PERU PATTAYA POSEMUCKEL
VON HÖHENLUFT UND LIEBE
"El Camino hacia la Libertad"

[Machu Picchu]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

(FORTSETZUNG VON TEIL I)

Die beiden Studenten lernen eine Menge - wesentlich mehr, als sie im Studium je hätten lernen können. Zum Beispiel, daß es in erster Linie eben nicht auf die Landschaften und Tiere ankommt, sondern auf die Menschen, die sie formen, deformieren, züchten und verspeisen, mit anderen Worten auf die Politik, die den Rahmen des menschlichen (und tierischen) Zusammenlebens abgibt. Sie lernen, daß "Militär-Diktatur" nicht gleich "Militär-Diktatur" ist. Die in Perú ist eine links-gerichtete, die jeden aus dem kapitalistischen Ausland kommenden Reisenden als zu rupfende Weihnachtsgans betrachtet. Militär will sie "verhaften"; Tarzan steht kurz davor, dem nächsten uniformierten Banditen das Gewehr zu entreißen und ihnen den Weg frei zu schießen - er kann das sicher besser als diese dahergelaufenen Wehrpflichtigen mit den stumpfsinnigen Indio-Schnauzen; aber dann überlegen die es sich doch noch anders und lassen sie gehen. In den "rechten" Militär-Diktaturen dagegen werden Rucksack-Reisende mit langen Haaren zwar erstmal mißtrauisch beäugt, aber ansonsten korrekt behandelt. Wenn man die Leute fragt, was ihnen denn lieber wäre, antworten sie - meist hinter vorgehaltener Hand -, daß sie schon lieber eine "demokratische" Regierung hätten; aber was die dann konkret besser machen sollte, wissen sie dann auch nicht. Auch die Chileninnen sind der Meinung, daß General Pinochet gut daran getan hat, den Kommunisten Allende zum Teufel zu jagen, aber nun habe er ja seine Schuldigkeit getan und könne wieder abtreten, zugunsten eines "demokratischen" Politikers. Ein junger Chilene namens Jorge, der sich ihnen als fünftes Rad am Wagen angeschlossen hat, widerspricht: sein Vater ist Adjutant bei Pinochet, und er fragt, welche andere Nation in Lateinamerika es sich leisten könne, seine Bürger frei und ohne Devisen-Beschränkungen ins Ausland - und sei es nur das nächste Nachbarland - reisen zu lassen. Wenn er so fragt, fällt niemandem etwas ein.

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In Sachen Religion gelangen die beiden Katholiken nach vielen Kirchenbesuchen zu der vor allem für Lulatsch schockierenden Erkenntnis, daß der vermeintlich "größte katholische Kontinent" in weiten Teilen gar nicht katholisch ist: Die Spanier hatten den Indios zwar formell ihre Religion aufgezwungen; aber im Innersten ihres Herzens sind sie ihren alten Göttern treu geblieben; ihr höchster religiöser Feiertag ist noch immer "Inti Raymi", die Sonnenwendfeier zu Ehren ihres alten Sonnengottes Inti. (Wann haben die Germanen diesen Tag zuletzt gefeiert - 1944?) Weihnachten - "Natal" (Geburt [Jesu]) - wird dagegen nur noch von der kleinen weißen Oberschicht gefeiert, und auch die versteht darunter in erster Linie eine Gelegenheit, sich den Wanst voll zu schlagen. (Aber Hand aufs Herz und aufs Bäuchlein, liebe Leser - ist das bei uns so viel anders?) Und natürlich ihren Göttinnen, zum Beispiel der "Schwarzen Madonna": Wenn man in die großartigen Kolonial-Kirchen der Metropolen und erst recht in die kleineren der Provinz geht, dann beten die Einheimischen dort nicht etwa vor dem Hauptaltar mit der komischen Jesus-Figur am Kreuz, sondern vor den Nebenaltären zu ihrer dunkelhäutigen "Maria" - als die sie den Offiziellen der Amtskirche verkauft wird. Bei den Prozessionen singen sie ihre alten Lieder, die nichts mit "Fronleichnam" zu tun haben. Und man munkelt, daß insgeheim auch noch die alten Opferriten abgehalten werden, wenngleich nicht mehr unbedingt mit Menschen-, sondern mit Tieropfern; auch die haben so gar nichts mit der "heiligen Kommunion" gemeinsam. (Aber wer weiß, ob die Indios da nicht sogar im Recht sind: Jesus hatte doch nicht von seinen Oblaten gesprochen, sondern von seinem Blut, oder? Dann sollte man ihn auch beim Wort nehmen dürfen!) Tarzan und Lulatsch haben Arciniegas' "Kontinent der sieben Farben" noch nicht gelesen (obwohl die Taschenbuch-Ausgabe gerade unter dem Titel "Geschichte und Kultur Lateinamerikas" auf den deutschen Markt gekommen ist), sonst wären sie weniger überrascht gewesen. Aber was solls - wenn man vorher allzu viel über seine Reiseziele gelesen hat, ist man voreingenommen und kann sie nicht mehr unbefangen auf sich wirken lassen. Außerdem wollen sie ja die Gegenwart kennen lernen - die Geschichte kann man später immer noch nachlesen, wenn man zu alt und klapperig geworden ist, um solche Reisen zu unternehmen.

A propos: Wenn der Papst auf Pilger-Reise nach Lateinamerika fliegt, dann bemerkt er das alles entweder nicht (sicher geben sich alle die größte Mühe, ihm Sand in die Augen zu streuen) oder er will es nicht wahr haben. [Nachtrag 2007: Der neue Papst hat es endlich bemerkt - mit einigen Jahrzehnten Verspätung, denn er war ja schon der engste Berater des alten Papstes - und ist extra hingeflogen, um dem gegen zu steuern; große Begeisterung bei den Lateinamerikanern soll er mit seinen Predigten allerdings nicht ausgelöst haben.] Oder vielleicht sieht er auch nur resigniert darüber hinweg, um sich und seiner Kirche keine Blöße zu geben. Dabei wäre es dringend nötig, mal von oben dazwischen zu schlagen; denn das schlimmste sind ja gar nicht die einfachen schwarzen Schäfchen, die ihre Schwarze Madonna anbeten, sondern die roten Wölfe im Schafspelz, die Kirchenbonzen, die unter dem verlogenen Schlagwort Befreiungs-Theologie" die Massen gegen die "bösen Militär-Diktatoren" aufhetzen und nur einen Glauben predigen: den an den so genannten "historischen Kompromiß" zwischen Katholizismus und Kommunismus. (Sie haben offenbar Ignazio Silone nicht gelesen.) Sie sind es, die den ideologischen Boden bereiten für den Terrorismus der "Tupamarus" und des "Sendero Luminoso". Die deutschen Studenten sind den Armleuchtern vom "Leuchtenden Pfad" - der Perú direkt in den Abgrund führen wird - hautnah begegnet, in dem Anden-Kaff Ayacucho, dessen Universität seine Keimzelle und Hochburg ist. Dieses Erlebnis sitzt den beiden noch so in den Knochen, daß sie kaum Augen und Ohren haben für ihre nächste Station, Cuzco, den einstigen "Nabel der [Inca-]Welt", oder für die handwerklichen Künste der Erbauer der Vorstadtfestung Saxahuayman; und vielleicht erklärt das auch, warum Tarzan sich in Machu Picchu lieber den Chileninnen und ihren Pfirsichen gewidmet hat als den Inca-Ruinen. (Der geneigte Leser versäumt aber nichts - die werden ohnehin in jedem ordentlichen Perú-Reiseführer besser beschrieben als Tarzan das damals auch bei größter Aufmerksamkeit gekonnt hätte; außerdem hat er sie ja als Titelbild ausgewählt :-) Wen wundert es da, daß sich anständige, religiöse Lateinamerikaner von diesem "Christen"-Pack abwenden und ihr Heil wieder im alten Glauben ihrer Vorväter suchen?

[Tihuanacu - Gesamtansicht] [Tihuanacu - 'Sonnentor']

Im Ernst, liebe Leser, ist dieser Glaube wirklich so viel absurder als das, was die Christen glauben? Nicht nur in religiöser Hinsicht: Bevor sie nach Südamerika gereist sind, haben unsere Studenten selbstverständlich den Bestseller "Erinnerungen an die Zukunft" von Erich v. Däniken gelesen, der glaubte, daß die Hochkulturen auf der Erde einst von "Göttern aus dem All" gegründet wurden; Beweis dafür seien u.a. die großartigen Ruinen von Tihuanacu. (Wie das richtig geschrieben wird, darüber streiten die Gelehrten. In La Paz gibt es ein "Museo de Tiwanacu"; es steht in der "Calle Tiahuanacu"; dort sollen auch die interessantesten Fundstücke ausgestellt sein; aber es hat ebenso "vorübergehend" geschlossen wie die - angeblich - interessantesten Museen in Bogotá und Lima.) Sie sind bitter enttäuscht von den paar langweiligen Steinen hinter Stacheldraht, wie schon zuvor vom Titicaca-See mit seinen nach verfaultem Stroh stinkenden schwimmenden Kunstinseln und ebensolchen Basalt-Booten, und wie überhaupt von ganz Bolivien. In einem Reiseführer, der wenige Jahre später geschrieben wird, steht: "Die Bolivianer sitzen auf einer Schatztruhe: Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Erdöl, Erdgas; Weidegebiete im Südosten, auf denen Millionen Rinder Platz hätten; fruchtbare Täler, in denen alles wachsen könnte, was das Herz erfreut, den Magen nahrhaft füllt und - exportiert - den Staatssäckel prall rundet. Unter solch blendenden Voraussetzungen mußte die Zukunft wahrlich paradiesisch sein! Doch sie leben am Rande des Existenz-Minimums..." Natürlich stellt er auch die Frage warum, und obwohl ihm der Verlag - ein "seriöser" Verlag, schon damals in voraus eilendem Gehorsam "politisch korrekt" - die Antwort aus dem Text gestrichen hat, lugt sie noch frech aus einem Zwischentitel hervor: "Das falsche Volk am falschen Platz". Ja, das deckt sich ganz mit den Eindrücken der beiden Studenten, die zu der überzeugung gelangen, daß Lateinamerika wirtschaftlich nur dort eine Zukunft hat, wo Ausländer den Laden schmeißen - wenn die unfähigen, faulen und korrupten Einheimischen an die Macht kommen, sind sie verloren. Am schlimmsten ist es - wieder ganz anders als Melone vermutet hatte - in den fast reinen Indio-Staaten Perú und Bolivien. Dabei waren doch gerade das die Zentren der Hochkultur der Inka. Hm... Hoch ist es hier ja. (Wer ist bloß auf die Schnapsidee gekommen, die Hauptstadt Boliviens ins alte Chuquiapú zu legen, das inzwischen den Namen "La Paz [de Ayacucho]" trägt, und wo die Luft so dünn ist, daß man bei der geringsten körperlichen Anstrengung in Atemnot kommt?) Aber Kultur? Da werden den meisten westlichen Besuchern wohl erhebliche Zweifel kommen.

