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UND MORGEN DIE GANZE WELT
VON LONDON BIS HANNOVER
Der Gang der Weltgeschichte
"Es gibt zwei Arten von Welt-Geschichte: Die eine ist die
offizielle, verlogene, für den Schulunterricht bestimmte,
die andere ist die geheime Geschichte, die die wahren
Ursachen der Ereignisse birgt." (Honoré de Balzac)
"Die ganze Weltgeschichte ist nur ein Gerücht -
nur daß es manchmal wahr ist." (Zuckmayer)

[Globus - mit freundlicher Genehmigung der F.I.M.A.]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Nein, liebe Überschriften-Leser, Dikigoros muß Euch einmal mehr enttäuschen: Die erste Zeile spielt nicht auf den berühmt-berüchtigten Liedtext an, und die zweite nicht auf die Übersiedelung des englischen Königshauses im 18. Jahrhundert (denn die erfolgte ja umgekehrt, von Hannover nach London); vielmehr geht es um eine Veranstaltung, die erstmals im Jahre 1851 in der englischen Hauptstadt London statt fand. Damals saßen im Vereinigten Königreich gar nicht mehr die Hannoveraner auf dem Thron (die waren gerade ausgestorben), sondern die Coburger, und zwar in Person des Bettelprinzen (Al-)Berti; d.h. eigentlich saß er gar nicht auf dem Thron, sondern er stand nur daneben oder lag im Bett neben (nein, neben ist wohl auch nicht ganz richtig, aber wie soll Dikigoros das ausdrücken, wenn diese Seite jugendfrei bleiben soll?) seiner Cousine (Alexan-)Drina, einem häßlichen kleinen Pummel, die unter dem Namen "Victoria" Königin von England spielte. (Der Name der antiken Siegesgöttin paßte besser als ihr Taufname, denn erstens hatte sich England mit dem Lande ihres Taufpaten, des russischen Zaren Aleksandr, längst verkracht, und zweitens hatte es damals mehr Siege zu feiern als jemals zuvor oder danach in seiner Geschichte.) Eine böse Zunge, der nachmalige preußische Ministerpräsident und Reichskanzler Otto, nannte die Coburger verächtlich ein "Gestüt" und Berti einen "Deckhengst" - und das war er wohl auch. Aber bitte, er war ein erstklassiger Deckhengst, jedenfalls quantitativ gesehen: Seine Frau bekam in den ersten zehn Jahren ihrer Ehe immerhin sieben Kinder, und sie liebte ihn heiß und innig - ihn, nicht die Schwangerschaften und schon gar nicht ihre Kinder, die sie allesamt haßte wie die Pest. (Wäre damals schon die Abtreibung erlaubt gewesen, hätte sie spätestens nach dem ersten Sohn, dem Thronfolger, Schluß gemacht. Wir machen uns heute ganz falsche Vorstellungen vom "Victorianischen Zeitalter", das zu Unrecht nach ihr benannt ist - Victoria selber war in fast allem das genaue Gegenteil.)

Den Engländern gefiel diese "deutsche Wirtschaft" auf ihrem Thron gar nicht, sie murrten. Da kam Berti auf die Idee, eine "Große Ausstellung der Industrie-Erzeugnisse aller Nationen" zu organisieren (so hieß die Veranstaltung offiziell, wobei das englische Wort "industry" im umfassenderen Sinne auch "Fleiß" bedeuten kann) und dafür einen Palast aus Glas und Stahl zu bauen. Der Adel lachte ihn aus, die Wirtschaft zeigte ihm einen Vogel, die Zeitungen fielen über ihn her. "Kristall-Palast" nannten sie sein Vorhaben spöttisch (so wie die Journaille knapp 100 Jahre später ein anderes Ereignis als "Kristall-Nacht" bezeichnen sollte) und profezeiten, daß es beim ersten besten Hagelschauer zusammenfallen würde. Aber das geschah nicht, und die Ausstellung wurde allen Unkenrufen zum Trotz ein großer Erfolg: Zu einer Zeit, als noch nicht jede neue Erfindung lang und breit durch die Medien ging, als der Verbraucher noch nicht mit Werbung für alles Mögliche und Unmögliche überschwemmt wurde, lange bevor es produktionsreif war, da machte eine solche Veranstaltung Sensation. (Es war nicht nur die erste, sondern zugleich die wohl einzige Ausstellung ihrer Art, die jemals einen Gewinn abwarf.) Die Besucher - vom Konsumenten bis zum Konkurrenten, insgesamt rund 6 Millionen - strömten nur so herbei, erst aus ganz London, dann aus ganz England, und schließlich aus ganz Europa und sogar aus Amerika. Am Ende sprach der Volksmund - nicht nur in England - zu Recht von einer "Weltausstellung", und Berti war bei seinen englischen Untertanen auf einen Schlag überaus beliebt.

Das lag vielleicht auch daran, daß bei der Ausstellung ein nettes junges Mädchen die Honneurs machte (so wie später, im 20. Jahrhundert, die Töchter von Carter und Clinton, den Clowns auf dem US-Thron), die erst zehnjährige Princesse Royale. Wahrscheinlich begann Berti schon damals ein Verhältnis mit seiner ältesten Tochter, spätestens aber hatte er eines, als er sie mit 14 Jahren zu seiner inoffiziellen Beraterin machte. Denn nicht Königin Victoria regierte England, auch nicht ihre ständig wechselnden Parlamente, sondern Berti, der "Prinzgemahl" (der Titel war gerade erst eingeführt worden; er war ihm für seine Verdienste um die Weltausstellung verliehen worden - nicht für die als "Deckhengst"), im Bett und am Schreibtisch assistiert von seiner Tochter, die - im Gegensatz zu ihren Eltern, die nur Deutsch sprachen - fließend und fast akzentfrei Deutsch und Englisch beherrschte. Er nannte sie wie seine Frau, Vicky (Drina nannte ihre älteste Tochter dagegen haßerfüllt nur seine "Pussy" - dieses Wort begann damals die Bedeutung anzunehmen, die es heute noch hat) - und wer wollte es ihm verdenken? Vicky war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten (nein, liebe Leser, laßt Euch nicht durch die unterschiedlichen Frisuren täuschen!), er sah in ihr die Frau wieder, die er 15 Jahre zuvor geheiratet hatte (man sagt, daß es eine Liebesheirat war - in jener Zeit und in jenen Kreisen recht ungewöhnlich), und die auch nicht viel älter gewesen war, als er sie kennen lernte - Berti stand halt auf sehr junge Frauen. Drina reagierte verzweifelt (heute würde man "fetischistisch" sagen): Sie ging mit einem Nachthemd Bertis ins Bett, außerdem mit einer stilisierten Nachbildung seines, äh... die Biografen sagen, seiner Hand, und schob ihre Tochter nach Berlin ab, indem sie sie mit dem preußischen Kronprinzen Fritz verkuppelte.

Aber Drina hatte nicht damit gerechnet, wie eng die Beziehung zwischen ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter war. Die ließ sich, als sie 15-jährig mit Fritz verlobt wurde, eine genaue Kopie des Verlobungsringes ihres Vaters anfertigen - und sie sollte das Heirats-Versprechen, das sie meinte, halten: Kaum war sie, noch keine 18 Jahre alt, nach Berlin gezogen - offiziell als Ehefrau von Fritz -, nahm Berti den nächsten besten Verwandtenbesuch in Coburg zum Vorwand, um sie dort zu besuchen; sie schlossen sich zwei Tage "im Hause" ein, dann fuhr Berti wieder ab. Knapp neun Monate später gebar Vicky einen körperlich (und böse Zungen sagen - aber wohl zu Unrecht - auch geistig) behinderten Knaben, Wilhelm Kurzarm, der als letzter preußischer König und als letzter deutscher Kaiser in die Geschichte eingehen sollte. Berti starb kurz darauf, mit nur 42 Jahren (auf Fotos sah er freilich eher aus wie 62) an Tyfus, so daß der Tod sie schied; Vicky's andere Kinder - die wohl von Fritz waren - waren allesamt völlig gesund und ähnelten ihrem ältesten Halbbruder nur wenig; ihre auffallendste Gemeinsamkeit war der abgrundtiefe Haß, den sie alle ihrer Mutter, Vicky, entgegen brachten - fast so sehr wie Vicky selber ihre Mutter und Rivalin, Drina, gehaßt hatte. (Wilhelm Kurzarm wurde wieder mit einer Victoria verheiratet; aber sobald er den Thron bestieg, nannte er sie nur noch "Auguste" - so sehr haßte er den Namen Victoria.) Woher Dikigoros das alles wissen will? Nun, er hat die Briefe der Hauptbeteiligten gelesen, die allesamt erhalten und nicht mehr unter Verschluß sind, und die sprechen eine deutliche (einige Biografen sagen auch "peinliche" - aber sie verraten nicht, warum) Sprache, die keinen vernünftigen Zweifel zuläßt. Dikigoros hat über das Drumherum vor vielen, vielen Jahren seine Magisterarbeit als Historiker geschrieben, aber darin steht von alledem natürlich nichts, denn damals war es noch nicht so üblich wie heute, die Bettgeschichten der "Royals" an die Öffentlichkeit zu zerren; und Dikigoros war noch nicht der Wahrheit verpflichtet, sondern seinen Professoren. Hauptsache, die waren mit dem nichts sagenden Zeug, das er damals zusammen schmierte, zufrieden - und das waren sie, sehr sogar.

