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HUNDÄ WOLD IER EVIK LEHSN?
"non vitae, sed scholae discimus"
von BOLOGNA nach PISA

"Gelehrte zu dirigieren ist nicht viel besser, als
eine Komödiantentruppe unter sich zu haben."
"Hurra, wir verblöden!"
"Entre avogados te veas!"

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Nein, liebe Leser, Dikigoros sind in der ersten Zeile der Überschrift nicht nur Schreibfehler unterlaufen; zumindest der vorletzte Konsonant (für alle Gesamtschul-Absolventen, die nicht wissen, was das ist: er meint das "s" :-) ist absichtlich so geschrieben. Und Dikigoros hat sich auch in der zweiten Zeile nicht geirrt. (Zur dritten Zeile: In Bologna wurde die erste europäische Universität gegründet, über Pisa decken wir vorerst den barmherzigen Mantel des Schweigens; die vierte und fünfte Zeile stammen von Wilhelm v. Humboldt, die sechste hat Dikigoros kürzlich auf der Banderole einer Schüler-Demo gesehen, und die siebte ist ein spanisches Sprich- oder Schimpfwort.) Vielmehr irrt der Volksmund, wenn er diesen schönen Spruch umdreht: "Nicht fürs Leben, sondern für die Schule lernen wir." Dikigoros' Frau ist Lehrerin, er muß es also wissen; und wer es immer noch nicht glaubt, kann es selber nachlesen bei Seneca (Epistulae 106, 12). Das war übrigens damals völlig herrschende Meinung; auch Aristotéles schrieb, daß es sich für freie Menschen nicht zieme, immer nur nach dem "Nützlichen" zu fragen. [Der geneigte Leser weiß es hoffentlich zu schätzen, daß Dikigoros griechische Namen und Bezeichnungen, die hier noch öfters vorkommen werden, mit den im Original obligatorischen Betonungszeichen schreibt; er hält das für umso angezeigter, als die meisten Deutschen diese Wörter falsch zu betonen pflegen - im Gegensatz z.B. zu den Engländern, über deren lateinische und griechische Aussprache sie sich so gerne lustig machen; dabei betonen die Engländer ihren "Hómer" richtig!] Zu seiner Zeit konnten sich freilich nur wenige den Luxus leisten, nicht-utilitaristisch zu denken und einfach so zum Selbstzweck daher zu lernen; denn als "Freie" galten damals, in den griechischen Sklavenhalter-Gesellschaften (die man uns heute aus unerfindlichen Gründen als Urbild unserer "Demokratie" verkauft) mal gerade 5% der Einwohner, die erwachsenen Männer des Adels (nein, nicht die waffenfähigen; in den Krieg ziehen durfte/mußte man ab 15; das Wahlrecht bekam man erst mit 30), nicht dagegen die unterworfenen Eingeborenen, die zugereisten Gastarbeiter oder die erbeuteten Sklaven - Hé[i]loten, Períöken, Métöken oder wie sie sonst noch hießen -, ebensowenig Frauen und Kinder (die gehörten ihren Familien-Oberhäuptern), von den ausländischen "Bárbaren" (das waren die, die nicht fließend Griechisch sprachen) ganz zu schweigen. Die Herren Geschichts-Professoren nennen zwar andere Zahlen (sie sprechen und betonen die Namen und Begriffe ja auch anders, nämlich falsch), von 10% bis zu fantastischen 60% der Bevölkerung; aber Dikigoros erlaubt sich, die Theten abzuziehen, die vierte Kaste (das waren die, die von ihrer Hände Arbeit lebten - was den ersten drei Kasten verboten war - und zwar als Troßknecht mit in den Krieg zogen, aber nur das aktive, nicht auch das passive Wahlrecht hatten; d.h. sie durften zwar bestimmen, wer die Staats-Knete bekam, konnten aber selber nie in deren Genuß kommen, ähnlich wie heute das einfache Wahlvieh, das keiner politischen Partei angehört, sondern nur brav sein Kreuzchen machen und in den Krieg ziehen darf), und dann bleiben halt nur noch 5%.

Zurück zum Thema: Auch die Lehrer waren damals im allgemeinen Sklaven - was nicht viel besagt; Lehrer-Sklave in einem ordentlichen Haushalt zu sein war fast wie heute Abteilungsleiter Fortbildung in einem mittelständischen Familien-Unternehmen, also durchaus nicht der schlechteste Beruf; dem "freien" Mann blieb dagegen oft nur der Heldentod in der Schlacht und die Beerdigung unter einem schönen Grabstein oder das rühmliche, aber wenig angenehme Leben als kriegsversehrter Krüppel hinter dem Ofen. Jawohl, Haus-Lehrer, denn seriöser Unterricht wurde zuhause abgehalten; das "Gymnasion" war ein Ort, an dem sich junge Schwule nackt ("gymnós" ist das griechische Wort für "nackt") im Ringelreien übten - heute würde man es vielleicht "Turnhalle" oder "Tuntenhalle" nennen. In den "Akademien" hielten irgendwelche Dummschwätzer Maulaffen feil, die sich selber "Filósofen" nannten, "Freunde der Weisheit".

Exkurs. Das Wort "Weisheit" ist nur im Deutschen mit "Wissen" verwandt, nicht im Griechischen, wo es übrigens mit "f" geschrieben wurde und wird, nicht mit "ph", wie es im 16. Jahrhundert der Luther-Freund und Aristotéles-Leser Schwarzerd alias Melanchthon auf Anraten seines Lehrers Reuchlin in Deutschland einführte, wo er als erster seinen Vornamen mit lateinischen Lettern "Philipp" statt "Felipe" schrieb. Er wußte es freilich nicht besser, denn er war nur ein dummer Junge, den seine Eltern mit 12 auf die Uni schickten, ihm mit 14 Jahren das Abitur ["Baccalaureat"] kauften - das damals erst an der Uni erworben wurde -, mit 17 den Magister-Grad und mit 21 eine Professur. Er bezeichnete sich selber als den "ersten Lehrer [praeceptor] Deutschlands" und war für die Protestanten, die sich auf Luther beriefen, das, was für die Christen, die sich auf Jesus von Nazareth beriefen, Paulus war. Ja, die so genannten "Humanisten" war schon ein komisches Völkchen, das sich vor allem durch seine Ignoranz und Besserwisserei auszeichnete und damit die "Gelehrten" in den Ruf einer "Komödiantentruppe" brachten. Der Dritte - und heute wohl bekannteste - im Bunde war die Witzfigur Erasmus von Rotterdam, von Beruf Hofnarr beim König von Spanien, der u.a. das Buch "Lob der Torheit" schrieb. Schaut Euch mal unten das einzige authentische Portrait dieser Schnapsnase an, liebe Leser, dann ahnt Ihr, wie viele Flaschen geistiger Getränke der schon geleert haben mußte, und Ihr wißt genug über die geistreichen Geleerten, pardon "Gelehrten" von damals - denn er galt und gilt als ihr größter. Exkurs Ende.