Aber seien wir nicht voreingenommen, liebe Leser, sondern fragen mal ganz nüchtern: Was ist das eigentlich, "Kultur"? Tempel und Paläste? Wohl kaum. Oder sorgfältig gegen die Außenwelt abgeschottete Villen, wie man sie in der Hauptstadt sieht? Dto. - das Reisen in Ländern der "Dritten Welt" ist doch nicht zuletzt deshalb so interessant, weil das Leben sich dort meist noch in der Öffentlichkeit abspielt, auf Straßen und Plätzen, nicht wie in Europa hinter verschlossenen Haus- und Wohnungs-Türen am Fernseher. Oder braucht es fließend Strom und Wasser, um daran Fernseher, Radios, Elektroherde, Kühlschränke (Gefriertruhen und Mikrowellen gibt es damals auch in Europa noch kaum), Waschbecken und Klosettschüsseln anzuschließen? Oder Kaufhäuser, wo es Designerklamotten von der Stange für jedermann gibt? Oder Supermärkte mit Regalen voll Konserven in Dosen und Getränken in Einwegflaschen mit Selbstbedienung? (Was man in Lateinamerika zaghaft "Supermercado" zu nennen beginnt, hat in der Regel eher das Sortiment und den Charakter eines deutschen "Tante-Emma-Ladens" :-) über all das kann man trefflich streiten - bis vor wenigen Jahrzehnten war das auch in der "Ersten Welt" noch längst nicht überall vorhanden, geschweige denn selbstverständlich, und dennoch hätten sich ihre Bewohner schwerlich absprechen lassen, "Kultur" zu haben. Und wenn man es recht bedenkt: Viel wertvoller als gechlortes Wasser aus dem Wasserhahn wäre doch gutes, natürliches Trinkwasser aus sauberen Bächen und Brunnen. Und viel wertvoller als die Möglichkeit, ein Radio oder einen Fernseher aufzudrehen, ist doch die Fähigkeit, selber zu musizieren - und sei es nur auf einer Mini-Gitarre oder einer der vielen Flötenarten. Oder selber praktische, bequeme Kleidung herzustellen, wie sie dem Leben hier angemessen ist: Wolldecken, Ponchos und Mützen aus Llama-, Alpaca- oder Vicuña-Wolle. Doch all das trifft man hier eben nicht mehr an: Das Wasser ist dreckig, da sich jede[r] Einheimische an den Straßen- oder Wegesrand hockt, um sein/ihr Geschäft zu verrichten; die Klamotten kommen offenbar aus der Fabrik, und die "Musik" - amerikanischer Rock und Pop - aus den Kofferradios (Batterien dazu gibt es an jeder Straßenecke); selber musiziert oder auch nur gesungen wird nicht mehr, schon gar keine eigenen Lieder; die traditionellen Instrumente zieren vornehmlich die Schaufenster der Souvenir-shops für Touristen.

Aber nehmen wir das Wort "Kultur" doch mal wörtlich. Es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet eigentlich "Ackerbau", "Landwirtschaft" - und haben die Indios Lateinamerikas da nicht einiges vorzuweisen? Stammen nicht viele wertvolle Kulturpflanzen von Ihnen? Die Kartoffel, durch die Europa erst die periodischen Hungersnöte in den Griff bekam, die Tomate, die Tarzan so gerne ißt, die Kakao-Bohne, von den Indios "Chocolatl" genannt, die er sowohl in flüssiger als auch in fester (Tafel-)Form so gerne zu sich nimmt, Coca Cola, das Lieblingsgetränk von Lulatsch, der Mais, ohne den es keine Veredelungs-Viehzucht gäbe? Den Kautschuk, ohne den es keine Autos gäbe, wie wir sie heute kennen? Das Chinin, Jahre lang das einzige Mittel gegen Malaria? [Nehmt es Dikigoros bitte nicht übel, liebe Leser, wenn er an dieser Stelle nichts über die Reise schreibt, die Mitte des 18. Jahrhunderts zu ihrer Entdeckung durch die Europäer führte, obwohl die sicher ebenso interessant war, und obwohl der Streit zwischen den drei Franzosen La Condamine, Godin und Bouguer ebenso tragisch endete wie der zwischen den Spaniern im 16. und der zwischen den Criollos im 19. Jahrhundert. Er will ganz ehrlich sein: Von jener "Großen Expedition" nach Perú und Ecuador wußte er damals noch nichts.] In Santa Cruz de la Sierra, einer Dank ausländischer Finanzspritzen aufblühenden Stadt mitten auf der grünen Wiese, die nach Andy Santa Cruz benannt ist, der seinerzeit Sucre und die anderen Narren aus Bolívars Lager zum Teufel jagte und sich selber zum Beelzebobo, pardon Beelzebub machte (er hielt sich ziemlich genau ein Jahrzehnt, danach versank Bolivien für die nächsten 100 Jahre in einem Teufelskreis aus Diktatur, Bürgerkrieg und Anarchie), sprechen sie einen nordamerikanischen Entwicklungshelfer (wenn man die Angehörigen des "Peace Corps" - die "Friedenskämpfer" - denn so nennen darf) darauf an, der frustriert und desillusioniert in einem Lokal herum hängt und die Tage zählt, bis sein zweijähriger Dienst (zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte) herum ist. Er ist studierter Agrarökonom, und er lacht Tarzan herzlich aus, als der ihm die Sache mit den Errungenschaften der Indio-Kulturen erzählt. "Ja, was glauben Sie denn? Die Indios essen keine Kartoffeln, sondern nur Süßkartoffeln und Maniok, auch keine Tomaten; diese Nachtschatten-Gewächse dienten ihnen nur als Zierpflanzen. Die Entdeckung der Kartoffel als Nahrungsmittel haben die Engländer gemacht, und die Eß-Tomate hat vor knapp 100 Jahren ein Amerikaner in New Orleans gezüchtet. Mais als Viehfutter ist ebenfalls eine amerikanische Erfindung, die Indios essen ihn bloß selber, wie Sie sehen. (Gerade geht ein schmuddeliger Ober mit einem Teller dampfender "Choclos" vorbei.) Kakao hat sich erst als Getränk für die breite Masse durchgesetzt, seit die Engländer die Pflanze nach Afrika gebracht haben und auf die Idee gekommen sind, sie mit Zucker zu versetzen - den es hier bis heute nicht in ausreichender Menge gibt. (Er schüttelt ärgerlich den Zuckerspender, um ein paar der schmutzigen, verklebten Reste heraus zu locken.) Und die Schokolade haben die Schweizer erfunden - auch die wäre ohne Zusatz von Milch und Zucker nicht möglich; oder haben Sie hier schon mal welche gesehen, außer vielleicht aus England importierter Cadbury? (Tarzan sieht nur in Ecuador etwas, das sich so nennt, dort wird die Kakao-Pulpe ungesüßt in große Blöcke gegossen, deren Geschmack entfernt an Bitter-Schokolade erinnert.) Das Chinin wächst von selber, d.h. ohne Zutun der Indios, und auf die Idee, aus dem Saft des Gummibaums Gummireifen zu machen, wären die auch nie gekommen. Die einzige Kulturpflanze, die schon von den Indios als solche genutzt wurde, ist der Tabak, d.h. das einzige, was wir denen verdanken, sind Millionen Lungenkrebskranke und Rauschgiftsüchtige; denn aus der Koka-Pflanze haben die bloß Rauschgift gewonnen, und einige tun das heute noch. Coca Cola haben erst die Amerikaner entwickelt." [Anm.: Darf Dikigoros den Herrn Agrarökonomen da im Rückblick etwas korrigieren? Die Indios haben die Koka-Blätter wohl nur roh gekaut, und so waren sie nicht viel schädlicher als Coca Cola; der Erfinder des Kokaïns war Richard Willstätter - der es freilich als Narkosemittel in der Medizin gedacht hatte und dafür 1915 den Nobelpreis im Fache Chemie erhielt -; auf die Idee, es als Rauschgift zu mißbrauchen, kamen - wie auf die Idee der Massenproduktion von Tabak-Erzeugnissen und der Züchtung von Eß-Tomaten - erst die US-Amerikaner.]

Der Entwicklungshelfer macht eine kurze Pause, schlürft seinen Kaffee und fährt dann fort: "Umgekehrt müssen Sie einmal sehen, was Europa den Südamerikanern gebracht hat, eigentlich alles, wovon sie heute leben oder leben könnten: Den Bergbau, den Straßen- und Eisenbahnbau, den Weinbau, die Viehzucht... Aber das hat nur bei den Weißen geklappt, den Indios können Sie nichts beibringen. Beim besten Willen nicht. Die verstaatlichen die Bergwerke und die Eisenbahnen und lassen sie verfallen; wie die Straßen aussehen haben Sie ja sicher schon bemerkt; die paar Flugzeuge, die überhaupt noch fliegen, stürzen so oft ab, daß es den Zeitungen schon keine Nachricht mehr wert ist, und wenn man ihnen Tiere zu Zuchtzwecken schenkt, lassen sie die entweder verhungern oder schlachten sie und fressen sie auf. Schauen Sie sich dieses Pack doch an: verdreckt, verlaust, versoffen und verschlagen." Er ist verbittert, daß er hier wertvolle Jahre seines Lebens vergeudet; er sieht noch nicht, daß es auch eine Zeit wertvoller Erfahrungen und Lehren für ihn sein kann. "Der Mensch ist was er ißt," sagt Tarzan (obwohl der Spruch auf Englisch weniger originell klingt als auf Deutsch), "und die armen Kerle müssen sich überwiegend von Mais und Koka-Blättern ernähren, und vielleicht ab und zu mal einem gebratenen Meerschweinchen - was wollen Sie da erwarten?"

Nachtrag. An dem Satz "Der Mensch ist was er ißt" hält Dikigoros mehr denn je fest. Aber man kann es auch übertreiben mit den Schlußfolgerungen, die man daraus zieht. Ende des 20. Jahrhunderts haben sich weltweit unausgegorene Thesen so genannter "Wirtschafts- und Sozialhistoriker" breit gemacht - allen voran die von Jared Diamond, einem Hans-Dampf in allen Sackgassen der Geschichte (der eigentlich gar kein Historiker ist :-), der sie in seinem Buch "Kanonen, Krankheitserreger und Stahl" ausgewalzt hat -, die allen Ernstes (?) behaupten, daß sich die Eroberung Lateinamerikas durch die Spanier im 16. Jahrhundert wie folgt erklären lasse: In Europa konnte man besseres Getreide anbauen als in den Anden, folglich auch das liebe Vieh damit füttern, das wiederum zur besseren Ernährung - und Fortbewegung - des Menschen diente, weshalb die Bevölkerung in Europa viel stärker zunahm als in Amerika. Infolge dieses Bevölkerungs-überschusses, der Pferde und der aus Stahl gefertigten Kanonen und Säbel mußten die Spanier das Inkareich fast zwangsläufig erobern, da die armen Indios nur Mais, Lamas und Obsidianmesser hatten. Und der wichtigste Punkt: Durch ihr Zusammenleben mit den Tieren waren die Europäer gegen gewisse Krankheiten immun, die sie nun nach Amerika einschleppten, und an den denen die Indios, die ja nicht mal gegen eine simple Grippe immun waren, starben wie die Fliegen. Deshalb herrschen heute in ganz Amerika die Nachfahren der brutalen weißen Eroberer, während die der armen, unterdrückten Indios noch immer ihr trauriges Dasein fristen, blablabla...