Dabei hatte Dikigoros nicht einmal festzustellen gewagt, daß Berti noch durch eine zweite Tat den Gang der Weltgeschichte änderte, nämlich als er wenige Tage vor seinem Tode dem britischen Premierminister Palmerston in den Arm fiel, der an der Seite der überwiegend von Engländern bewohnten Südstaaten in den amerikanischen Sezessionskrieg eintreten wollte. Sonst wären die Südstaaten unabhängig und mit England verbündet geblieben, die Nordstaaten - die überwiegend von Deutschen und Skandinaviern bewohnt wurden, wären Bündnispartner Preußens und später Deutschlands geworden... Was ist daran so verfänglich, daß Dikigoros das damals nicht hätte schreiben dürfen? Nun, eigentlich nichts - wohl aber die Vorgeschichte, aus der sich Bertis Motive erklären: Als guter Deutscher, der er sein wollte, und als guter Liberaler obendrein, hegte er große Sympathien für diejenigen Deutschen, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 in die USA ausgewandert waren. Die hatten damals noch nicht mal 20 Millionen Einwohner (plus drei Millionen Neger-Sklaven, aber die zählten ja nicht mit, denn "Onkel Tom's Hütte" war noch nicht geschrieben), da war ein Einwanderer-Schub von jährlich 1-2% nicht jedem Recht. Zumal das vielfach nicht gerade die Sorte von Immigranten war, auf welche die alt-eingesessenen Amerikaner (die "Nativisten") gewartet hatten: Aufmüpfige Revoluzzer, die zuhause gescheitert waren, aber ihnen nun weis machen wollten, daß am deutschen Wesen die USA genesen sollten. Das kam nicht nur schlecht an, das erzeugte Feindseligkeit und Haß, der sich Mitte der 1850er Jahre in einer Reihe von Pogromen gegen die Deutschen entlud (und gegen die Iren, diese "Hungerleider und Schmarotzer" - sie stellten die zweitgrößte Einwanderer-Gruppe). Vor allem in den Südstaaten. Das einst französische und später spanische New Orleans war fast schon zu einer deutschen Stadt geworden - es gab sogar ein deutsches Theater! Dagegen verbündeten sich die weißen Südstaatler selbst mit ihren Negern; nicht nur das Theater wurde abgefackelt, die deutsche Kultur südlich der Dixon-Linie wurde gründlich platt gemacht. Doch anders als heute wurde das damals noch nicht tot geschwiegen, sondern weltweit aufmerksam verfolgt, auch und besonders in England. Berti wußte also Bescheid, und es widerstrebte ihm, für diese deutschfeindlichen Südstaaten auch nur einen Finger zu rühren - zumal in den Reihen der Nordstaaten überproportional viele Deutsche kämpften. Langfristig gesehen war das ein verhängnisvoller Fehler, denn in der Folge verlief die Geschichte für die Deutschen in den USA (und nicht nur für die Deutschen in den USA, sondern auch für die in Deutschland gebliebenen) viel schlimmer als sie im umgekehrten Fall jemals hätte verlaufen können.

[Exkurs. Man soll ja in der Geschichte eigentlich nie die Frage "was wäre gewesen wenn..." stellen; aber da die Geschichte der USA Dikigoros' Steckenpferd ist, wollt Ihr ihm bitte nachsehen, wenn er in diesem einen Punkt von jenem Grundsatz abweicht; er hat ja bereits an anderer Stelle spekuliert, was geschehen wäre, wenn Nordamerika im 17. Jahrhundert schwedisch oder niederländisch oder im 18. Jahrhundert französisch geworden wäre. Was hätte sich also geändert, wenn die Südstaaten im Bürgerkrieg ihre Unabhängigkeit behauptet hätten? Nun, für Nordamerika selber hätte sich vielleicht nicht gar so viel geändert, sondern nur die Entwicklung beschleunigt: Einige von Dikigoros' Lesern werden noch miterleben, was bei einem anderen Ausgang des Sezessionskriegs halt 200 Jahre früher gekommen wäre: Das Gebiet der "USA" wird zerfallen in einen spanisch-mexikanischen Weststaat ("Aztlan"), einen überwiegend von Schwarzen besiedelten Südstaat ("Dixieland") und ein etwas vergößertes Neuengland im Nordosten. (Ein französisches Louisiana hätte sich schon 1865 nicht mehr wiederherstellen lassen, ebenso wenig ein unabhängiger Indianer-Staat - schon weil sich die Roten untereinander nicht grün, geschweige denn einig waren.) Aber für Europa wäre alles anders gekommen: Das geteilte Amerika hätte nicht in den Ersten Weltkrieg eingreifen können (und wenn doch, dann jedenfalls nicht kriegsentscheidend, da Nord- und Südstaaten einander neutralisiert hätten), dann hätte es einen Zweiten Weltkrieg gar nicht gegeben, und das "alte" Europa wäre ein "junges" Europa geblieben. Exkurs Ende.]

Und da er schon mal dabei ist, will Dikigoros auch noch den dritten Punkt erwähnen, in dem der Schöpfer der ersten Weltausstellung den Gang der Weltgeschichte beeinflußt hat. Er hatte nämlich nicht nur im Hinblick auf seine Tochter ein merkwürdiges Verständnis von richtiger Erziehung, sondern auch auf deren Bruder, den Prinzen von Wales, der nach seinem Vater ebenfalls Berti genannt wurde. Berti sen. versuchte, Berti jun. mit Gewalt zu einem guten englischen Thronfolger und zu einem guten Deutschen zu erziehen - ein Vorläufer dessen, was man heute "multi-kulturelle Erziehung" nennt. Das ging schon damals nicht gut. Vielmehr wurde der Junior zu einem dummen, faulen, verfetteten und versoffenen Hurenbock, der Zeit seines Lebens weder richtig Deutsch noch richtig Englisch lernte (er stotterte von klein auf). Das einzige, was er jemals lernte, war seine Eltern und mit ihnen alles Deutsche abgrundtief zu hassen. Als er endlich König von England wurde (und Kaiser von Indien - aber mit jenem Land und seiner Kultur konnte er noch viel weniger anfangen), war er bereits ein alter Mann - denn Drina wurde uralt (sie überlebte Berti sen. um sage und schreibe 40 Jahre) und weigerte sich, zu Gunsten ihres ältesten Sohnes (im Bild neben ihr stehend) vorzeitig abzudanken, da sie ihn mit Recht für einen Nichtsnutz hielt, für eine Karikatur ihres geliebten Ehemannes. Berti jun. legte als erstes den verhaßten deutschen Namen seines verhaßten deutschen Vaters ab und nannte sich Edward. (Er war der siebte Herrscher dieses Namens in England, und einige seiner Träger waren recht tüchtig gewesen; aber ob er das wußte, dumm und ungebildet wie er war, ist zweifelhaft; doch wußte er von seiner Schwester Vicky sicher, daß "Ede" in Berlin der häufigste Spitzname für Ganoven war; wahrscheinlich legte er sich den zu, um die Deutschen zu ärgern.) Dann begann er mit der Vorbereitung eines Krieges um jeden Preis gegen das Land von Wilhelm Kurzarm, seinen Neffen und Halbbruder. (Aber ob er das wußte, ist ebenfalls zweifelhaft, wahrscheinlich nicht; er mochte seine ältere Schwester - die als ein Ausbund von Tugend galt - und hätte ihr das mit dem von ihm so gehaßten Vater wohl nicht zugetraut.) Da der Preis keine Rolle spielte, wurde er entsprechend hoch: Er sollte 10 Millionen Menschen das Leben kosten, England sein Empire und Europa seine Vorherrschaft in der Welt - aber noch war es nicht so weit.

* * * * *

1855 kam wieder jemand auf die Idee, sein murrendes Volk von seinen politischen Problemen mit einer schönen großen Ausstellung abzulenken: Napoleon, der sich "der Dritte" nannte (obwohl es nie einen zweiten Herrscher dieses Namens gab) hatte einen Krieg gegen Rußland vom Zaun gebrochen, den so genannten Krimkrieg. Da lief nicht alles so, wie es sollte. Nun, das mag schon mal vorkommen in der Politik, aber Napoleon war das nicht gewohnt und entsprechend ungehalten. Innenpolitisch war er ein guter Mann (viele der Verdienste, welche eine schlecht informierte Nachwelt seinem Namensvetter gut schreibt - von der Verwaltungsreform bis zur Neugestaltung des Pariser Straßennetzes - gehen auf sein Konto); aber außenpolitisch war er eine Katastrofe, denn er wollte "Weltpolitik" machen. Politisch voreingenommene Historiker haben schon vielen Staatsmännern zu Unrecht vorgeworfen, die Welt erobern zu wollen, die allenfalls eine Vorherrschaft in Europa anstrebten - der "böhmische Gefreite" wollte die deutschen Kolonien nicht einmal geschenkt zurück haben; und der korsische Korporal verkaufte die französische Kolonie Louisiana sogar mitten im Krieg -; aber wenn dieser Vorwurf je auf einen Franzosen zutraf, dann war es Napoleon III. Tat er das etwa für die Franzosen in Kanada oder in Louisiana (wofür Dikigoros ja noch Verständnis hätte)? Aber nein - die waren ihm völlig egal. Statt engagierte er sich an Orten der Welt, von denen man damals kaum wußte, wie sie sich schrieben, geschweige denn, wo sie lagen, vom Senegal bis Neu-Kaledonien (das heutige Kanakistan), und mischte sich in Dinge ein, die Frankreich partout nichts angingen, z.B. die Thronfolge in Mexiko, die Kolonisierung Indochinas und... die Heiligen Stätten in Jerusalem.

