An ihrem Namen sollt Ihr sie erkennen!
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von roten und rosa[roten] Städten
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"Zum einen lesen die Leute Geschichte an sich nicht,
zum anderen vor allen Dingen keine grausame. So
lebt bald alles wieder in dem schönen Wahn dahin,
die Erde sei rundum mit rosaroter Watte ausgepol-
stert, in ihrer Mitte aber liege als liebliches Milch-
kind - der Mensch." (Dwinger, Auf halbem Wege)


[Alle Macht der rosaroten Stadt]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Vorbemerkung. Dikigoros hat lange mit dem Gedanken gespielt, eine Webseite über eine Reihe von Städten zu schreiben, und lange geschwankt - und natürlich auch seine treuesten Leser gefragt -, welche er auswählen sollte. Ideen wie "die schönsten Städte" o.ä. hat er gleich verworfen, denn das ist erstens subjektiv und zweitens würde es sich nicht lohnen, darüber ausführlicher zu beschreiben - das haben andere Autoren längst getan, und wahrscheinlich besser, als er selber es könnte. (Er hat ihnen daher an anderer Stelle nur einen kurzen Absatz gewidmet, gewissermaßen im Vorübergehen :-) Dann dachte er an künstlich angelegte (Haupt-)Städte - einschließlich einiger versunkener Dörfer, die man über Nacht zu solchen erklärte -, was nicht nur reizvoll gewesen wäre, sondern seinen Lesern vielleicht auch einiges Neues nahe gebracht hätte, was sich noch nicht überall herum gesprochen hat. Aber dann scheute er doch den Aufwand der dafür notwendigen Reisen, denn er hätte sich ja nicht auf mittlerweile längst etablierte Metropolen wie Ankara, Batavia, Brasilia, Sankt Peterburg und Tel Aviv beschränken können - über die schon genug bekannt ist -, sondern eben auch Neuland betreten und sich in Orte wie Astana, Pyinmana (das sie jetzt "Naypyidaw" nennen) oder Abuja begeben müssen; und da er weder Kasachisch noch Barmesisch noch irgendein nigerianisches Idiom spricht... Auch Städte, die auf Hügeln oder Bergen errichtet wurden, eigenen sich nicht wirklich für eine "Reise durch die Vergangenheit": Von den 7 Hügeln, auf denen die "ewige" Stadt Rom erbaut wurde, sieht man heute kaum noch etwas; für andere Städte - auch solche, die heute so benannt sind - waren sie nur späteres Beiwerk. (Der Berg von Montevideo war ebensowenig die Keimzelle der gleichnamigen Stadt wie Montmartre die von Paris oder der Königshügel die von Montreal - nicht einmal der Tempelberg die von Jerusalem, auch wenn fromme orthodoxe Juden natürlich so tun müssen, als ob sie das glaubten :-) Wieder andere, denen man heute tatsächlich noch anmerkt, daß sie auf Hügeln - oder sogar ausgewachsenen Bergen - errichtet worden sind, wie San Francisco, Quito, Lissabon oder Neapel, werden aus unerfindlichen Gründen nicht als Bergstädte wahr genommen; es wäre also müßig, über diese ihre gemeinsame Eigenart zu schreiben. Was Dikigoros dagegen noch immer reizt, wäre die Beschreibung einer Rundreise zu den auf Sumpf und Sand gebauten [einstigen] Handelsmetropolen (Amsterdam, Bambai [Bombay], Jakarta [Batavia], Hongkong, Singapur, Recife [Moritzburg, Pernambuco], Stockholm, Venedig u.a.), denn die hat er alle schon besucht, und er traut sich auch zu, darüber Interessanteres zu schreiben als man in den meisten Reiseführern zu diesem speziellen Aspekt findet; und dieses Projekt hat er auch bloß einstweilen aufgeschoben. Das gleiche gilt für eine Seite über die geteilten Städte dieser Welt - womit er nicht diejenigen meint, die an beiden Seiten eines Flusses liegen, der zufällig eine Staatsgrenze darstellt wie Kansas City, Memphis oder Texarkana, oder die mit einer unnatürlichen Grenzziehung auf der Landkarte geteilt wurden, wie einige Orte an Oder und Neiße, sondern die, deren Teile tatsächlich Welten trenn[t]en, wie Berlin, Fiume, Jerusalem, Mostar, Narva oder Nikosia. Aber Dikigoros glaubt, daß dieses Thema bald noch interessanter werden könnte, weil sich abzeichnet, daß in nächster Zukunft in ganz West- und Mitteleuropa Berlin-ähnliche, in sich geteilte Inseln entstehen werden, von denen dies noch bis vor einer Generation niemand für möglich gehalten hätte - er denkt da z.B. an Amsterdam, Barcelona, Genua, Göteborg, Hamburg, Köln, London, Marseille oder Paris. Und da Dikigoros beim Nachdenken gerne Musik hört, klang aus dem Radio zufällig ein alter Schlager mit dem Titel "Welche Farbe hat die Welt?" Da beschloß er spontan, eine seiner Seiten Städten zu widmen, die sich einer bestimmten Farbe zuordnen lassen - und damit sind wir schon mitten drin. Vorbemerkung Ende.