Glaubt doch bitte nicht so einen Unsinn, liebe Leser. Gewiß haben auch Kanonen und Krankheiten in der Geschichte eine mehr oder weniger große Rolle gespielt, immer und überall; aber für die Geschichte der Eroberung Lateinamerikas gilt in fast allen Punkten das genaue Gegenteil von dem, was Diamond & Co. da verzapft haben. Pizarros Spanier haben keine einzige Kanone mit in die Anden geschleppt. Sie haben auch nicht hunderttausende Indios mit ihren Stahlsäbeln "abgeschlachtet", wie sich das einige Dummköpfe wohl vorstellen - dazu hätten sie bis an ihr Lebensende pausenlos zuschlagen müssen, und selbst dann hätte es wohl nicht gereicht. Gewiß, vor ihrer Landung hatte eine Epidemie unter den Indios gewütet - das hat Dikigoros oben ja schon berichtet. Aber diese Epidemie war hausgemacht, d.h. die Spanier haben sie nicht aus Europa mitgebracht. Und die Europäer waren auch selber nicht immun gegen Krankheiten, obwohl sie so lange mit dem lieben Vieh zusammen lebten - im Gegenteil: Die von Tieren übertragenen Seuchen haben in Europa weit schlimmer gewütet als jemals in Lateinamerika, und das noch weit über das 19. Jahrhundert hinaus, in dem endlich Impfmittel erfunden wurden. Und das gilt nicht nur für die Pest und die Pocken: Noch 1918/1919 starben in Europa an der "Spanischen Grippe" mehr Menschen als im ganzen Ersten Weltkrieg! Und den Bevölkerungsüberschuß, der aus der besseren Ernährung resultierte, luden die Spanier nicht etwa in Lateinamerika ab - wo sie immer nur eine verschwindende Minderheit waren -, sondern vergeudeten ihn auf den Schlachtfeldern Europas; die paar Dutzend Männeken, die Pizarro zur Verfügung hatte (sein Kollege Cortez hatte wenigstens ein paar hundert, um das Aztekenreich zu erobern - vorübergehend jedenfalls, aber das ist eine andere Geschichte), hätten das Inkareich weder mit Krankheiten noch mit Pferden, Kanonen oder sonstigen Stahlerzeugnissen erobern können, wenn die nach Hunderttausenden, wenn nicht sogar Millionen zählenden Indios sich ihnen ernsthaft entgegen gestellt hätten, statt einander selber umzubringen und die Spanier dabei als willkommene Helfershelfer zu mißbrauchen. (Ein Mißbrauch, den nicht nur die Spanier des 16. Jahrhunderts nicht bemerkten, sondern ebenso wenig ihre "Historiker" - bis heute :-) Wenn Diamond & Co. Recht hätten, dann wären die Indios in Lateinamerika doch längst ausgerottet. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: In Lateinamerika leben heute rund zwei Milliarden Menschen - also mindestens tausendmal soviele wie zur Zeit der Inkaherrschaft -, obwohl sich die meisten von ihnen nach wie vor nur von Mais u.a. Lebensmitteln ernähren wie vor Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert. Dagegen drohen die Europäer - jedenfalls die echten, "eingeborenen", nicht das Gesocks das zunehmend aus der "Dritten Welt" in ihre Länder eindringt - allmählich auszusterben. Umso peinlicher, wenn ausgerechnet ein Weißer - und sei es auch ein Jude - einen derartigen Unsinn verzapft, und das zu einem Zeitpunkt, da das Ende des weißen Mannes zwar in Europa und Nordamerika noch aufzuhalten wäre, wenn er sich denn noch rechtzeitig zu energischen Maßnahmen aufraffen würde, sein Ende auf dem Gebiet des alten Inkareichs aber bereits unumkehrbar ist und wahrscheinlich bald in seine Endfase eintreten wird - darauf kommt Dikigoros am Ende dieses Reiseberichts noch einmal zurück. Einstweilen beendet er diesen Nachtrag.

Aber der Friedenskämpfer widerspricht schon Dikigoros. (Was hätte der wohl erst zu Diamonds Thesen gesagt :-) "Nein, die Indios müßten nicht von Mais und Meerschweinchen und Kokablättern leben, die könnten wie gesagt auch ordentliches Vieh züchten, und sie könnten Bananen essen. Tun sie aber nicht, Plátanos sind doch was für Tiere sagen sie, weil die Affen sie auch fressen. Dabei zeigt das bloß, daß die Affen intelligenter sind als die Indios. Kein Affe käme auf die Idee, geröstete Maiskolben zu fressen. Aber wenn es ans Saufen geht, sind sie sehr einfallsreich: Um Chicha zu brauen, brauchen sie nur etwas Wasser, etwas Dreck und einmal kräftig rein spucken, schon gärt es; und wenn sie das dann noch einmal durch die Destillier-Anlage laufen lassen, haben sie schon Pisco. Fuck the Indios." Aber letzteres kann man getrost Melone überlassen - oder den Nachbarländern. Tarzan legt keinen Wert auf jene falsche Freundlichkeit, die von den Tourismus-Gewinnlern fast überall auf der Welt Reisenden entgegen gebracht wird, die Devisen da zu lassen versprechen, und die sich sehr schnell zu verflüchtigen pflegt, wenn sich heraus stellt, daß es sich lediglich um Rucksackreisende auf dem Billig-trip handelt. Aber eine derart offene Fremdenfeindlichkeit wie in Bolivien hat er bisher (und auch später) nirgendwo auf der Welt erlebt. Und sie hat ihren Grund auch nicht in der "kolonialen Vergangenheit". Es gibt so viele Länder auf der Welt, die mal Kolonien der weißen Mächte waren - aber in den meisten trifft man, auch bei vereinzelten Haßausbrüchen, doch meist auf Offenheit, ja Neugier. Nicht so in Bolivien, wo einem im besten Fall finstere Verschlossenheit (ein eufemistischer Reiseführer schreibt in Bezug auf die Bolivianer von "unaufdringlichen Menschen, die vordergründig einen mißmutigen Eindruck machen"), im schlimmsten Fall Steinwürfe entgegen schlagen. Aber die Bolivianer sind ja auch mit allen ihren Nachbarn verfeindet: Mit den Brasilianern, die ihre Westgrenze mehr als 1.000 km über die anno 1494 im Vertrag von Tordesillas festgelegte Linie hinaus in den Mato Grosso vorgeschoben haben; mit den Chilenen, die ihnen 1879 im Salpeter-Krieg (den die Bolivianer wohlgemerkt selber angefangen haben!) die Pazifik-Küste abgenommen haben; mit den Peruanern, denen sie 1903 vergeblich versucht haben, das an Bodenschätzen reiche Acre-Dreieck abzunehmen (das sich am Ende Brasilien als lachender Dritter unter den Nagel gerissen hat); und schließlich auch mit den Paraguayern wegen des Chaco-Krieges, den sie in den 1930er Jahren verloren haben. Wenn man durch die Straßen geht und die haßerfüllten Plakate liest, die zum Revanche-Krieg aufrufen, könnte man meinen, sein Ausbruch stünde unmittelbar bevor - aber der Entwicklungshelfer meint, daß sich die Bolivianer da bloß blutige Nasen holen würden, und das wisse der Banzer auch ganz genau; er werde sich hüten, Krieg anzufangen. Ja, der Banzer - er hat Bolivien endlich Frieden geschenkt, zum ersten Mal in seiner Geschichte, die sonst nur aus Kriegen, Bürgenkriegen und Revolutionen bestand. "Geschenkt" ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, denn auch der Frieden hatte seinen Preis; aber angesichts der vorgenannten Alternativen war er sicher nicht zu hoch.

[Hugo Banzer, Präsident Boliviens]

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[paz y justicia - Frieden und Gerechtigkeit] [Wappen Paraguays] [paraguayische Gedenkmünze auf Präsident Stroessner]

Mit "Frieden und Gerechtigkeit (paz y justiticia)" wirbt auch Präsident Stroessner in Paraguay, wohin sie eher ungeplant und ungewollt weiter geflogen sind, denn das wiederholte Fliegen reißt große Löcher in ihre scharf kalkulierte Reisekasse. Eigentlich haben sie es nur aus Verzweiflung getan, weil die einzige Möglichkeit, überhaupt aus Santa Cruz raus zu kommen, ein Flug nach Asunción war; und raus mußten sie, denn Lulatsch war krank geworden, und von Mineralwasser und fast ebenso dünner Suppe - etwas anderes war in der tagelang von jeglicher Versorgung abgeschnittenen Stadt zuletzt nicht mehr zu bekommen - wäre er nicht wieder auf die Beine kommen. In der Hauptstadt Paraguays können sie mangels Alternativprogramms den ganzen Tag die Speisekarten rauf und runter futtern - und sich die Pampelmusen zum Nachtisch eigenhändig von den Bäumen am Straßenrand pflücken. (Die Einheimischen können das nicht - die sind alle zwei Köpfe zu klein dafür :-) Und dann geht es mit dem Bus schnurstracks gen Osten nach Puerto Stroessner - warum soll man die Iguaçú-Fälle nicht mal von Paraguay aus in Angriff nehmen statt immer nur von Brasilien oder Argentinien? Und damit sind sie - wenn auch anders als geplant - doch zu einem ihrer Hauptziele gelangt. [Dikigoros verzichtet an dieser Stelle auf eine Beschreibung jenes Naturfänomens - es gibt mehr als genug Reiseführer, die das viel besser tun als er es jemals könnte; und im übrigen gilt: selber hinfahren macht schlau! "Puerto Stroessner" werdet Ihr dort freilich nicht mehr finden; das heißt jetzt "Ciudad del Este" - Oststadt, so wie "Stalingrad" jetzt "Wolgograd" heißt - aber davon wird es auch nicht besser.]

[Die Iguaçú-Fälle]

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[Copacabana] [Zuckerhut und Corcovado mit Cristo Rey]

Die Eindrücke, die sie in Brasilien gewinnen, sind zwiespältig. Das mag auch am Wetter liegen: Die Strände von Copacabana und Catete sehen im Regen halt nicht so toll aus, der wolkenverhangene Zuckerhut und der Corcovado mit dem Cristo Rey auch nicht. Und da sie wegen des Zusammenbruchs der Verkehrsverbindungen in Perú und Bolivien so viel Zeit verloren haben, müssen sie die geplante Route kürzen. Das Streichen der in den 1950er Jahren mitten in die Wildnis geklotzten neuen Hauptstadt Brasília fällt ihnen weniger schwer, denn sie interessieren sich beide nicht sonderlich für moderne Architektur - die Namen Le Corbusier, Costa und Niemeyer haben sie zwar schon mal gehört, aber im Grunde genommen sind sie ihnen Schall und Rauch. Leid tut es ihnen dagegen um Salvador de Bahía - die alten Hauptstadt, die so sehr an Lissabon erinnern soll - und Illhéus; aber auch dort sollen ja die Strände mit das Interessanteste sein, und wie gesagt: im Regen versäumen sie da vielleicht nicht gar so viel. Und vielleicht sieht es dort ja auch nicht so viel anders aus als in Belo Horizonte und Ouro Prêto (das damals noch nicht zum "UNESCO-Kulturerbe" ernannt ist); für einen kurzen - aber enttäuschenden - Abstecher dorthin reicht es gerade noch. An "B.H.", wie es die Einheimischen nennen, ist tatsächlich der Horizont das beste; die Stadt wurde Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Reißbrett entworfen - dafür ist sie erbärmlich schlecht gebaut: schief und krumm, bergauf, bergab. Der verrückte Zigeuner Kubitschek war hier Bürgermeister, bevor er Präsident wurde, daher seine Schnapsidee, Brasília auf die gleiche Art und Weise zu entwerfen. [Ein aufmerksamer Leser hat Dikigoros darauf hingewisen, daß diese Schnapsidee bereits aus dem 19. Jahrhundert stammte, und daß schon Kubitscheks Vorgänger Vargas drauf um dran war, sie "endlich" in die Tat umzusetzen - aber der hat sich ja noch rechtzeitig umgebracht; Kubitschek hätte den Irrsinn durchaus noch stoppen können.] Und Ouro Prêto? Die Stadt des "Zambo" José da Silva Xavier alias "Tiradentes", eines gescheiterten Revoluzzers, der einst als solcher hingerichtet wurde und heute als Volksheld gilt, um den sich Legenden ranken wie um "Zorro" in Mexiko, Robin Hood in England oder den Schinderhannes in Deutschland. Zu seiner Zeit, im 18. Jahrhundert, soll "Vila Rica" (so nannte man Ouro Prêto damals) die reichste Stadt Brasiliens, ja Lateinamerikas gewesen sein, reicher auch als Lissabon, Paris, London und andere europäische Städte. Was ist davon geblieben? Nun, wie der Name schon sagt: das schwarze Gold, die Neger. Wie war das mit dem echten Gold? Es wurde den Lateinamerikanern zum Fluch - und, um es ganz offen auszusprechen: mit dem schwarzen Gold ist es ihnen genauso gegangen. Die weißen Kolonialherren haben das ungeheure Verbrechen begangen, Millionen schwarzer Sklaven aus Afrika - von der Elfenbeinküste, der Goldküste (dem heutigen Ghana), der Sklavenküste (dem heutigen Nigeria) aber auch aus Angola (die Neger Nordostbrasiliens nennen sich selber "Angoleiros") - nach Amerika zu verschleppen, zur Zwangsarbeit auf den Plantagen. "Weil die eingeborenen Indios zu faul waren." So haben sie das "gerechtfertigt". Daß sie selber wohl auch zu faul waren, bleibt meist unerwähnt. Und daß die Eingeborenen von den Schwarzen nicht nur vom "Arbeitsmarkt" verdrängt, sondern fast ausgerottet worden sind, hat damals kaum jemanden gekratzt - schließlich wollten alle konsumieren und exportieren, und moralische Skrupel konnte man weder essen noch verkaufen. Nicht, daß sich das auf Südamerika beschränkt hätte, auch anderswo in Amerika konnte man rechnen: Tabak in Virginia, Baumwolle in den Südstaaten der USA, Zuckerrohr in der Karibik - das war die härteste Plackerei, dort gab es bald nur noch schwarze Arbeiter und ein paar weiße Aufseher... In Südamerika trieben es die Portugiesen am schlimmsten - die brasilianische Atlantik-Küste lag ja, wie praktisch, direkt der afrikanischen Westküste gegenüber, da war die Fracht am billigsten. Millionen haben sie damit gescheffelt, Jahrhunderte lang. Doch inzwischen gibt es Kunstfasern, die billiger sind als Baumwolle; Zucker wird aus Zuckerrüben gewonnen; und Tabak läßt sich maschinell viel besser und billiger ernten. Also sind die Sklaven "befreit" worden, entlassen in die Unselbständigkeit, entwurzelt in jeder Hinsicht; sie strömen in die Städte, finden keine Arbeit, lungern herum, leben bestenfalls von Sozialhilfe, werden schlimmstenfalls kriminell und vermehren sich immer schneller, mit einer sechsmal höheren Geburtenrate als die Indios und die Weißen. [Schwarze Brasilianerinnen haben im Durchschnitt 12 Kinder, die anderen weniger als 2,0. Dennoch behaupten die offiziellen Statistiken mit penetranter Hartnäckigkeit, daß die "weißen" Brasilianer die absolute Mehrheit stellen: Mitte der 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts sollen es 60% gewesen sein, Anfang des 21. Jahrhunderts noch immer 55%; dagegen soll der Anteil der schwarzen Brasilianer im gleichen Zeitraum - in dem sich die Gesamtbevölkerungszahl von 110 auf 175 Millionen erhöht hat - von 10% auf 6% gefallen sein; richtig dürfte das Gegenteil sein: ca. 60% Schwarze, weniger als 10% reine Weiße, ca. 1% eingewanderte Asiaten, der Rest Indios und Mischlinge.]