[Reuchlin] [Melanchthon] [Erasmus]
"Humanisten" von links nach rechts: Reuchlin - Melanchthon alias Schwarzerd - Erasmus

Wenn man die alten Griechen gefragt hätte, was sie von der Welt wußten, dann wären sie wohl über den Ólymp und den Hádes - also einen Berg und eine Felsspalte in Griechenland - nicht allzu weit hinaus gekommen. Erst später erfuhren sie - oft schmerzlich -, daß es noch andere Länder auf der Welt gab: Im Osten (von dem sie nur die kleinasiatische Küste und das eher sagenhafte Troja kannten - Konstantinopel-Byzanz-Istanbul sollte erst viel später gegründet werden) Persien, im Norden Makedoníen, im Westen Rom (ja, in Sizilien und Apulien waren sie schon mal gewesen, aber weiter nördlich hatten sie es versäumt, eigene Kolonien einzurichten) und im Süden Libyen (das stand für Afrika, denn mehr als dessen nördlicher Rand war damals nicht bekannt). Da lag es nahe, sich auch etwas praktisches Wissen über fremde Länder anzueignen, über ihre Sprachen, über ihre technischen und sonstigen Kenntnisse, mit denen sie die Griechen bald überflügeln und für rund zwei der rund zweieinhalb Jahrtausende ihrer überlieferten Geschichte zur Kolonie machen sollten. Aber dann wäre es ja nicht so gekommen, wie es schließlich kam. Die Römer machten diesen Fehler nicht, deshalb beherrschten sie Jahrhunderte lang die Welt - oder jedenfalls das, was sie dafür hielten, nämlich Süd- und Westeuropa. Sie beherrschten sie vor allem durch ihre Sprache, das Lateinische, in der das Recht gesprochen, die Verwaltung geführt, das Heer kommandiert, Forschung und Wissenschaft betrieben wurden. (Nein, nicht die "schönen", d.h. unnützen Künste; dafür lernten sie - bei ihren griechischen Hauslehrer-Sklaven - Griechisch!) Das war auch dann noch so, als die Heere des Imperium Romanum längst von Germanen und anderen fremden Völkern geführt wurden und als diese sich schließlich zu Herrschern aufschwangen.

[Schola]

Im "düsteren" Mittelalter - von dem wir eigentlich gar nicht wissen, ob es wirklich so "düster" war (aber gerade weil wir darüber so wenig wissen, glauben wir, von uns auf die Menschen damals Rückschlüsse ziehen und sie "düster" nennen zu dürfen) - gab es dann kaum noch "Schulen" in unserem Sinne, in denen das sprichwörtliche "Schulwissen" gebüffelt wurde. Überhaupt stand Bildung damals nicht sonderlich hoch im Kurs - man sollte nicht wissen, sondern glauben. Dazu brauchte man weder lesen noch schreiben zu können. Karl der Große war Analfabet, die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger auch - sie hatten wohl andere, wichtigere Fähigkeiten. Lesen und Schreiben war ein kostspieliges Hobby, das sich längst nicht jeder leisten konnte: Papier gab es noch nicht (jedenfalls nicht in Europa), und Pergament war teuer, denn es wurde aus Tierfellen hergestellt (die man sonst lieber zu Kleidung und Schuhen verarbeitete), man mußte sich also kurz fassen. (Damals entstand der ursprünglich auf zu lang geratene Ausführungen gemünzte Spruch: "Das geht auf keine Kuhhaut.") Und wer konnte es sich schon leisten, viele Jahre seines Lebens damit zu verplempern, das zu erlernen? Und wo? Nun, das überließ man den Pfaffen und Mönchen, die ihre "Schulen" (das kommt vom lateinischen "schola") betrieben und ihr Monopol weidlich ausnutzten, so daß der Spruch vom Auf-keine-Kuhhaut-gehen bald einen neuen, übertragenen Sinn bekam: den des Fälschens oder Lügens.

Halt. In dem Punkt sind sich Juristen und Historiker ausnahmsweise einmal einig, und das ist verdächtig. Die Historiker sagen: 90% all dessen, was damals geschrieben wurde - Urkunden, Chroniken usw. - ist gefälscht, denn mit modernen Untersuchungsmethoden hat man festgestellt, daß z.B. Schriftstücke, die angeblich aus der Zeit Karls des Großen oder anderer berühmter Gestalten stammen sollen, auf Pergament stehen, das rund 300 Jahre später hergestellt wurde. "Fälschungen" nennt das der Historiker, denn es können ja keine Originale sein. "Fälschungen" nennt es auch der Jurist, denn sie sollten ja zu Beweiszwecken dienen und jemand anderen täuschen, z.B. darüber, daß einem Kloster unter einem bestimmten Datum - und das kann ja nicht richtig sein - ein bestimmter Acker geschenkt wurde (oder dem Papst der Kirchenstaat, aber das ist eine andere Geschichte). Wenn aber die Materialuntersuchung ergibt, daß eine klösterliche Chronik wirklich zur Zeit Karls des Großen geschrieben wurde, zum Beispiel über seine Reise nach Konstantinopel auf dem fliegenden Teppich, oder über den Heldentod seiner tapferen Paladine bei Roncesvalles gegen die Sarazenen? "Alles echt," sagt der Historiker, "eine wertvolle zeitgenössische Quelle" - obwohl wir heute wissen, daß bei Roncesvalles nie ein Sarazene gekämpft hat (höchstens ein paar baskische Wegelagerer - aber das ist eine andere Geschichte), und daß Karl der Große nie nach Konstantinopel gereist ist - geschweige denn auf einem fliegenden Teppich. "Egal," sagt der Historiker, "der Chronist hat das damals halt aus seinem Blickwinkel so gesehen; vielleicht nannte er die Basken ja Sarazenen, und das mit dem fliegenden Teppich meinte er sicher nur im übertragenen Sinne." - "Schriftliche Lügen sind nicht strafbar," sagt der Jurist, "Freispruch." Aber wenn womöglich alles ganz anders war? Wenn die "bösen Fälscher" bloß echte alte Urkunden, in der die Wahrheit und nichts als die Wahrheit stand, die aber allmählich brüchig wurden und so bald zu Beweiszwecken nicht mehr dienen konnten, wortwörtlich abschrieben (Kopiergeräte gab es damals noch nicht), um ihren Inhalt zu bewahren? Kann man da von "Fälschungen" sprechen? Und welches der beiden Schriftstücke - die "echte" Lüge in der zeitgenössischen Chronik oder die "gefälschte" Wahrheit auf der kopierten Urkunde - hat wohl einen höheren Beweiswert? Nun, es gibt Zyniker, die antworten, darauf komme es gar nicht an, weil die meisten mittelalterlichen Schriftstücke sowohl erlogen als auch gefälscht waren. Dikigoros will sich darüber kein Urteil anmaßen; er wollte die Frage nur mal gestellt haben und überläßt es dem geneigten Leser, sich selber eine Meinung zu bilden.

[Studenten]

Zurück zum Lesen-und-Schreiben-Lernen im Mittelalter. Nur eine kleine Minderheit der Menschen ging damals zur Schule oder zur "Universität". (Auch diese "Hoch"-Schulen wurden damals überwiegend vom Klerus beherrscht, einziges Studienfach war lange Zeit die Theologie, mit den Nebenfächern Kirchenrecht und Rhetorik, also der Lehre vom Predigen.) Bis zum 18. Jahrhundert änderte sich daran praktisch nichts. Halt. Da sieht Dikigoros vor seinem geistigen Auge doch schon wieder einige Leser die Stirn runzeln: War da nicht Gutenberg, der den Buchdruck erfand, und war da nicht Luther, der die Bibel ins Deutsche übersetzte, damit auch alle Leute aus dem Volk sie lesen konnten, und entstand daraus nicht die Reformation? Ach, liebe Leser, das ist so ein schöner Mythos, genauer gesagt sind es gleich mehrere: Gewiß, Hans Gänsefleisch - der das Pseudónym "Johannes Gutenberg" benutzte, weil er meinte, daß das irgendwie besser klinge - erfand zwar Mitte des 15. Jahrhunderts eine Vorrichtung, mit der man mühsam Bücher drucken konnte (inzwischen gab es Papier), aber für die Massenproduktion dicker Wälzer war die noch lange nicht geeignet. Tatsächlich wurde erstmal nur ein Buch gedruckt, das Buch der Bücher, das (auf Griechisch) auch so (ähnlich) hieß: die Bibel. Davon druckte Gutenberg mal gerade 100 Stück (manche Historiker meinen auch, bis zu 200; erhalten sind aber nur ca. 40), dann machte er schon Pleite. (Ja, liebe Leser, es gab bald darauf auch ein paar so genannte "Volksbücher"; aber vergeßt die schönen, schmucken Ausgaben von heute, in denen sie neu aufgelegt sind. Wenn Ihr Euch in irgendeiner wissenschaftlichen Bibliothek mal die Originale besorgt, werdet Ihr feststellen, daß die Wirklichkeit damals ganz anders aussah: Da waren es nur ein paar primitive Kurzfassungen alter Sagen auf wenigen Seiten: Im Nürnberger Erstdruck von Hergotin anno 1530 umfaßte zum Beispiel "Das Lied von dem edlen Tannhäuser" gerade mal fünf, "Das Lied von dem alten Hildebrand" immerhin sechs Seiten, jeweils à 22 Zeilen; die längeren Fassungen sind alle viel jüngeren Datums.)