Ja, liebe Leser, man mag es kaum für möglich halten, aber dort begann der Krimkrieg! Krimhild ("Hild" ist das alt-germanische Wort für Krieg) und Brunhild, pardon, ein römisch-katholisches und ein orthodoxes Mönchlein stritten darum, wem von ihnen dort wohl auf der Kirchentreppe der Vorrang gebührte. Napoleon als guter Katholik und der russische Zar als guter Orthodoxer stellten sich hinter ihre jeweiligen Kandidaten, und da Jerusalem in Palästina lag, das zum Osmanischen Reich gehörte, wurde der Krieg erstmal auf dem Rücken der Türken ausgetragen: Die Russen marschierten in Rumänien ein (auch das gehörte damals noch zum Osmanischen Reich), und Napoleon organisierte den Gegenschlag auf der Krim. So weit, so schlecht - aber was hat das mit Weltausstellungen, Weltpolitik oder gar Weltgeschichte zu tun? Nun, zu den Vorbereitungen eines Krieges gehört immer auch die Propaganda. Dieses Wort stammt aus dem Waffen-Arsenal des Vatikans und bedeutet ursprünglich die Verbreitung des Glaubens daran, daß die eigene Sache gut, gerecht und Gott wohlgefällig ist. Napoleon beauftragte jedoch keinen französischen oder italienischen Katholiken, sondern einen deutschen Juden namens Karl Marx. Der war einige Jahre zuvor mit seiner Frau Jenny - einer gebürtigen Gräfin von Westphalen - von Paris nach London emigriert und schrieb dort Artikel für jüdische Zeitungen in den USA. Den beauftragte man also, dort ein gefälschtes Dokument zu lancieren, das den Titel trug: "Testament Peters des Großen". (Daß es eine Fälschung war, hätte man schon daran erkennen können, daß dieser Zar in Rußland gar nicht "Peter der Große" hieß oder heißt - so nennen ihn nur die Ausländer -, sondern schlicht "Peter der Erste"; aber wer wußte das damals schon?) Darin wurde auf perfide Art und Weise beschrieben, wie Rußland nach der Weltherrschaft strebte, indem es zunächst alle Völker Europas unterwarf, und morgen die ganze Welt... Da die Fälscher Mitte des 19. Jahrhunderts lebten, war es ihnen ein Leichtes, einen Text zu verfassen, der aus der Sicht des lange Verstorbenen geradezu profetisch klingen mußte. Marx, der immer knapp bei Kasse war (soeben hatte sich seine Familie wieder um eine Tochter vergrößert, die zwar offiziell Eleanore hieß, aber von allen nur "Tussy" gerufen wurde), tat das um den Judas-Lohn von zwei englischen Pfund in Gold; das war ein Kapital von damals immerhin 40 Silberlingen, pardon Schillingen, also immerhin 10 mehr als damals in der Bibel... (Er wußte das sicher, denn er stammte sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits von äußerst frommen Rabbinern ab; aber es scheint ihn nicht gestört zu haben.) Marx provozierte damit, gewissermaßen als eine Gegenmaßnahme der Russen, eine andere Fälschung, die nicht minder perfide zusammen gestellt war aus Dingen, die sich tatsächlich bereits ereignet hatten: die "Protokolle der Weisen von Zion", die den Juden unterstellten, nach der Weltherrschaft zu streben. (Rothschild und die meisten anderen Juden, denen man das damals unterstellen konnte, waren französische Staatsbürger.)

Freilich fanden diese Schriften damals noch keine größere Verbreitung, geschweige denn Beachtung; und als Napoleon das merkte, entschied er sich, lieber ein paar Franken mehr in eine bessere Propaganda zu investieren. Und da er gerade bei Vicky und Berti auf Staatsbesuch in London gewesen war (die führten zusammen mit ihm dem Krimkrieg gegen Rußland), nahm er von dort die Anregung mit, ebenfalls eine Weltausstellung zu veranstalten - in seiner gerade prächtig neu gestalteten Hauptstadt Paris. Er trug auch richtig dick auf: "Weltweite Ausstellung der Landwirtschaft, Industrie und Schönen Künste" nannte er das Unternehmen (jawohl, nicht nur der Erdkreis, sondern gleich das ganze Universum mußte dafür her halten). Die Kosten sparte er bei seinen Soldaten auf der Krim ein: Verpflegung mangelhaft, Bekleidung und medizinische Versorgung ungenügend. Und während die Verluste aus echten Kampfhandlungen minimal waren (beide Seiten hatten sich zum Sitzkrieg eingegraben, und die Russen hatten noch die altmodischen, einschüssigen Vorderlader-Gewehre, mit denen man eher sich selber als den Feind verletzen konnte, wenn nicht gerade ein gutes Bajonett drauf steckte), erlitten die Alliierten sechsstellige Verluste durch Erfrierungen und Cholera-Epidemien. Da Napoleon die Kosten für die Weltausstellung wie gesagt an seinen Soldaten eingespart hatte, wurde sie auf dem Papier ein finanzieller Erfolg - der Krimkrieg übrigens auch; denn angesichts der Weltausstellung, von der ihm seine Spione berichteten, schloß der von der technischen Überlegenheit der Engländer und Franzosen schwer beeindruckte Zar schnell Frieden. Die Verluste schienen also gar nicht so hoch. Die paar Toten wären doch früher oder später auch so gestorben...

Aber wer Dikigoros kennt weiß, daß jetzt wieder einer seiner parallelen Treppenwitze kommt (über den er freilich selber nicht lachen kann). Beginnen wir mit ein wenig ausgleichender Ungerechtigkeit: Auch Marx verlor bei einer Cholera-Epidemie in London drei seiner Kinder - weil er nicht bereit war, die Silberlinge aus seinem sauer verdienten Kapital christlichen Ärzten in den Rachen zu werfen. Und nur ein Jahr nach der Weltausstellung erkrankte seine Frau an Windpocken, erlitt eine Fehlgeburt und verlor ihr Gehör - mit der war nichts mehr anzufangen, wie er seinem Freund Fritze Engels schrieb. Na und? wird der brave Marxist fragen, dafür hatte Marx doch seine geistigen Kinder, die drei Bände des "Kapitals" (nein, nichts über die 40 Silberlinge, sondern eine Art kritisches Lehrbuch der Volkswirtschaft). Wo bleibt nun die Parallele? Die Frage könnte man auch so formulieren: Was haben Pussy und Tussy gemeinsam? Eben, genau das. Marx hat den ersten Band des "Kapitals" (von dem Dikigoros sich immer wieder fragt, wie viele "Marxisten" ihn wohl tatsächlich gelesen haben) 1867 veröffentlicht. Danach schrieb er praktisch nichts mehr außer ein paar kurzen Traktätchen (als "Erlahmen seiner schöpferischen Kraft" umschreiben seine Biografen das höflich) - der zweite und dritte Band erschienen erst nach seinem Tode, herausgegeben von Engels. Offizielle Lesart der Marxisten ist, daß Fritze wohl auch deren eigentlicher (Mit-)Verfasser war. Aber das stimmt nicht. Spätestens seit 1871 hatte Marx mit seiner damals 16-jährigen Tochter Tussy - die ihrer Mutter in jungen Jahren wie aus dem Gesicht geschnitten war (nein, liebe Leser, laßt Euch nicht durch die unterschiedlichen Frisuren täuschen und auch nicht durch den unterschiedlichen Mundausdruck - natürlich wirkt ein Lächeln anders - aber die Nase und die Ohren bleiben sich gleich!) - ein Verhältnis; und wie bei Pussy und Berti teilte auch Tussy mit ihrem Vater nicht bloß das Bett, sondern auch den (Schreib-)Tisch - sie ist wahrscheinlich die (Mit-)Verfasserin des zweiten und dritten Bandes des "Kapitals". ("Tussy ist ich", soll ihr Vater einmal gesagt haben.) Spielt das eine Rolle? Oh ja, liebe Leser, denn so wie "Die Protokolle der Weisen von Zion" sollte auch "Das Kapital" den Krimkrieg überleben; und zusammen sollten diese beiden Machwerke im nächsten Jahrhundert zehnmal mehr Opfer fordern als der Krieg, für den Berti einst den Grundstein gelegt hatte.

1873 lebt Dikigoros' Urgroßvater seit sechs Jahren in Wien. Das ist Jahrhunderte hindurch die politische und kulturelle Hauptstadt des Abendlandes gewesen - nicht Paris, nicht London, und schon gar nicht das malariaverseuchte Ruinenfeld am Tiber. Die Betonung liegt auf gewesen, denn längst haben ihm die Metropolen an der Seine und an der Themse den Rang abgelaufen, und seit zwei Jahren liegen auch am Tiber und an der Spree wieder Hauptstädte, die es alsbald zu überflügeln drohen. Aber Kaiser Franz (nein, nicht der Fußballer, der Habsburger!) will das nicht wahr haben. Er ist ein traditionsbewußter Mensch und Monarch, der jetzt sein 25. Regierungs-Jubiläum feiert - und wenn London und Paris schon Weltausstellungen hatten (sogar jeweils zwei, die beiden anderen hat Dikigoros geschlabbert, wobei er formell im Recht ist, denn die nannten sich nur "Internationale Ausstellung"), dann darf Wien nicht zurück stehen. Man gönnt sich ja sonst nichts: Alle seine Kriege hat Franz verloren, erst gegen Frankreich und Italien, dann gegen Mexiko und die USA, schließlich gegen Preußen und Italien. Gegen die aufmüpfigen Ungarn mußte er gar die Russen zu Hilfe rufen - wie peinlich. Das haben ihm die Ungarn nicht vergessen und erst recht nicht verziehen - nach der Niederlage gegen die Preußen mußte Franz ihnen die Unabhängigkeit gewähren. Pro forma ist er zwar noch ihr König; aber die haben sofort begonnen, alles Deutsche bei sich platt zu machen (und auch alles andere nicht-magyarische); in Wien sammeln sich die Flüchtlinge; Dikigoros' Urgroßvater ist einer von ihnen. Mißmutig steht er auf den Praterwiesen - wo übrigens noch nicht das Riesenrad aufgebaut ist, für das der Prater heute berühmt ist, das sollte erst zwei Jahrzehnte später erfunden werden - und fragt sich, was das alles soll: Das ist doch keine Welt-, sondern allenfalls eine Provinzausstellung! Gewiß, eine Provinzausstellung der Superlative: Die größte Ausstellungshalle, die meisten Besucher - fast sieben Millionen - und die bisher höchsten Verluste für die Veranstalter: über 15 Millionen Guslden; das ist so viel, daß es an der Wiener Börse zum Großen Krach kommt und Österreichs Hauptstadt sich als Börsenplatz endgültig aus der Finanzwelt verabschiedet. Enttäuscht kehrt Seppel zurück in die morbide Metropole, die allerdings einen Hauch der weiten Welt vermittelt. Leider nicht der großen, weiten Welt, sondern eher der kleinen und engstirnigen Halbwelt, einen Hauch dessen, was sein Urenkel "zero-kulti" und dessen Zeitgenossen "multi-kulti" nennen werden: Zugereistes Gesocks aus aller Herren Länder bevölkert die "Welt"-Stadt. (Er zählt sich nicht dazu, denn er ist ja ein echter Österreicher, halt nur ein "Heimkehrer" aus Ofen, das sie jetzt Buda nennen und mit Pescht am anderen Donau-Ufer zusammen gelegt haben. Die Doppel-Stadt wird bald das alte Preßburg als Hauptstadt Ungarns ablösen, aber das ist eine andere Geschichte.)

