Wenn die Dämme brechen . . .
vom Colorado River zum Jangtsekiang
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EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

(Wer auf eine nicht oder nur teilweise bebilderte Fassung ge-
stoßen ist, findet eine vollständig bebilderte Fassung hier)

Schon wieder beginnt Dikigoros einen seiner Reiseberichte mit einem Titel-Plagiat? Ja, aber wieder gebraucht er diesen Titel mit besserem Recht als der Verfasser des Originals, denn die Dämme, die E. E. Dwinger meinte, waren längst gebrochen, als er über sie schrieb; und genau genommen waren es auch keine Dämme, nicht mal im übertragenen Sinne, sondern allenfalls in der Einbildung einiger unverbesserlicher Optimisten. Dagegen will Dikigoros hier von Dämmen berichten, die erstens sehr real und zweitens noch nicht gebrochen sind; und er will ganz explizit der Frage nachgehen, was passieren würde, wenn sie eines Tages brächen. Aber wie schon auf vielen seiner anderen Seiten will er gleich eine Einschränkung vorweg schicken: Es geht ihm hier nicht um die höchsten, längsten, schönsten, teuersten oder sonstwie rekordverdächtigsten Dämme, und auch nicht um die größten Seen, die sie aufstauen - sonst müßte er Euch mit ins Karibatal im alten Rhodesien, Nach Bratsk in Sibien und nach Akosombo in Ghana schleppen. (Was, das habt Ihr anders gelesen? Dann habt Ihr falsch gelesen - es kommt nicht auf die Fläche des Sees an, sondern auf die Menge des Wassers, die bei einem Dammbruch auslaufen könnte, denn davon droht die größte Gefahr; das "Reservoir des Victoria-Sees", wie das so schön heißt, ist trotz seiner riesigen Fläche bloß noch eine im Schnitt 3 m hohe Pfütze, Tendenz weiter fallend, da kann fast gar nichts passieren :-) Nein, dies ist doch eine Reiseseite; deshalb geht es ihm hier um Dämme, zu denen Millionen Menschen vor ihm gereist sind und noch reisen werden, die "eine Reise wert sind", wie man so schön sagt bzw. in den Reiseführern liest, und deren touristischer Wert - auch gemessen an den Geldern, welche die Touristenströme in die Kassen der Betreiber fließen lassen - vielleicht sogar höher ist als der Wert des elektrischen Stroms, zu dessen Erzeugung sie ursprünglich gebaut wurden. Beim Untertitel hat Dikigoros sich etwas schwerer getan - aber was hätte er sonst schreiben sollen? "Vom gefärbten Fluß bis zum langen Fluß"? Oder etwas vom "singenden Felsen"? Man kann die Deutschtümelei auch zu weit treiben, vor allem, wenn niemand mehr versteht, was eigentlich gemeint ist. Oder die Namen der Personen, nach denen die Stauseen benannt sind? Aber Namen sind Schall und Rauch; einige werden jüngere Leser gar nicht mehr kennen, andere wurden schon umbenannt, und die übrigen werden vielleicht bald folgen. Die Namen der Orte, an denen sie liegen bzw. lagen? Aber mit letzterem hätte er schon einen Teil der Problematik vorweg genommen, und er will lieber von vorne beginnen.

"Von vorne"? "Ursprünglich"? Auch da muß Dikigoros eine Einschränkung machen: Die ersten kleinen Dämme wurden natürlich gebaut, um Land zu bewässern, sei es um eine Reserve für Trockenzeiten zu haben, sei es, um Naßreis auf Terrassen anzubauen. Das war gut, das war vernünftig, und das war meist auch von Erfolg gekrönt. Aber damit will er nicht anfangen, das würde doch etwas zu weit zurück reichen, und da wären der Reiseziele auch zu viele. Nein, er will dort beginnen, wo die wachsende Gier des Menschen nach künstlicher "Energie" dazu führte, daß er immer größere Dämme hoch zog, um hinter ihnen immer größere Massen von Wasser anzustauen, das dann beim Abfließen elektrischen Strom erzeugen sollte. Denn das ist ja so schön billig und umweltschonend, wird man nicht müde uns zu erzählen, Wasserkraft ist doch eine so genannte "erneuerbare Energie", und Wasser ist bekanntlich unbegrenzt zu haben auf diesem unserem Planten - nur böse Zungen würden behaupten, daß die nächsten großen Kriege nicht um Erdöl o.ä. Bodenschätze geführt werden, sondern... um Wasser; aber darauf werden wir erst weiter unten zurück kommen.

Der "Vater aller Staudämme"... nein, beginnen wir ruhig mit dem Großvater aller Staudämme, auch wenn der eigentlich noch gar nicht dazu gehört, weil er in die ursprüngliche Kategorie fällt, die lediglich der Wasserversorgung dienen sollte. Denn was wollte man Ende des 19. Jahrhunderts, als die Briten begannen, am 1. Katarakt des alt-ehrwürdigen Nils, ganz in der Nähe von Äs-Swān (das Dikigoros von nun an wider besseres Wissen "Assuan" schreiben wird, da es unter diesem Namen "eingedeutscht" wurde - seine Leser sollen nur wissen, wie es richtig heißt :-) einen Staudamm zu bauen, schon mit elektrischen Strom anfangen? Eisenbahnen fuhren mit Kohle, ebenso Schiffe (wenn sie nicht noch mit Windkraft segelten), Autos (die es noch kaum gab - schon gar nicht in der ägyptischen Wüste, dort bevorzugte man Kamele, anderswo Pferde) mit Benzin oder Diesel, die Straßen-Beleuchtung wurde mit Gas betrieben, Häuser u.a. Gebäude wurden mit Petroleumlampen erhellt. Aber die ägyptische Landwirtschaft brauchte Wasser, und natürlich auch den wertvollen Nilschlamm, der die Felder fruchtbar machte - und entsprechend wurde die Anlage denn zunächst auch gebaut: rund 2 km breit, rund 22 m hoch und durchlässig für den Schlamm. Später wurde sie erst auf 27, dann auf 36 m Höhe erweitert - letzteres war schon Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahren; und inzwischen hatte man auch einen erhöhten Bedarf für elektrischen Strom; und so kam man denn erstmals auf die geniale Idee, einen Stromgenerator einzubauen. Aber da dies wie gesagt nur der "Großvater aller Staudämme" war, werden wir unsere Reise an den großen Stausee noch etwas zurück stellen. Und bevor Dikigoros einen Blick über den "großen Teich" auf den ersten "großen Damm" wirft, will er einmal ganz klein anfangen, mit dem ersten Staudamm, den er als Kind in natura gesehen hat.