Und daß Luther die Bibel (besser gesagt das, was der bereits erwähnte Erasmus von Rotterdam daraus gemacht hatte, denn dessen Ausgabe legte der Reformator zugrunde) ins Deutsche übersetzt hat, stimmt zwar - aber das hatten andere vor ihm auch schon getan (nicht so gut, deshalb hat sich seine Übersetzung durchgesetzt). Außerdem bedeutete das noch lange nicht, daß sie nun auch jeder Volksgenosse hätte lesen können - im Gegenteil: Wer überhaupt lesen konnte, hatte das auf einer Latein-Schule gelernt; wenn er die Bibel auf Deutsch lesen konnte, hätte er sie also im Zweifel auch auf Lateinisch oder Griechisch lesen können. Der Witz war, daß man sie nun auch solchen Leuten, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren, wie Frauen und Kindern, auf Deutsch vor-lesen konnte, und damit wurde es spannend. Der katholischen Kirche gefiel es nämlich gar nicht, daß sich jedes Schäfchen persönlich eine Meinung (oder gar einen Glauben) aus der Lektüre dieses Buches bilden konnte. (Es gefällt ihr bis heute nicht. Dikigoros, der noch auf eine streng katholische Volksschule gegangen ist, hat dort nie eine Bibel zu lesen bekommen - die bekam er von seiner evangelischen Großmutter.) Vielleicht hatte sie Recht, denn was nun kam, war erschreckend: Da kamen Leute mit der Bibel in der Hand daher, die das Volk der Analfabeten aufhetzten mit Behauptungen - welche die meisten nicht nachprüfen konnten - dieses und jenes stünde in der Bibel, zum Beispiel daß alle Menschen gleich seien und daß man die Obrigkeit stürzen müsse, da sie nicht von Gott gewollt sei usw. Furchtbare Kriege entstanden daraus, Jahrhunderte lang, zwischen Katholiken, Protestanten, Lutheranern, Reformierten, Hugenotten, Anglikanern und wie sie alle hießen. (Vielleicht haben auch die Japaner Recht, die bis heute sagen: Wir wollen unsere schöne, komplizierte Schrift behalten, die nur die Tüchtigsten und Fleißigsten vollständig erlernen können, damit nicht jeder Dummkopf und Faulpelz sich anmaßt, über alles und jedes mitzulesen und mitzureden - aber das ist eine andere Geschichte.)

[Lutherbibel 1541] [Lutherbibel 1548]

Darf Dikigoros nach diesem unerfreulichen Exkurs wieder auf das 18. Jahrhundert zurück kommen? Nicht, daß dort alles so viel erfreulicher gewesen wäre. Auch da gab es Kriege, auch wenn sie nicht mehr "Glaubenskriege" hießen. (Irgend einen Vorwand, um einander umzubringen, finden die Menschen halt immer, das muß in ihrer Natur liegen.) Und wenn sie vorbei waren, gab es nicht nur jede Menge Leichen, sondern auch jede Menge Krüppel und sonstige Leute, die zu keinem ordentlichen Beruf mehr taugten. (Außer Bettler; aber damals begann sich die herzlose Auffassung durchzusetzen, daß das kein "ordentlicher" Beruf mehr sei; dabei hatte es früher sogar regelrechte Gilden für diese edle Zunft gegeben, wie heute noch in Indien - aber auch das ist eine andere Geschichte.) Wohin also mit diesen überflüssigen Menschen? In Preußen gab es damals einen König, der hieß Friedrich (manche fügen diesem Namen ein "der Große" bei; Dikigoros - der zwei Köpfe größer ist als der nur 1,56 m kleine Monarch - findet das ziemlich lächerlich). Im Volksmund hieß er später auch "der alte Fritz". In jungen Jahren hatte er ziemlich viele Kriege geführt - und aus einem derselben stammt (von Dikigoros leicht abgewandelt) auch die Überschrift dieses Berichts: Als eine Gruppe seiner gepreßten Soldaten sich nicht mehr in den Tod jagen lassen wollte und den aussichtslosen Angriff auf die feindlichen Linien verweigerte, soll er ihren Wortführer angebrüllt haben: "Ja, Hunde, wollt ihr denn ewig leben?" Dikigoros hat seine Zweifel, ob Friedrich das wirklich so gesagt hat. Erstens aus sprachlichen Gründen: Friedrich sprach kaum Deutsch, denn er war eines der ersten verkorksten Produkte der heute so genannten "multikulturellen Erziehung". Seine Eltern sprachen untereinander nur Französisch (schon sein Vater konnte kaum Deutsch, geschweige denn seine Mutter, die eine Tochter des Königs von England und eine Enkelin der berüchtigten französischen Lebedame Eleonore d'Olbreuse war), und er sollte Zeit seines Lebens das Französische dem Deutschen vorziehen (ein französischer Professor bezog an preußischen Universitäten das doppelte Gehalt wie ein deutscher, allein auf Grund seiner Nationalität), auch dann noch, als er gegen Frankreich im Krieg stand.

Zweitens aus militärischen Gründen - Friedrich war der letzte, der seine Soldaten so hätte anpflaumen dürfen: In seiner ersten Schlacht war er selber aus Feigheit vor dem Feind geflohen (weil er dachte, sie wäre verloren; er hat seinen Feldherren nie verziehen, daß sie die - ohne ihn - doch noch gewannen). Und auch später, als er sich so weit im Griff hatte, daß er sich nicht mehr in die Hosen machte, wenn ihm die Kugeln um die Ohren pfiffen, trug er immer noch ein Döschen mit Gift-Pillen bei sich; am Ende des Siebenjährigen Krieges, den er ebenso verlor wie sein großer Bewunderer knapp 200 Jahre später den Sechsjährigen, hätte er ebenso wie dieser Selbstmord begangen - wenn nicht ein armer Irrer auf dem russischen Thron in letzter Minute einen Verzichtsfrieden mit ihm geschlossen hätte. (Nein, liebe Leser, das schreibt Dikigoros nicht einfach so daher; der damalige russische Zar - er stammte aus Deutschland - war tatsächlich geisteskrank.) Wie dem auch sei, am Ende des Siebenjährigen Krieges gab es ziemlich viele ausgemusterte Krüppel in Preußen (und anderswo in Deutschland, aber wen scherte das schon), da kamen Friedrich zwei Ideen, was man mit denen anfangen könnte. Die erste war ein Flop: Er ernannte 4.000 Invaliden zu "Kaffeeriechern"; die mußten durch die Lande ziehen, genauer gesagt humpeln, und überall herum schnüffeln, ob nicht irgendwer Kaffee trank (das war verboten, denn es kostete wertvolle Devisen, die waren nach dem Krieg besonders knapp - eine Zollerhöhung hatte nichts gebraucht, sondern die Leute nur zum Schmuggel animiert). Was die Leute statt dessen trinken sollten? "Die sollen Bier trinken, das ist eh viel gesünder als Kaffee," ließ Friedrich anordnen. Und so wurden die Preußen zu einem Volk von Biertrinkern - zwar nicht so schlimm wie die Bayern, Belgier oder Iren, aber immerhin. (Nein, liebe Leser, auch das ist kein Witz, diese königliche Order gab es wirklich!) Die armen Kaffee-Schnüffler aber wurden bald so verhaßt, daß sie sich nicht mehr unbewaffnet auf die Straße wagen konnten - die armen Krüppel, die sich diesen Job doch gewiß nicht ausgesucht hatten, wurden von der aufgebrachten Bevölkerung einfach erschlagen wie räudige Hunde.

