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VOM  KURUKSHETR
ZUM HÜHNERMOOR

AUF 64 SCH[L]ACH[T]FELDERN
Dame, König, Elefant; Türke, Tod und Teufel
Züge des Schachspiels und der Schachspieler

[Schachbrett]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Manche denken bei "Züge und Bahnen" an den Trainingsplan im Schwimmbecken, andere an von Lokomotiven auf Schienen gezogene Waggons; also an Sport oder Reisen. Und damit sind wir gar nicht so weit vom Thema entfernt wie es auf den ersten Blick scheinen könnte. Manche bezweifeln zwar, daß Schach ein echter Sport ist - das dürfte aber eher ein sprachliches Problem des Deutschen sein; wenn man auf Englisch von "game" oder "match" spricht, treten solche Zweifel gar nicht erst auf. Und wer Dikigoros' "Herzliche Grüße aus Italien" gelesen hat, dürfte auch an der zweiten Parallele keine ernsthaften Zweifel hegen: Die ursprüngliche Form des Reisens ist der Kriegszug in fremde Länder; die ursprüngliche Form des Königtums ist der Heerführer (daher noch das deutsche Wort "Herzog"); die ursprüngliche Form der Kampfstrategie ist das Bauernopfer; die ursprüngliche Form des Spielfelds ist das Schlachtfeld. Ein Schachbrett hat 64 Felder, 32 schwarze und 32 weiße, so wie auch jeweils die Hälfte der 32 handelnden Figuren schwarz bzw. weiß ist. Leider ist es im wirklichen Leben nicht immer so leicht, schwarz und weiß auseinander zu halten, und die Akteure, die einander gegenüber stehen, sind auch nicht immer gleich stark. Wer zuerst zieht, schlägt zuerst; und der Überfallene ist später meist auch der Geschlagene - und damit der "Schuldige" am Krieg, weil er nicht rechtzeitig selber losgeschlagen hat, was die Geschichte vielleicht in ganz andere Bahnen gelenkt hätte. Wer friedlich und unbewaffnet in ferne Länder reist (früher hieß das ohne Gewehr, heute ohne dicke Brieftasche oder Scheckbuch - oder Kreditkarte :-) befindet sich immer in einer Position der Schwäche. (Das deutsche Wort "Elend" kommt nicht umsonst von "Ausland".) Dikigoros will die Reise dennoch wagen, denn als alter Schachspieler hat er auch schon Partien aus dem Feuer gerissen, in denen seine Position ganz schwach war - und das waren meist die interessantesten.

[Das 1. Sch(l)ach(t)feld: Kurukshetr, das Feld der Kuru]

Das 1. Feld heißt Kurukshetr, "Feld der Kuru". (Das Sanskrit hat, mehr noch als das Deutsche, die Tendenz, scheinbar unaussprechliche Bandwurmwörter zusammen zu setzen - dies ist noch ein eher harloser Vertreter jener Species.) Wo genau es lag, weiß man nicht. Die Inder meinen, irgendwo nordwestlich von Delhi, beim heutigen Pānipat, weil da auch später einige Schlachten statt fanden. Und sie meinen, die Partie spiegele den Kampf der siegreich nach Indien gezogenen, hellhäutigen Aryer gegen die eingeborenen, dunkelhäutigen Drawiden. Das ist, mit Verlaub, ziemlicher Blödsinn, der vom Inhalt des Mahābharatas, des "großen Berichts", in keiner Weise gedeckt wird. (Den auf die Schlacht an sich zu beschränken übrigens ebenso falsch wäre wie die Beschränkung der "Ilias" auf die Schlacht um Troja. Alles beginnt mit der Verbannung Yudhishthiras und seiner Anhänger in den Kāmyaka-Wald, in die Sümpfe am Ufer des Flusses Saraswatī - und von jener Zeit des Exils handelt auch der größte Teil des Berichts.) Aber wer macht sich heutzutage schon noch die Mühe, solch ein langes Epos in 18 "Büchern" durch zu lesen? Wer es doch tut, merkt unschwer, daß es da längst nicht mehr um die Eroberung ging, sondern vielmehr um die Verteilung der schon eroberten Beute zwischen verwandten Herrscher-Dynastien, den Pāndawen und Kaurawen. Beide stammten von Kuru ab, dem Herrscher der Mond[gesichts]-Rasse, so genannt, weil ihre Gesichter so weiß waren wie der Mond; Dikigoros nimmt also mal an, daß beides Aryer waren. Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, daß es damals offenbar noch kein Schachspiel gab, denn die tapferen Krieger spielten damals auf den 64 Feldern noch nicht Chaturang ("vier Teile" - gemeint waren die Abteilungen des Heeres: Elefanten, Reiter, Streitwagen und Fußsoldaten), das allgemein als Urversion des Schachs gilt, sondern "Ashtpadā [acht Fußsoldaten]" - wohl eine Art Mischung aus Dame und Trictrac. (Letzteres ist die französische Bezeichnung für das Spiel, das die Engländer Backgammon und die Griechen - die einzigen, die es noch in nennenswertem Umfang praktizieren - Tavlí nennen, Anm. Dikigoros).

