Toter Stern Belgrad

von Milica Miletic

(NZZ Folio 03/2005)

Neben den Alteingesessenen leben in Belgrad heute Umsiedler und Kriegsflüchtlinge aus anderen Teilen des früheren Jugoslawien. Für die jungen Leute gibt es weder Arbeit noch Hoffnung auf Zukunft.

«Belgrad gehört zur Welt!» steht auf den kleinen Skulpturen aus Ton, die die Studenten der Akademie für angewandte Kunst auf den Straßen verkaufen. Heute läßt sich mit diesem Slogan gerade noch etwas Geld verdienen. Vor neun Jahren bedeutete er Aufstand und Protest. Und er bedeutete Hoffnung. In großen Lettern prangten die Worte auf den Spruchbändern der Studenten, die 1996/97 – empört über die Wahlfälschungen im Staate Milosevics – durch die Stadt marschierten. Später schrieben es sich alle Belgrader, die genug hatten von Krieg und Bomben, auf die Fahnen. Genug von der Isolation: «Belgrad gehört zur Welt!» riefen sie. Doch seit dem Machtwechsel im Jahr 2000 hat sich allmählich das Gefühl eingeschlichen, die Welt wolle Belgrad nicht haben.

Das Einzige, was regelmässig an die Serben herangetragen wird – so scheint es ihnen –, ist die Forderung eines UN-Kommissars, diesen oder jenen Kriegsverbrecher noch auszuliefern. Andersherum muß etwas in der Grössenordnung eines Tsunami passieren, damit ein Auslandthema auf die Titelseite der Zeitungen gelangt – als ginge der Rest der Welt die Menschen in Belgrad noch immer nichts an. 70% der Studenten waren noch nie im Ausland, wie eine Untersuchung der serbischen Studenten-Union ergab. Aber alle träumen davon. Im eigenen Land sehen zwei Drittel der Jugendlichen keine Zukunft.

Ivana zum Beispiel studiert Molekularbiologie. Die Universität ist sehr gut, doch im Bereich der Molekularbiologie ist in Belgrad zurzeit nicht Konjunktur. Also wird Ivana nach dem Abschluss ihres Studiums fortgehen, wie viele Akademiker. Braindrain, die Abwanderung von Wissenschaftern, ist eines der großen Probleme. Ivana kommt aus Kragujevac, einer Stadt, die einst für ihre Automobil- und Rüstungsindustrie bekannt war und jetzt mit hohen Arbeitslosenzahlen und umstrittenen Privatisierungen von sich reden macht. Sie lebt seit fünf Jahren in Belgrad. Ihre Eltern finanzieren ihr Studium und bezahlen die Miete, was in Serbien ein großes Privileg ist; für den Rest muß sie selbst aufkommen.

Deshalb unterrichtet sie Aerobic und jobbt in Clubs und Cafés als Promoterin für Zigaretten und Alkohol, womit sie an zwei Wochenenden so viel verdient, wie die serbische Regierung den besten Studenten pro Monat als Stipendium gewährt. (Bitte keine falschen Schlüsse: es sind rund 50 Euro!) Von dem Geld zahlt Ivana unter anderem ihre Mitgliedschaft in einem Wanderverein, mit deren Hilfe sie verbilligt Bahn fahren kann. Mit solchen Tricks und dem Glück, Eltern zu haben, die einem unter die Arme greifen, kann das Leben in Belgrad angenehm und spannend sein. Doch für eine Mehrheit ist es grau; über allem liegt der Schleier der Perspektivlosigkeit und der Depression.

Ohne festen Job und ohne die Möglichkeit, eine eigene Wohnung zu mieten, verweilen junge Leute lange im Hotel Mama. «Sie behalten oft bis zur Mitte des vierten Lebensjahrzehnts die kurzen Hosen an», schreibt der Soziologe Srecko Mihajlovic. Bojan zum Beispiel, ein Mann von 29 Jahren, ist auf dem besten Weg dazu. Er ist arbeitslos und versteckt sich gewissermaßen in seinem Elternhaus vor dem Militär. Zwar ist es möglich, den Wehrdienst zu verweigern und stattdessen Zivildienst zu machen, wofür sich mittlerweile ein Viertel aller jungen Männer entscheiden. Aber Bojan hält auch die unentgeltliche Arbeit in irgendeiner Pflegeeinrichtung für Zeitverschwendung. Gelegentlich tritt er mit seiner Band auf, um sich das Geld für Bier und Zigaretten zu verdienen. Ansonsten schlägt er seine Zeit tot, sitzt den ganzen Tag in Cafés und Bars herum. Auf Fremde wirkt das rege Treiben in den Cafés, als seien in dieser Stadt alle entspannt und fröhlich. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, daß jeder ständig eine Zigarette in der Hand hält und Unmengen Kaffee trinkt. Die Wahrheit ist: die Menschen sind nervös, sie haben Probleme.