Für die Überlebenden hatte Friedrich eine neue Idee - und die war genial: Er ernannte die ehemaligen Offiziere zu Richtern und die ehemaligen Unteroffiziere zu Lehrern. Und damit es auch genug Planstellen für letztere gab, führte er die allgemeine Schulpflicht ein, für das ganze Volk, deshalb nannte man sie "Volksschulen". (Er hätte sie selber dringend nötig gehabt, denn er lernte wie gesagt bis an sein Lebensende kein ordentliches Deutsch.) Und die Lehrer wurden folgerichtig nicht besser bezahlt als Unteroffiziere (die sie ja waren); wenn das Gehalt nicht reichte, um sich satt zu essen, durften sie in ihrer Freizeit mit allergnädigster Erlaubnis ihres Monarchen auf dem Schulhof ein paar Kartoffeln anbauen (Friedrich war ein großer Freund dieses gerade aus Amerika nach Europa gekommenen Knollengewächses; nicht umsonst nennt man die Dinger, wenn sie in Streifen geschnetzelt und in Fett gebraten sind, bis heute "Pomm' Fritz" :-), eventuell auch ein paar Hühner oder sogar ein Schwein halten. Die lebten meist mit ihren Haltern zusammen unter einem Dach, denn das "Schulhaus" war in der Regel nicht viel mehr als ein notdürftig überdachter Schweinestall. [Das beschränkte sich freilich nicht auf Preußen; im Japanischen z.B. ist das Zeichen für "Haus" aus den Zeichen für "Dach" und "Schwein" zusammen gesetzt; wenn man dazu noch das Zeichen für "innen" setzt, wird daraus die "Ehefrau", die das Haus - im Gegensatz zum Schwein - nicht verlassen darf; und wenn man zu diesem Schweinestall noch das Zeichen für "Land" setzt - das wiederum aus den Zeichen für "Fußball" und "Spielfeld" besteht -, wird daraus die "Nation". Nein, liebe Leser, das ist kein Witz; aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr.]

Auch als Schneider durften sich die Volksschullehrer nebenbei betätigen, nicht aber als Musikanten, Schnapsbrenner oder Schankwirte - solchen Versuchungen wollte man die Schüler denn doch noch nicht aussetzen. Nun, Dienst hin, Schnaps her, von solchen "Lehrern" war natürlich nicht allzuviel zu erwarten, weder pädagogisch noch fachlich. Das sollte aber auch gar nicht anders sein: Pädagogik wurde so angewandt, wie sie es von der Armee schon gewohnt waren, nämlich mit Zuchtruten und Prügelstrafe; und fachlich durften die Schüler gar nicht mehr lernen. Von Friedrich ist der Spruch überliefert: "Denen Bauernlümmels solln Lesen, Schreiben und Beten lernen, aber nicht zuviel, sonst laufen se am Ende noch in de Stadt und wolln Sekretärs werden oder so'n Zeugs." Diese Hunde sollten also auf keinen Fall "ewig lesen" - insoweit stimmt die Überschrift, und nur die, denn diese Aussage Friedrichs ist im Gegensatz zu dem "ewig leben" auch glaubhaft überliefert. Und die Studenten? Es gab drei Universitäten in Preußen: Halle, Frankfurt/Oder und Königsberg; der Jahresetat für alle drei zusammen betrug sage und schreibe 37.900 Thaler preußisch courant (wohlgemerkt im Frieden - im Krieg war es noch weniger), das sind nach heutiger Kaufkraft ca. 1,1 Mio DM (soviel kostet heutzutage ein einziger besser ausgestatteter Lehrstuhl). Dazu gründete Friedrich noch das erste Lehrerseminar, für Unteroffiziere, die später Volksschullehrer werden sollten, aber selber noch nicht lesen und schreiben konnten. (Dessen Etat war noch bescheidener.) Die Studenten sollten vor allem Saufen, Rauchen und Fechten lernen; natürlich auch etwas Theologie und Juristerei, aber nicht zuviel, sonst liefen sie am Ende noch zum Gericht und wollen Advokaten werden. Denen schrieb Friedrich damals vor, eine schwarze Robe zu tragen, "auff daß man denen Spitzbuben schon von fernen als solchen erkennen könnt". [Dieser Robenzwang wurde in Deutschland erst vor wenigen Jahren, und auch nur für die erste, unterste Instanz an den Amtsgerichten abgeschafft, an denen ohnehin kein Anwaltszwang herrscht - weshalb die Anwälte natürlich erst recht ihre Robe anbehalten, um sich von den Nicht-Anwälten abzuheben.]

Nein, Friedrich mochte die Advokaten nicht (er mochte auch andere Berufsgruppen nicht: Die Architekten waren für ihn allesamt "Idioten oder Betrüger", die Schauspielerinnen "Huren" - womit er weitgehend Recht hatte), denn er war - wie knapp zwei Jahrhunderte später sein großer Bewunderer Adolf - der Auffassung, daß man die bei einer unbestechlichen Justiz und guten Richtern gar nicht bräuchte. (Da hatten die beiden wohl Recht - aber sie kannten die Justiz und die Richter nicht!) Die kosteten doch bloß Zeit und Geld und streuten Sand in die Mühlen der Gerichtsverfahren. (Auch da hatten die beiden wohl Recht - aber sie kannten die Mühlen der Gerichtsverfahren nicht.) A propos Mühlen: Friedrich selber griff einmal rüde in die Rechtsprechung ein (und widerlegte damit seine eigene Auffassung), nämlich in einem Prozeß, den ein Müller gegen den preußischen Staat, also praktisch gegen den König selber, vertreten durch den Landrat (so nannte sich damals das, was heute Regierungspräsident heißt), wegen eines Fischteichs angestrengt hatte. Alle Instanzen gaben dem König Recht; der aber kassierte das Urteil, setzte die guten Richter ab, warf sie ins Gefängnis und wies ihre Nachfolger an, im Wiederaufnahmeverfahren den Müller obsiegen zu lassen. ("Kranker Typ," hört Dikigoros da einige Kollegen laut denken, "warum nahm er nicht einfach ein Anerkenntnis-Urteil?" Das gab es damals noch nicht, liebe Leser, das sollte erst mit der Zivilprozeßordnung von 1877 eingeführt werden. Außerdem war der Staat Preußen nicht Partei, sondern nur das, was man heute "Streitverkündeter" nannte; der Fischteich war nämlich nur die Ausrede des Müllers, dem er - angeblich - das Wasser abgrub, daß er seinem Verpächter - der ihn verklagt hatte - keine Pacht mehr zahlen wollte.)