* * * * *

Fleißige Leser von Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" haben ja schon an anderer Stelle gelesen, daß Dikigoros' Vater, nachdem er in den 1950er Jahren nach Bonn am Rhein versetzt worden war, am Wochenende mit seiner Familie regelmäßig Sehenswürdigkeiten vor Ort und in der näheren Umgebung abklapperte. Von einem dieser Wochenendausflüge hat Dikigoros dort allerdings nicht berichtet, weil er eigentlich gar keine "Sehenswürdigkeit" im herkömmlichen Sinne betraf, wie alte Kirchen, die Reste des "Limes" o.a. Ruinen, sondern ganz im Gegenteil brandneu war, nämlich gerade erst fertig gestellt: die Wahnbach-Talsperre.

Eigentlich machte die ja gar nicht so viel her, aber Urs erklärte seinen Lieben geduldig, wie wichtig die war und wieviel wichtiger die noch werden würde: "Dort kommt nämlich unser Trinkwasser her." Das verblüffte klein Niko doch einigermaßen: Wasser für die Bewässerung des Gartens kam aus der Regentonne - das wußte er von seinen Großeltern -, und Wasser für die Menschen kam aus dem Wasserhahn - "Leitungsheimer Handsteinperle" nannte das sein Vater scherzhaft, wenn es wieder mal nichts anderes zu trinken gab. Selbstverständlich war Niko nicht so dumm wie die heutigen "Grünen", die glauben, daß Strom aus der Steckdose "kommt" und Wasser aus dem Wasserhahn; ihm war schon klar, daß das nur ein Endpunkt war, und daß das Wasser über eine Leitung kam, aber doch nicht aus einem künstlich aufgestauten See, sondern aus fließenden Gewässern, wie Bächen und Flüssen - oder? "Der Rhein ist doch nur 5 Minuten zu Fuß entfernt," meinte er, "und hierher sind wir mehr als eine halbe Stunde mit dem Auto gefahren - warum holt man das Wasser von so weit her?" Urs legte die Stirn in Falten und schilderte in düsteren Farben, daß man aus dem Rhein bald kein Trinkwasser mehr würde gewinnen können, weil er zunehmend verdreckte, vor allem durch die Abfälle der chemischen Industrie. Das mochte damals übertrieben klingen - noch konnte man im Rhein baden und sogar noch Speisefische fangen; am Wochenende saßen dort reihenweise Angler, und an der Rheinpromenade, unweit seiner Schule, gab es ein Restaurant, das sich ganz auf den berühmten "Rhein-Aal" spezialisiert hatte. (Dikigoros war nie drin, sondern las immer nur im Vorübergehen die Speisekarte, denn es war sündhaft teuer; und als er es sich hätte leisten können, hatte es längst dicht gemacht.) Und die Wasservögel würden entweder das Weite suchen oder aber, wenn sie das nicht rechtzeitig täten, unweigerlich eingehen. "Auch die schönen Schwäne?" - "Auch die."

Dikigoros erinnert sich noch dunkel, wie entsetzt er ob jener unheilvollen Profezeiung war. Er weiß nicht mehr, ob er seinen Vater damals fragte, wie und warum die Menschen so etwas zulassen konnten - wahrscheinlich nicht, und wenn doch, dann hätte er wohl eine der beiden üblichen Standard-Antworten zu hören bekommen: "So ist das eben" oder "So sind die Menschen halt". Heute gibt es so viele Schlaumeier, die fragen, ob und warum man das alles nicht kommen sah bzw. nichts dagegen unternahm; doch die Frage ist falsch gestellt: Es gab durchaus Leute, die es kommen sahen; aber die hatten nichts zu sagen und konnten nur in ohnmächtiger Wut daneben stehen und zusehen, wie alles im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter ging.

Wie dem auch sei, Dikigoros wuchs in der Überzeugung auf, daß Staudämme eine gute Sache sind, da sie für unser tägliches Trinkwasser sorgen. Damals war noch niemand in Deutschland auf die Idee gekommen, in großem Maßstab Staudämme zwecks Energiegewinnung hoch zu ziehen, aus dreierlei Gründen: Erstens war man grundsätzlich von der "altmodischen" Idee, seinen Energiebedarf durch Wind- oder Wasserkraft zu decken, abgekommen. Die letzte Wassermühle auf der anderen Rheinseite hatte man gerade still gelegt (heute ist sie ein Museum), und schon viel länger die alte Windmühle, die einst ein Wahrzeichen Bonns gewesen war - Ihr seht sie am rechten Bildrand.