Fortsetzungen folgen

Das 2. Feld heißt Teheran.

Eine indische Delegation reist im 6. Jahrhundert nach Persien, an den Hof des Königs Chosrav I, stellt ihm ein Schachbrett samt Figuren vor die Nase und ein Ultimatum: Wenn er nicht binnen 8 Tagen errät, wie die 2x16 Figuren auf den 8x8 Feldern aufgestellt werden, werde sein Land tributpflichtig; wenn er sie aber errate, werde Indien seinerseits Tribut an Persien zahlen. Das ist natürlich ein Märchen, das in Wirklichkeit aus dem 11. Jahrhundert stammt, aus Firdausis "Shahnameh", und erklären soll, wie das Schachspiel von Indien nach Persien kam; denn die tüchtigen Ratgeber des persischen Shah erraten rechtzeitig die Spielregeln des "Chatrang", wie sie es nennen, und gewinnen so den Tribut. Da das aber eben nur ein Märchen aus der Rückschau ist, kann niemand mit Sicherheit sagen, ob damals auf den 64 Feldern wirklich schon Schach gespielt wurde, denn die Geschichte bricht ab, nachdem die Aufstellung der Figuren erläutert worden ist - wie sie sich bewegten, und ob das in gleichmäßigem Wechsel Zug um Zug geschah, oder ob noch gewürfelt wurde, wie bei Ashtpadá, das wissen wir nicht.

Das 3. Feld liegt wieder in Indien. Wo genau wissen wir nicht - aber nehmen wir mal wieder Pánipat an. Kampf zwischen Gau und Talhend.....