Das unwissende Volk erstarrte in Ehrfurcht ob soviel "Gerechtigkeit" - in Wirklichkeit war jener Müller ein Querulant und 100%ig im Unrecht, wie jeder, der sich die Akten mal angeschaut hat, nicht umhin kommt festzustellen. (Dikigoros' Doktorvater, der es auch getan hatte, versäumte in seinen Vorlesungen nie, süffisant darauf hin zu weisen. Auch darauf, daß es den noch berühmteren Prozeß Friedrichs gegen einen anderen Müllers um die Windmühle von Sanssouci nie gegeben hat - der ist, wie so vieles andere, das über Preußen und seinen bekanntesten König geschrieben wurde und wird, eine Erfindung der Märchen-, pardon, Geschichtsbuchschreiber.) Auch sonst war es mit Friedrichs "Justizreform", von der man heute so oft so ehrerbietig liest, nicht weit her: Er schaffte die Vorbereitung der Gerichtsverhandlungen durch Schriftsätze ab (was nur zur größerer Unübersichtlichkeit führte und es den Winkeladvokaten, die fehlende Argumente durch Beredsamkeit ersetzten, erleichterte, tumpen Richtern Sand in die Augen zu streuen). Und da die Richter ja nun ehemalige Offiziere waren, bekamen sie ihr Offiziersgehalt weiter - bis dahin waren auch sie von den Parteien bezahlt worden, wie die Anwälte -, und die Gerichtsgebühren strich der Staat ein.

*****

Aber was soll denn das alles nun mit Reisen zu tun haben? Nun, wer so fragt, hat wahrscheinlich Dikigoros' Definition von Reisen nicht gelesen und sollte das bei Gelegenheit nachholen: Preußens Volksschullehrer waren weit gereiste Leute, nicht nur in Preußen - vom Main bis an die Memel - sondern auch im Ausland: In Sachsen, in Böhmen und in Russisch-Polen. Das soll Ausland sein? Das (damals noch) deutsche Prag? Und Sachsen, eines der neuen Bundesländer? Das will Dikigoros doch nicht im Ernst einer Generation weismachen, deren Reisehorizont weit nach Übersee reicht, vom Ballermann auf Mallorca bis zur Susi-Bar in Pattaya? Geduld, liebe Leser, es geht gleich weiter, in Länder, die auch heute noch nicht auf jedermanns Fahrplan stehen. Es waren einmal zwei Brüder, Alex und Willi. Sie wurden in Preußen geboren, als dort noch der besagte Friedrich herrschte. Alex, der ältere, reiste gerne, hielt sich dadurch jung und fit (man reiste noch nicht im Flugzeug und Taxi oder auf dem geleasten Motorrad, sondern im Segelschiff und zu Fuß oder bestenfalls auf dem gemieteten Maultier) und wurde so fast 90 Jahre alt. Allein über seine ausgedehnten Reisen durch Lateinamerika - vor allem Mexiko - schrieb er 36 Bücher (auf Französisch, denn er lebte nach seiner Rückkehr längere Zeit in Paris). Die wenigsten Leute wissen, daß er auch durch Asien gereist ist, vor allem die asiatischen Teile des russischen Zarenreichs. Später wurde er Professor in Berlin und hielt Vorlesungen über das, was er auf seinen Reisen gesehen hatte, vor allem Tiere und Pflanzen. Diese Vorlesungen hatten großen Zulauf, das war wichtig in einer Zeit, da die Professoren ihre Einkünfte noch überwiegend aus den Kolleggeldern ihrer Studenten bezogen. Die Menschen interessierten ihn weniger, sollte man meinen. Aber das ist ein Irrtum. Dem höchsten Gut des Menschen, das ihn erst zum Menschen macht und vom Tier abhebt, der Sprache, genauer gesagt den Sprachen, galt sein besonderes Interesse. Aber während er seine naturkundlichen Aufzeichnungen und Sammelstücke selber auswertete, überließ er die Auswertung seiner sprachlichen Sammlungen und Forschungen seinem jüngeren Bruder Willi, daheim am Schreibtisch. Der hatte mehr Zeit dafür, denn er war von Beruf Beamter. Eigentlich war er Jurist und Diplomat; aber wie es der Zufall wollte, wurde er irgendwann Leiter des preußischen Kultus- und Unterrichtswesens (das ist ungefähr das, was man heute "Kultusminister" nennt), d.h. er wurde verantwortlich für die Schulen und Universitäten des Landes. Und die krempelte er gründlich um.

Wilhelm v. Humboldt war der Meinung, daß das Erlernen schöner, logischer Sprachen die geistigen Fähigkeiten junger Menschen am besten entwickele. Das Deutsche zählte er nicht dazu, das Französische auch nicht, das Englische schon gar nicht - "lebende" Sprachen hielt er überhaupt für ungeeignet, denn deren Gebrauch änderte sich ja ständig (er empfand das während der französischen Besatzungszeit in Deutschland unter Napoleon besonders schmerzlich, als allerlei "Fisematenten" in die deutsche Sprache Einzug hielten). Wie sollte man da feste, logische Regeln aufstellen, die ein Schüler erlernen und aus denen er den geistigen und moralischen Halt fürs Leben schöpfen konnte? Nein, dafür eigneten sich nur tote Sprachen, die sich nicht mehr wehren konnten, wenn man sie aus der Rückschau - jedenfalls für einen bestimmten Zeitraum, den man willkürlich heraus griff - in ein festes Korsett von grammatischen Regeln schnürte. Beschlossen und verkündet: Ab sofort wurden auf allen höheren Schulen - man nannte und nennt sie bis heute in schlechtem Lat-Griechisch "Gymnasium" (vom griechischen Wort für "Turnhalle" und der lateinischen Endung "um") - als Hauptfächer Alt-Lateinisch und Alt-Griechisch gelehrt. Und im Studium - zumindest dem der Theologie - sollte man auch tunlichst Hebräisch lernen, Alt-Hebräisch natürlich, denn Neu-Hebräisch gab es ja noch nicht. Und etwas Sanskrit - das ist Alt-Indisch oder das, was die Preußen dafür halten - konnte auch nicht schaden. (Der erste Lehrstuhl dafür wurde damals eingerichtet - bei seinem letzten Inhaber hat Dikigoros noch studiert; als der emeritiert wurde, hat das Kultusministerium ihn kurzerhand gestrichen, um Geld zu sparen - die Abgeordneten-Diäten mußten mal wieder erhöht werden, und niemand wußte, wie man das sonst hätte finanzieren sollen.) Man nannte und nennt das "humanistisch" oder "neu-humanistisch"; und dieses Wort klingt bis heute gut in den Ohren der meisten Hörer - zumal denen, die sich nichts genaueres darunter vorstellen können, weil sie nicht selber durch diese Mühle gelaufen sind.

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Dikigoros dagegen nennt das schlicht inhuman, und er hält den Versuch, zehnjährigen Kindern komplizierte grammatische Regeln (die zu allem Überfluß meist gar nicht stimmen, sondern ein Fantasieprodukt der Nachwelt sind) auswendig lernen und aufsagen zu lassen und ihnen so den Spaß am Fremdsprachenerwerb zu verderben, für ein Verbrechen oder, um mit Humboldts Zeitgenossen Tayllerand zu sprechen, noch schlimmer: für einen Fehler. Darf er sich dazu ein paar düstere Erinnerungen an seine eigene Schulzeit von der Seele schreiben? (Vielleicht kann wenigstens der eine oder andere Leser darüber lachen - er selber kann es nicht.) Dikigoros' Eltern - ein braver Beamter und eine brave Hausfrau - wollten, daß ihr Sohn mal "etwas Besseres" würde, ein Akademiker, ein Doktor oder gar ein Professor (dafür brauchte man damals noch an allen deutschen Universitäten das "Große Latinum", in manchen Fächern sogar das "Graecum"); deshalb schickten sie ihn auf ein "humanistisches" Gymnasium. Von der ersten Klasse an ("Sexta" hieß die damals, weil das Gymnasium ursprünglich aus sechs Jahrgangs-Klassen bestand - erst später wurde die Schulzeit auf neun Jahre ausgedehnt - und man von hinten nach vorne zählte) hatte er Latein-Unterricht. Er erinnert sich noch heute mit Grausen an den ersten Satz im Lehrbuch: "Agricola arat." Der Bauer (oder ein Bauer - das soll eine logische Sprache sein, die da keinen Unterschied macht?) pflügt. Ja, was pflügt er denn? Das Feld natürlich, aber wo steht denn das? Und wieso der Bauer, und nicht die Bäuerin? Ist "-a" nicht eine weibliche Endung? Fragen über Fragen, und keine logischen Antworten. (Natürlich gibt es die, lieber Leser, "agri-cola" meint wörtlich jemanden, der das Feld bestellt. Aber das wußte der Lehrer entweder selber nicht, oder er fand es nicht angebracht, Zehnjährigen etymologische Feinheiten zu erklären.) Dikigoros schaltet die Ohren auf Durchzug und wacht erst wieder auf, als er ein "ungenügend" nach Hause bringt und seine Eltern ein großes Donnerwetter los lassen. Sie schicken ihn zur Nachhilfe, und seine Zensur "stabilisiert" sich zwischen "schwach ausreichend" und "mangelhaft" - mit Tendenz zu letzterem.