Dikigoros hat als Kind noch ihren flügellosen Rumpf gesehen; sie stand am Nordostrand der alten Stadtmauer, am Ende des Judenviertels. Das war praktisch, denn es waren ja vornehmlich jüdische Kaufleute, die das Korn bzw. Mehl aufkauften, um damit zu spekulieren und in Zeiten von Hunger und Not ihren Reibach zu machen. [Ihr kennt dieses alte Wort nicht mehr, liebe jüngere Leser? Dikigoros' Eltern gebrauchten nur ganz wenige jiddische und/oder hebräische Lehnwörter - seine Mutter, wiewohl in Wien aufgewachsen, damals die Stadt mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil Mitteleuropas, sagte nie "Beisl", sondern immer nur "Heuriger" -, aber dies war eines davon, neben "Buhai", "Schacher", "Schmu", "Tinnef" und "Tohuwabohu". (Die meisten anderen hat er erst von seiner Frau gelernt, in deren Elternhaus Berlinerisch geredet wurde, was damals noch keine Mischung aus Ossinesisch, Türkisch und Arabisch war, sondern eine aus Preußisch, Französisch und Jiddisch :-)] (Nachtrag für Gutmenschen: Ja, es gab auch christliche Kaufleute, die das taten, wie es die Medaille politisch korrekt festhält.)

Zweitens wußte man um die Gefahr, die von solchen Bauwerken drohte, sei es durch Terroranschläge, sei es durch Terrorbombardements. Die Briten hatten 1943 im Ruhrgebiet die Möhne-Talsperre und die Eder-Talsperre - zwei Prototypen der zwecks Energiegewinnung errichteten Dämme - zerstört, was einige hundert Tote gekostet hatte (meistenteils "nur" ausländische Gastarbeiter Fremdarbeiter Zwangsarbeiter, die Nichtschwimmer waren, aber eben auch einige Deutsche).

Für die Energieversorgung spielte das allerdings keine große Rolle mehr, da die R.A.F. die Dortmunder Betriebe, die ihren Strom von dort bezogen, schon ein paar Tage zuvor zerbombt hatte, und Privathaushalte hatten nicht mal den Bruchteil des heutigen Energiebedarfs. Und daran hatte sich drittens auch 15 Jahre später, als die Wahnbach-Talsperre fertig wurde, noch nicht viel geändert: Es hatte noch nicht jeder ein Auto - und wenn, dann vielleicht eine "Isetta", einen "Leukoplast-Bomber" oder ein "Goggomobil" mit 10-15 Ps, die verbrauchten nicht viel. (Dagegen galt der graue VW Standard - den noch niemand "Ovali" oder "Käfer" nannte -, wie Dikigoros' Vater einen fuhr - er hatte ihn billig gebraucht gekauft -, mit seinen 25 Ps als ausgesprochener "Spritsäufer", vor allem dann, wenn man seine 90 km/h Höchstgeschwindigkeit voll ausfuhr. Und Benzin war teuer - gemessen an der damaligen Kaufkraft der DM sogar noch teurer als heute.) Andere waren froh, wenn sie ein Motorrad oder einen Motorroller ihr Eigen nannten ("geleast" wurde noch nicht), und wenn es auch dafür nicht reichte, mußte man halt einen Drahtesel reiten (wenn man nicht, wie Dikigoros' Vater, mit einem kaputten Knie aus dem Krieg heimgekehrt war) oder - Schusters Rappen. Fernsehgeräte gab es noch kaum, höchstens Radios, und Plattenspieler hingen nicht am Stromnetz, sondern wurden von Hand "angekurbelt", wie auch Kaffeemühlen, Küchenmixer und Bleistiftspitzer. Auch Elektroherde gab es nicht überall (Dikigoros' Oma kochte noch auf einem Holzherd - ebenso wie sie statt einer Ölheizung einen Holzofen im Wohnzimmer hatte, die übrigen Zimmer blieben kalt -; seine Eltern hatten schon einen fortschrittlichen Gasherd, auf dem auch er selber kochen lernte; seinen ersten Elektroherd schaffte er erst an, als er heiratete), geschweige denn Elektrogrills, und die Mikrowelle war noch gar nicht erfunden, ebensowenig die elektrische Schreibmaschine, geschweige denn der Computer, der Kassettenrekorder, der CD- oder der MP3-Player. Auch Kühlschränke gab es kaum, geschweige denn Gefriertruhen - man hatte eine "Speisekammer" oder einen kühlen Keller, ansonsten höchstens einen "Eisschrank". (Dikigoros' Schwiegereltern hatten bis zuletzt keinen Kühlschrank - sie aßen grundsätzlich nur frische Ware; was sich im Keller nicht wenigstens für ein paar Tage hielt, wurde nicht gekauft. Dikigoros' Mutter nannte den elektrischen Kühlschrank, den sie später bekam, zeitlebens "Eisschrank" - wenn Ihr den Unterschied nicht kennen solltet, liebe jüngere Leser, googelt mal ein bißchen :-) Ein Toaster? Warum sollte man Brot rösten? Dann wurde es doch nur trocken und verlor an Geschmack. Auch Kaffee schmeckte, mit frisch aufgebrühtem Wasser durch einen Melitta-Filter geschickt, viel besser als aus einer Kaffeemaschine. Ein Haarfön? Der ruinierte doch bloß die Haare - wofür gab es Handtücher und Sonnenschein? (Ja, auf den vertraute man schon noch - dagegen wäre man auf den modernen Schwindel mit der 'Solar-Energie' wohl nicht herein gefallen; merke: ein Volk, das kaum Fernseher hat und bei Nachrichten u.a. politischem Kram den Radiosender wechselt, um Musik zu hören, war längst nicht so leicht zu manipulieren wie das heute das Fall ist!) Ein elektrischer Rasierapparat? Eine Naßrasur war doch viel gründlicher und reizte die Haut auch weniger! Eine elektrische Zahnbürste? Das war etwas für Faulpelze! Geschirr wurde im Ausguß gewaschen und anschließend per Hand abgetrocknet - dafür gab es einen Mann und Kinder. À propos Kinder: Zu Weihnachten gab es einen Tannenbaum (nicht mit der Motorsäge gefällt und hergerichtet, sondern mit einem Beil und einer Handsäge), und darauf kamen keine elektrischen Lampen, sondern echte Kerzen. (Eine Tradition, auf der Frau Dikigoros heute noch besteht.) Heißes Wasser wurde in kleineren Mengen mit dem Tauchsieder zubereitet, in mittleren Mengen im Kessel auf dem Küchenherd, und wenn man mal baden wollte (geduscht wurde selbstverständlich kalt), dann wurde der "Boiler" angeworfen - das dauerte ca. 20 Minuten. "Durchlauferhitzer" - wie man sie dem Normalverbraucher gerade mit anzüglicher Werbung schmackhaft zu machen suchte - wurden damals noch als pure Verschwendung angesehen.