[Wappen]

Die weiße Einwanderung kann das nicht mehr ausgleichen - welcher halbwegs gescheite Europäer will schon noch in ein solches Land auswandern, wo der Himmel nur noch im Staatswappen voller Sterne hängt? "Ordem e progresso [Ordnung und Fortschritt]" wollten sie hier schaffen, das war jedenfalls das Leitmotiv nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles besser schien als die Ruinen zuhause. Sie treffen einen Mitteleuropäer, einen alten Handwerker, der teilnahmsvoll fragt, ob die Menschen in seiner einstigen Heimat noch hungern und ob noch viele Trümmer in den zerbombten Städten herum liegen. Er fühlt sich hier wie Krösus, dabei ist sein Betrieb nach heutigen europäischen Maßstäben nur eine kleine Klitsche, er muß viel herum reisen und selber Hand anlegen, und das Geld, das er dabei verdient, wird jeden Tag weniger wert. Im Europa des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders, das Leute wie ihn brauchte, hätte er es bei seiner Tüchtigkeit sicher viel weiter gebracht - hier kann er sich offenbar nichtmal eine Tageszeitung, geschweige denn Radio oder Fernseher leisten, sonst müßte er doch wissen, daß in der alten Heimat heute niemand mehr hungert! Tarzan und Lulatsch bringen es nicht übers Herz, ihn aufzuklären - es genügt ihnen, daß sie selber hier um einige Illusionen ärmer geworden sind. Tarzan schreibt ein Aerogramm an seinen Ex-Bw-Kameraden Wolfgang. Sie waren sich immer einig gewesen: Wenn eines Tages die Russen kämen und Westeuropa überrollten, wollten sie nicht in Gefangenschaft gehen, und sie wollten auch nicht unter einem kommunistischen Regime leben sondern abhauen, nach Südamerika, vorzugsweise nach Brasilien oder Argentinien, notfalls aber auch nach Chile, Bolivien oder Paraguay. Hatten jene Länder nicht schon nach dem Zweiten Weltkrieg Soldaten der geschlagenen Länder aufgenommen und ihnen eine neue Zukunft geboten? Gewiß - aber das waren andere Zeiten. Heute, so Tarzans Fazit, müßten sie sich wohl eine andere Weltgegend aussuchen, wenn sie auswandern wollten.

In ihrem Hotel in Rio - untere Mittelklasse - wohnt eine alte, weißhaarige Französin, die ganz gerührt ist, endlich mal wieder einen Landsmann zu treffen (Dikigoros läßt sie in dem Glauben, wenn es sie denn glücklich macht), dem sie ihr blutendes Herz ausschütten kann: "Als mein Mann starb, hinterließ er mir eine kleine Rente, von der ich in Paris nicht leben und nicht sterben konnte; und in die Provinz gehen wollte ich nicht. Warum auch - hier in Rio gab es doch alles: Sonnenschein, nette Menschen, Theater, Musik, Kultur, und alles viel billiger als zuhause. Und nun sehen Sie, Monsieur, was aus dieser Stadt geworden ist: Alles so dreckig und so teuer, und die jungen Leute so ungebildet - niemand spricht mehr Französisch, und ich kann doch auf meine alten Tage nicht noch groß Portugiesisch lernen... Und wie ich hier nun hausen muß, in einem kleinen Zimmer, zum Sondertarif als Dauergast; aber ausziehen kann ich nicht, denn draußen bräuchte ich inzwischen eine Haushaltshilfe, und die sind ja, seit das nur noch Schwarze machen, so unzuverlässig geworden und außerdem so teuer, daß ich auch gleich im Hotel bleiben kann. Da bin ich wenigstens einigermaßen geschützt, und mein Schmuck im Hotelsafe auch; einsam und allein in einer Wohnung am Stadtrand hätte ich ständig Angst, überfallen und ausgeraubt zu werden; man traut sich ja als alte Frau abends kaum noch auf die Straße, bei all der Kriminalität..." [Die gute Frau wird längst das Zeitliche gesegnet haben; aber Dikigoros fragt sich, was die wohl gesagt hätte, wenn sie das heutige Rio noch erlebt hätte - dagegen wäre ihr die Zeit damals vermutlich wie das friedlichste Paradies auf Erden vorgekommen. Gleichwohl haben sich Lulatsch und er schon damals als junge, kräftige Burschen abends nicht mehr auf die Straße getraut; und an den berühmt-berüchtigten Favelas sind sie nur mit dem Stadtbus vorbei gefahren - die bunten Plastik-Token hat Dikigoros bis heute als Souvenir aufbewahrt.]

Sie treffen einen Fast-Landsmann, einen Deutsch-Schweizer. Er ist pensionierter Dozent, hat auf der Visitenkarte "Prof. Dr." vor seinem Namen stehen und den großen Reisenschriftsteller Richard Katz persönlich gekannt. Auch er lebt in einem kleinen Apartement, direkt über Copacabana; aber er ist sehr zufrieden und denkt gar nicht daran, nach Europa zurück zu kehren: "Hier habe ich immer schönes Wetter, keinen Stress, was will ich mehr? Ihre französische Madame ist wahrscheinlich nur beleidigt, weil die Brasilianer Nachtclub jetzt nicht mehr Boîte schreiben, sondern Boate..." Aber er hat den Kontakt in seine alte Heimat nie ganz abreißen lassen; er schreibt gerade für einen kleinen Schweizer Verlag an einem Buch über Brasilien, zeigt Tarzan das Manuskript und Lulatsch die zur Illustration vorgesehenen Bilder. "Meinen Sie wirklich, daß Sie damit die Realität Brasiliens richtig wieder geben?" fragt Tarzan ziemlich undiplomatisch. "Wissen Sie, junger Mann," antwortet der Professor, "Sie haben mir eben erzählt, daß Sie es nicht übers Herz brachten, jemandem hier die Wahrheit über Europa zu erzählen. Und ich bringe es eben nicht übers Herz, den Europäern die ganze Wahrheit über Brasilien zu erzählen." - "Aber ist das nicht eine Lüge?" - "Vielleicht belüge ich mich selber; aber ich schildere halt das Brasilien, wie ich es kennen gelernt habe, und wie ich es in meinem Gedächtnis behalten und mit ins Grab nehmen will. Wenn Sie mal genau hinschauen, schreibe ich zwischen den Zeilen schon genügend unangenehme Wahrheiten, dann gönnen Sie mir doch die paar kleinen Höflichkeitslügen." - "Sie schreiben, daß die Militärdiktatur die wirtschaftlichen Probleme, insbesondere die Inflation, in den Griff bekommen hätte. Das ist doch einfach nicht wahr - auch wenn man Ihre Auffassung, daß Geisel & Co. das geringere übel seien, teilt." - "Aber sie werden es in den Griff bekommen, davon bin ich überzeugt." - "Und Sie schreiben kein Wort über die Rassenprobleme." - "Ich schreibe nicht über die Schwarzen, weil ich nichts Negatives über Brasilien schreiben will. Aber Sie werden bemerkt haben, daß ich durchaus mit Sympathie über die Indios schreibe, ohne in das ethnolinke Gejammere einzufallen." - "Sie schreiben, daß die Indios aussterben, weil man ihnen ihre alte Kultur genommen habe, zu der das Recht auf Kopfjagd und Kannibalismus gehört habe. Die Leute in Europa wollen aber lesen, daß die armen Indianer aus Gier nach Tropenhölzern und Bodenschätzen ermordet werden." - "Damit räumen Sie doch selber ein, daß die Europäer belogen werden wollen; warum soll ich die gleichen Lügen schreiben wie Ihre Leute? Da streue ich doch lieber ein paar Wahrheiten ein, auch wenn sie niemand gerne liest; dafür liefere ich ein paar schöne Fotos nackter Indios mit, die habe ich selber geschossen." - "Schwarz-weiß," meint Lulatsch, "die Leser in Europa sind Farbe auf Hochglanzpapier gewohnt. Außerdem wird es als Rassendünkel empfunden, die Indios als nackte Wilde darzustellen." - "Aber das ist doch die Wahrheit!" - "Solche Wahrheiten will in Europa niemand wissen." - "Aber wenn Sie in den Norden fahren, können Sie farbige Ansichtskarten kaufen mit jungen Indio-Frauen, die Hundewelpen die Brust geben; Sie mögen das für geschmacklos halten; aber die Karten verkaufen sich dem Vernehmen nach sehr gut, vor allem bei Touristen aus Nordamerika und Europa." - "Aber Sie dürften nicht nach Europa fahren und sich dort als deren Fotograf outen; außerdem sind die doch gestellt, oder?" - "Mag sein, daß das Lächeln in die Kamera gestellt ist; aber das Hundesäugen nicht."