Nun, mit einer "5" kann man leben, aber dann die zweite Fremdsprache und die dritte... (Ja, liebe Leser, damals mußte man noch drei Fremdsprachen lernen, davon zwei bis zum Abitur, da war nichts mit "abwählen"!) Die Schule hat bereits vor einigen Jahren den für ein humanistisches Gymnasium unerhörten Traditionsbruch begangen, für ein paar Außenseiter einen so genannten "romanischen Zweig" einzurichten, d.h. man kann Griechisch durch Französisch ersetzen - sicher eine große Erleichterung für Schüler, die schon Lateinisch gelernt hatten, denn das Französische ist ja auch eine "romanische" Sprache, die einem noch einmal so leicht fallen muß, wenn man schon gut Lateinisch kann. Wenn... aber auf Dikigoros trifft das nun mal nicht zu. Auf andere auch nicht. Lateinisch und Griechisch kommen aus der Mode, die Anmeldungen von neuen Schülern gehen zurück, die Eltern schicken ihre Kinder lieber auf Schulen, wo sie Englisch und Französisch oder Spanisch lernen. Dikigoros' altehrwürdigem Gymnasium droht das Aus. Die Behörden ziehen die Notbremse und führen nun auch noch einen so genannten "neusprachlichen Zweig" ein, d.h. man kann auf Englisch und Französisch als Hauptfächer umsteigen und Lateinisch nach der "Obersekunda" (das ist nach heutiger Zählung die 11. Klasse) abgeben. Dikigoros greift nach diesem letzten Strohhalm - und kommt vom Regen in die Traufe. Denn die Schule hat nun zwar einen neuen Zweig, aber keine Gärtner, die ihn pflegen könnten, d.h. keine Englisch-Lehrer. Was er in all diesen Schuljahren im Englisch-"Unterricht" erlebt hat (er bestand hauptsächlich darin, Grammatik-Regeln zu pauken und Shakespeare zu lesen - immer mit der deutschen Übersetzung unterm Tisch), erspart er dem geneigten Leser - er verweist nur auf die oben erwähnte Redewendung von der Kuhhaut. Auch seine Englisch-Note pendelt sich zwischen "schwach ausreichend" und "mangelhaft" ein - zum Glück mit Tendenz zu ersterem.

Nach Abschluß der 10. Klasse - also vor Beginn der ominösen "Obersekunda" - steht Dikigoros in Lateinisch (und nicht nur dort) immer noch auf der Kippe. Und es ist nichts mit "weg mit Schaden", wie er gedacht hatte, denn die Note der 11. Klasse wird aufs Abschlußzeugnis kommen und dort zwar nicht mehr für die Versetzung bzw. das Bestehen des Abiturs mit zählen, aber für den Notendurchschnitt, und gerade haben die Kultusminister den ersten so genannten "numerus clausus" eingeführt: Bald gewährt das "Zeugnis der Reife" entgegen seiner ursprünglichen Bestimmung keinen allgemeinen Zugang zum Hochschul-Studium mehr, sondern für die meisten Fächer und Universitäten - jedenfalls für alle attraktiven - nur noch, wenn man einen guten Notendurchschnitt hat. Denn Abiturienten gibt es inzwischen wie Sand am Meer, aber keine Studienplätze in ausreichende Zahl. (Böse Zungen behaupten freilich, die Zahl hätte damals sehr wohl ausgereicht; die spätere Schaffung zusätzlicher Studienplätze habe nur dazu geführt, daß sich die Qualität der Ausbildung verschlechterte und daß ein "akademisches Proletariat" überflüssiger Hochschul-Absolventen heran gezüchtet wurde, die später keine adäquate berufliche Stellung mehr erlangten und darob frustriert und politisch radikalisiert wurden. Dikigoros will das hier nicht kommentieren.) Was tun? Dikigoros' besorgte Eltern schauen erstmal aufs Nächstliegende: Seine Französisch-Note läßt auch zu wünschen übrig. In den Sommerferien schicken sie ihn vier Wochen nach Frankreich; dort macht er zum ersten Mal im Leben die Erfahrung, daß man eine fremde Sprache auch sprechen kann, daß Sprachen leben. Als er zurück kommt spricht er zur allgemeinen Verblüffung (nicht zuletzt seiner eigenen) zwar nicht ganz akzentfrei, aber fließend Französisch. (Nein, liebe Leser, das ist keine andere Geschichte - Dikigoros braucht ja nicht sein ganzes Privatleben im Internet breit zu treten; ein bißchen Intimsfäre muß sein.)

Dikigoros' Französisch-Lehrer meint, er solle unbedingt noch die von ihm geleitete zusätzliche Unterrichts-Veranstaltung Italienisch besuchen. Der ist zugleich sein Klassenlehrer, also tut er ihm den Gefallen, und da er schon mal dabei ist, belegt er auch gleich "ZUVs" in Russisch und Spanisch. (Dafür stellt er in den naturwissenschaftlichen Fächern seine Lernbemühungen vollständig ein. Mit einer "5" - in Mathe - kann er leben; in Biologie, Chemie und Physik mogelt er sich irgendwie so durch. Auch seine Leistungen in Erdkunde - oder, wie die Griechen sagen, "Geografie [Erdbeschreibung]" - bleiben bis zuletzt äußerst bescheiden, denn zu Schulzeiten lernt er noch nicht, daß auch diese Wissenschaft lebt, daß sie wirkliches, nicht bloß Bücher-Wissen, schaffen kann, wenn man die Erde selber erkundet und beschreibt, und daß Erfahrung von er-fahren kommt - aber das ist eine andere Geschichte.) Am Ende des Schuljahres hat er schon so viel Italienisch gelernt, daß - gewissermaßen als Nebenprodukt - ein "sehr gut" in Latein abfällt. So viel zu der Behauptung der "Humanisten", man könne eine lebende Fremdsprache besser lernen, wenn man zuvor eine tote erlernt hat - umgekehrt wird ein Schuh draus! (Altgriechisch hat Dikigoros nie gelernt; aber er kann das Neue Testament im Original lesen, weil er inzwischen Neugriechisch gelernt hat; dagegen können seine bedauernswerten Mitschüler, die Altgriechisch gelernt haben, zwar ein "Graecum" nachweisen, aber im Griechenland-Urlaub keinen Satz sprechen oder verstehen - auch Dikigoros' Schwester Helli zählt zu dieser letzteren Species.) Auf dem Abiturzeugnis hat Dikigoros in sechs von sieben Sprachen (die siebte ist Deutsch, aber das ist ja keine Fremdsprache) ein "sehr gut", sogar in Englisch, denn seine Eltern haben ihn in den nächsten Sommerferien auch noch vier Wochen nach England geschickt. (Richtig perfekt Englisch, genauer gesagt Amerikanisch, wird er freilich erst später lernen - aber das ist eine andere Geschichte.) Und seine Freude am Erlernen lebender Fremdsprachen als Schlüssel zum Kennenlernen fremder Menschen und Kulturen - im Guten wie im Bösen, wobei das Gute fast immer überwiegt - wird ihm sein Leben lang erhalten bleiben.