Der einzige energiemäßige Luxus, den sich Dikigoros' Mutter leistete, war eine moderne elektrische Nähmaschine von Singer (seine Oma benutzte bis zuletzt das mechanische Vor-vor-vorgänger-Modell, das über einen Riemen mit einem Fußpedal angetrieben wurde), aber deren Anschaffung war vollauf gerechtfertigt, denn Grete nähte alle Kleider für sich und ihre Tochter selber. Ihren Sohn faszinierte jenes Gerät als Kind ungeheuer - für ihn war das der Inbegriff technischen Fortschritts (er hatte halt nie eine elektrische Spielzeug-Eisenbahn, sondern bloß eine mechanische, die man mit einem Schuko-Schlüssel aufziehen mußte) -, ihre Tochter dagegen überhaupt nicht; Helli hat nie nähen gelernt.

Nicht, daß kein Bedarf an weiteren Elektro-Geräten bestanden hätte - ein paar Dinge hätte man schon als sinnvoll empfunden, aber man war einfach technisch noch nicht so weit. Dikigoros erinnert sich noch gut, wie seine Mutter über die Plackerei mit der Wäsche zu jammern pflegte, die sie in der Küche auf einem "Waschbrett" in einem Bottich waschen, an der Wäscheleine auf dem Balkon aufhängen und anschließend mit einem schweren, kohlebefüllten Bügeleisen plätten mußte. ("Bügelfrei/permanent press" gab es noch nicht, ganz im Gegenteil: Kragen mußte man auch noch "stärken", mit Hoffmanns Reis-Stärke - das war die mit der Katze :-) Also ließ sie eines Tages den Vertreter einer renommierten Firma kommen, um sich - und der versammelten Familie - eine der ersten Waschmaschinen mit integrierter Trockenautomatik (separate "Wäschetrockner" gab es noch nicht) vorführen zu lassen, die in Deutschland auf den Markt kamen.

Über das Ergebnis jenes mit großer Spannung und noch größeren Erwartungen verfolgten Probelaufs war Grete allerdings mehr als schockiert: Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen, warf den Vertreter mitsamt seinem Schrottkasten hochkantig hinaus und brachte die größeren Wäscheteile künftig in die Reinigung um die Ecke - zum Glück gab es die damals noch zuhauf, und wenn man denen ordentlich auf die Finger sah und ggf. klopfte, hatte man sogar gute Chancen, seine Wäsche - und nicht die der Nachbarn - zurück zu bekommen, womöglich sogar einigermaßen sauber und unbeschädigt. (Heute ist es so weit, daß die Sicherung raus fliegt, wenn Frau Dikigoros mal wieder zu viele elektrische Geräte gleichzeitig einschaltet.) So viel vorweg, und nun wißt Ihr auch schon, warum heute der Strombedarf so viel höher ist als damals - oder wolltet Ihr auf irgendeines der schönen Dinge, die Dikigoros eben aufgezählt hat, verzichten?

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Und in welchem Land war der Strombedarf zuerst so hoch? Na klar, in dem, wo all diese schönen Dinge erfunden bzw. zuerst in Massen produziert und unter die Leute gebracht wurden. Wenn Ihr heute in die USA reist, liebe Leser, insbesondere wenn Ihr eine Pauschalreise gebucht habt, dann wird ein Bundesstaat auf Eurer Route sicher nicht fehlen, nämlich Nevada; und in Nevada selber werdet Ihr wiederum einen Ort nicht auslassen wollen, nämlich Las Vegas. (Und selbst wenn Ihr in den USA nicht bloß urlaubt, sondern an einem festen Ort arbeitet, werdet Ihr der Versuchung kaum widerstehen können, denn Ihr werdet regelmäßig Werbung zugeschickt bekommen von irgendwelchen Spiel-Casinos in Las Vegas, die Euch freie Anreise und Unterkunft anbieten und womöglich noch den Besuch einer Show mit Eurem Lieblings-star. Jawohl, gratis oder zu nur nominellen Kosten - für die Ihr dann einen Gutschein erhaltet, den Ihr in besagten Spiel-Casinos gegen Jetons eintauschen könnt; und keine Sorge, die Betreiber sind dabei im Schnitt noch immer auf ihre Kosten gekommen :-) Aber als Dikigoros zum ersten Mal nach Nevada reiste, war das alles noch ganz anders. Wenn man sich da bei TTT ("Triple A") oder sonstwo nach den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Staates erkundigte, dann stand ganz oben auf der Liste immer nur ein Ziel: Der "Hoover Dam" an der Grenze zu Arizona, benannt nach dem braven, aber glücklosen Präsidenten, der die USA regierte, als sie die "große Depression" nach dem Börsenkrach vom "schwarzen Freitag" im Oktober 1929 traf. Wohin mit all den Entlassenen der zusammenbrechenden Wirtschaft? Hoover erfand eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ersten Ranges, die vielen tausend Menschen Arbeit und Brot gab, und die nebenbei auch noch nützlich war: Er ließ eine Talsperre errichten, die den Colorado River zum Mead-See aufstaute; so konnten die Wüsten ringsumher bewässert und in blühende Landschaften verwandelt werden - "They died to make the desert bloom" stand auf dem eindrucksvollen Relief, das den Heldentod der 96 dabei umgekommenen Arbeiter verewigte. Und nebenbei konnte man vielleicht noch den einen oder anderen Generator zur Stromerzeugung einbauen. Kurzum, es entstand ein technisches Wunderwerk, von dem die kompetente junge "Guide", welche die Besucher herum führte, in den höchsten Tönen schwärmte.