In São Paulo sind sie zu Gast bei einer deutschstämmigen Familie, tüchtigen und herzensguten Menschen, die zwar bestens integriert sind, aber gleichwohl versuchen, ihr deutsches Kulturerbe zu bewahren - allen Widerständen zum Trotz. Die älteste Tochter berichtet über die Schikanen an der deutschen Schule, auf der sie durch's Abitur zu rasseln droht, wegen angeblich schlechter Leistungen im Fache Deutsch. Sie spricht es wirklich perfekt; aber ihr Deutschlehrer ist ein Bayer, der wahrscheinlich selber weniger gut Hochdeutsch kann und sie deshalb "abzuschießen" versucht - wenn sie durchfällt will sie an eine "normale" brasilianische Schule wechseln, was bleibt ihr übrig, auch wenn sie dann nicht in Deutschland studieren kann. Das dürfte eh zu teuer werden, denn das kostet ja eine Menge Geld, und der brasilianische Mittelstand verarmt durch die galoppierende Inflation zusehens. Sie zeigt ihnen gastfrei "ihre" Stadt, inclusive aller "Sehenswürdigkeiten" und läßt sich mit keinem Wimpernschlag anmerken, daß die Eintrittsgelder - die sich die beiden Studenten selber nie leisten könnten und würden - auch für ihr Budget eigentlich zu teuer sind. Wieder zuhause, jammert sie ihrer Mutter das alles auf Portugiesisch vor - im Maschinengewehrtempo; Tarzan hat ihr zwar erzählt, daß er Brasilianisch gelernt hat, aber nur auf Deutsch, also nimmt sie das wohl nicht ganz so ernst, mehr als ein paar Brocken im Zeitlupentempo wird er schon nicht verstehen. (Tarzan versteht jedes Wort, aber auch er läßt sich das mit keinem Wimpernschlag anmerken.) Es ist eine Tragödie, die sich hier abspielt - aber wie soll man die aufhalten? Will man das überhaupt? Und selbst wenn man wollte... schto djelatch? In den 30er Jahren schrieb ein gewisser Gilberto Freyre ein Buch mit dem Titel "Herrenhaus und Sklavenhütte" (Dikigoros hat es im Studium gelesen - aber darüber schreibt er an anderer Stelle mehr), in dem er behauptet, daß Brasilien nie Rassenprobleme kennen lernen werde wie etwa die USA und andere Länder auf der Welt, weil sich die weißen Herren und die schwarzen Sklav[inn]en ja längst vermischt hätten, so daß Brasilien eigentlich eine Mulattennation sei. Aber das war eine Illusion, die Dikigoros an die Worte des beamteten Direktors einer verstaatlichten Teefabrik auf Ceylon erinnert, als er diesem vorhielt, daß die eine Hälfte des gerade abgefüllten Tees noch nicht genügend getrocknet sei und die andere schon viel zu lange in der Sonne gelegen habe: "Aber die mischen wir doch jetzt zusammen, also haben sie im Durchschnitt den richtigen Reifegrad!" (Wundert es Euch noch, liebe Leser, daß der einst so begehrte ceylonesische Tee seit jener Aktion der sozialistischen Regierung Bandaranaike zum schlechtesten und billigsten Indiens geworden ist? Nur in Afrika und Indonesien wird noch schlechterer produziert.) So ist es auch in Brasilien: Gewiß gab es einige weiße Sklavenhalter, die ab und zu mal ein schwarzes Sklavenmädchen geschwängert haben, und aus solchen Verbindungen sind dann halt Mulatten entstanden - aber die Regel war das wohl doch nicht und ist es heute schon gar nicht mehr: Da stehen sich die Rassen mehr oder weniger unversöhnlich gegenüber, Weiße treiben es nur mit Weißen, Schwarze nur mit Schwarzen (vom Prostitutions-Tourismus mal abgesehen, aber daraus entstehen heutzutage für gewöhnlich keine Kinder mehr), und Mulatten mit Mulatten. Dikigoros bezweifelt auch, daß eine völlige Vermischung der Ethnien Brasiliens, wie sie Freyre vorschwebte, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme lösen würde, vor denen dieser Riesenstaat steht.

Wahrscheinlich wäre es am besten, die vier südlichen, großenteils von Deutschen, Italienern und Japanern besiedelten Bundesstaaten São Paulo, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul (sie besuchen noch - viel zu kurz - Curitiba, Blumenau, Florianópolis und Pôrto Alegre), die auf weniger als 10% des Territoriums mehr als 90% des Bruttosozialprodukts Brasiliens erwirtschaften, abzutrennen und die "Nordestinos" in ihrem eigenen Saft schmoren zu lassen. Es hat auch schon verschiedentlich solche Bestrebungen gegeben, aber keiner war Erfolg beschieden. Vielleicht haben sie einfach den richtigen Zeitpunkt verpaßt, es damals dem Gaucho Artigas nachzumachen, der die Unabhängigkeit Uruguays erstritten hat - dann allerdings auch im Exil gestorben ist, da man ihn als bösen "Militär-Diktator" verjagte. Und so wäre es wohl auch einem Ernesto Geisel ergangen, wenn er denn versucht hätte, im Südosten einen eigenen Laden aufzumachen und ihn mit fester Hand zu regieren - man will doch "demokratisch" sein, d.h. Herrschaft der Mehrheit; und die Mehrheit lebt nun mal im Norden.

Wohin zuviel falsch verstandene "Demokratie" und "Laisser faire" führen, kann man gerade in Uruguay am besten sehen: Eine kommunistische Stadt-Guerilla, die sich - wie schon ihr Vorbild, der Revoluzzer José Gabriel Condorcanqui im 18. Jahrhundert - kackfrech nach Túpac Amarú, dem letzten Inka-Herrscher, nennt, die "Schweiz Südamerikas" gründlich ruiniert. Bis die Militärs hart durchgegriffen und den Banditen das Handwerk gelegt haben; das westliche Ausland (in fast allen reichen Industrie-Staaten sind jetzt Linke an der Macht) hat darauf mit Wirtschafts-Boykott reagiert. Die schlimmste Diktatur dagegen, die peruanische, wird mit Entwicklungshilfe geradezu überhäuft. Auch den argentinischen Militärs gegenüber verhält man sich nachsichtig, sind sie doch mit dem bösen Pinochet-Regime in Chile verfeindet - das soll sich erst ändern, als Buenos Aires die Malvinen-Inseln besetzt (die hauptsächlich von Schafen bewohnt werden) und es daraufhin zum "Falkland"-Krieg gegen England kommt.

Aber das soll keine Entschuldigung sein. Entgegen dem, was man nach den Worten des Entwicklungshelfers in Santa Cruz hätte glauben können, befinden sich auch die fast rein-weißen Staaten Uruguay und Argentinien schon lange vor dem Boykott der Europäer auf dem absteigenden Ast, wie Tarzan und Lulatsch bald feststellen müssen. Lulatsch glaubt ja ohnehin schon lange, daß materielle Güter vergänglich sind, daß sie ebenso schnell wieder verloren gehen können wie sie gewonnen wurden, und hier bekommt er die Bestätigung: Die beiden Länder waren als Kriegsgewinnler des Zweiten Weltkriegs reich geworden, als sie alle Deutschen enteignet und die Alliierten mit Lebensmitteln beliefert hatten, besonders mit dem berühmten "Corned Beef". Auch am Korea-Krieg hatten sie noch gut verdient. Aber wer außer hungrigen Soldaten will heute noch diesen Dosenfraß geschenkt haben? Geschweige denn ihn mit harten Dollars bezahlen... Durch Montevideo (Lulatsch kraxelt tatsächlich auf den kleinen "Berg", nach dem die Stadt benannt ist) fahren Automobile, an denen man erkennen kann, wann die große Zeit war und ab wann es bergab ging: Die dicken amerikanischen Luxus-Schlitten der 40er Jahre mit dem ungeheuren Benzinverbrauch zuckeln noch durch die Straßen, daneben auch einige jüngere Modelle aus den 50er Jahren - aber dann ist Schluß. Eine eigene Automobil-Industrie hat Uruguay nie aufgebaut - wozu auch? Man konnte sie doch viel einfacher importieren - für irgend etwas mußte man die eingenommen Rindfleisch-Dollars doch wieder ausgeben!

An einem Sonntag in Avignon, pardon, in einem Bötchen... Um von Montevideo nach Buenos Aires zu kommen, haben sie aus Kostengründen nicht die große, teure Direktfähre genommen, auf der es auch eine Wechselstube gibt, sondern sie sind erst ein Stückchen den Río de la Plata hinauf gefahren, um dann nach Argentinien überzusetzen. Und nun stehen sie vor dem Schalter der Metro, die sie ins Stadtinnere von B.A. bringen soll. "Bedaure," sagt der Schaltermensch, "uruguayisches Geld kann ich nicht annehmen und auch nicht wechseln. Nein, US-Dollars auch nicht. Fahren Sie morgen in die Stadt, wenn die Banken wieder auf haben." - "Und wovon sollen wir hier die übernachtung bezahlen?" Schulterzucken. Drei Jugendliche - vielleicht 15 oder 16 Jahre alt - haben das mit bekommen und sponsorn ihnen die Billets. Tarzan bietet ihnen einen Dollar an, aber sie lehnen ab: "Das nehmen wir nicht an," erklärt ihr Wortführer, "wir Europäer müssen doch zusammen halten." - "Ihr seid Gachupines?" - "Nein, wir sind schon Argentinier. Aber halt europäische Argentinier. Wir Weißen müssen zusammen halten gegen dieses Gesocks, das allmählich im ganzen Land überhand nimmt; Ihr werdet schon sehen, was wir meinen." (Tarzan nimmt sich fest vor, sich für dieses spontane Zeichen von Gastfreundschaft zu revanchieren, wenn ihm mal ein Argentinier in vergleichbarer Lage in Deutschland begegnen sollte - aber bis heute hat sich die Gelegenheit dazu nicht ergeben.)

Ja, sie sehen, was er meint; aber gerechter Weise muß man sagen, daß Argentinien seine Probleme nicht irgendwelchem "Gesocks" verdankt, sondern Weißen, die sogar namentlich bekannt sind: Bereits im 19. Jahrhundert hatte General de Rosas - blond und blauäugig, aber dem Namen nach wohl sefardischer Abstammung -, nachdem er mit Hilfe seiner Gaucho-, Indio- und Neger-Banden, pardon -Truppen, die Macht an sich gerissen hatte, jegliche Einwanderung Weißer nach Argentinien verboten. (Daher gilt er heute in gewissen Kreisen als Nationalheld.) Im 20. Jahrhundert hatte sich das zwar geändert, und Argentinien schien auf dem besten Weg dazu, ein weißer Staat - und einer der reichsten der Welt - zu werden. In seinen besten Zeiten - vor allem während der Weltkriege - hatte es noch mehr Dollars eingenommen als Uruguay. Doch dann war Señor Perón - ebenfalls ein Weißer - gekommen und hatte sich daran gemacht, den Wohlstand an das jubelnde Volk umzuverteilen. Nach ihm hatte Frau Perón so weiter gemacht, auch als es eigentlich gar nichts mehr umzuverteilen gab. Und als das Land aus dem schönen Umverteilungs-Traum aufwachte, stellte es fest, daß es über seine Verhältnisse gelebt hatte. Es war eine Scheinblüte gewesen, die auf Schmarotzertum beruht hatte, und an den Händen der Kriegsgewinnler klebte Blut. Egal, man wusch seine Hände in Unschuld, plazierte fleißig Schuldverschreibungen im Ausland - man hatte ja Kredit, und die internationalen Banken gewährten großzügig Anleihe auf Anleihe. Als es dann ans Zurückzahlen ging, waren die Kassen plötzlich leer. Also begann man, neue Banknoten zu drucken - Papier war billig, man konnte ja den Urwald abholzen -, mit immer größeren Zahlen, und immer größeren... Jeden Morgen, Mittag und Abend tauschen Lulatsch und Tarzan ein paar Ein-Dollar-Scheine gegen ein paar tausend argentinische Pesos ein, nicht mehr, denn die verlieren stündlich an Wert, und die Lebenshaltungs-Kosten in diesem von einstigem Luxus verwöhnten Land sind hoch. Und die Bevölkerung versteht überhaupt nicht, wie die Regierung die Wechselkurse hat freigeben können. Tarzan kommt mit einer Hausfrau der Mittelklasse ins Gespräch: "Warum führt die Regierung nicht wieder den alten Wechselkurs ein, wie nach dem Krieg, 2 Pesos = 1 US-Dollar?" Geduldig übersetzt er die Versuche von Lulatsch, dem angehenden Wirtschafts-Wissenschaftler, ihr das zu erklären: "Ein Rind kostet hier in Argentinien 50.000 Pesos. Wenn 1 Peso 50 Cent wären, würde das Rind auf dem Weltmarkt 25.000 Dollars kosten, und ihr bekämet kein einziges mehr verkauft." - "Aber das macht doch nichts, im Gegenteil, dann bleiben die Rinder hier, das erhöht das Angebot, und die Inlandspreise fallen, dann können wir uns endlich wieder täglich ein Steak leisten, wie früher." - "Aber wenn ihr uns für einen Dollar nur 2 Pesos geben wollt, dann müßte eure Regierung auch für jeden Peso, den sie vielleicht mal zum Kurs von 1:1000 geliehen hat, einen halben Dollar zurück zahlen. Und ihr könnt ja kaum einen Dollar für 1.000 Pesos aufbringen." - "Aber wozu sollen wir denn überhaupt die Auslandsschulden zurück zahlen? Und dazu noch die viel zu hohen Zinsen? Unsere Regierung bräuchte sie nur zu streichen." - "Aber dann bekämet ihr nichts mehr aus dem Ausland, keine Waren, keinen Kredit..." - "Das ausländische Zeug brauchen wir nicht, wir haben genug von allem im Inland. Bloß die da oben brauchen Luxus-Importe. Und wozu sollen wir Kredite aufnehmen? Mir leiht auch niemand was, und trotzdem komme ich mit meinem Haushaltsgeld aus. Ich bekäme den Staatshaushalt im Handumdrehen saniert." Gegen so viel hausfrauliche Logik kommt Lulatsch nicht an. Und was das Steak anbelangt, so können die beiden Studenten sich das angesichts der galoppierenden Inflation an keinem einzigen Tag leisten - sie ernähren sich durchweg von Weißbrot, Käse und Rotwein, ganz in "französischer" Tradition - warum ist die Pariserin aus Rio nicht nach Argentinien ausgewandert?