Es hilft Wien gar nichts, daß es sich selber bzw. die Teilnehmer seiner Weltausstellung mit großartigen Medaillen auf (in alfabetischer Reihenfolge :-) Fortschritt, guten Geschmack, Kunst u.a. Verdienste ehrt - es kommt langsam aber sicher auf den Hund, und mit ihm ganz Österreich. Es ist ihm nicht gut bekommen, sich von Deutschland abzuwenden (es hat das Feld dort den Preußen überlassen) und das durch Engagements in Ost- und Südosteuropa auszugleichen. Deutsch-Österreich ist klein genug; im Osten liegt das Königreich Ungarn (zu dem auch die Slowakei, Siebenbürgen und Kroatien gehören) wie ein großer dicker Sperrgürtel - muß man sich da jenseits dieses Gürtels noch Gebiete in Polen, der West-Ukraine oder auf dem Balkan ans Bein binden? Sollte man nicht besser alle Anstrengungen darauf richten, die noch verbliebenen, von Deutschen bewohnten Gebiete in Norditalien, Böhmen und Mähren enger an sich zu binden? Das sind nämlich zufällig (?) auch diejenigen Gebiete, aus denen die meisten der wenigen sehenswerten Ausstellungs-Beiträge des Habsburger-Reichs kommen. Ohne die würde Österreich kaum noch etwas darstellen - und Wien schon gar nicht. Aber Franz und seine Regierenden zählen nicht die Köpfe, sondern nur die Ärsche ihrer Untertanen, und da ist einer so gut wie der andere: "Entscheidend ist, was hinten 'rauskommt," sagt jemand in der Hofkanzlei; er will damit sagen: "Hauptsache, die Zahlen stimmen."

* * * * *

Ein paar Jahre später wird in Braunau am Inn, einem Städtchen an der Grenze zwischen Bayern und Österreich, einem braven Zollbeamten, der nicht mehr lange zu leben hat, ein Sohn geboren, der als Halb-Waise aufwachsen und seine prägenden Jahre im Multi-Kulti-Sumpf Wien verbringen wird. Er wird als harmloser kleiner Postkartenmaler ankommen, der gerne in die Oper geht. Zwischendurch, wenn das Geld nicht für einen Opernbesuch reicht, wird er auch mal ins "Parlament" gehen. (Eigentlich heißt es richtig "Reichstag"; Parlament - vom Italienischen parlare, daherreden, abgeleitet - war im deutschen Sprachraum ursprünglich ein Schimpfwort). Dort ist immer gut geheizt, der Eintritt ist frei, und die Sitzungen sind öffentlich. Aber manchmal ist es gar nicht so gut, wenn der Untertan mit erlebt, wie das funktioniert, was die Herrschenden und ihre Parteien ihm da als "Demokratie" verkaufen - und das nicht eben billig, wenn man mal mit spitzem Griffel nachgerechnet. Und so wird der erfolglose Postkartenmaler Wien in der Überzeugung verlassen, daß die Zahlen nicht stimmen und daß eines Tages neu abgerechnet werden muß - mit den Schuldigen, wer immer das ist. Dikigoros kann und will diese Frage nicht beantworten; aber er ahnt zumindest, wer schuld daran war, daß der Postkartenmaler aus Braunau zu dieser Überzeugung gelangt ist (und somit an all den Folgen, die sich aus dessen Überzeugung noch ergeben sollten): Es waren wohl Leute wie die Organisatoren der Weltausstellung, die in ihrer Blindheit aus Wien das gemacht haben - oder haben werden lassen -, was aus der Heimatstadt von Dikigoros' Mutter inzwischen geworden ist. Aber auch die haben sich wohl nicht träumen lassen, wie hoch die Folgekosten auf der Endabrechnung für diese Weltausstellung einmal ausfallen würden. Denn als der Postkartenmaler, der nicht länger in Wien leben, geschweige denn für die Habsburger sterben will, zum Wehrdienst einberufen wird, desertiert er - nach Deutschland. Dort werden wir ihn ein paar Zeilen weiter unten wieder treffen. Weil aber viele Leute damals so zu denken beginnen wie er, wird das Habsburger-Reich bis dahin längst untergegangen sein, und statt für Habsburg zu sterben werden die Leute andere, nicht weniger unerfreuliche Rechnungen begleichen müssen - von denen sie freilich noch nichts ahnen.

Andere Leute können dagegen bereits im Jahre 1876 eine schöne Rechnung aufmachen - das glauben sie zumindest, und so laden sie denn zur Weltausstellung nach Philadelphia. Eigentlich sollte die ja in Chicago stattfinden; aber das ist 1871 bis auf die Grundmauern nieder gebrannt und noch nicht wieder aufgebaut. (Die Stadtverwaltung hatte einer alten Irin die Sozialhilfe gestrichen, als sie herausfand, daß die ja noch ein Häuschen, einen Stall und eine Kuh hatte; daraufhin steckte die das alles in Brand, und da die Feuerwehrleute mehr mit Plündern als mit Löschen beschäftigt waren, fackelte am Ende die ganze Stadt ab.) Seppel ist wieder Zaungast - er ist in die USA ausgewandert, just nach Philadelphia, weil das damals noch eine rein deutsche Stadt ist; aber davon schreibt Dikigoros an anderer Stelle. Die USA haben in den 100 Jahren seit der Unabhängigkeit (aus diesem Anlaß findet die Weltausstellung statt) einen ungeheuren Aufschwung genommen. Die Zahlen stimmen: Das Staatsgebiet, die Einwohner, die Industrie-Produktion, alles hat sich vervielfacht, und selbst die Folgen des unseligen Bürgerkrieges werden langsam überwunden.

Bis auf eine, und da muß Dikigoros etwas weiter ausholen: 100 Jahre zuvor hatten die USA noch weitgehend vom Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse gelebt, vor allem von Tabak und Baumwolle. Beides war Knochenarbeit; und da die Weißen der USA entweder zu faul oder zu fein dafür waren (oder tatsächlich zu schwach?), hatten sie Neger-Sklaven aus Afrika importiert. Das war bequem, und das war billig. (Dikigoros spart sich Ausführungen darüber, wie sehr er jene Leute ob ihrer vermeintlich billigen Bequemlichkeit verachtet. Ist es wirklich lebensnotwendig, zu rauchen oder Tabak zu kauen? Und konnte und kann man Baumwolle anderswo auf der Welt nicht auch ohne Sklaven anbauen?) Aber Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse gewandelt: Mit industriellen Erzeugnissen, wie sie in den Nordstaaten der USA hergestellt wurden, ließ sich auf dem Weltmarkt viel mehr Geld verdienen (wenn man nur den Freihandel durchsetzen würde statt der albernen Schutzzölle) als mit den Tabak- und Baumwoll-Plantagen der Südstaaten. Und "Sklaven" wurden allmählich ein teurer Luxus: Wenn sie alt und krank wurden, mußten sie weiter mit durch gefüttert werden; einen Billiglohn-Arbeiter in den Fabriken des Nordens konnte man dagegen, wenn er nicht mehr arbeitsfähig war, auf die Straße setzen und durch einen noch billigeren Einwanderer ersetzen. Über diese beiden Fragen - die Abschaffung der Schutzzölle und der patriarchalischen Arbeitsverhältnisse auf Lebenszeit - kam es zum amerikanischen Bürgerkrieg, dem ersten totalen Krieg der Neuzeit. Der Norden, die Union, siegte und vernichtete nicht nur den Staat der Konföderierten, sondern auch ihre Plantagen. Die Schwarzen wurden "befreit", d.h. sie wurden in die (Schein-)Selbständigkeit entlassen, mit der sie politisch nichts anfangen konnten und die ihnen wirtschaftlich nur Nachteile brachte; und die cleveren Nordstaatler verherrlichten diese ihre Heldentat mit einem schönen Denkmal, das auf der Weltausstellung enthüllt wurde: Es zeigt einen Neger-Sklaven, der seine von Ketten befreiten Arme hoch reckt. Dieses Problem glaubte man also gelöst zu haben - denn was 100 Jahre später sein würde, fragte noch niemand.