Das 4. Feld liegt vor Antiochia. Im Jahre 540 ist es die zweitgrößte Stadt der westlichen Welt, knapp hinter Konstantinopel, weit vor Mailand, und noch weiter vor Rom, Trier und Ravenna. (Ob es damals irgendwo in Asien, etwa in China oder Indien, noch größere Städte gab, darüber streiten die Gelehrten, Dikigoros weiß es nicht.) Und auf dem Feld vor Antiochia liegt das Heer des Sassaniden-Shahs Chosrav I, den die Perser "den Unsterblichen" nennen, nicht nur weil er einige Jahre zuvor das unsterbliche Spiel aus Indien eingeführt hat (und ihm seinen heutigen Namen gegeben hat, denn Shah - gesprochen Schach - ist das persische Wort für "König"), sondern weil er der größte Herrscher seiner Zeit war. Ihr, liebe westliche Leser, habt das wahrscheinlich aus Euren Geschichts- und Märchenbüchern etwas anders in Erinnerung, von wegen irgend so ein aufmüpfiger Duodezfürst am Rande des Byzantinischen Imperiums, der den großen Justinian mit seiner Politik der Nadelstiche ärgerte, jenen Justinian, unter dem das Oströmische Reich seine größte Ausdehnung erlangte, dessen junger, strahlender General Belizar und dessen gerissener alter Kanzler Narses (ein verkrüppelter Eunuch aus Armenien) gemeinsam Italien, Nordafrika und sogar die Iberische Halbinsel zurück eroberten. Wenn Ihr Deutsche älteren Semesters seid und Felix Dahn ("Ein Kampf um Rom") gelesen habt, haben die beiden letzteren einen etwas weniger guten Ruf, denn sie haben ja die edlen Germanen, die Wandalen, die Ostgoten und die Westgoten aufs Haupt geschlagen und fast ausgerottet - aber dem Lob des edlen Justinian kann das natürlich keinen Abbruch tun. So so... Ihr meint also wirklich, die albernen kleinen Scharmützel zwischen ein paar Tausend Mann schwachen Heeren im westlichen Mittelmeerraum hätten damals die "Weltgeschichte" entschieden, und im Osten habe es allenfalls ein paar "Strafexpeditionen" gegeben? Ihr meint gar, "die" Griechen und "die" Römer hätten damals "die" Germanen ihrer segensreichen Herrschaft enthoben und damit den alten Schlendrian wieder einreißen lassen, der in diesen Ländern bis heute herrscht? Dann will Euch Dikigoros einmal aufklären - zunächst über den "aufmüpfigen" Sassaniden-Shah Chosrau. Nein, er war kein heldenhafter Haudrauf wie Belizar, kein geschickter Intrigant wie Narses und auch kein großer Förderer der christlichen Religion wie Justinian (er hatte vielmehr den "heidnischen" Filosofen, deren Akademien Justinian geschlossen hatte, Asyl gewährt und förderte die Lehren Zarathustras), aber er muß ein glänzender Schachspieler gewesen sein - wenngleich keine seiner Parteien authentisch überliefert ist -, denn er war ein großer Stratege und ein gewiefter Taktiker. Wer das bezweifelt, der sehe sich an, wie er Antiochia eroberte: Das war mit seinen mächtigen Mauern eigentlich gar nicht zu erobern, allenfalls zu belagern und auszuhungern. Was tat Chosrau? Er ließ den Belagerungsring so locker ziehen, daß das byzantinische Heer sich bei Nacht und Nebel verdrücken konnte. Die blöden Zivilunken kämpfen zwar weiter, aber natürlich ohne Chance. Chosrau plünderte die reiche Stadt sorgfältig aus, dann präsentierte er Justinian die Rechnung: 5.000 Talente Gold sofort, 500 weitere pro Jahr Tribut. Justinian - der kein Schach, nicht einmal Backgammon spielte, allenfalls Dame, denn er war gebürtiger Römer - mußte zähneknirschend zahlen, denn seine Heere waren im Westen verzettelt, und mit Belizar hatte er sich gerade verkracht. Aber man kann ja mal ein Bauernopfer bringen, nicht nur im Schach; man muß sich nur fragen? Waren Einsatz und Gewinn das auch wert? Ihr, liebe Leser, habt wahrscheinlich irgendwann einmal gehört, daß im Westen der Kampf zwischen Germanen und Nicht-Germanen getobt habe, und daß damit eine "weltgeschichtliche" Entscheidung auf Messers Spitze gestanden habe. Nichts kann falscher sein. In den Heeren "Ostroms" dienten weder Griechen noch Römer, sondern ausländische Söldner: Thraker, Illyrer, Goten, Heruler, Wandalen, Langobarden, Gepiden, Heruler, Hunnen, ja sogar Perser! Und in den Heeren der Ostgoten (die übrigens nicht mit den Westgoten verwandt waren - das ist ein Übersetzungefehler :-), von denen Ihr wahrscheinlich nur die Namen Amalaswintha, Totila und Teja kennt, dienten überwiegend Latiner. Auch ein paar römische Proletarier - die Oberschicht Roms, aber nur dieser einen Stadt, stand auf Seiten der Byzantiner. (Außerdem mischten sich noch Franken und Burgunder in die Kämpfe in Norditalien ein - aber wohl eher auf eigene Rechnung; daß am Ende noch eine Flotte der Wikinger hinzu gekommen sei, um die überlebenden Ostgoten zu retten, ist wohl eher ein Märchen.) Amalaswintha war in den Augen vieler eine Verräterin, denn sie war bereit (wie ihr Vater Theoderich, und wie die Wandalenfürsten jenseits des Mittelmeeres) als Vizekönigin die Oberhoheit des Kaisers in Byzanz anzuerkennen. Aber dem genügte das nicht - Justinian bekam den Hals nicht voll. Er wollte direkt herrschen, und vor allem mehr Steuern aus dem Land heraus pressen, als er es über die vergleichsweise milde Herrschaft der Goten tun konnte. Das brachte die einfache italische Bevölkerung auf die Seite der Goten - nicht umsonst nannte sich Badwila (der Neffe von Theoderichs Nachfolger Hildebad) als Herrscher "Totila", so wie sich die Aufständischen der "Latinerkriege" viele Jahrhunderte zuvor unter dem Stichwort "Tota Italia" gegen Rom erhoben hatten - der Name war Programm, fast wie seinerseits der Name "Spartacus". Der Kampf zog sich hin, über mehr als ein Jahrzehnt. Als er zuende ging, war Italien verwüstet, Byzanz von der Pest leer gefegt, die Staatskasse vom Krieg; aber Justinian hatte überlebt und konnte sich nun als "Herr der Welt" fühlen - eine schöne Welt. Aber es war nur eine Kulisse vor einem hohlen Gefäß, das bald zu einem Scherbenhaufen zusammen krachen sollte: Drei Jahre nach Justinians Tod eroberten die Langobarden Italien, weitere fünf Jahre später eroberten die Perser Syrien und die übrigen asiatischen Gebiete des einstigen Imperium Romanum, und noch einmal fünf Jahre später eroberten slawische und hunnische Stämme (aus denen später die Bulgaren werden sollten) Thrakien und Illyrien. Das Byzantinische Reich war die längste Zeit eine Großmacht gewesen. In Persien aber blühten die Wissenschaften, die Wirtschaft und - das Schachspiel.