[Por la razón o la fuerza (Und bist du nicht vernünftig, so brauch' ich Gewalt) - 
der Wahlspruch Chiles]

Sie durchqueren Argentinien im Bus - ein altes Modell aus dem Hause Mercedes bringt sie über die Kordilleren-Pässe nach Chile. Dort haben sie ein ganz ähnliches Erlebnis wie ein paar Wochen zuvor in Perú: Der (argentinische) Busfahrer gibt patrouillierenden Militärs den "Tip", daß er zwei Ausländer im Bus habe, die sich doch gut schröpfen ließen (er will die Plätze noch einmal verkaufen - auf eigene Rechnung); der Offizier in deutscher Wehrmachts-Uniform und Stahlhelm lehnt eiskalt ab. Tarzan imponiert das sehr; und er behält im Gedächtnis, daß es politisch ausgerechnet in den beiden Ländern, die überwiegend von Mestizen bewohnt werden, nämlich Paraguay und Chile, politisch am stabilsten und korrektesten zugeht. Schade, daß Melone nicht mit gekommen ist - durch wochenlanges Herumhocken am selben Ort wird man seine Vorurteile nicht los! Leider müssen sie auch in Chile an der Reiseroute knapsen: Puerto Montt und Valdivia fallen flach; es bleibt eigentlich nur Zeit für Santiago und die Atacama-Wüste - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle.

[Bienvenidos al Perú]

Dann kommen sie wieder zurück nach Perú. An der Grenze, zwischen Arica und Tacna (das Chile 1929 an Perú zurück gegeben hat), genauer gesagt in Desaguaderos, blüht der Schmuggel. Ganz harmlos, aber irgendwie bezeichnend: "Junger Mann," schleimt sie eine ältere Peruanerin an ("joven" - wie das klingt, wenn man sich dort sonst nur als "gringo" bezeichnet hört!), "könnten Sie mir wohl ein paar Sächelchen...?" Dikigoros hat oben geschrieben, daß die Chilenen nach Perú fahren, um dort billig Urlaub zu machen; nun muß er noch nachtragen, daß umgekehrt auch die Peruaner nach Chile fahren, um dort einzukaufen, nicht etwa weil es billig, sondern obwohl es teuer ist - aber bei ihnen gibt es halt nichts vergleichbares. Was sie kaufen? Alles Dinge, die für uns Selbstverständlichkeiten sind, hier aber eben nicht. Tarzan läßt sich breit schlagen, ein paar Unterhosen mitzunehmen - das wird ihm niemand als Schmuggel auslegen können, aber offenbar ist selbst deren Einfuhr für Peruaner zollpflichtig -; die primitiven Küchengeräte - Mixer aus Plastik, von Hand zu drehen, scheinen gerade der große Renner zu sein - sollen sie dagegen selber sehen, wie sie die mitbekommen oder sich eine[n] andere[n] Dumme[n] suchen. [Dikigoros wird dieses Fänomen erst viele Jahre später wieder erleben, als der Ostblock auseinander bricht und die Deutschen nach Polen fahren, um dort billig einzukaufen, die Polen aber nach Deutschland, um sich dort Waren zu besorgen, die es bei ihnen nicht gibt.] In einem idyllischen kleinen Städtchen treffen sie beim Mittagessen im einzigen Restaurant am Ort, das diesen Namen verdient, zwei einheimische Geschäftsleute. Tarzan seufzt, daß es nun bald wieder zurück nach Deutschland gehe, mit dem Lärm, der Hektik, den allgegenwärtigen Baustellen und den ständigen Verkehrsstaus, die sie hervor rufen. Sein Gegenüber, der auch schon mal in Deutschland war, sieht ihn mit großen Augen an: "Ich wollte, wir hätten Ihre Probleme. Schauen Sie sich doch mal um hier, da wird nichts gebaut, da verfällt bloß alles." Und dann sagt er einen Satz, den Tarzan sein Lebtag nicht vergessen wird: "Que lindo es ver un pais donde se construye algo. [Wie schön ist es, ein Land zu sehen, in dem etwas gebaut wird.]" Er gebraucht das Wort "lindo", das man auch für schöne Frauen gebraucht, und "construir" bedeutet mehr als bloß eine Baustelle einrichten - es steht für aufbauen, etwas anpacken und zustanden bringen.

[Wappen]

A propos schöne Frauen: Tarzan denkt an den Beginn ihrer Reise zurück. Er wollte das da noch nicht verallgemeinern, aber nun, im Rückblick, erscheint es ihm, als ob alle halbwegs vernünftigen Lateinamerikaner[innen] europäischer Abstammung daran denken, in die Heimat ihrer Vorfahren zurück zu kehren, weil sie hier auf Dauer keine Zukunft mehr sehen - und das gilt auch und gerade für die vermeintlich noch "weißen" Staaten Venezuela und Kolumbien, die ja auch furchtbar abgewirtschaftet haben. So etwas steht in keinem Reiseführer, weil es nicht opportun ist; aber was sagte die schon etwas altjüngferlich wirkende Tochter des italienischen Hoteliers (die noch Italienisch sprach!) in jenem Kaff an der Karibik-Küste: "Wir vermischen uns nicht mit Indios oder Negern; eher bleiben wir unverheiratet. Wenn ich doch nur das Geld hätte, um nach Italien auszuwandern."

Auch die junge Kolumbianerin, die sich "Lucy" nannte und versuchte, Deutsch zu lernen, machte keinen Hehl daraus, daß sie jeden heiraten würde, um aus ihrem Land und aus ihrem Kontinent 'raus zu kommen - am liebsten einen Deutschen oder einen Schweizer. Sie haßte ihren von korrupten Parteibonzen beherrschten Staat, der die schwer bewaffnete Polizei auf junge Leute los jagt, die abends friedlich ins Kino gehen - Tarzan hat eine dieser Razzien am eigenen Leibe miterlebt -, aber nichts gegen die wachsende Macht der Drogen-Kartelle und der anderen Kriminellen unternimmt. In Cali ist Lulatsch auf offener Straße von einem Rauschgift-Süchtigen angefallen worden. Er hat ihn abgewehrt, aber entkommen lassen, als er klug genug war, davon zu laufen. Ein Busfahrer in abgerissener Uniform hat versucht, Tarzan mitten im Depot seinen Rucksack zu klauen und damit zu entfleuchen. Tarzan hat ihn eingeholt, aber der alte Mann wollte seine Beute nicht fahren lassen, verteidigte sie im wahrsten Sinne des Wortes mit Zähnen und Klauen, bis ihn Tarzan zusammen geschlagen hatte; die halbe Straße hat den Vorgang mit Interesse verfolgt - aber niemand hat einen Finger gerührt um einzugreifen, weder für den kriminellen Landsmann noch erst recht nicht für sein ausländisches Opfer. In einem kleinen Anden-Kaff standen Tarzan und Lulatsch vor einem Restaurant und studierten die Speisekarte. Plötzlich bemerkte Tarzan, wie von hinten eine Hand in seine Tasche fuhr. Er packte zu wie ein Raubtier und riß einem kleinen Jungen fast den Arm aus. Der begann jämmerlich zu weinen, und sogleich eilte seine Mutter herbei, die ihn offenbar angestiftet und das Geschehen aus nächster Nähe verfolgt hatte; sie schimpfte ihn furchtbar aus, weil er sich von dem "Gringo" hatte erwischen lassen. Das mögen nur einzelne Episoden sein; aber zusammen gesetzt ergeben sie doch ein Mosaïk, das irgendwie bezeichnend ist für den traurigen Gesamtzustand jener Länder.

* * * * *

[Denkmal auf Pizarro in Lima]

In Lima sollte die Reise also zuende sein; aber bei der Reconfirmación ihres Rückflugs erfahren sie, daß sich dieser um drei Tage verzögert. Wenn sie das gewußt hätten...! Und nun sollen Sie noch eine knappe Woche in Lima herum hängen, das sie doch schon vor ein paar Wochen ausgiebig besichtigt hatten? Nein, noch einmal wollen sie sich all das nicht ansehen, was sie damals für wichtig und heute für völlig überholt, ja lächerlich halten, wie das Denkmal auf Pizarro - wofür soll das noch stehen? Die Fluggesellschaft bietet ihnen als kleine Entschädigung (und weil es sie wohl billiger kommt als ihnen drei Tage Unterkunft und Verpflegung vor Ort zu bezahlen) zwei Flugtickets Lima-Quito-Lima zum Sonderpreis an, die gerade jemand hat zurück gehen lassen. So kommen sie doch noch zu ihrem Abstecher nach Ecuador, das sie eigentlich schon abgeschrieben hatten.

[Wappen Ekuadors]

Die Eisenbahnfahrt von Quito über Riobamba nach Guayaquil soll eine der schönsten Zugstrecken Lateinamerikas sein, und dort in der Bucht - wenngleich nicht am Nord-, sondern am Südende - sind doch vor knapp viereinhalb Jahrhunderten die ersten spanischen Konquistadoren gelandet, das sollte man sich nicht entgehen lassen. Aber es hat nicht sollen sein - wie andere Straßen und Eisenbahnlinien sind auch diese den Naturgewalten zum Opfer gefallen, und bevor nicht irgendwelche Amerikaner oder Europäer kommen, die sie wieder aufbauen... Aber Tarzan ist immer geneigt, so etwas als Wink des Schicksals mit dem Zaunpfahl anzusehen, und eine andere Strecke auszuprobieren: Sind die allerersten Spanier nicht eigentlich viel weiter nördlich gelandet, an der Smaragdküste, wo heute Esmeraldas liegt, am gleichnamigen Fluß? "Bist Du verrückt?" fragt Lulatsch, als Tarzan ihn mitten beim Kirchen-Fotografieren mit dem Vorschlag überrascht, von Quito nach Esmeraldas zu fahren, die Küste entlang nach San Lorenzo zu schippern und von dort mit der einzigen zur Zeit noch operierenden Bahn nach Ibarra zu fahren, "da fahre ich lieber nach Baños und kuriere die Ungezieferbisse von diesem Wanzenhotel aus!"