Die meisten Cafés liegen im Stadtkern, im populären «Kreis der Zwei», der so heißt, weil er von der Straßenbahn Nr. 2 umfahren wird. An der berühmten Strahinjica-Bana parkieren demonstrativ die Luxusschlitten, nur ein paar Häuserblocks entfernt vom zerbombten Hauptquartier der jugoslawischen Armee, dessen Ruine heute den Touristen als Fotomotiv dient. Kurz vor Mitternacht herrscht ein dichtes Gedränge auf der Strahinjica-Bana, die auch Silikon Valley genannt wird – in Anspielung auf die Silikonbusen, die hier zur Vorführung kommen. Mädchen in eng anliegenden T-Shirts, das Handy am Ohr, promenieren auf Stöckelschuhen, während die jungen Männer, ebenfalls das Handy am Ohr, in penetrant langsamer Fahrt einen Parkplatz suchen. Die ganze Szene ist das Abziehbild einer Sehnsucht – zum Beat von MTV.

Aufgewachsen sind diese jungen Leute mit Turbo-Folk, einer Musik, die die Kenner der guten alten Belgrader Rockszene schlicht als «Denkmal einer gesellschaftlichen und kulturellen Katastrophe» bezeichnen. Es ist die Musik der Milosevic-Ära, der Soundtrack von Krieg, Nationalismus und Gangster-Lifestyle. Der billige Glamour aus Pelz, Diamanten und dicken Autos sollte von Armut und Elend dieser Zeit ablenken und krude Träume nähren. Das Rezept ist einfach: Man nehme eine alte Volksmelodie, bearbeite sie hemmungslos am Computer, versehe sie mit einem albernen, möglichst schlüpfrigen Text und lasse das Ergebnis von einer «Silikonsängerin» vortragen. Noch heute ertönt der Turbo-Folk von den schwimmenden Lokalen auf der Save, und einer der Stars der Szene, Ceca genannt, ist drauf und dran, auf Europatournee zu gehen.

Ceca ist die Witwe des Mafioso und Kriegsherrn Arkan, der vor fünf Jahren ermordet wurde. Cecas Image hat keinen Schaden genommen, obwohl ihr Beziehungen zu den mutmaßlichen Mördern von Zoran Djindjic, dem einstigen politischen Hoffnungsträger Belgrads, nachgewiesen werden konnten. Die Boulevardpresse feiert sie als erfolgreiche Frau und hingebungsvolle Mutter. Und vor allem unter jungen Leuten aus der Provinz hat sie zahlreiche Anhänger.

In Belgrad leben offiziell 1,6 Millionen Menschen, hinzu kommen nach Schätzung des UNHCR rund 140.000 Flüchtlinge oder Vertriebene aus Bosnien, Herzegowina und Kroatien. Obwohl nun eigentlich – ganz nach Milosevics Vision – «alle Serben im gleichen Staat leben», koexistieren sie in Parallel-Gesellschaften fast ohne Berührungspunkte. Der Erwerb der serbischen Staatsangehörigkeit wird für die Zugewanderten oft zu einer langjährigen Prozedur.

Die einen kamen auf der Suche nach Glück hierher, die andern flohen vor dem Krieg. Ihr Gepäck ist unterschiedlich schwer, oft ist die Entwurzelung ihre einzige Gemeinsamkeit. Die meisten wohnen in den Belgrader Vororten, die für illegal errichtete Bauten bekannt sind und für ihre sozialen Probleme. Etliche leben am Rande der Armut. Sie essen in den Volksküchen und schlafen in den Asylzentren, kilometerweit entfernt vom «Kreis der Zwei».

Die ersten serbischen Flüchtlinge und Umsiedler wurden noch willkommen geheissen, doch bald löste Ablehnung die Hilfsbereitschaft ab. Man spricht die gleiche Sprache, aber schon die unterschiedlichen Dialekte reichen aus, um innere Grenzen zu ziehen. Tunlichst wendet man den Blick ab von jenen, die auf der Strasse geschmuggelte Ware aus Pappschachteln verkaufen. Und mißtrauisch registriert man den neuen BMW des Flüchtlings. Besonders dort, wo verschiedene Gruppen in Konkurrenz zueinander treten, wächst die Intoleranz: bei der Arbeitssuche etwa oder im Gedränge im Bus. Angewidert beobachten die Belgrader, wie die Zugewanderten versuchen, einen Sitzplatz zu ergattern, und fragen sich: «Von welchem Berg sind die denn herunter gestiegen?»

Wie in den westeuropäischen Städten schimpft man über Sittenverrohung und Kriminalität, die mit den Zugezogenen gewachsen sei. Vermutlich nimmt man im Westen aber manches als kriminell wahr, was in Belgrad das Hinsehen nicht lohnt. So wie auch keiner hinschaut, wenn einer mit achtzig Kilometern pro Stunde durch die Wohnquartiere rast, die Stadt hat andere Probleme.

Milica Miletic ist Journalistin in Belgrad.


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