģānistān und anderswo nach ihrer Façon selig werden wollen, und wenn diese Façon der Islām ist, dann soll man sie gefälligst unbehelligt in ihrem eigenen Saft schmoren lassen. [Nebenbei bemerkt: Wenn es im Nahen Osten ein Land gab (außer Israel natürlich :-), in dem der Islām noch nicht an die Macht gelangt war und das deshalb als allerletztes verdient hatte, angegriffen zu werden, dann war es der Irāq.] Wie Dikigoros das rechtfertigen will? Er folgt da einem Gesetz der Natur, das er ungefähr so ins Menschliche übersetzen würde: Wenn Ihr, liebe Mitteleuropäer, Wölfe dabei erwischt, wie sie in Eure Höfe eindringen, um Eure braven Schäfchen - und womöglich auch Euch und Eure Mitmenschen - zu reißen, dann habt Ihr das Recht, ja die Pflicht, sie zu töten. Und wenn Ihr, liebe Inder, Tiger dabei erwischt, wie sie in Eure Dörfer eindringen, um Eure braven Rindviecher - und womöglich auch Euch und Eure Mitmenschen - zu reißen, dann habt Ihr das Recht, ja die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sie zu töten. Aber das gibt Euch nicht das Recht, sie bis in ihre eigenen Lebensräume zu verfolgen und sie dort auszurotten, auch nicht wenn sie "Graue Wölfe" oder "Tamil Tigers" sind - denn auch die sind trotz allem unsere Mitlebewesen. Exkurs Ende.
(...)

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