[Die Touristenroute über Santo Domingo de los Colorados]

Gesagt, getan, Tarzan wagt sich also alleine in die Höhle des Löwen, pardon des Jaguars, und um es vorweg zu nehmen: Danach hat er die Nase von Südamerika gestrichen voll, es wird der schlimmste Trip seines Lebens - bis heute; und das schließt den Dschungel Hinterindiens und gewisse Teile Afrikas ein. [Nachdem er die Reisen durch letztere seinen Lesern vorenthalten hat und auch weiter vorzuenthalten gedenkt, will er wenigstens diesen Kurzbericht "nachschieben" - er fehlte in der ursprünglichen Version dieser Seite.] Es beginnt damit, daß zwar auf der Karte eine Straße eingezeichnet ist (er wählt bewußt nicht die südliche Route über den Touristen-Nepp-Ort Santo Domingo de los Colorados, wo man "echte Indio-Handarbeiten" made in Hongkong kaufen kann, sondern die nördliche über San Miguel de los Bancos und Pedro Vicente de Maldonado), aber in der Realität ist davon bald nichts (mehr?) zu sehen: Die Fahrt zur Küste geht über weite Strecken querfeldein, und auch nicht in einem echten Bus, sondern auf einer "chiva", d.h. einem zum Personentransporter umgebauten Lastwagen, auf dessen Ladefläche man provisorisch zwei lange Sitzgelegenheiten ("Bänke" wäre zuviel gesagt) aus rohen Holzbrettern genagelt hat - andere öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht, jedenfalls kommt ihnen auf der ganzen Fahrt nichts anders entgegen als immer wieder dieser Typ. Und das Publikum wird von Milchkanne zu Milchkanne schlimmer. "Milchkanne" ist der falsche Ausdruck - aber Dikigoros will im Rückblick das Wort "Niggerkraal" vermeiden, obwohl es zuträfe -, Siedlungen, in denen die Eingeborenen (auch das ist eigentlich der falsche Ausdruck, denn es handelt sich ja um Eingeführte, um Zwangseingewanderte aus Afrika bzw. um ihre Nachkommen) vor sich hin vegetieren - niemand sieht aus, als ob er eine Straße oder auch nur einen Feldweg bauen könnte, oder ordentliche Hütten, geschweige denn Häuser.

[Negerhütte auf dem Weg nach Esmeraldas]

Wovon leben die Menschen hier bloß? fragt sich Tarzan, aber er zerbricht sich vergeblich den Kopf, er kommt nicht drauf. Ist auch nicht so wichtig; viel wichtiger ist, wie es von Esmeraldas aus weiter gehen soll, wo sie irgendwann in der Dämmerung ankommen - gründlich durch geschüttelt, aber nicht gerührt. Er muß daran denken, wie die ersten Spanier, die hier landeten und riesige Smaragde fanden, gar nicht glauben konnten, daß die echt wären, zum Test mit Hämmern auf sie einschlugen und sie so zerstörten. Sonst scheint die Küste nichts herzugeben, außer Fisch; aber obwohl Tarzan sonst ein großer Fischfreund ist, ißt er nichts von dem, was da auf den Straßenständen vor sich hin bruzzelt - es sieht gar zu eklig aus, und ein paar Tage kann er sich schon mal von Bananen und desinfiziertem Wasser ernähren, es wäre nicht das erste Mal auf dieser Reise. Mühsam findet er Unterkunft in einer Art Schuppen - "Hotel" kann man das eigentlich nicht nennen, auch wenn es irgend ein Spaßvogel drauf gepinselt hat; schlafen kann er kaum vor Ungeziefer, umso früher ist er am nächsten Morgen wieder auf den Beinen - das ist auch nötig, denn nun gilt es, eine Wasserverbindung nach Norden ausfindig zu machen, und da gibt es noch weniger als in Sachen Bus von Quito, nämlich gar nichts!

[Esmeraldas, Straße] [Esmeraldas, Strand]

Nach langem Hin- und Hergefrage stößt er auf einen Mestizen, der ein kleines Boot mit Außenbordmotor hat und just an diesem Tag nach San Lorenzo fahren will - oder auch etwas weiter; jedenfalls kann er Tarzan mitnehmen, wenn es dem nichts ausmacht, daß er zwischendurch noch ein knappes Dutzend kleinerer Punkte ("Puntas") anläuft, ihm beim Wasserlenzen und Tanken zwischendurch (das Benzin reicht nicht für die ganze Strecke) helfen muß, und auf eigene Gefahr: Ein Gewehr (wenn man diesen altertümlichen Schießprügel denn so nennen darf) hat er zwar dabei; aber er kann nicht garantieren, daß das wirklich alle Neger, die da herum kreuzen, davon abhält, sie zu überfallen - schließlich hat er Waren dabei, wenngleich nur von relativ geringem Wert. (Er beliefert offenbar die am Wasser gelegenen Milchkannen der Umgebung mit Verpflegung und anderen Artikeln des täglichen oder wöchentlichen Bedarfs.) Was bleibt Tarzan übrig? Melone hätte sich nie im Leben diesem "zwielichtigen Mestizen" und seinem noch zwielichtigeren Boot anvertraut - eher hätte er einen der am "Hafen" herum lungernden Neger angesprochen, ob der ihn nicht im Ruderboot... oder er wäre wieder mit dem Lastwagen zurück nach Quito gefahren - aber das ginge Tarzan gegen den Strich. Nein, liebe Leser, es ist gar nicht romantisch, durch die Mangroven-Sümpfe zu tuckern, immer mit dem Gedanken daran, ob das Bötchen wohl bald seinen Geist aufgibt oder was sonst so passieren könnte! Gibt es hier keine Krokodile? (Dikigoros erinnert sich dunkel, in einem dicken Buch mit dem Titel "Geschichte der frühen Kulturen der Welt" gelesen zu haben, daß auf La Tolita, einem der küstennahen Inselchen, die sie gerade passiert haben, die ältesten überreste präkolumbianischer Kultur in Ecuador gefunden wurden: Tonfiguren, die als Grabbeigaben dienten, und einige sollen Krokodile dargestellt haben.) Für die wären sie sicher eine willkommene Bereicherung ihres Speisezettels... Klitschnaß - außen von Wasser, innen von Angstschweiß - kommen sie abends in San Lorenzo an.

[Abenddämmerung vor San Lorenzo]

Der "Bahnhof" hat schon geschlossen, und von einem Zug, der früh am nächsten Morgen abfahren soll, ist auch nichts zu sehen, dafür gibt es schon jede Menge Interessenten, die auf die wenigen Plätze darin spekulieren und etwas gebildet haben, was man mit Wohlwollen als "Warteschlange" bezeichnen könnte. Tarzan kommt mit einigen von ihnen ins Gespräch - sonst gibt es eh nichts zu tun, und auf ein "Hotel" verzichtet er diese Nacht - und erfährt, daß es sich gar nicht um eine richtige Eisenbahn handelt, sondern um einen "autoferro", einen ausrangierten Bus, den man "umgebaut" hat, d.h. anstelle der Räder hat er jetzt Vorrichtungen, mit denen er mehr schlecht als recht auf Gleisen fahren kann. 48 Plätze hat er, doppelt so viele Billets werden maximal verkauft. Wem es innen zu eng ist, der kann es ja mal auf den Trittbrettern oder auf dem Dach versuchen - was allerdings nicht so empfehlenswert sein soll, denn ein nicht unerheblicher Teil der Strecke geht ziemlich steil am Abgrund entlang, und wer 'runter fällt, braucht sich über die Anschluß-Verbindung zur Weiterreise keine Gedanken mehr zu machen...

[Autoferro]

Wie dem auch sei, am nächsten Morgen bekommt Tarzan Dank seiner bewährten Ellbogen einen Sitzplatz im Inneren ab, und irgendwie überlebt er auch die Fahrt - die wahrscheinlich objektiv weniger gefährlich ist als sie ihm subjektiv vorkommt, jedenfalls müssen sie nicht irgendwann in der Nacht aussteigen und den Bus am Abgrund entlang durch die Anden schieben, wie ein paar Wochen zuvor auf ihrer Fahrt von Huancayo nach Ayacucho, und Ibarra (von dem er damals noch nicht weiß, nach wem es benannt ist, da er das Buch "20mal Lateinamerika" von Marcel Niedergang wenige Seiten, bevor der erwähnt wurde, zugeklappt hat - es gab noch so viel andere wichtige Lektüre zur Reisevorbereitung :-) ist objektiv wohl nicht halb so schlimm wie letzteres.

[Ibarra - Bahnhof]

[Heute, liebe Leser, gibt es neben der alten Eisenbahnlinie eine von westlichen Ingenieuren gebaute - und von westlicher Entwicklungshilfe finanzierte - moderne Autobahn, auf der auch echte Busse verkehren; und auch ein Teil der Eisenbahnstrecke von Riobamba nach Guayaquil ist - auf gleiche Art und Weise - wieder instand gesetzt worden, dient jetzt allerdings vornehmlich dem Fremdenverkehr, ähnliche wie in México die Strecke durch den Canyón de Cobre. Jedenfalls kann man sich nun den Ausflug an die Smaragdküste sparen und statt dessen die wohlhabende Hafen-(und heimliche Haupt-)stadt im Süden besuchen. Aber so bringt man sich um einen Blick auf das wahre Ecuador; denn das besteht eben nicht nur aus den schönen alten Kolonialkirchen - die gewiß zu den beeindruckendsten der Welt zählen - und den schneebedeckten Vulkanen und den reich sprudelnden Öquellen im "Oriente". A propos: Entlang der Trasse, auf der Dikigoros einst nach Esmeraldas fuhr, verläuft jetzt eine Öl-Pipeline, und bald sollen weitere folgen, obwohl sie praktisch nicht geschützt werden können gegen kriminelle Eingeborene, die sie - ähnlich wie in Nigeria - beschädigen, um ein paar Liter für sich selber abzuzweigen, und dafür in Kauf nehmen, daß hunderttausende Liter auslaufen und die Umwelt zerstören (den Rekord hält - bisher - ein Anschlag im Oktober 2004, bei dem fast 1 Mio Ltr ausliefen); hinterher beklagen sie dann eben diese Umweltzerstörung und lasten sie den bösen, ausländischen Gringos an, die sich an ihnen bereichern. Daran ist soviel richtig, daß vom Ölgeschäft nicht die Menschen reich werden, die im "Oriente" leben. Die übrigen Ecuadoreaner auch nicht; den meisten geht es heute noch schlechter als damals, wenngleich der Luxus-Tourismus - u.a. zu den Galapagos-Inseln, zu denen "man" bevorzugt über Ecuador anreist, selbst wenn man von Biologie überhaupt nichts versteht und Darwin nur vom Hörensagen kennt - das immer besser zu übertünchen versteht (zumal in den Augen der Pauschal-Touristen, der Entwicklungshilfe-Bonzen und anderer Politiker, die für solche Dinge blind sind). Auch die Sache mit La Tolita ist überholt: Kurz vor Tarzan war auch ein gewisser Peter Baumann an der Küste Ecuadors und hat dort - bei Valdivia - eine Kultur ausgebuddelt, die er für die älteste Lateinamerikas hält und deren Anfänge er bis weit ins 6. Jahrtausend v.C. zurück datiert, also lange vor denen in Méxiko und Perú - aber das Buch, das er darüber schreibt, erscheint erst nach Tarzans Rückkehr, ebenso das eines tschechischen Hardcore-travellers, der ein paar Monate durch Perú und Ecuador gereist ist und sich dabei vorzugsweise von selbst erlegten jungen Kaimanen ernährt haben will - die armen Reptilien haben also mehr Grund zur Furcht, von Menschen gefressen zu werden als umgekehrt. Und noch etwas später ist ein Ethnolinker aus Hamburg (der seinen Bericht "Pöseldorf - Peru - Pöseldorf" nennen wollte, aber unter dem Titel wollte ihn kein Verlag haben :-) an die Küste Perús gereist - nach Pisco, auf der vergeblichen Suche nach einer besseren Qualität des gleichnamigen Schnapses -, und ist dort auf das gleiche Fänomen gestoßen wie Tarzan an den Küsten Venezuelas, Kolumbiens, Brasiliens und Ecuadors: die Bevölkerung ist schwarz! So scheint allmählich der ganze Kontinent - bis auf einen kleinen Rest im Süden - nicht nur den Weißen verloren zu gehen, sondern auch den Roten, obwohl es eine Zeit lang so aussah, als könnten die letzteren ihn für sich zurück gewinnen. Und dann war es tatsächlich, wie mal ein ansonsten ziemlich blauäugiger Fernseh-Journalist formuliert hat, "ein verlorenes Zeitalter". Aber vielleicht sieht Dikigoros als Weißer das ja zu eng; Simón Bolívar - ob er nur selber teil-afrikanischer Abstammung war oder nicht - hätte diese Entwicklung bestimmt begrüßt, und vielleicht schließt sich hier ja der Kreis, und vielleicht ist es gut so.]