Und so hätte Dikigoros wohl auch von dort die anhaltende Überzeugung mitgenommen, daß Staudämme eine gute Sache sind, wenn nicht zweierlei geschehen wäre: Erstens teilte er in der eng gefüllten Cafeteria einen Tisch mit einem jüngeren Amerikaner und einer älteren Amerikanerin, die ihn als - damals noch am Akzent auffallenden - Ausländer fragten, was er denn von alledem hielte. Dikigoros war ehrlich beeindruckt - nicht nur aus Höflichkeit - und sagte das auch. Der andere junge Mann strahlte vor Stolz, die ältere Dame (so erschien sie Dikigoros jedenfalls damals, dabei war sie wahrscheinlich jünger als er selber heute ist :-) dagegen blickte die beiden nur etwas mitleidig an: "Wissen Sie, was die gute Frau da erzählt hat, stimmt nicht alles so ganz." - "Die Zahlen und Daten, die sie genannt hat, stehen aber genauso in meinem Reiseführer." - "Ja, sicher. Aber was besagen die schon? Schauen Sie, die Wüste wurde nie richtig bewässert - wozu auch? Damals gab es keinen Mangel an landwirtschaftlicher Fläche, ganz im Gegenteil: Getreide und Baumwolle lagen zu Millionen Tonnen auf Halde, weil sie im Inland nicht verbraucht werden und auch nicht ins Ausland exportiert werden konnten, weil die Staaten, die sie sonst gekauft hatten, entweder vor der Pleite standen oder, um letztere zu vermeiden, ihre Märkte abschotteten." - "Aber die Energiegewinnung...?!" - "Tja, wissen Sie, mitten in der Wüste Strom zu erzeugen, für den vor Ort überhaupt kein Bedarf besteht, um ihn dann tausende Meilen durch irgendwelchen Leitungen zu jagen, die erstens noch garnicht gebaut sind und zweitens zu ungeheuren Transportverlusten führen, ist nicht sehr wirtschaftlich." - "Wieso kein Bedarf?" - "Ja, wußten Sie denn das nicht? Am Ort des Staudamms gab es damals weit und breit keine Stadt, die Strom gebraucht hätte, lediglich ein Barackenlager für die 16.000 Arbeiter, das heute "Boulder City" heißt und immer noch nicht mehr Einwohner hat." - "Ja aber, Las Vegas...?" - "Das war damals noch eine Kuhweide mit ein paar Hütten für die Cowboys drum herum. Aber weil die frommen Bauherren der Talsperre in Boulder City Alkohol, Glücksspiel und Prostitution verboten hatten, gingen die Arbeiter am Wochenende immer dorthin, und so wurde der Grundstein gelegt für die Großstadt Las Vegas, die Sie heute kennen. Und weil man nicht wußte, wohin mit dem überflüssigen Strom, verkaufte man ihn dorthin. Damit betrieb man dann die riesigen Leuchtreklamen an den Hotels, Kneipen und Spielsalons, und die blieben Tag und Nacht an, eine Unsitte, die bald in allen größeren Städten der USA einriß, und die man heute auf der ganzen Welt nachahmt. Und so wurde ein aus dem Überschuß geborener Luxus bald zu einem Bedürfnis, der einen ungeheuren Energiebedarf erzeugte, und deshalb ist heute unser Benzin so teuer." Dikigoros erinnert sich noch dunkel, daß er die streitbare alte Dame für etwas plemplem hielt: Warum sollten die Leuchtreklamen nicht rund um die Uhr brennen? Dafür waren sie doch da! Und was wußte die schon von "teurem" Benzin? Es kostete doch bloß ein Viertel dessen, was man in Deutschland dafür zahlen mußte. (Und nicht mal ein Zehntel dessen, was es heute kostet :-) Erst später erkannte er, daß er aus diesem Gespräch etwas Grundsätzliches hätte lernen können: nämlich, daß der Mechanismus von Angebot und Nachfrage, von dem er damals noch glaubte, daß er eine "freie Marktwirtschaft" reguliere, in Wahrheit genau umgekehrt funktionierte: Nachfrage erzeugt kein Angebot, denn wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren; die Kunst der (Werbe-)Wirtschaft liegt vielmehr darin, bei vorhandenem Angebot Bedürfnisse zu wecken - und seien sie auch noch so unnötig -, die eine ausreichende Nachfrage gewährleisteten. Wohin dieser Irrsinn führte, wenn die künstlich erzeugten Bedürfnisse eines Tages sogar das Angebot übersteigen sollten, darüber machte er - und machte "man" - sich in der damaligen Überflußgesellschaft freilich noch lange keine Gedanken.