Das 5. Feld heißt . Am Hofe des Königs Shrí Harsh, der in der 1. Hälfte des 7. Jahrhunderts regiert haben soll, schreibt der Dichter Báná, wie friedlich es damals in Indien zugegangen sein soll: Schlachten habe es nur auf dem Brett der 64 Felder gegeben, und dort wird das Spiel erstmals "Chaturang" genannt.

(...)

Das 6. Feld heißt Nihawend. 642 schlagen die Araber die Perser. Sie haben seit zwei Jahrzehnten eine neue, aggressive Religion, die ein gewisser Muhamad aus allen schlechten Seiten des jüdischen und christlichen Glaubens zusammen gerührt hat. Kalif Omar hat eine Theokratie errichtet, in der Weltliches und Religiöses nicht mehr getrennt sind. Die unterworfenen Völker werden einem furchtbaren Terror-Regime unterworfen. (Ja, liebe Leser, auch wenn in Euren Multi-Kulti-Märchenbüchern heute etwas anderes steht: Der Gesinnungsterror war furchtbar, furchtbarer vielleicht als es fysischer Terror hätte sein können. Und die großartige Kultur von Granada und Córdoba? Für die muslimische Oberschicht vielleicht; aber kaum für die unterworfenen Christen! Laßt Euch nichts vormachen, fahrt mal als Nicht-Muslim nach Saudi-Arabien, um dort zu leben; dann werdet Ihr wissen, was Dikigoros meint.) Das persische Heer wird vernichtet, die alte persische Kultur ausgerottet. Nur am "Schatrandsch" sollen die Araber Gefallen gefunden und es übernommen haben. Wirklich? Dikigoros hat da so seine Zweifel. Er kennt keinen einzigen guten arabischen Schachspieler - weder persönlich noch sonst -, und er kann sich auch nicht vorstellen, daß es je einen gegeben hat. Der Araber ist bei allem Glauben an Allah fatalistisch; er glaubt ans Kismet, ans Glück oder Unglück, ans Schicksal. Ein Spiel, bei dem es alleine ums logische Denken geht, steht diesem seinem Glauben entgegen; er muß es geradezu als Gotteslästerung empfinden. Ohne Würfel geht es nicht; deshalb bezweifelt Dikigoros auch, daß das Spiel, das die Araber da mitgenommen haben (oder das, was sie daraus gemacht haben) etwas anderes war als eine frühe Version von Backgammon alias Tricktrack.

Einschub über Glücksspiel im allgemeinen und Würfelspiel im besonderen! Je mehr dem Glücksspiel zugetan, desto anfälliger für Islam?