Dikigoros hat einer seiner meist besuchten Webseiten den Titel "Die Weiße Stadt am Blauen Fluß" gegeben, obwohl sie eigentlich gar nicht so sehr von jener Stadt handelt als vielmehr vom Schicksal der Völker auf dem Balkan. Über jene Stadt hätte Dikigoros - der sie nur ein einziges Mal selber besucht hat - auch gar nicht viel schreiben können - das hätte er seiner Mutter überlassen müssen, die dort zwei Jahre lang gelebt hat. Aber als Thema einer Serie von Städtereisen hätte sich das eh nicht geeignet; denn es gibt zwar auf der ganzen Welt Dutzende von Städte, die in der jeweiligen Landessprache "Weiße Stadt" heißen; aber außer Belgrad hat keine irgendwie historische oder auch nur touristische Bedeutung erlangt - jedenfalls nicht unter diesem Namen. (Auch die heutige Hauptstadt Rußlands - oder jedenfalls ihre Keimzelle - hieß mal "Belgorod", bis ihr jemand einfallslos den Namen des Flusses anhängte, an dem sie lag, was übrigens durchaus kein einmaliger Vorgang ist; man denke nur an die Hauptstadt Perús, die die Spanier nach dem Fluß "Rimác" benannten, oder an die einstige Hauptstadt Brasiliens, die die Portugiesen nach einem Fluß benannten, den sie im Januar [Janeiro] entdeckt hatten, oder an die Hauptstadt von Illinois usw. usw.) Es gibt nur eine Farbe, besser gesagt anderthalb Farben, nach denen Städte benannt wurden, die eine solche Reise durch die Vergangenheit wert sind, und das ist [rosa]rot.

Aber hier muß Dikigoros gleich eine Einschränkung machen: In "Die Weiße Stadt am Blauen Fluß" hatte er seine Geburtsstadt erwähnt, und zumindest einem derer Stadtteile hatte man vorübergehend auch den Namen "rote Stadt" verpaßt (dem, der heute "Speicherstadt" genannt wird); aber das bezog sich nicht auf die roten Backsteinbauten - wenn es darum ginge, dann könnte man tausende Städte auf der Welt so nennen -, sondern auf die politische Couleur seiner Einwohner, und darauf kommt es Dikigoros hier nicht an. Deshalb scheiden auch mehrere andere Orte aus, die aus diesem Grunde den wenig schmeichelhaften Beinamen "die rote Stadt" trugen oder tragen, wie z.B. Emden in Deutschland, Limoges in Frankreich oder Bologna in Italien. Aussortiert hat er auch solche Städte, die lediglich in den Prospekten der Fremdenverkehrsämter diesen Namen tragen, aber weder von den Touristen noch von den Einheimischen wirklich mit dieser Bezeichnung identifiziert werden, wie Stralsund, Toulouse, Siena oder - um auch mal nach Übersee zu schauen - Mar del Plata in Argentinien oder Lampa in Perú. Und schließlich muß er zu seinem Bedauern auf solche Orte verzichten, die zwar mal als "rotes Fort" o.ä. begonnen haben, so wie Moskau mal als "Belgorod" begonnen hat, sich dann aber zu Städten ausgewachsen haben, die ganz andere Namen erhielten, von denen es vor allem in Indien einige mit großer historischer Bedeutung gibt. Diese Einschränkung gilt nicht, wenn eine Stadt, die diesen (Bei)Namen trug, untergegangen ist und an ihrer Stelle eine neue Stadt mit anderem Namen entstand; denn dies soll ja eine Reise durch die Vergangenheit sein, und die beginnt nicht erst mit den heutigen Namen und Sprachformen.

Danach blieben zunächst, fein ausgewogen, drei "rote" und drei "rosa" Städte, die sich gleichmäßig über drei Kontinente verteilten: zwei in Europa, zwei in Afrika und zwei in Asien. Doch dann warf Dikigoros diese allzu schematische Einteilung über den Haufen, strich Lissabon - zum einen, weil das heute niemand mehr als "rosa Stadt" in Erinnerung hat, zum anderen, weil er darüber bereits an anderer Stelle geschrieben hat - und ersetzte es durch Teotihuacán - zum einen, weil Archäologen dort in den letzten Jahren ganz erstaunliche Neuigkeiten heraus gefunden haben, zum anderen, weil er darüber eigentlich schon an anderer Stelle mehr hätte schreiben müssen als er getan hat und jetzt irgendwie das Bedürfnis verspürt, das nachzuholen; außerdem verteilt sich die Reise dann noch besser, nämlich auf vier Kontinente; und bei einigen kann man ja ohnehin streiten, wo sie einzuordnen sind, da sie in Grenzgebieten liegen - einige würden vielleicht sogar meinen, in eine ganz andere Kategorie sui generis, nämlich in die Welt des Islâm. Wie dem auch sei, Dikigoros würde sich nicht wundern, wenn die meisten seiner Leser keine einzige dieser Städte an ihrem Beinamen erkennen würden. (Aber damit sich das ändert, schreibt er diese Seite ja :-) Wahrscheinlich würden sie viele seiner Leser nicht mal an ihrem echten Namen erkennen, denn die Deutschen neigen dazu, diese zu verballhornen und damit oftmals ihres Sinnes zu berauben. Na und? Ist das so schlimm, wenn die Deutschen einmal nicht alles nachbeten und nachäffen, wie die vielen Fremdwörter, die heuer bei ihnen Einzug gehalten haben? Im Prinzip nein, liebe Leser, aber es gibt Fälle, in denen es geradezu tödlich sein kann, einen Namen nicht zu kennen - oder ihn nicht richtig aussprechen zu können. Als Dikigoros diese Seite plante, diskutierte er die Titelzeile wie so oft mit einem seiner treuen Leser; und der meinte: "Vorsicht, das ist ein falsches Zitat, das der Volksmund leichtfertig geprägt hat! Richtig lautet der Satz bei Matthäus 7.16: An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!" Und er schlug auch vor, ein weniger blutrünstiges, "neutraleres" Titelbild zu verwenden, etwa wie das folgende.