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Sommer 1979. Fleißige Leser von Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" wissen ja schon, daß er den in Indien verbracht hat. Es ist August, d.h. Monsun, und es regnet in Strömen, zwar nicht so schlimm, wie es Dominique Lapierre in "City of Joy" geschildert hat, aber man wird auch so naß genug in Kålkattā. Daß es anderswo in Indien auch regnet, nimmt man nur am Rande zur Kenntnis; auf etwas mehr oder weniger wird es ja wohl nicht ankommen, oder? So bekommt Dikigoros nicht mit, was am 11. August am anderen Ende Indiens, in Gujrāt passiert. Wieder mal eine Stadt abgesoffen? Wenn das überhaupt einer der englischsprachigen Zeitungen, die er morgens im Hotel liest, einen Dreizeiler wert war, dann hat er ihn übersehen. Hindī konnte er noch nicht, und Gujrātī - wenn es denn damals überhaupt Zeitungen in dieser Sprache gab in Bengalen - kann er bis heute nur mühsam lesen, er weiß gerade mal, daß die Stadt, die damals absoff, in der ersteren Sprache "Morbī" und in der letzteren "Morwī" heißt. (Das "b[a]" unterscheidet sich vom "w[a]" bloß durch einen winzigen zusätzlichen Strich; und gesprochen wird der Laut auf Gujrātī wohl so ähnlich wie ein spanisches "b" oder "v", also irgendwo dazwischen; in deutschen Lexika steht meist "Morvi".) Was war geschehen? Nun, die fast 4 km lange Talsperre, die den Fluß Machhu zu einem See mit schlappen 100 Millionen Kubikmeter Wasser aufstaute, hielt zunächst stand, trotz 24-stündigen Dauerregens (den Ihr Euch bitte nicht vorstellen wollt wie einen Dauerregen in Mitteleuropa, liebe Leser. In Indien ist das, als wolle die Sintflut kommen; schon deshalb solltet Ihr auch mal im Monsun dorthin reisen, nicht immer nur in der "schönen" Jahreszeit); aber sie war mit "nur" 26 m Höhe zu niedrig und wurde einfach überflutet. Das wäre an sich noch nicht so schlimm gewesen, wenn dadurch nicht die Erddämme, mit denen die Staumauer beidseitig abgestützt wurde, allmählich fortgespült worden wären. Und als die weg waren, hielt die Anlage nicht mehr stand. Gewiß, auch in den 1960er Jahren hatte es schon mal den einen oder anderen Staudamm-Bruch in Indien gegeben; aber das war halb so wild, ein paar hundert Tote, was ist das schon, bei vielen hundert Millionen Einwohnern? Aber jetzt hatte es eine ganze Kleinstadt erwischt; und obwohl die offiziellen Opferzahlen auf ein paar tausend Tote herunter gerechnet wurden, wußte doch jeder - oder glaubte zu wissen -, daß es in Wahrheit erheblich mehr waren, denn wie immer erwischte es bei der Gelegenheit vor allem diejenigen, die nirgends offiziell "gemeldet" waren und deshalb in der amtlichen Statistik nicht mitgezählt wurden. (Hat Euch Dikigoros schon mal berichtet, wie in den 1960er und 1970er Jahren in indischen Städten "Volkszählungen" durchgeführt wurden? Man zählte die verkauften Tickets der Vororteisenbahnen und rechnete sie hoch - Schwarzfahren zählten nicht mit, und Fußgänger erst recht nicht :-) Die Regierung beeilte sich, die Schäden zu beheben, den Staudamm neu und verstärkt aufzubauen, und die Stadt sowieso. Heute wirbt sie damit, "das Paris von Indien" zu sein - wohl nicht wissend, was aus jener einstigen europäischen Traumstadt inzwischen geworden ist, aber das ist eine andere Geschichte.

Wie dem auch sei, Dikigoros bekam von alledem damals nichts mit; und nach Gujrāt (der heute vielleicht interessantesten Ecke Indiens - aber darüber schreibt er an anderer Stelle) sollte er erst 16 Jahre später kommen. Und hier geht es ihm ja, wie einleitend dargelegt, gar nicht um Dämme, die schon gebrochen sind - zumal wenn sie, wie der von Morbī, kaum je Touristen angezogen haben -, sondern er hat den vorigen Absatz nur als Aufhänger für seinen Bezug zum nächsten Staudamm gebraucht, denn den hat er persönlich nie besucht und gedenkt auch nicht, das jemals zu tun - heute weniger denn je. Aber damals buchte er seinen Indien-Flug zum ersten- und letzten Mal mit "Egypt Air", aus falsch verstandener Sparsamkeit und aus Unwissenheit; denn er ahnte nicht, daß alles, was die Ägypter anfaßten und anfassen, Schrott war und ist. Und so machte er denn neben jener Erfahrung auch die Bekanntschaft mit vielen Verspätungen und stundenlangen nicht vorgesehenen Aufenthalten bei Zwischenstops, auf denen er wiederum mit vielen Mitreisenden ins Gespräch kam, u.a. einigen Ägyptern. Die meisten waren wie er sauer über die vielen Pannen, über die vielen Verzögerungen und über das miese Essen und schimpften kräftig auf ihre "Scheiß-Regierung" und ihre "Scheiß-Fluggesellschaft" - das waren die in England oder sonstwo im Westen Ausgebildeten, die völlig überzogene Ansprüche an die Effizienz ihres Heimatlandes stellten. (Ihre Söhne sollten es 30 Jahre später nicht beim Schimpfen belassen, sondern Revolution machen; aber das ist eine andere Geschichte.) Es gab jedoch auch ein paar andere, jung, optimistisch und unerschütterlich in ihrem Glauben an und ihrem Stolz auf dasselbe. Mit einem von ihnen - und einem amerikanischen Ingenieur, der in Kārāchī arbeitet (Pākistān und die USA sind Dank Nixon seit einiger Zeit enge Verbündete) - sitzt Dikigoros zusammen an einem klapperigen Tischchen und schlürft lauwarmen Tee, den man nur mit viel Zucker ertragen kann. Muhamad hat in Moskau an der Lomonosow-Universität studiert, spricht aber auch etwas Englisch, und da Hal kein Russisch spricht, bleiben sie dabei.
(...)