Wir schreiben das Jahr 711 und suchen vergeblich nach dem 7. Feld : Nein, es heißt nicht Gibraltar, denn auf dem Schachbrett kann man nicht desertieren und zur Gegenseite überlaufen - Dikigoros erspart sich die abgestandene Geschichte von der arabischen Eroberung Spaniens durch Verrat der Juden an den Westgoten. Welche Bedeutung sollte das für die Verbreitung des Schachspiels gehabt haben? Wenn Ihr, liebe Leser, in manchen Märchenbüchern die Mutmaßung findet, die Araber hätten bei dieser Gelegenheit "das Schachspiel" nach Europa gebracht - vergeßt es, dafür gibt es keinerlei quellenmäßigen Belege... Und im Osten, finden wir dort das 7. Feld? Bei Multan schlagen die Araber im selben Jahr ein indisches Heer, dringen ins Industal ein und zerstören dort die alte arysche Kultur. Sonst leisten sie - wie üblich - nichts: Noch nie haben Muslime irgendwo mehr getan als (bestenfalls) eine fremde Kultur zu übernehmen und langsam zu Tode zu schmarotzen, wie im römisch-gotischen Spanien; im schlimmsten Fall (und der war die Regel) zerstörten sie die fremde Kultur gleich. Die Gottheiten der Inder waren ihnen Götzen, die Schachfiguren erschienen ihnen als Abbilder derselben - und das ist im Islam bekanntlich streng verboten -, und das Schachspiel konnte folglich nur Götzendienst sein. (Und so falsch lagen sie damit ja gar nicht, denn gewiß hatte das Spiel auf dem Brett mit der heiligen Anzahl von Feldern - 2x2x2x2x2x2 - für die meisten Inder auch eine religiöse Bedeutung.)

Wir überspringen ein gutes Jahrhundert auf der Suche nach dem ominösen 7. Feld und landen in Sizilien. 827 landeten dort erstmals Araber; in den folgenden Jahren unterwarfen sie es nach und nach (Erst die Normannen sollten sie gut 200 Jahre später hinaus werfen). Und wieder gibt es Märchenonkeln, die meinen, bei der Gelegenheit hätten die edlen Muslime wohl "das Schachspiel" nach Europa gebracht. Es mag schon sein, daß sie ein Würfelspiel, das sie so nannten, mit brachten, also ein Glücksspiel. Und als solches galt es der christlichen Kirche als gotteslästerliches Übel und wurde von ihr verboten. Ein reines Intelligenz-Spiel, wie unser heutiges Schach, hätte die Kirche mit Sicherheit nicht verboten. Nein, wir sind offenbar völlig auf dem Holzweg und müssen ganz woanders suchen, und viel später. Das Verbot des "Schachspiels" blieb im christlichen Europa bis Anfang des 13. Jahrhunderts bestehen; von da ab war es offenbar erlaubt. Was war geschehen? Die braven Chronisten bleiben die Antwort darauf schuldig - die Frage stellt sich ihnen gar nicht, weil sie über diesen Punkt gar nicht nachgedacht haben. Nehmen wir ihnen die Arbeit ab.

Schonberg: Bagdad 847 - Ar-Razi besiegt al-Adli.

Auch für das 7. Feld hat Dikigoros drei Alternativen zur Auswahl:

Hastings 1066.

1192 Schlacht von Taraori Muhamad von Ghor erobert das Rajputenreich. Seine Nachfolger errichten das Sultanat von Delhi und rotten den indischen Buddhismus aus. Unwahrscheinlich, daß die Schach... oben übernehmen vom 8. JH - dort bestreiten!

Übrigens waren es meistenteils gar keine echten Araber, die da nach Indien kamen, sondern zum Islam bekehrte Perser. Ihre Sprache ist ein arabisiertes Persisch (daher auch der Name "Schach", vom persischen "Shah", König), das später, nach weiterer Vermischung mit indischen Sprachen, "Hindustaní" oder einfach "Hindí" genannt werden sollte.

Byzanz 1204. Dorthin richtet sich der 4. Kreuzzug, der heute von fast allen Historikern einhellig verdammt wird. (Übrigens zu Unrecht - aber das ist eine andere Geschichte.) Dikigoros vermutete lange, daß die Eroberer - Normannen, Italiener und Franzosen - von dort die erste würfelfreie Version des Schachspiel nach Europa mitbrachten; aber das war ein Irrtum - wir müssen uns noch etwas gedulden.