Was er sonst noch fürs Leben gelernt hat auf der Schule? Peinliche Frage. Als sie ihm beim Klassentreffen anläßlich der 25-jährigen Abiturfeier von seinem alten Sport-Lehrer gestellt wird, antwortet er trocken: "Sie haben mir die Technik für Kugelstoßen und Hochsprung beigebracht, das ist das einzige, was ich heute noch brauchen kann von all dem Schulkram." (Dikigoros' Sportlehrer war ein großer Zehnkämpfer, deutscher Meister nach dem Krieg, als man damit freilich noch keinen Ruhm, geschweige denn das große Geld erwerben konnte - als Leichtathlet mußte man ja Amateur sein. Aber auch das ist eine andere Geschichte.) Das ist die volle Wahrheit, die ihm freilich niemand abnimmt - obwohl er geradewegs von den am selben Tag stattgefundenen Seniorenmeisterschaften kommt, mit einem halben Dutzend Titeln in der Tasche...

Wo waren wir gleich stehen geblieben? Bei Wilhelm v. Humboldt. Hat Dikigoros das etwa alles nur geschrieben, um den zu bekritteln und sich über sein eigenes Scheitern am "humanistischen" Bildungs-Ideal auszuweinen? Nein, natürlich nicht - er hat ja gerade noch die Kurve gekriegt und ist dem alten Preußen nicht wirklich böse.

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Fortsetzungen folgen

Wie soll das eigentlich alles zusammen passen? Was haben Juristen und Lehrer miteinander zu tun? Nein, eine ganze Menge; die ersteren sind nämlich an allen Übeln der Welt im allgemeinen schuld, und an der Misere des Bildungssystems im besonderen. Das schreibt Dikigoros ganz im ernst, obwohl er diesen Satz etwas eingrenzen und ausweiten muß: Statt "Juristen" muß es heißen: "Die Gesetzgeber" (und das sind ja meist studierte Juristen, die von Beruf Verwaltungsbeamte sind - denn nur die haben Zeit, um in den Quasselbuden - pardon, man sagt ja auf Italienisch "Parlamente", das klingt vornehmer - schlechte Gesetze zu machen); und sie sind nicht nur an der Misere des Bildungssystems schuld, sondern auch... Nein, Dikigoros will das nicht allzu abstrakt fassen, sondern in ein paar anschauliche Sätze, die da lauten: Weil [Ehe-]Frauen zu viele Rechte haben, wenn sie einmal verheiratet sind, werden sie nicht mehr geheiratet; weil Kinder zu viele Rechte haben, wenn sie einmal geboren sind, werden sie nicht mehr geboren (sondern abgetrieben); weil Schüler zu viele Rechte haben (u.a. das Recht auf Faulheit und das Recht, nicht mehr sitzen zu bleiben oder gar vor Überreichung des Abschlußzeugnisses von der Schule zu fliegen) lernen sie nichts mehr; und weil Arbeitnehmer zu viele Rechte haben, wenn sie erstmal eine Arbeitsstelle besetzen, stellt sie niemand mehr ein.

Das klingt hart, aber es ist wahr; und an diesen vier Grundfehlern unseres Rechtssystems krankt unsere ganze Gesellschaft. Die so genannten Schutzgesetze - für Frauen, Kinder, Schüler und Arbeitnehmer - sind in Wirklichkeit Ehe-, Geburts-, Lern- und Arbeits-Verhinderungsgesezte; allein die tumpen Juristen haben es noch nicht bemerkt.

Vor allem die südostasiatischen Sprachen hatten es ihm angetan - allein über das Javanische schrieb er drei Bücher.

Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus udn ihren Einfluß auf die gesitige Entwicklung des Menschngeschlechts.

Faszinierende Weltanschauung - die man heute als "Neuhumanismus" bezeichnet. Kein größerer Irrtum als dieser!

Sein Bruder Alexander gab diese Werke erst nach seinem Tode heraus. Sie enthalten, wenn man sie zuende denkt, ungeheuren ideologischen Sprengstoff...

Wilhelm v. Humboldt: leider der weltfremde Sesselpupser, nicht sein Bruder Alexander, der die Welt angeschaut hatte. "Humanistisches Gymnasium" - schlechtes Griechisch und Küchenlatein.

Berühmte Lehrer: Himmler, Möllemann

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Lesen, schreiben und beten

Lesen, schreiben und reden (mit Gott=beten)

Lesen, schreiben und rechnen (mit Mammon, dem neuen Gott)

Laufen, springen, werfen

Fortsetzungen folgen

2001 die PISA-Studie: An der statistischen Spitze (des Durchschnitts) stehen die Länder, in denen es praktisch keine Ausländer gibt: Japan, Korea und Finnland, am Ende das Land, das unter den Teilnehmern den höchsten Anteil von Schwarzen hat: Brasilien. Niemanden, der durch die Welt gereist und sie mit offenen Augen angeschaut hat, kann das wundern, ebenso wenig jemanden, der jemals selber als Lehrer vor einer Klasse gestanden hat. Allenfalls die sesselpupsenden Gutmenschen in ihrem "Kultusministerium" genannten Elfenbeintürmen sind ganz erschrocken. Am weitesten klafft die "Bildungsschere" auseinander in Ländern mit unterschiedlicher Herkunft der Schüler: den USA und Deutschland, deren Schüler an der Spitze und am Ende stehen und daher im statistischen Durchschnitt in der Mitte gelandet sind. In USA schneiden die Neger nicht besser ab als in Brasilien, nämlich erbärmlich; die Weißen stehen im Mittelfeld und die Gelben an der Spitze - sie heben das Durchschnitts-Niveau. In Deutschland gibt es fast 24% "sekundäre Analfabeten", d.h. solche Schüler, die zwar etwas buchstabieren und einen Text in etwa ablesen, seinen Inhalt aber nicht verstehen können - obwohl das ja der eigentliche Sinn der Sache ist, denn Lesen und Schreiben ist nicht l'art pour l'art, sondern soll der Speicherung und Weitergabe von Informationen dienen. Die Hälfte davon sind offiziell, d.h. auch juristisch Ausländer, die andere Hälfte Ausländer mit deutschem Paß. Nur sie verderben die Stastistik; aber niemand wagt das laut auszusprechen oder etwa die Konsequenzen zu ziehen, die nur lauten kann, sie dorthin zurück zu schicken, wo sie hin gehören. Das ist unabhängig vom Geburtsort, denn ein Pferd bleibt ein Pferd, auch wenn es in einem Schweinestall geboren ist - und umgekehrt. Damit würden auch die Bildungschancen für die da gebliebenen deutschen Schüler weiter steigen, so daß sie mit Leichtigkeit binnen weniger Jahre dort stehen würden, wo heute die Japaner stehen.

"Aus Schülern werden Mandanten"

Schule der Nation - darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle

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Und nun ist es mal wieder so weit, daß Dikigoros einen Nachtrag schreiben muß, noch bevor der Hauptteil fertig ist. Er stellt die unfertigen Skizzen ja immer schon ins Netz (eine schlechte Angewohntheit, aber er kann sie einfach nicht ablegen :-), so daß gewiefte Leser schon im voraus erkennen können, worauf er hinaus will; außerdem macht er aus seinen Ansichten ja auch auf anderen, schon fertigen, Seiten kein Geheimnis; und so wissen seine Leser längst, was er von Gesamtschulen, Coop-Universitäten usw. hält, auch ohne daß er es hier schon ausführlich breit getreten hat. Und so bekam er denn im Frühjahr 2011 einige mehr oder weniger hämische Mails von Lesern, die das anders sehen, nach dem Motto: Die hoch gelobten süddeutschen "Elite"-Gymnasien und -Universitäten sind auch nicht besser, und wer im Glashaus sitzt, soll gefälligst nicht mit Steinen werfen...