Waffenstillstand ist nun schon seit elf Jahren, aber der Kriegszustand ist erst vor vier Jahren für beendet erklärt worden, und selbstverständlich bleiben die Unionstruppen bis auf weiteres im Süden stationiert, um die Demokratisierung und die "Reeducation", pardon "Reconstruction" zu überwachen. "Carpetbaggers" nennt man die Besatzer dort undankbarerweise, nach den großen Beuteln und Säcken, in denen sie Teppiche - Armband-Uhren gab es damals noch nicht - und alles andere plünderungswürdige Eigentum der Südstaatler fortschleppen - bis man die Besetzten zwingt, sie "Befreier" zu nennen. Eine Volksgruppe scheint man bei dieser "Befreiung" freilich vergessen zu haben - oder nicht? Nein, die Indianer hat man nicht etwa vergessen, sondern ganz bewußt ausgenommen; denn das, was heute die meisten Historiker als den zeitgleich mit dem Bürgerkrieg statt findenden "Cheyenne-Arapaho-Krieg" und als den "Sioux-Krieg" bezeichnen, betrachten die Nordstaaten damals als eine Kriegsteilnahme der Indianer auf Seiten der Südstaaten. Zur Strafe werden sie mit Gewalt aus ihren angestammten Gebieten im Osten vertrieben, auch aus denen, die man ihnen zwar einst vertraglich zugesichert hatte (aber das war halt, bevor die Weißen im Osten stärker wurden - auch und vor allem zahlenmäßig). Sollen die Indianer doch sehen, wie sie im Westen zurecht kommen, da hat man ihnen großzügig ein paar Reservate eingerichtet, hinter den Schwarzen Bergen. Einige verhungern, einige erfrieren, einige werden erschlagen oder kommen sonstwie um - insgesamt schätzt man die Zahl der Opfer auf rund eine Million; aber wen schert das schon an der Ostküste, im schönen Philadelphia? Davon wird man sich doch die gute Stimmung zur 100-Jahrfeier nicht verderben lassen! (Helen Jackson's böses Buch "A Century of Dishonor - ein Jahrhundert der Unehrenhaftigkeit" ist zwar schon geschrieben; aber es hat noch kein Verleger gewagt, es zu veröffentlichen - das sollte noch fünf Jahre dauern.)

Aber kaum ist die Ausstellung eröffnet und das "Befreiungs"-Denkmal enthüllt, kommen schlechte Nachrichten: Irgendwo im Nordwesten haben die "Sioux" an einem Fluß mit dem idiotischen Namen "kleines großes Horn" in einem ebenso idiotischen Scharmützel eine Kavallerie-Einheit unter "General" Custer aufgerieben. ("Sioux" spricht sich übrigens "ßjú" aus, denn es ist französisch - ja, liebe Leser, die einstige französische Kolonie Louisiana reichte ursprünglich vom Golf von Mexiko bis nach Kanada! -, nämlich die Verballhornung von "Nadoue-isiu", einem (Schimpf-)Wort aus der Sprache der Ojibwa-Indianer, mit dem diese ihre feindlichen Nachbarn, die Dakota-Indianer, benannten: "kleine Schlangen". Heute bezeichnen sich die Nachfahren der Dakota in einem seltsamen Anfall von nationalem Masochismus - wie man ihn sonst allenfalls noch von den Deutschen kennt - auch selber als "Sioux", obwohl inzwischen sogar zwei U.S.-Bundesstaaten nach ihnen benannt sind, darunter der, in dem sich das Drama damals abspielte.) Custer war ein Held des Sezessionskrieges, der "Marschall Vorwärts" der Nordstaaten, den man zum Führer einer Freiwilligen-Brigade aus Michigan gemacht und ihm dafür einen (und später noch einen zweiten) Generals-Stern an seine Fantasie-Uniform gesteckt hatte. Eigentlich war er nur einer jener tollkühnen Subaltern-Offiziere, die sich durch persönliche Tapferkeit vor dem Feind auszeichneten und dabei leichtfertig ihr Leben - und das ihrer Männer - aufs Spiel setzten, Typen wie zur gleichen Zeit Zeppelin (der sich seinen Generals-Stern einfach selber ansteckte; tatsächlich war er erst Leutnant; General sollte er erst 25 Jahre später in Württemberg werden :-) oder 80 Jahre später Rommel. Diese Sorte Soldat taugt bestenfalls zum Hauptmann und Kompaniechef - und das wurde Custer bei Kriegsende auch wieder. Später diente er sich nochmal bis zum Oberstleutnant hoch, hauptsächlich mit "Heldentaten" wie dem Massakrieren indianischer Frauen und Kindern in deren Dörfern, wenn deren Männer und Väter unterwegs waren, um die Frauen und Kinder von weißen Siedlern zu massakrieren - beide Seiten mieden nach Möglichkeit die offene Feldschlacht, denn so weit ging die Tapferkeit denn doch nicht.

Und nun wollte Custer bei der nächsten Präsidentschaftswahl kandidieren. Das war nichts Außergewöhnliches - im Gegenteil: fast alle amerikanischen Präsidenten, angefangen bei Washington, waren zuvor Generäle gewesen, auch der gerade amtierende Grant. (Der galt als "besonders korrupt", nicht etwa, weil er sich bei seinem Plünderungszug durch den Süden persönlich bereichert hatte, sondern weil er und seine Freunde etwas Geld mit schwarz gebranntem Whisky verdienten und die Polizei beide Augen zu drückte; als drei Generationen später die Kennedies damit Millionen machten und mit dem Geld einem der ihren - der übrigens nur Leutnant war - den Sieg bei der Präsidentschaftswahl erkauften, sollte sich niemand mehr darob aufregen.) Zu diesem Zweck wollte sich Custer mit einem besonderen Husarenstück in die Schlagzeilen bringen. Das gelang ihm auch voll und ganz - allerdings anders als er es sich vorgestellt hatte. Denn nachdem er den Heldentod gestorben war, wurde er erst richtig zum National-Helden der USA (was er, mit Einschränkungen, bis heute geblieben ist - aber das ist eine andere Geschichte). Und seine Nachfolger hatten nun endlich den Vorwand, den sie so lange gesucht hatten, um die Indianer endgültig auszurotten. Heute würde man das "Völkermord" nennen - ein böses Wort; aber es ist schon auf Taten angewendet worden, auf die es weit weniger zutraf. Wie ist Dikigoros bloß darauf gekommen, den Leser schon wieder mit Millionen Leichen zu belästigen? Ach, es war nur ein Zufall, eine zeitliche Koïnzidenz zur Weltausstellung von Philadelphia, eigentlich nicht der Rede wert, eine Fußnote der Geschichte. Dikigoros entschuldigt sich vielmals (man möge ihm zugute halten, daß auch auf der Weltausstellung von nichts anderem geredet wurde) und eilt nach Europa zurück, zu anderen, friedlicheren Weltausstellungen.

[Medaille auf die Weltausstellung 1878 in Paris]

Weltausstellungen? Friedlich? Na ja, alles ist relativ. 1878 findet wieder eine in Paris statt. Frankreich hat inzwischen einen Krieg gegen Preußen und dessen deutsche Verbündeten verloren und will diese Blamage vergessen machen. Ein Ingenieur namens Alexander Gustaf Boenickhausen, dessen Vorfahren aus der Eifel stammen, baut die Ausstellungshallen. Zur Belohnung wird nun endlich sein Einbürgerungs-Verfahren forciert und zwei Jahre später nebst Namensänderung abgeschlossen - fortan heißt er "Gustave Eiffel".

In Belgien, genauer gesagt in Brüssel, Lüttich und Antwerpen, haben schon immer große Industrie- und Gewerbe-Messen statt gefunden; und da alle Welt so etwas jetzt "Weltausstellung" nennt, tut Antwerpen das ab 1885 auch. (Die Preußen sind da bescheidener: Sie nennen ihre großen Messen, die seit 1844 regelmäßig in Berlin statt finden, einfach nur "Gewerbeausstellung"; die von 1896 ist die größte im 19. Jahrhundert, sie zieht 7,5 Millionen Besucher an - was die Veranstalter übrigens nicht hindert, Verlust zu machen, ebenso wenig wie später den Veranstalter der "Internationalen Hygiene-Ausstellung" 1911 im sächsischen Dresden, die ebenfalls mehr Aussteller und Besucher aus aller Welt anzieht als die so genannten "Welt"-Ausstellungen.) Auf den großen, dicken Denkmünzen, die Belgien zu dem Anlaß prägt, sitzt Fama, die Göttin des Ruhms, oben ohne mit einer Tröte auf einer Weltkugel, und darüber steht: "Exposition Universelle Anvers (Weltausstellung Antwerpen)"; und auf der anderen Seite steht: "Leopold II Roi des Belges Protecteur de l'Exposition (Poldi der 2., König der Belgier, Schirmherr der Ausstellung)", und seinen Kopf ziert ein langer Rauschebart. (Er ist übrigens ein Cousin von Drina, wie so viele gekrönte Häuptlinge in Europa.)

Von diesen "Welt"-Ausstellungen gibt es in Belgien fortan fast jedes Jahr eine, eigentlich immer dann, wenn keine andere diesen Titel für sich beansprucht. Erwähnung verdienen eigentlich nur zwei: 1897 läßt Poldi - der auch Oberhäuptling, pardon, Schirmherr des Kongo ist - ein paar hundert Neger aus seiner mittelafrikanischen Kolonie nach Brüssel verschleppen, stellt sie dort in nachgebauten Hütten aus und läßt sie begaffen, als seien sie Industrie-Erzeugnisse. Er selber geht nicht hin (er hat Angst vor Negern), die meisten seiner Untertanen auch nicht, und so wird die Ausstellung ein Flop; hinterher versucht er, die Kongolesen "umerziehen" zu lassen, zu guten Weißen; aber das klappt irgendwie auch nicht. 1910 stellen alle Staaten der Welt ihr neuestes Kriegsgerät in Brüssel aus, um ihren potentiellen Feinden Angst zu machen und sie abzuschrecken; aber auch das klappt nicht, denn schon vier Jahre später soll der Erste Weltkrieg ausbrechen. Aber soweit ist es noch nicht; Dikigoros hat nur schon mal vorgegriffen, um nicht jedesmal aus chronologischen Gründen auf die langweiligen belgischen "Welt"-Ausstellungen zurück kommen zu müssen.