1212, Navas de Tolosa bei Jaén. Die Spanier sind dabei, ihr Land endlich von den verfluchten Mauren zurück zu erobern. Habt Ihr gelernt, liebe Leser, die "Reconquista" habe irgendwann Ende des 15. Jahrhunderts statt gefunden, als die Mauren aus Granada vertrieben wurden, und Spanien sei erst vereinigt worden, nachdem der König und die Königin von Kastilien-Leon und Aragon-Katalonien kurz zuvor geheiratet hätten? Glaubt es nicht. Bei Navas de Tolosa haben erstmals alle Heere der (christlichen) spanischen Teilstaaten gemeinsam gekämpft gegen die Muslime - und glänzend gesiegt. Daß der Kalif von Jaén kurz darauf nach Granada umgezogen ist, daß Córdoba und Sevilla erst ein paar Jahre später fielen, ist nicht so wichtig; und daß aus der Eroberung des völlig unbedeutenden muslimischen Mückenstaates Granada anno 1492 immer ein solcher Elefant gemacht wird, liegt nur daran, daß die Schulbuchautoren dieses Datum so schön mit der Entdeckung der westindischen Inseln durch Kolumbus im selben Jahr verknüpfen können - also muß es ja eine "Zeitenwende" gewesen sein. Aber von den verfluchten Mauren befreit hat sich Europa im 13. Jahrhundert, nicht nur fysisch, sondern auch geistig - und das drückt sich in den Regeln des Schachspiels aus. 1283 erscheint ein Buch, in dem diese neuen Regeln erläutert werden: Es ist kein Würfelspiel mehr, und Alfons X. von Kastilien hat höchstpersönlich die Einleitung dazu geschrieben. Dieser König hat in Deutschland keine gute Presse, denn er ist einer jener "ausländischen" Könige, die im "Interregnum", der bösen, "königlosen" Zeit nach dem Tode des letzten Staufers zum König von Deutschland gewählt wurden. Dikigoros hat nie begriffen, wie die Historiker zu dieser schiefen Sichtweise gekommen sind: Die letzten Staufer, allen voran ihr geliebter Friedrich II., waren - ebenso wie später viele Habsburger - nicht weniger "Ausländer" als Alfons X., hielten sich kaum in Deutschland auf, sprachen kaum Deutsch und vertraten auch sonst alles, nur keine deutschen Interessen. Und sie schrieben nicht mal ein Schachbuch - wenigstens das hatte ihnen Alfons X. voraus.

* * * * *

Das 8. Feld liegt in Rouen. Es ist eine Hinrichtungsstätte, und wir schreiben das Jahr 1431. Seit 92 Jahren tobt der Krieg, den sie später den "hundertjährigen" nennen werden, zwischen Frankreich auf der einen Seite und England und Burgund auf der anderen. Vor zwei Jahren ist etwas Unerhörtes geschehen: Eine junge Burgunderin, ein Bauerntrampel aus Lothringen, ist zum Feind übergelaufen und hat es vor zwei Jahren tatsächlich geschafft, das von den Engländern belagerte Orléans zu entsetzen. Das kann nur mit Schwarzer Magie zugegangen sein - sie muß die Soldaten verhext haben. ... Bauern- oder Dameopfer? Der König von Frankreich gewinnt die Partie trotzdem. Der Tod der Dame. Die Lothringerin Jeanne d'Arc wird von den Burgundern gefangen (denen es gar nicht gefällt, daß die für die Franzosen kämpft - Lothringen gehört nicht zu Frankreich, das ist Vaterlandsverrat!), an die mit Burgund verbündeten Engländer ausgeliefert und von denen als Hexe verbrannt. Was soll das hier? Geduld, liebe Leser, Geduld.

Die braven Historiker des Schachspiels werden nun nicht müde, in ermüdenden Aufzählungen ein jedes Brettspiel, das in europäischen Quellen erwähnt oder abgebildet wird, als "Beweis" dafür zu nehmen, daß das Schachspiel nach der Aufhebung dieses Verbots in Europa aufgeblüht sei; im 15. Jahrhundert seien sogar in den größeren Städten regelrechte "Schachturniere" veranstaltet worden. Allein, liebe Leser, was liegt daran? Haben diese Turniere historisch noch irgendeinen Sinn gemacht? Dikigoros würde mal schätzen, ungefähr soviel wie die letzten Ritter-Turniere, die damals abgehalten wurden: Lanzenreiter in altmodischen Rüstungen versuchten, einander vom Pferd zu stoßen. Wie läppisch in einer Zeit, da man längst mit Feuerwaffen auf einander schoß und die schwere Rüstung nicht mehr schützte, sondern nur noch behinderte. Und was wollte man da mit einem "Kriegsspiel", das darin bestand, lahme Elefanten und Streitwagen pro Zug über maximal zwei Felder ins dritte zu schieben, wo der König noch immer die stärkste Figur und die Dame noch nicht erfunden war? Der moderne Krieg wurde doch inzwischen ganz anders geführt: Zu Beginn des Jahrhunderts hatten die schnellen Reiterhorden Timur Lenks die halbe Welt erobert. 1415 hatten die englischen Bogenschützen auf dem Feld von Azincourt mit ihren weitreichenden Langbogen - die auf 200 m Entfernung eine Eisenrüstung durchschossen - die schwer gepanzerte, unbewegliche Reiterei der Franzosen vernichtet. In den 20er und 30er Jahren hatten die Hussiten in Böhmen und Mähren die ersten mit Kanonen bestückten gepanzerten Wagen entwickelt. Anno 1453 hatte die weit reichende Artillerie der Türken 1453 Byzanz, die stärkste Festung der damaligen Zeit, sturmreif geschossen. Auf den Weltmeeren fuhren die Schiffe der Portugiesen und Spanier (mit ihren italienischen Seeleuten) über ungeheuer weite Strecken. (In zehn Jahren wird Diaz das Kap der Guten Hoffnung umsegeln, ein Jahr später Vasco da Gama bis nach Indien schippern - Folge der Eroberung Konstantinopels.)