Aber Dikigoros wollte kein Wischiwaschi-Bild an den Anfang stellen; und was das Zitat anbelangt, so konnte er seinen Leser beruhigen, denn da hatte nicht er geirrt, sondern der gute Matthäus selber bzw. der hatte eine der Stellen aus dem Alten Testament, die er so gerne zitierte, wohl falsch in Erinnerung, denn der Spruch geht eigentlich auf das Buch Richter, Kapitel 12.1-6 zurück. Wie war das gleich? Im Heiligen Land war noch immer - oder schon wieder mal - Krieg zwischen den IsraelisGileaditern unter "Richter" Jeftah und den JordaniernAmmonitern, und dazwischen saßen ein paar IdiotenPazifisten, die sich um jeden Preis aus diesem Krieg heraus halten wollten, nämlich die Efraimiter. Wie hoch dieser Preis tatsächlich war, sollten sie bald erfahren: Nachdem die Israeliten die Ammoniter geschlagen hatten, überfiel Jeftah auch die Efraimiter, denn wer nicht für ihn gewesen war, der war gegen ihn bzw. er war nun gegen ihn. Die Efraimiter aber wollten immer noch nicht kämpfen, sondern über den Jordan fliehen. Dort aber wartete das israelische Militär schon auf sie und erkannte an einem Namen, genauer gesagt, an der Aussprache eines Namens, ob jemand Efraimiter war oder nicht: Schibbolet. Gehört Ihr auch zu denen, die den Schabbat penetrant wie "Sabbat" aussprechen - als ob es da etwas zu sabbern gäbe -, und König Schlomo wie "Salomon", und die Stadt des Heils wie "Jerusalem"? Dann hütet Euch, daß Ihr nicht orthodoxen Israeliten in die Hände fallt, die mit Euch so verfahren wie einst ihre Vorfahren mit den efraimitischen Flüchtlingen, die "Sibbolet" sagten statt "Schibbolet": Sie wurden allesamt massakriert, 42.000 an der Zahl, d.h. ihr Stamm wurde ausgelöscht, denn die Israeliten waren schon immer klüger als andere Völker, d.h. sie leisteten bei ihren Völkermorden - von denen das Alte Testament voll ist, denn sie waren und sind stolz darauf - ganze (griechisch holo) Arbeit und ließen niemanden am Leben, der etwa später "Wiedergutmachung" o.ä. hätte verlangen können. Aber wer von Euch ist schon so bibelfest, daß er das alles weiß? Wer liest im "Westen" denn noch das "Buch der Bücher", zumal die Kapitel, die man uns doch gar nicht lesen lassen will, schon um etwaigem "Anti-Semitismus" vorzubeugen? Doch was liegt an der Westkirche - in der Ostkirche ist das anders, pardon, in den Ostkirchen ist das anders, die haben ja auch bedeutend bessere, ältere Fundamente als die Katholiken und erst recht als die Protestanten. Dikigoros will sich gar nicht festlegen, welche von ihnen die älteste ist: Die Äthiopier behaupten, die ihre. Mag sein; aber fast ebenso alt dürfte eine andere sein, und ihre Heimat ist wahrscheinlich noch älter als das alte Jeruschalajim: Irpuni im Kaukasus, die Keimzelle der ersten "Roten Stadt".

Um seinen Lesern die Suche etwas zu erleichtern, will Dikigoros vorab die sprachliche Entwicklung dieses Namens aufzeigen: Aus Irpuni wurde erst Irbuni, dann Erebuni, dann Erewuni, und das klingt für deutsche Ohren im Prinzip schon vertrauter als sein heutiger Name, Jer[j]ewan. Kennt Ihr noch die blöden anti-sowjetischen Witze aus der Nachkriegszeit über "Radio Eriwan", liebe ältere Leser?
(...)

(Fortsetzungen folgen)


Anhang: .


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