1889 ist wieder eine Weltausstellung in Paris angesagt; sie soll etwas Besonderes werden, denn es gilt den "Centenaire [100. Jahrestag]" der Revolution von 1789 zu feiern, da braucht man ordentlich Platz. Woher nehmen und nicht stehlen? Hinter der Militär-Schule am damaligen West-End der Stadt gibt es einen Exerzierplatz, der "Mars-Feld" genannt wird (nicht nach dem klebrigen Schoko-Riegel - den gibt es damals noch nicht -, sondern nach dem römischen Kriegsgott), wo Frankreich seinen Offiziers-Nachwuchs für den Revanche-Krieg gegen Preußen-Deutschland drillt. Da das etwas weit vom Schuß ist, braucht man ein weithin sichtbares Wahrzeichen, damit auch jeder hin findet. Ein junger Architekt namens Köchlin hat die nicht besonders originelle Idee, ein 300 m hohes Gerüst aus Eisenträgern zu errichten, das eigentlich gar nichts darstellt, halt einen oben spitz zulaufenden Turm mit Aussichtsplattform. "Technisch nicht machbar," lautet das einstimmige Urteil der Keksperten. Aber Köchlin sucht seinen väterlichen Freund Gustaf auf, den Ingenieur; der erkennt, daß die modernen Stahl-Legierungen viel mehr aushalten als die Eisenträger von früher; ja, er traut sich das zu, reicht einen Entwurf ein und gewinnt tatsächlich das Preisausschreiben. Vier Jahre dauern die Bauarbeiten; pünktlich zur Weltausstellung hat "Gustave Eiffel" den nach ihm benannten Turm allen Unkenrufen zum Trotz fertig.

Eigentlich sollte das häßliche Ding gleich nach der Weltausstellung wieder abgerissen werden; aber die Militärs legen ihr Veto ein: Sie haben richtig erkannt, daß man den Turm prima als Telegrafenstation einsetzen kann, als Wetterstation und Blitzableiter, also bleibt er erstmal stehen - und er steht bis heute (inzwischen vornehmlich als Fernsehsender und Touristennepp-Anlage genutzt). "Gustave Eiffel" aber wird durch Köchlins Idee weltberühmt; er wird auch noch an der Freiheits-Statue mitarbeiten, die die Amerikaner in der Hafeneinfahrt von New York aufstellen; doch darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle und will sich hier nicht wiederholen.

A propos Amerika - wo waren wir da gleich stehen geblieben? Richtig, bei der Weltausstellung, die 1876 nicht in Chicago statt gefunden hatte, weil es abgebrannt war. Inzwischen hat man es wieder aufgebaut, schöner als je zuvor, und inzwischen sind so viele Deutsche dort zugereist - die (miß)brauchte man immer gerne, wenn es ans Aufbauen ging -, daß sie dort die Mehrheit stellen. Einer von ihnen ist Dikigoros' damals noch ganz junger Großvater. Eigentlich war der zweite Anlauf ja für 1892 vorgesehen, zum 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Dessen Entdeckungen hatten zwar gar nichts mit den USA zu tun, und den Termin kann man auch nicht einhalten. Aber was macht das schon - 1893 ist auch noch ein Jahr, und Dikigoros wollte eigentlich noch so viel darüber schreiben; aber dann hat er beschlossen, sich das lieber für die Weltausstellung 40 Jahre später aufzuheben, die zufällig wieder in Chicago statt finden sollte.

[Riesenrad in Chicago] [Riesenrad im Prater]

Nur die Sache mit dem Riesenrad ist er seinen Lesern noch schuldig: Ein Ingenieur namens Ferris konstruiert das erste seiner Art für die Weltausstellung in Chicago, und nach ihm nennen es die Amerikaner bis heute "Ferris Wheel". Noch im selben Jahr kehrt Dikigoros' Großvater nach Wien zurück und erzählt dort allen seinen Bekannten von dem "Riesenrad" - vier Jahre später steht auch eines im Prater. Warum er den USA nach so kurzer Zeit den Rücken gekehrt hat weiß Dikigoros nicht. (Die Erzählungen seiner Mutter und seiner Tante - die ja beide noch nicht geboren waren - sind in diesem Punkt verworren; wahrscheinlich haben sie die ganze Wahrheit über seine Beweggründe selber nicht erfahren, denn wer erzählt schon gerne von seinen Mißerfolgen und seinem Scheitern?) Muß er auch nicht, denn in Wien finden ja keine Weltausstellungen mehr statt.

Aber zwei Weltausstellungen kann Dikigoros als begeisterter Sportler einfach nicht schlabbern, nämlich die von Paris im Jahre 1900 und die von St. Louis im Jahre 1904. 1896 hatte ein in den Sport vernarrter französischer Baron die Idee der Olympischen Spiele wieder belebt (das glaubte er jedenfalls). Die erste Olympiade "neuer Zeitrechnung" hatte er noch aus eigener Tasche finanziert; aber für die Nachfolge-Veranstaltungen fanden sich keine anderen Sponsoren. (Die Franzosen fuhren lieber Fahrrad - was damals keine olympische Disziplin war - und führten zwischen jenen beiden Olympiaden die "Tour de France" ein, genauer den "Tour de France", denn die Tour ist auf französisch männlich, während der Turm weiblich ist, so daß es die "Tour Eiffel" heißen müßte.) Also hängte der Baron sie einfach an die Weltausstellungen dran. Über die sportlichen Ereignissen schreibt Dikigoros an anderer Stelle; aber er möchte seinen Lesern hier das Drumherum nicht vorenthalten. 1900 in Paris werden zwar viele schöne Dinge ausgestellt, in zwei eigens zu diesem Zweck errichteten neuen Palästen, dem "Grand Palais" und dem "Petit Palais", südlich der Champs Élysées, unweit des Obelisken (nein, liebe Asterix-Freunde, der ist nicht nach Obelix benannt!); aber das Publikum ist überwiegend enttäuscht. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts hat man nämlich, fortschrittsgläubig wie man damals schon ist, etwas ganz Besonderes erwartet, eine Kombination technischer und sportlicher Höchstleistungen: Der Mensch will seinen alten Traum vom Fliegen endlich verwirklicht sehen. Ein Bankier aus dem Elsaß namens Deutsch lobt einen Preis von 100.000 Goldfranken aus für den ersten Menschen, der den Eiffel-Turm in einem Luftschiff umrunden würde.

Wer jetzt an Zeppelin denkt liegt falsch. Jener "verrückte Graf" (so nannten ihn seine Zeitgenossen) und ruhmsüchtige Kavallerie-Offizier aus dem amerikanischen Bürgerkrieg opferte seine Leute zwar ebenso bedenkenlos wie sein Kollege Custer, aber dann desertierte er und konnte deshalb nicht als Kriegsheld berühmt werden. (Im deutsch-französischen Krieg verheizte er seine Leute ebenso gnadenlos. Einmal gelang es ihm, eine Kavallerie-Einheit bis auf den letzten Mann zu "opfern"; dieser letzte Mann war ausgerechnet er selber; aber da es keine Zeugen mehr gab, konnte man ihm nicht nachweisen, daß er erneut desertiert war.) Also muß er sich etwas anderes einfallen lassen. Leider hat er mehr Fantasie als technisches Geschick, und so schmiert das nach ihm benannte Luftschiff, mit dem er im Sommer 1900 zur Pariser Weltausstellung fliegen will, schon fünf Kilometer nach dem Start am Bodensee ab. (Das Höhenruder taugt nichts; die Nachfolge-Modelle werden zwar auch noch "Zeppeline" genannt, aber gebaut werden sie von dem vergessenen Ingenieur Eckener, und finanziert von frommen Spendern, denn der saubere Graf hat inzwischen Bankrott gemacht.) Fast zur selben Zeit versucht sich auch ein nach Brasilien ausgewanderter Franzose namens Dumont (von Berg) an der Aufgabe; auch er stürzt ab und rettet nur knapp sein Leben (im Gegensatz zu Zeppelin fliegt er immer selber mit). Die beiden Luftschiffer sind nicht die einzigen, die mit der Pariser Weltausstellung Erinnerungen an persönliche Niederlagen verbinden: Ein junger Elektro-Ingenieur aus dem Sudetenland namens Ferdi hat seine bahnbrechende neue Erfindung ausgestellt, aber von den anwesenden Banausen, pardon Experten, nur ein müdes Lächeln geerntet: Ein Auto mit Elektro-Motor? Wo Benzin doch so billig ist und die Autos damit viel schneller fahren können! Eingedenk dieses Reinfalls gibt der spätere Professor Porsche seine Idee mit dem Elektro-Motor auf, und so werden dereinst sowohl seine Renn- als auch seine Volkswagen mit Benzin- statt mit Elektro-Motoren ausgerüstet werden; eine verhängnisvolle Entwicklung zur Umweltverschmutzung nimmt hier ihren Ausgang.