oben bei Timur Lenk und Azincourt einarbeiten: Auch Timur Lenk chess - warum hat sich das nicht durchgesetzt? muß vor Jeanne d'Arc kommen, er ist ja schon 1405 gestorben!

Die Reiterei rückte nicht mehr in langsamer, geschlossener Falanx Schritt für Schritt vor, sondern wurde in beweglichen Kavallerie-Einheiten zusammengefaßt, die weit ins Hinterland des Feindes eindringen konnte.

Und selbst die Fußsoldaten waren keine Bauern mehr mit schweren Spießen, die nicht weiter reichten als ihr Schaft lange war, sondern sie wurden zu Musketiere mit Flinten, die ihre tödlichen Kugeln hunderte von Metern weit verschießen konnten. Machen wir uns nichts vor, liebe Leser, das Schachspiel in seiner ursprünglichen Form hatte ausgedient, es war ein Langweiler geworden. Der Horizont der Menschen hatte sich geweitet, er lebte nicht mehr im Mittelalter, sondern in der Neuzeit; die Spielregeln des Lebens hatten sich geändert: Schneller, höher, weiter, lautete die Devise, und so wollte er auch seine Freizeitvergnügungen. Und natürlich etwas Symbolhaftes: 1456 war Jeanne d'Arc rehabilitiert worden und stieg nun allmählich zur Nationalheldin der Franzosen auf. Sie hatte im Krieg gegen die Engländer für eine Frau kaum Vorstellbares geleistet - mußte man dem nicht auch Rechnung tragen? Machen wir die Probe auf's Exempel.

Da Dikigoros mit dem Hinweis "zehn Jahre vor der Umseglung des Kaps" schon verraten hat, worauf er hinaus will, wird der historisch vorbelastet Leser längst wissen, wo das 9. Feld liegt in Nancy, und auf dem Feld liegt anno 1477 der geschlagene König: Shah mat, der König ist tot. Der reichste König Europas, sagt man, und der beste Schachspieler seiner Zeit: Karl der Kühne von Burgund. Nun ist Kühnheit eine schöne Sache, aber man kann es auch übertreiben, auf dem Schachbrett ebenso wie auf dem wirklichen Schlachtfeld. Nur mit dem Unterschied, daß es auf dem Schachbrett in der Regel weniger einschneidende Folgen. Karls Reich umfaßte Holland, Belgien, Luxemburg (nicht der vergrößerte Stadtstaat, der heute davon übrig geblieben ist, sondern ebenso groß wie die anderen hier genannten Ländereien), Elsaß, Lothringen, die Freigrafschaft und das Herzogtum Burgund. Die Sieger - Frankreich und Habsburg - teilen sich die Beute - Jeanne d'Arc ist gerächt. Und was lernen wir daraus? Daß ein guter Schachspieler nicht immer auch ein guter Feldherr sein muß? Oder einfach nur, daß die Spielregeln, nach denen Karl der Kühne Weltmeister war, nicht mehr auf die Wirklichkeit paßten? Dikigoros legt sich auf die letztere Antwort fest.

Das 10. Feld heißt Malābār. Die Portugiesen kommen nach Indien, aber nicht wegen des Schachspiels, sondern wegen des Pfeffers. Schach interessiert sie überhaupt nicht.

Das 11. Feld heißt Rom, die ewige Stadt - denkt man damals, im Jahre 1512, als man noch nicht ahnt, daß ihr Stern nur anderthalb Jahrzehnte später abrupt verlöschen wird (aber das ist eine andere Geschichte). Soeben ist ein Buch erschienen, das die Schachwelt revolutioniert: Damiano erfindet Rabbiosa, das Räuberschach. Die neuen Regeln.