Aber nach den Wochen und Monate langen Strapazen ist man körperlich und geistig nicht mehr so widerstandsfähig wie am Anfang der Reise, und Tarzan ist einfach bedient, ebenso wie Lulatsch, den er anschließend in Baños abholt (die Insektenbisse sind nicht weg gegangen, aber dafür hat er sich noch eine ordentliche Erkältung eingefangen) - die beiden sind sich einig: Nie wieder Ecuador!

* * * * *

Tarzan hat auf dieser Rundfahrt gelernt, daß die Methode, nach der die meisten Touristen in der Welt herum reisen - einschließlich der so genannten "Individual-Reisenden", die glauben, es besser zu machen, wie bisher auch er selber - die falsche ist, jedenfalls wenn man Land und Leute richtig kennen lernen will: Das tut man weder in den Hauptstädten und ihren Museen noch in krampfhaft erhaltenen - oder gar künstlich hergerichteten - "Folklore"-Dörfern und sonstigen "Sehenswürdigkeiten", wo man hauptsächlich andere Touristen trifft (das kann zwar auch interessant sein, aber um eigene Landsleute kennen zu lernen, geht man ja nicht auf Reisen), sondern in kleinen und mittleren Orten, wie Arequipa, Cuenca, Curitiba, Cochabamba oder Mendoza. [Dikigoros zählt sie alfabetisch auf, damit seine Leser nicht etwa glauben, er wollte hier den Reiseführer spielen und Bewertungen abgeben. Die einzige Empfehlung, die er an dieser Stelle geben will, lautet: Meidet die modernen Verkehrsmittel, vor allem Flugzeuge. Fahrt nicht bloß den "Pan-American-Highway" oder die modernen Autobahnen Nordbrasiliens und Südchiles entlang, sondern versucht, wo immer das noch möglich ist, die Eisenbahn zu nutzen, auch wenn das anstrengender, langsamer und womöglich sogar teurer ist als der klimatisierte Bus. Ihr könnt z.B. - mit kurzen Unterbrechungen - von La Paz bis Rio, von Rio bis Montevideo, von Buenos Aires bis Bariloche, von Puerto Montt bis Arica und von dort bis nach La Paz Eisenbahn fahren - oder von La Paz quer durch die Pampas nach Buenos Aires und zurück. Und fallt nicht auf die Inseln herein, die bloß vom Touristen-Nepp leben, von den kleinsten Exemplaren auf dem Titicaca-See bis zur Isla Margarita, von den Galapagos- bis zu den Osterinseln.]

[Pattaya, Skulptur im Jomtien]

Tarzan hat sich auf dieser Reise auch ein Gutteil seiner Welt-Anschauung gebildet; er verachtet fortan Leute, die sich ihre Welt-Anschauung bilden, ohne die Welt angeschaut zu haben, zuhause, aus dem Fernseher oder aus der Zeitung, und deshalb nur eine Seite sehen - denn, nicht wahr, wer mehrere Seiten anzuschauen wagt, ist doch ein Götzendiener, wie man oben sieht. Doch die Wahrheit hat immer mehr als nur eine Seite - und die Unwahrheit auch: Tarzan fuchsen nicht nur die "Ethno-Linken", die alles gut finden, wenn es nur von den Eingeborenen kommt, sondern auch die Leute, die immer noch glauben, nur am deutschen Wesen könne die Welt genesen. Er hat durchaus mitbekommen, daß zum Beispiel in Perú alles, was irgendwie lobenswert ist, aus Asien kommt, von den chinesischen "Chifa"-Restaurants bis zu den (leider viel zu seltenen, aber immer sauberen) koreanischen Hotels. Tarzan verliert Lateinamerika eine Zeit lang aus den Augen und verbringt seine nächsten Urlaubsreisen bevorzugt in Asien, um dazu zu lernen. Er lernt auch dort eine Menge, zum Beispiel, daß Asien nicht gleich Asien ist, noch viel weniger als Südamerika gleich Südamerika ist, daß auch dort nicht alles Gold ist, was glänzt, und daß man auch dort trefflich darüber streiten kann, ob die Begegnung Europas und Asiens dem einen oder anderen Erdteil mehr Vor- oder Nachteile gebracht hat.

[schöne Fassaden] [Buddhismus auf Siamesisch]

Tarzan läßt sich eine Weile von den schönen Fassaden Thailands, Malaysias und Indonesiens blenden, von denen er sich bald desillusioniert abwendet, entdeckt seine große Liebe zu Indien und Japan und lernt Thailand gründlich verachten, jenen verlogenen Staat, in dem Prostitution offiziell verboten ist, der aber seine (nicht nur weibliche) Jugend an die Hurenböcke aus aller Welt verhökert. An erster Stelle der Berufswünsche von Schul-Abgängerinnen steht längst "Prostituierte in Bangkok oder Pattaya" - es ist der angesehenste Beruf, den eine Thailänderin überhaupt ergreifen kann, da er am schnellsten das meiste Geld einbringt -, und "Porn" (mit all seinen Zusammensetzungen) ist inzwischen zu einem der beliebtesten Mädchen-Vornamen geworden (ebenso wie "Musolini" in Indonesien). Während in anderen Ländern "Nutte" noch als Schimpfwort gilt, ist es in Thailand übelste Nachrede, von einer Frau zu sagen, daß sie Sex ohne Bezahlung mache, noch übler, ihr Sex mit einem Ausländer nachzusagen, und am schwersten wiegt der Satz: "Die macht kostenlos Sex mit einem Ausländer!" Aber ein paar anständige, pardon altmodische junge Mädchen gibt es immer noch - vielleicht sind es schon damals nur noch Ausnahmen, die die Regel bestätigen, aber entgegen anders lautenden Behauptungen kann man damals als Ausländer noch Kontakt zu ihnen bekommen (vorausgesetzt, man benimmt sich selber altmodisch). Eine von ihnen - zugegebenermaßen zu häßlich für den "Traumjob" der Thailänderinnen - öffnet Tarzan die Augen über ihr Land und läßt ihn hinter die Kulissen blicken. "Die Welt ist rund," sagt sie zum Abschied in ihrem gebrochenen Schul-Englisch (nein, sie hat es nicht an der Bar gelernt, sie trägt wirklich Schuluniform), und - wohl wissend, daß Tarzan zum ersten- und letzten Mal nach Thailand gereist ist, nach allem, was er dort gehört, gesehen und erlebt hat - "vielleicht sehen wir uns ja irgendwo anders einmal wieder."

[Thailändisches Wappen ]

Nein, sie sehen sich nicht mehr wieder; aber Tarzan beschäftigt sich auch aus der Ferne weiter mit dem Fänomen Thailand, dem "Land des (falschen) Lächelns" - was nicht so schwierig ist, denn in seinem Bekanntenkreis gibt es genug Leute, die regelmäßig hin fliegen, um amoureuse Abenteuer zu erleben. Viele verteidigen das damit, daß das dort zur "Landeskultur" gehöre: Wenn die Mädchen nicht die gut betuchten europäischen und amerikanischen Freier hätten, dann müßten sie sich thailändischen Freiern hingeben, die sie schlechter behandelten und schlechter bezahlten. Tarzan will das lange nicht glauben - schließlich sind die meisten Thais doch bekennende Buddhisten! Aber dann begreift er allmählich, daß thailändischer "Buddhismus" mit indischem Buddhismus (wie er jedenfalls einmal gewesen sein soll - in seinem Mutterland haben ihn die Muslime ja längst ausgerottet - und wie er ihn auf Ceylon kennen gelernt hat) etwa so viel zu tun hat wie lateinamerikanischer "Katholizismus" mit europäischem. Im Eheleben anderer Kulturen gibt es traditionell zwei Alternativen: Entweder der Mann kauft die Frau (das nennt sich dann "Brautpreis"), oder aber die Schwiegereltern kaufen den Schwiegersohn (das nennt sich dann "Mitgift"); mit beidem ist der Gedanke an - oder wenigstens die Hoffnung auf - Dauerhaftigkeit verbunden. Eine Rückgabe bei Fehlkauf ist zwar theoretisch möglich, aber halt nur in ganz extremen Fällen und in der Praxis äußerst selten (zumal dann auch der Kaufpreis in der Regel zurück gezahlt werden muß). Böse Zungen behaupten, daß in den westlichen Ländern, gewissermaßen als dritte Alternative, die Brautmiete begonnen habe, den Brautkauf zu verdrängen, seit fast überall die Scheidung - auch ohne Angabe von stichhaltigen Gründen - bis zur Beliebigkeit erleichtert worden ist, und daß sich viele westliche Ehefrauen wie Huren verhalten, wenn es um das Einfangen und Abzocken eines oder mehrerer Männer beim Heiraten bzw. bei der Scheidung geht. ("Huren" ist das - ursprünglich, wie heute noch im Niederländischen, ganz neutrale - niederdeutsche Wort für "mieten".) Aber diese Ansicht teilt Tarzan nicht: Jene Entartung liegt nicht in der Kultur begründet, sondern in einer verfehlten (und hoffentlich nur vorübergehenden) Gesetzgebung, von der einige Frauen sich halt haben anstiften lassen.

Doch auf Thailand trifft diese dritte Alternative voll und ganz zu: Die "Landeskultur" macht eigentlich aus jeder Frau eine Hure, denn auch die traditionelle thailändische Ehe ist im Prinzip nichts anderes als eine mittelfristige Miet-Beziehung zwischen Hure und Freier, wie sie auch für das "Milieu" in Thailand so charakteristisch ist (im Gegensatz zum Westen, wo kurzfristige "one-night-stands" üblicher sind oder sogar stundenweise abgerechnet wird). Der Mann kann die Frau jederzeit wieder verlassen, ohne ihr oder ihren Kindern danach in irgend einer Weise materiell verpflichtet zu sein; er kann sich auch eine oder mehrere Nebenfrauen nehmen; deshalb muß jede einzelne, solange das Miet-Verhältnis besteht, versuchen, so viel Hurenlohn wie irgend möglich aus ihrem Ehe-Freier heraus zu holen - vorzugsweise in Form von Bargeld oder wertbeständigem Goldschmuck -, möglichst nach jeder Liebesnacht, wie von jedem anderen Freier in Bangkok oder Pattaya auch. Es ist ein schlechter Scherz, diese traditionelle thailändische Form des Zusammenlebens von Mann und Frau als "buddhistische Ehe" zu bezeichnen, wie es oft geschieht, bloß weil bei der Hochzeitsfeier ein so genannter "buddhistischer Mönch" (was in Thailand jeder sein kann, auch auf Zeit) anwesend ist, fromme Sprüche klopft und den Mitesser und Mittrinker macht. Mit der buddhistischen Ehe-Lehre (wonach der Jüngling enthaltsam lebt, der erwachsene Mann brav und monogam für Frau und Kinder sorgt und der Greis sich nicht irgendwelchen jüngeren Nebenfrauen widmet, sondern den Studien der heiligen Schriften, womöglich als Einsiedler in irgend einem Kloster) hat das alles überhaupt nichts zu tun.

Das, liebe Leser, sind also die beiden gleichermaßen häßlichen Seiten der selben Medaille "Ehe-Scheidung und ihre Folgen"; und Dikigoros fragt sich, warum die Gesetzgeber immer von einem Extrem ins andere fallen müssen und offenbar nicht in der Lage sind, einen vernünfigen Mittelweg zu finden, wie er ihn vorschlagen würde: Der Mann müßte so viel bezahlen und die Frau so wenig bekommen, daß für beide kein Anreiz besteht, sich willkürlich scheiden zu lassen. Die Differenz sollte auf ein mündelsicheres Sperrkonto für die Ausbildung der Kinder kommen, damit die später nicht dem Sozialamt, d.h. der Allgemeinheit der Steuerzahler, zur Last fallen. Und wenn keine Kinder vorhanden sind, sollte die Differenz zur Rückzahlung des ungerechtfertigten Zugewinns an das Finanzamt verwendet werden, den das kinderlose Ehepaar aus dem Steuerklassen-Splitting erzielt hat.


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