Dumont dagegen gibt nicht auf. Ein Jahr später versucht er es noch einmal - schließlich stand in der Preisausschreibung nicht ausdrücklich, daß der Eiffel-Turm im Jahre 1900 umrundet werden müßte, geschweige denn zur Weltausstellung. (Obwohl das natürlich schöner gewesen wäre, alle nur darauf warteten und überhaupt nur deshalb hin gingen - oder mit der neuen Metro hin fuhren, wenigstens die war rechtzeitig fertig geworden.) Diesmal hat Dumont mehr Glück - es klappt. Ist das nicht schön? Endlich mal etwas Positives zu berichten, nicht wahr? Der Traum vom Fliegen ist in Erfüllung gegangen! künftig muß man also, um etwas von der Welt zu sehen, nicht mehr mühsam über Land oder über Wasser fahren, Tagen, Wochen, Monate lang, und sich mit Flüssen und Bergen, Menschen und Tieren auseinander setzen (wer will das schon?), sondern man kann direkt in ein paar Stunden über tausende Kilometer fliegen, in völlig unbekannte Gegenden, und einen richtig schönen "Kulturschock" bekommen (aber so nennt man das damals noch nicht). Und erst die erweiterten Möglichkeiten, als statt der Luftschiffe richtig schöne Flugzeuge fliegen werden, mit starken Motoren, großer Ladekapazität, um Maschinengewehre und Bomben schnell über lange Strecken zu transportieren! Der Mensch wird weidlich Gebrauch davon machen; am Ende wird ein Flugzeug mit einer einzigen Bombe genügen, um auf einen Schlag Millionen Menschen zu töten. Denn einen psychologischen Vorteil hat das Fliegen auch noch: So wie man auf Flugreisen nicht mehr den Menschen in die Augen blicken muß, denen man begegnet (nein, man begegnet ihnen ja gar nicht mehr, man "überfliegt" sie), so braucht man nun nicht mehr den Frauen, Kindern und anderen Zivilisten in die Augen zu blicken, die man ermordet (dafür ist man da oben, über den Wolken, viel zu weit weg). Das erleichtert es ungemein, den Hebel zu drücken, mit dem der Bombenschacht geöffnet wird. Nur viereinhalb Jahrzehnte nach der Pariser Weltausstellung werden die Chancen, einen Krieg zu überleben, an der "Front" besser sein als zuhause. Auch das ist ein Vorteil, beugt es doch dem Drückebergertum vor und verbessert die Stimmung bei der Truppe, die sich nun gar nicht mehr nach Heimaturlaub sehnt!

Aber gibt es nicht wenigstens von der Weltausstellung in St. Louis etwas Positives zu berichten? Doch, natürlich. Erstens wird sie in der Walpurgisnacht 1904 eröffnet und zeigt dementsprechend auf dem Poster zwei deutsche Hexen (erkenntlich an dem schwarz-rot-goldenen Hut der im Hintergrund liegenden - wir erinnern uns: die meisten Deutsch-Amerikaner waren 1848 ins Land gekommen, als man kurzfristig so geflaggt hatte). Zweitens machen die Veranstalter kaum Verlust (sie hatten nämlich kaum etwas investiert), drittens ist die Olympiade recht originell: Neben Sackhüpfen, Tauziehen u.a. Übungen für "zivilisierte" Teilnehmer werden auch "ethnologische Spiele", mit Disziplinen wie Bananenpflücken und Kokosnußwerfen, für Bantus, Hottentotten und andere Privimiv-Völker ausgeschrieben. (Das hat nichts mit Rassismus zu tun; die Japaner schicken zum Beispiel ihre Ureinwohner hin, die - weißen - Ainu; von denen gewinnt allerdings keiner eine Medaille.) Und da diese sportlichen Betätigungen ziemlich viele Kalorien verbrauchen, kommt viertens jemand auf die Idee, den Teilnehmern ein richtig schönes (und dabei preiswertes) Kraftfutter aufzutischen - sie sind begeistert. Ebenso die Besucher der Weltausstellung, die natürlich auch mal probieren dürfen, unter ihnen ein kleiner Junge mit dem schönen Namen Mac McDonald. Die meisten Menschen müssen damals noch harte körperliche Arbeit verrichten; und sich einmal richtig satt zu essen, das ist schon ein schönes (und selbst in Amerika noch nicht allzu häufiges) Gefühl und hat noch niemandem geschadet. Im Jahre 1904 ist auch St. Louis noch eine überwiegend deutsch geprägte Stadt; und ein Deutscher hat das Rezept für Bouletten aus klein gehackten Rindfleisch-Abfällen und altbackenen Brötchen mitgebracht; da er sich in Dikigoros' Geburtsort eingeschifft hatte, nannte er sich und seine Erfindung "Hamburger". (Davon liest man heute in amerikanischen Lexika nichts mehr; dort steht nur noch, daß ein Italiener bei dieser Gelegenheit das Speiseeis erfunden habe - was nachweislich falsch ist, das gab es schon seit Jahrhunderten - und daß ein Jahr später ein anderer Italiener die Pizza nach Amerika gebracht habe - auch das wagt Dikigoros zu bezweifeln.)

Die Angewohnheit, diese leckeren Bouletten zu essen, soll sich von St. Louis aus um die ganze "zivilisierte" Welt verbreiten; und nur wenige Jahrzehnte später wird man die Ergebnisse in allen "reichen" Ländern bewundern können, deren Einwohner nicht mehr wissen, was körperliche Arbeit ist, sondern den ganzen Tag am Schreibtisch herum sitzen - und abends vor dem Fernseher zuschauen, wie andere Sport treiben, zumeist hoch bezahlte und hoch gelobte Berufs-Athleten, auch in den so genannten "Werksmannschaften", die doch eigentlich mal gegründet worden sind, damit die Werktätigen nach Feierabend etwas für ihre eigene Fitness tun. (Diese Profis essen freilich keine Hamburger mehr, sondern ganz anderes Kraftfutter, so daß böse Zungen das "l" in gelobte bald durch ein "d" ersetzen.) Die Mehrheit der Büro-Menschen dagegen verbringt die letzten Jahrzehnte - und bald auch die ersten und mittleren Jahrzehnte - ihres immer länger werdenden "Lebens" (böse Zungen könnten auch sagen "Vegetierens") mit Übergewicht, verfetteten Arterien, Atemnot und Herzbeschwerden (und Leberschäden, aber das hat andere Gründe) und mästet so auch ihre Ärzte und Farmazeuten - die im Jahre 1904 noch mehrheitlich arme Schlucker waren. Und Dikigoros ist sich nicht einmal sicher, ob diese wichtigste Erfindung der Weltausstellung von St. Louis nicht langfristig den Gang der Weltgeschichte mehr beeinflußt und ob sie nicht mehr Menschenleben gekostet hat (und noch beeinflussen und kosten wird) als alle Multi-Kulti-Könige mit Minderwertigkeits-Komplexen, erfolglose Postkartenmaler und Flugzeuge mit Atombomben zusammen. Aber vielleicht ist er nur voreingenommen, weil er selber kein Rindfleisch ißt...

Wer diesem letzten, etwas indirekten Gedankengang nicht folgen will, für den hat Dikigoros auch etwas Direkteres: Die Weltausstellungen von Chicago und St. Louis haben den Amerikanern schmerzlich vor Augen geführt, welch führende Stellung die Deutschen quantitativ und qualitativ in den USA erreicht haben. Wie das oft so ist, beginnen Haß und Neid in den Herzen der lieben Mitmenschen zu keimen, und... pardon, was Dikigoros da geschrieben hat, ist ja alles politisch ganz unkorrekt, also nochmal von vorne: Kluge Politiker in aller Welt hatten erkannt, daß die deutschen Hunnen unter ihrem blutrünstigen Kaiser Wilhelm nach der Weltherrschaft strebten, und daß sie dem dringend militärisch entgegen treten mußten, so ist es politisch korrekt ausgedrückt - was nun historisch korrekt ist, ist umstritten, aber das können wir an dieser Stelle dahin stehen lassen. Unbestritten ist, daß die deutschen Hunnen zu den Weltausstellungen 1915 in San Francisco und 1916 in San Diego nicht eingeladen werden, denn sie heißen offiziell gar nicht Weltausstellungen, sondern "pazifische" Ausstellungen, friedliche Ausstellungen (und die Deutschen sind ja nicht friedlich, sondern führen inzwischen Krieg gegen die Staaten jener klugen Politiker). Diesen Namen haben sie freilich nicht vom Frieden, sondern vom Pazifik, der gerade mit dem Atlantik verbunden worden ist, durch die Fertigstellung des Panama-Kanals (der überwiegend von chinesischen Kulis erbaut wurde, von denen fast 6.000 dabei verreckten; die Brücken hat wieder "Gustave Eiffel" konstruiert - wer sonst), die der offizielle Ausstellungs-Anlaß ist.

Nun können die amerikanischen Kriegsschiffe (auch die als "Passagierdampfer" getarnten Hilfskreuzer und Munitions-Transporter, wie die Lusitania") bald in den Großen Krieg eingreifen. Das tun sie denn auch; und in den letzten beiden Kriegsjahren wird alles Deutsche in den USA mit Stumpf und Stiel ausgerottet, vor allem in Chicago und St. Louis. Das ist wörtlich zu nehmen, es kommt zu mörderischen Pogromen. Wer überleben will, muß seine deutsche Abstammung verbergen und seinen Namen ändern.