Assuan
Nasser

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Itaipú
Iguaçu
Pto Stroessner

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Manchmal muß man ein wenig von der Chronologie abweichen, wenn man eine Reiseseite schreiben will, denn nicht alle Reiseziele sind gleich nach ihrer Entstehung auch zugänglich. Wieder eine Quiz-Frage an die Leser: Welches ist die östlichste Großstadt Europas? Vorsicht, da sind wieder einige Fallstricke eingebaut: Jekaterinburg, vormals Swerdlowsk, ist zwar eigentlich eine europäische Stadt, aber sie liegt geografisch in Asien (wenn man diese imaginäre Linie am Ural denn ziehen will - was längst nicht überall auf der Welt üblich ist, aber bei uns halt doch, und bei den Russen, die es hier in erster Linie angeht, eben auch). Ufa? Pardon, aber diese Stadt gibt es ebenso wenig wie UFOs; es gibt zwar sieben Städte und ein paar Dutzend Dörfer, die 1956 auf einer Gesamtfläche von fast 800 km² zu einer administrativen Einheit zusammen gelegt wurden, die den Namen eines alten Forts aus dem 16. Jahrhundert - "Ufa" - erhielt und zur Hauptstadt der autonomen islamischen Republik Baschkortostan ernannt wurde; aber außer "Ordzhonikidsewskij" (das knapp 200.000 Einwohner hat) ist davon keine einzige wirklich europäisch; ja selbst die Baschkiren sind dort nur eine von vielen Minderheiten; die Mehrheit stellen nämlich die Tataren. Perm? Das ist eine traurige Geschichte. Dort hat man zwar reichlich Industrie- und sonstige Zwangsarbeiter angesiedelt; aber als dieser Zwang mit dem Zusammenbruch, pardon dem Auseinanderbrechen der Sowjet-Union weg fiel, setzte die große Fluchtwelle aus dieser häßlichen, unwirtlichen Stadt ein. Die letzte echte Zählung hat 1998 statt gefunden, da war es noch eine Großstadt mit knapp über 1 Mio Einwohner; seitdem wird nicht mehr gezählt, sondern nur noch geschätzt, denn viele melden sich nicht einmal mehr ab - wahrscheinlich werden eines Tages die Tiere im Zoo und im Zirkus und die Puppen im Theater die einzigen sein, die dort zurück bleiben. Nein, Dikigoros meint eine andere Stadt. Und er fängt noch einmal aus einer anderen Richtung an zu fragen: Habt Ihr schon mal von der "deutschen Wolga-Republik" gehört, liebe jüngere Leser? Nein? Schämt Euch, Eure Eltern und Großeltern hätten sie bestimmt noch gekannt. Und sie wären vielleicht auf eine andere Antwort gekommen: "Saratow". Das war die Hauptstadt jener Republik, von meist hessischen Auswanderern in den 1760er Jahren gegründet. (Glaubt doch bitte nicht die anders lautenden Märchen, die heutzutage aus Gründen der "politischen Korrektheit" - die immer eine faktische Inkorrektheit ist - verbreitet werden, von wegen das sei "die Hauptstadt der Goldenen Horde" gewesen - die Mongolen hatten damals gar keine feste Hauptstadt -, oder die Stadt sei von Tsar Iwan dem sowiesovielten im 16. Jahrhundert gegründet worden; der hatte da bloß eine etwas bessere Blockhütte als "Festung" bauen lassen.) Aber auch das ist falsch, wenngleich wir der richtigen Antwort damit geografisch gesehen schon ein gutes Stück näher kommen. Selbst vielen der wenigen Kenner der Geschichte der "Auslandsdeutschen" ist unbekannt, daß es nicht bloß nach dem "Siebenjährigen Krieg" deutsche Narren gab, die sich von Katharina II an die Wolga locken ließen (oder nach den "Napoleonischen Kriegen" nach Wolhynien, Bessarabien und sogar bis in den Südkaukasus), sondern auch noch Jahrzehnte danach. Der letzte Schub deutscher - meist ostpreußischer - Aussiedler zog noch in den 1850er Jahren an die Wolga; und ihr Ziel lag noch etwas weiter nördlich und etwas weiter östlich als Saratow, und damit kommen wir endlich zur richtigen Antwort: Samara. (Nie gehört? Nun, das ist verzeihlich; als Dikigoros zur Schule ging, hieß es noch "Kujbyschew", im Westen auch "Kuibyschev" geschrieben, nach irgend einem kommunistischen Bonzen; und heutzutage ist man ja davon abgekommen, im Erdkunde-Unterricht "Stadt, Land, Fluß" zu pauken, zumal ausländischen; da wird lieber Larifari "gelehrt" :-) Jene Narren kamen noch freiwillig; ihre Nachfolger schon nicht mehr: Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die deutschen Siedler aus Westrußland nach Saratow und Samara deportiert, ebenso später die Kriegsgefangenen - und viele blieben dort, tot oder lebendig; in den 1930er Jahren wurden die meisten der Überlebenden unter Stalin als "Kulaken" liquidiert; und was dann noch übrig war, wurde 1941 zu Beginn des Rußlandfeldzugs nach Sibirien deportiert, um dort zu verrecken. Bis Mitte der 1950er Jahre gab es in Samara noch GULAGs für deutsche Kriegsgefangene u.a. "Verbrecher"; aber als die Sowjets die letzten davon Adenauer aufs Auge gedrückt hatte (sie waren für die Sowjets nichts mehr wert, denn man hatte sie zu menschlichen Warcks gemacht) war Samara so gut wie ausgestorben; und da kam Stalins Nachfolgern eine geniale Idee, um sie wieder zu bevölkern: Sie würden die Wolga zu einem riesigen See aufstauen (der übrigens heute noch nach Kujbyschew heißt; die russische Bürokratie hat in ihrer berühmt-berüchtigten Schlampigkeit vergessen, ihn mit umzubenennen, als der dazu gehörige Ort wieder seinen alten Namen Samara erhielt, und zweimal wollte man die Atlanten nicht ändern :-) mit riesigen, von Wasserkraft getriebenen Turbinen, und mit dem daraus gewonnenen Strom eine enorme Rüstungs-Industrie aus dem Boden stampfen - weit genug weg von der Westgrenze, um im Kriegsfall nicht gleich den Feinden in die Hände zu fallen, aber nicht so weit weg wie die Rüstungs-Zentren jenseits des Urals, die immer ein Transportproblem darstellten. Gesagt, getan, und solche Anlagen bekamen ausländische Touristen verständlicher Weise nicht zu Gesicht (inländische auch nicht - das hat übrigens nichts mit sowjetischer Geheimniskrämerei zu tun, sondern ist in "demokratischen" Staaten genauso, liebe Leser, oder habt Ihr schon mal eine Besichtigung von... aber lassen wir das). Die ganze Stadt wurde mitsamt ihrer Umgebung zum "Sperrgebiet" erklärt. So weit, so schlecht.