Pardon, liebe Kritiker, aber Dikigoros sitzt nicht im Glashaus, denn er ist - im Gegensatz zu Herrn von und zu Guttenberg u.a. Parteibonzen - nie auf eine süddeutsche Bildungsanstalt gegangen, schon gar keine für die "Elite" oder was sich dafür hält, sondern nur auf ein ganz normales Gymnasium und einige ganz normale Universitäten. Und was den Pfusch und Betrug beim Anfertigen von Dissertationen anbelangt, so liegt der doch in der Natur der Sache begründet. Er persönlich sieht keinen großen Unterschied darin, ob jemand zu einem bestimmten Thema erst Dutzende von Büchern anderer liest, deren Inhalt im Hinterkopf behält und dann mit eigenen Worten umformuliert (auch das ist keine "selbständige wissenschaftliche Arbeit", wie sie die Promotions-Ordnungen allenthalten vorschreiben!), oder ob er deren Inhalt teilweise abschreibt (was ausdrücklich gewollt ist und - sofern es denn als "Zitat" kenntlich gemacht ist - als besonders "wissenschaftlich" gilt, nicht etwa als "Plagiat") oder ob er gleich alles abschreibt und auch noch den Hinweis "vergißt", wo er es her hat. Darf Dikigoros ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, wie er einst seine eigene Dissertation geschrieben hat? (Sein Doktorvater ist jüngst verstorben, so daß es ihn nicht mehr schockieren kann, es sei denn, er wollte sich im Grabe umdrehen :-) Er hat sich ausschließlich auf Quellen gestützt, keine einzige Zeile "[Sekundär]-Literatur" gelesen und seine Arbeit ganz alleine geschrieben, wirklich ganz alleine. Dann hat er sich die ca. 150 Bücher "Literatur" besorgt, die ihm sein Doktorvater als "Pflichtlektüre" genannt hatte, dazu noch ca. 50 weitere, die er in der Universtitäts-Bibliothek ausgegraben hatte (Internet gabs noch nicht), jedes davon genau einmal aufgeschlagen und so lange geblättert, bis er auf einen Satz gestoßen ist, der irgendwie zu seinem Text paßte. Den nahm er dann heraus, setzte ihn in eine Fußnote, jeweils mit dem Hinweis "ebenso" oder "ähnlich" oder "anderer Ansicht", jeweils mit zitierter Fundstelle. Sein Doktorvater las das und meinte: "Der Text ist ja in Ordnung, aber formell können Sie das so nicht machen; Sie dürfen doch nicht die wertvollen Zitate all der großen Wissenschaftler einfach in die Fußnoten verbannen; die müssen in den Haupttext! Außerdem steigert das rein optisch den Umfang Ihrer Arbeit." (Der Haupttext wurde anderthalbzeilig geschrieben, die Fußnoten nur einzeilig :-) Also änderte Dikigoros das um, indem er die zitierten Stelle in den Haupttext übernahm - selbstveständlich als Zitate gekennzeichnet - und in den Fußnoten nur die Fundstellen stehen ließ. Ihr meint, das sei auch "Pfusch"? Pardon, aber das sieht Dikigoros anders: Das ist "selbständige wissenschaftliche Arbeit"; gewiß, sie mag qualitativ nicht so hoch sein; aber man kann von einem jungen Mann, der gerade mal ein paar Jahre studiert hat, nicht erwarten, daß er das Gleiche leistet wie ein Professor mit Jahrzehnte langer Berufserfahrung; aber er hält das immer noch für besser, als wenn jemand einfach nur irgendetwas abschreibt bzw. umformuliert, wie das 99,9% der heutigen Doktoranden tun. Ihr meint, so etwas sei doch nur an der juristischen, der filosofischen u.a. "Schwafel"-Fakultäten möglich, nicht etwa in den Naturwissenschaften? Ihr irrt, und zwar ganz gewaltig: Dikigoros' Schwippschwager, Dipl.-Fysiker und Dr. Ing., hat an einer Elite-Universität studiert und promoviert, und zwar an der deutschen Elite-Universität für seine Fachrichtung; er hat freimütig eingeräumt, daß er die Versuchsreihe für seine Dissertation von A-Z getürkt hat und glaubhaft versichert, daß das alle seine Kollegen genauso machten und machen, und zwar ohne das geringste schlechte Gewissen: "Die Einrichtungen, die den Doktoranden zur Verfügung stehen, sind viel zu ungenau, um verläßliche Resultate zu liefern, daran hat sich seit Gregor Mendel nichts geändert; wenn der seine Erbsenversuche nicht getürkt hätte, dann steckte die Genetik heute noch in den Kinderschuhen. Das mögt Ihr Juristen, die Ihr davon keine Ahnung habt, 'Betrug' nennen, aber wissenschaftlich gesehen ist das völlig egal, denn meine Ergebnisse haben gestimmt, und nur darauf kommt es an, nicht wie ich darauf gekommen bin!"

Aber Dikigoros will hier keineswegs vom "Promotionsskandal" ablenken, der einige hochrangige Politiker ihre Ämter und Mandate gekostet hat; er sieht diesen Skandal bloß ganz woanders: Wer hat denn jene Arbeiten geschrieben (über die sich wohlgemerkt niemand aufgeregt hätte, wenn die seitenweise abgeschriebenen Passagen denn "korrekt" als "Zitate" gekennzeichnet worden wären)? Doch nicht Guttenberg & Co.! Nein, die hat vielmehr der so genannte "wissenschaftliche Dienst" des Bundestags verfaßt. Nein, auch darin sieht Dikigoros an sich noch nicht den schlimmsten Skandal - warum soll ein viel beschäftigter Abgeordneter sich da nicht "zuarbeiten" lassen? (Jeder Professor, der "forscht", nimmt doch dafür auch die Hilfe seiner Assitenten in Anspruch und veröffentlicht deren Arbeiten unser seinem Namen, nachdem er den Text vielleicht etwas umformuliert hat :-) Am schlimmsten findet er, daß diese Pfeifen von "Wissenschaftlern" offenbar nicht in der Lage sind, eine zusammen geklautegeschriebene Dissertation wenigstens formal so zu gestalten - nämlich durch Hinzufügen von ein paar Gänsefüßchen und Herkunftsangaben -, daß sie unangreifbar wird. Solche Luschen beraten also unsere Parlamentarier - und dann wundern wir uns, daß die letzteren seit Jahren nur noch vollkommen schwachsinnige Gesetze verabschieden, die nicht nur den Juristen das Leben zur Hölle machen, sondern auch und vor allem den armen "Normalverbrauchern"!?! Seht Ihr, liebe Leser, und da schließt sich der Kreis: Wer auf der Schule nicht mehr lesen, schreiben und (selbständig) denken gelernt hat, der geht heute in den Bundestag, sei es als Abgeordneter, sei es als "Wissenschaftler", und liest dann das Verbot des Angriffskrieges, das anno 1949 ins Grundgesetz geschrieben wurde (von Leuten, die das alles noch gelernt hatten) als: "Die Freiheit der BRD muß am Hindukusch verteidigt werden!" Unser politisches System ist völlig auf den Hund gekommen; Dikigoros fragt sich, wie lange es noch weiter leben wird - und je länger er darüber nachdenkt, desto mehr neigt er zu der Ansicht, daß es gar nicht schlimm wäre, wenn die Antwort nicht "ewig" lautete, sondern: "Nur noch ganz, ganz kurz!" Nachtrag Ende.


heim zu Reisen durch die Vergangenheit