Dikigoros hat oft gelesen, daß es im Ersten Weltkrieg (der er ja nun doch geworden war) nur einen Sieger gegeben habe, nämlich die USA. Aber er glaubt vielmehr, daß die USA der Haupt-Verlierer jenes Krieges waren, denn während er die anderen Nationen "nur" ein paar Millionen Menschenleben gekostet hat (die früher oder später ersetzt werden konnten), kostete er die USA ihr deutsches Kulturerbe - und das war unersetzlich und unwiederbringlich. Nein, liebe Leser, entgegen weit verbreiteter Ansicht bestand das nicht nur aus Biergärten, Turnvereinen und Schützenfesten! Die waren ersetzbar, und die wurden ersetzt. Aber auch die deutsche Sprache, mit ihr die deutschen Bücher, Zeitungen, Verlage und Theater, die deutschen Lieder und die deutschen Gesangsvereine wurden zerstört und ihr Wiederaufbau verboten (bis 1917 hatte es in den USA noch jedes Jahr ein deutsches Sängerfest gegeben). Und dafür gab es keinen Ersatz, es sei denn, man wollte darunter verstehen, daß fortan statt einem Konzert der Wiener Klassik (alles deutsche Komponisten - pfui!) eine Neger-Jazz-"Oper" von Gershwin aufgeführt wurde. Damals begann das Wort "Ersatz " - eines der wenigen deutschen Fremdwörter, von denen das Amerikanische nicht "gesäubert" wurde - die Bedeutung "etwas Minderwertiges" anzunehmen, und wenn man sich überlegte, was das lateinische Wort "Oper(a)" eigentlich wörtlich bedeutete, so kam man nun bald auf "Machwerk". Da die USA infolge einer unglücklichen Verkettung um Umständen (um genau zu sein: einige asiatische Staaten, vor allem Japan, hatten auf den pazifischen Ausstellungen eine überraschend gute Figur gemacht und damit ebenfalls Neid erregt) direkt nach Kriegsende auch die Träger der chinesischen und japanischen Kultur von der Einwanderung ausschlossen, verlief der Gang der amerikanischen - und damit im Ergebnis auch der Welt-Geschichte in die verhängnisvolle Richtung, in die er nun einmal gelaufen ist. (Aber das sollte erst einige Jahrzehnte später auffallen, als es schon zu spät war, um noch etwas zu retten.) Eine der Wurzeln der oft beklagten "Kulturlosigkeit" der USA ist hier zu finden.

Erkurs. So etwas darf heute - außer auf Dikigoros' Webseiten - nicht mehr geschrieben werden; und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, hat es den Holocaust an den Deutsch-Amerikanern nach der heute offiziellen Geschichtsschreibung nie gegeben. Da hat man sich im Jahre 2004 anläßlich des 100. Jubiläums der Weltausstellung von St. Louis eine hübsche Geschichtsklitterung einfallen lassen. Wenige Wochen nach deren Eröffnung war es nämlich in New York City, genauer gesagt auf dem Hudson, zu einem Dampferunglück gekommen, bei dem über tausend Deutsch-Amerikaner ertrunken waren. Na und? New York City hatte damals rund 4 Millionen Einwohner, davon ca. 800.000 deutsch-stämmige (einschließlich der Aschkenasim), die sich in "Little Germany" auf Manhattan konzentrierten. Da war so ein Unglück zwar bedauerlich, aber schwerlich eine existenzbedrohende Katastrofe; es wurde denn auch 100 Jahre lang kaum beachtet. Aber plötzlich fand einer jener Geschichtsklitterer - Edward T. O'Donnell heißt er - das Ei des Kolumbus, um den Untergang des Deutschtums in den USA auf einen anderen Grund als die vorsätzliche Ausrottung durch die Anglo-Amerikaner anno 1917 zurück zu führen: Die Deutsch-Amerikaner waren über den Untergang der "General Slocum" (so hieß der Raddampfer) sooo traurig, daß sie gar keine Deutsche mehr sein wollten; binnen weniger Wochen (!) war "Little Germany", wo zuvor 80.000 (schau an, welch leichtfertiger Umgang mit Nullen - aber das kennen wir ja schon!) Deutsche gelebt hatten, so gut wie ausgestorben, denn alle Deutschen waren vor lauter Kummer weg gezogen. Wohin weiß man nicht, jedenfalls waren 1917 gar keine Deutschen mehr da, die man hätte verfolgen können, voilà - und in den anderen zuvor deutschen Städten der USA auch nicht. Wer außer ein paar gehirnamputierten Berufs-"Historikern" das glauben soll, hat der gute Edward zwar nicht dazu geschrieben; aber Dikigoros ist überzeugt, daß ihm die politisch-korrekten Gutmenschen in der BRD - die ja auch behaupten, daß die Amerikaner sie 1945 von etwas anderem "befreit" hätten als von ihren Armbanduhren und Lebensmittelvorräten - das schon abkaufen werden, und sei es nur für die Bücherregale der staatlichen Universitäts-Bibliotheken. Exkurs Ende.

[Die Tragödie des Dampfers 'General Slocum']

Noch ein kleiner Nachtrag, nur am Rande und der guten Ordnung halber: 1915 gibt es noch eine zweite "pazifische" Industrie-Ausstellung, nämlich in Japan. Das Ausstellungs-Gebäude hat aber ausnahmsweise mal nicht "Gustave Eiffel" gebaut, sondern ein junger Architekt aus Österreich-Ungarn (mit dem sich Japan - anders als mit dem Deutschen Reich - nicht im Kriegszustand befindet), Jan Letzel. Den kennt zwar im Gegensatz zu seinem Pariser Kollegen heute in Europa kaum noch jemand - schon gar nicht in seiner böhmischen Heimat, wo jetzt die Tschechen sitzen -, wohl aber in Japan. Sein Bauwerk ist nämlich so solide, daß es im wahrsten Sinne des Wortes für die Ewigkeit gebaut ist: Es wird als einziges Gebäude der Stadt den Atombomben-Abwurf von 1945 überstehen; und da die Japaner abergläubisch, pardon, geschichtsbewußt sind, haben sie den alten Kasten bis heute zwischen all den modernen Wolkenkratzern in der jetzigen Millionen-Metropole Hiroshima stehen lassen - als Museum gegen den Atomkrieg.

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Nach dem Ersten Weltkrieg ist den Europäern der Traum von der Weltherrschaft erstmal vergangen, und die Lust auf Weltausstellungen auch - außer natürlich den Belgiern, die nennen ihre jährlichen Messen weiter so. Vielleicht werden diese Ausstellungen jetzt gar nicht mehr durchgeführt, um etwas vorzuzeigen, sondern vielmehr, um etwas zu verbergen? In Belgien gärt es, denn die Völker dieses künstlich geschaffenen Staats-Gebildes mögen einander nicht. Die Wallonen (das sind die, die kein ordentliches Französisch sprechen) beuten die fleißigeren und wirtschaftlich erfolgreicheren Flamen (das sind die, die kein ordentliches Niederländisch sprechen) aus und unterdrücken sie kulturell; und letztere mucken allmählich dagegen auf. Die Spannungen bündeln sich wie in einem Brennglas in der zweisprachigen Hauptstadt, in Brüssel. Was taten die alten Römer, um das Volk zu beruhigen? Sie gaben ihm Panem et Circenses, Zirkus und Freßgelage; die Belgier veranstalten (da Fußballspiele noch nicht so populär sind wie heute) "Weltausstellungen", und sei es nur, um der staunenden Welt mal wieder eine neue Creation Brüsseler Pralinen vorzuführen oder eine neue Biersorte - im Verzehr dieses Getränkes waren und sind die Belgier bis heute Weltmeister, noch vor den Iren und den Bayern. (Manchmal denkt Dikigoros, daß das vielleicht nicht die schlechteste Art von Weltausstellungen ist - Kalorienbomben statt Raketen und Buttertrüffel statt Kanonen!) Allerdings heißt das nicht, daß die Pralinen dann auch wirklich in Brüssel präsentiert werden - nicht einmal darauf können sich die verfeindeten Völker noch einigen; eines Tages - zu allem Überfluß auch noch mitten in der Weltwirtschaftskrise - kommt es so weit, daß sie zwei konkurrierende "Weltausstellungen" zur selben Zeit veranstalten: eine in der wallonischen Hauptstadt Lüttich (oder, wie die Franzosen sagen, Liège) und die andere in der flandrischen Hauptstadt Antwerpen (oder, wie die Wallonen sagen, Anvers) - bei beiden zahlen die Veranstalter am Ende drauf..

Andere Staaten in Europa haben ähnliche Probleme, ach was, viel schlimmere: zum Beispiel Spanien. Die tüchtigen Katalanen und Basken erwirtschaften - ähnlich wie die Slowenen und Kroaten im gerade gegründeten Jugoslawien (nein, liebe Besserwisser, der Staat der 1919 auf dem Balkan gegründet wurde, hieß noch nicht so, sondern "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" - wenn schon genau, denn schon!) - das Bruttosozialprodukt des Königreichs Spanien fast im Alleingang. Und auch mit ihrer eigenen Kultur und Sprache könnten sie sehr gut auf eigenen Beinen stehen - jedenfalls besser als im staatlichen Zwangsverbund mit ihren Nachbarvölkern. So streben sie denn nach Unabhängigkeit vom Königreich Kastilien und León (so nennen sie Spanien noch immer, und dessen Sprache nicht "Spanisch", sondern "Kastilianisch"). Der Zentralregierung in Madrid gefällt das gar nicht; sie versucht, die aufmüpfigen Völkchen mit kleineren Zugeständnissen bei der Stange zu halten. Zum Beispiel mit der Weltausstellung, die 1929 in der katalanischen Hauptstadt Barcelona statt findet (ein Jahr vor der idiotischen Doppel-Ausstellung von Lüttich und Antwerpen). Gewiß, zum Teil ist das, was da geboten wird, sehr beachtlich; aber es führt der Welt nur einmal mehr vor Augen, daß so gut wie alles, was in Spanien produziert und erwirtschaftet wird, aus Katalonien oder dem Baskenland kommt. Wenige Jahre später soll sich an der Frage ihrer Autonomie der Spanische Bürgerkrieg entzünden, der furchtbarste Krieg, der je auf der Iberischen Halbinsel geführt worden ist, mit Millionen Toten (aber so genau hat die niemand nachgezählt, das wäre einigen Leuten peinlich gewesen). Da sich ausgerechnet ein Galizier auf die Seite Kastiliens schlägt, werden die Katalanen und Basken unterliegen - vorerst jedenfalls. Dikigoros ist überzeugt, daß die Schlußrechnung dieser Weltausstellung noch nicht geschrieben ist (denn der Galizier war clever genug, Spanien aus dem Zweiten Weltkrieg heraus zu halten und so die Abrechnung erstmal zu vermeiden). Aber vielleicht ist er nur voreingenommen, weil seine erste Liebe eine Baskin war...

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