Nach dem Ende der Sowjet-Union wurde zwar in Rußland immer noch fleißig gerüstet; aber nun schaute man beim Rüsten einerseits etwas mehr aufs Geld, und andererseits sagte man sich, daß man doch nicht jeden Grashalm, den eine Kuh fraß, deren Fleisch ein Rüstungsarbeiter verzehrte (jawohl, die waren privilegiert und bekamen immer genug zu essen - und mehr als genug zu trinken :-), zum Staatsgeheimnis zu erklären; das gleiche galt für den Stausee, und selbst die (längst als "veraltet" einzustufenden) Turbinen des Wasserkraftwerks konnte man nun ausländische Valuta-Touristen sehen lassen. Inzwischen bietet der eine der beiden traditionellen (d.h. schon zu Sowjet-Zeiten groß gewordenen) Bonner Rußland-Pauschalreise-Spezialisten, der sich nach einer besonders Sportfreunden bekannten griechischen Stadt nennt, "Wolga-Kreuzfahrten" an, bei denen auch Samara besucht - und der Stausee befahren - werden kann.

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Frage an die Leser: "Wo liegt das beliebteste Urlaubsgebiet der Türken?" Falsche Antwort - das schreibt Dikigoros unbesehen, denn da ist er sich ganz sicher; er hat doch nicht nach dem beliebtesten Urlaubsgebiet in der Türkei gefragt! Oder habt Ihr an der "türkischen Riviera" schon mal Türken gesehen, die dort selber Urlaub machen? Die arbeiten dort in Hotels, Restaurants u.a. Einrichtungen für ausländische Urlauber. Dikigoros hat auch nicht gefragt, wohin Türken am liebsten reisen oder reisen würden - natürlich nach Mitteleuropa, aber nicht um dort mal ein paar Wochen zu urlauben und dann wieder nach Hause zu fahren, sondern um sich dort auf Dauer festzusetzen getreu dem Gebot Allahs, die ganze Welt dem Islam zu unterwerfen. Nein, Dikigoros meint ein Gebiet, wo sich noch kaum je ein ausländischer Urlauber hat blicken lassen, und das nach Auffassung einiger auch gar nicht zur Türkei gehört - aber was heißt schon "Türkei"? Nehmen wir als neutralen Begriff "Kleinasien", dann können alle, die meinen, darauf einen Anspruch zu haben, trefflich weiter streiten; Dikigoros beschränkt sich auf die Geografie und antwortet: "am Eufrat!" Das ist noch nicht lange so, denn jenes Urlaubsgebiet gibt es erst seit den 1990er Jahren, und davor wäre es ohnehin nicht ganz ungefährlich gewesen, im wilden Kurdistan, pardon, wir wollten ja neutral und geografisch bleiben, in Südost-Anatolien (welch ein idiotischer Ausdruck - Anatolien heißt ja schon Osten :-) zu urlauben. Sagt Euch der Name Atatürk etwas? Na klar, und wenn Ihr den letzten Link angeklickt habt, dann wißt Ihr über ihn wahrscheinlich mehr als die meisten Türken, für die er nur noch ein Schlagwort ist, unter dem man heute zumeist das genaue Gegenteil dessen tut, was er einst wollte. Der vorläufige Gipfel dieser dreisten Vereinnahmung war die Benennung einer Baustelle, pardon eines Bauwerks nach ihm, diedas 1983 den Anfang des so genannten "Südost-Anatolien-Projekts" machte: die Anstauung von Eufrat und Tigris, vordergründig zwecks Stromerzeugung, hintergründig aber, wie manche (einschließlich Dikigoros :-) meinen, um den Nachbarländern - Syrien und dem Irak - im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abzugraben.

1995 war die "Atatürk-Barriere" - oder wie die Deutschen meist sagen, der "Atatürk-Damm" - endlich fertig, und die Ufer des neu entstanden Riesen-Sees wurden für Camping-Urlauber frei gegeben.
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Drei Schluchten des Jangtse

Das Helmand-Projekt - Micheners "Karawanen der Nacht"

Das Narmada-Projekt.

Ausnahmen bestätigen die Regel - wo die Vernunft siegt: Myitsone, Patagonien. Aber das älteste Wahnprojekt, das uns erspart blieb...
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(Fortsetzungen folgen)


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