Jeanne d'Arc als Dame, jetzt die stärkste Figur. 1431 wurde sie verbrannt (s.o.); 1456 wird sie rehabilitiert; und plötzlich spielt man Schach nach den neuen Regeln. (Nur in Europa, in Asien, bis wohin sich das noch nicht herum gesprochen hat, weiterhin nach den alten :-) (...) Na schön, die Dame hätten wir; aber wie soll das die Entwicklung der anderen Figuren erklären? Nun, just drei Jahre bevor Jeanne d'Arc rehabilitiert wurde, war Konstantinopel an die Türken gefallen, durch einen dreifachen Verrat. Der erste - das Desertieren der venezianischen Flotte - und der zweite - der von den in Konstantinopel lebenden Genuesen verübt wurde, die freilich auch allen Grund dazu hatten - soll uns hier nicht weiter interessieren, denn beide zusammen hätten nicht ausgereicht, um die Niederlage herbei zu führen, wohl aber der dritte und unbekannteste - der auch alleine ausgereicht hätte, aber so gut wie nie erwähnt wird: Ein deutscher Kanonengießer - der sinnigerweise genauso hieß wie der Papst, der einst zum 1. Kreuzzug aufgerufen hatte, nämlich Urban - baute den Türken schwerste Kanonen, mit denen die bis dahin unbezwingbaren Mauern, die noch aus der guten alten oströmischer Zeit stammten, zusammen geschossen werden konnten. Und obwohl es noch immer schwierig war, solche Ungetüme zu bewegen, konnte die schwere Artillerie bald auch in die offene Feldschlacht mitgeführt werden und das ganze Schlachtfeld abdecken. Und ebenso können von nun an die Türme von einem Ende des Schachfelds bis ans andere ziehen und schlagen.
(...)
Die einzigen Figuren, bei denen alles beim Alten bleibt, sind der König und die Springer. Der erstere wird dadurch zur schwächsten Figur auf dem Brett wird - kann es ein Zufall sein, daß diese Regeländerung just in eine Zeit fällt, da die Könige aufhören, selber mit zu kämpfen? Richard III von England war 1485 der letzte, der mit der Waffe in der Hand auf dem Schlachtfeld starb. (Nein, liebe Schweden, Gustaf Adolf starb zwar bei Lützen auf dem Schlachtfeld, aber nicht im Kampf, sondern - da sind sich die Gelehrten nicht ganz einig - entweder auf der Flucht oder von den eigenen Leuten hinterrücks erschossen; jedenfalls hatte er die tödliche Kugel im Rücken :-) Die Springer sind nun nicht mehr die stärksten Figuren; gleichwohl behalten sie einen gewissen Reiz, da sie die einzigen bleiben, die über andere Figuren hinweg ziehen können. Darf Dikigoros Euch zu einem kleinen Ausflug auf das Feld des Problemschachs mit nehmen? Eigentlich hält er nicht viel davon, vor allem nicht von solchen konstruierten Stellungen, die nie aus einer echten Partie entstehen könnten - das ist pure Mathematik, die man besser den Computern überlassen sollte. Und er hält auch nicht viel von Stellungen, die eh gewonnen sind, und wo es nur noch darum geht, ob man in 2, 3, oder 4 Zügen matt setzt - was solls? Die Zahl der Züge ist - außer in gewissen Endspielen ohne Bauern - nicht begrenzt, wohl aber die Bedenkzeit - wozu also lange nachdenken und die letztere womöglich überschreiten, wenn man die Partie mit ein paar Zügen mehr auch so nach Hause fahren kann?! Manche Pfuscher liefern gar "Probleme" ab, für die es mehr als eine Lösung gibt (oder gar keine :-). Aber es gibt immer wieder mal positive Ausnahmen, und eine will Dikigoros Euch hier vorstellen, weil sie ihn selber schwer beeindruckt hat. Wahrscheinlich kennen ausgemachte Fans des Problemschachs sie schon, aber für Amateure u.a. "Nur-Schachspieler" dürfte sie eine echte Kopfnuß sein. Also baut Euer Schachbrett auf, wenn Ihr neugierig geworden seid (aber verderbt Euch nicht den Spaß, indem Ihr gleich auf die Hilfe eines Computer-Programms zurück greift - versucht es erstmal alleine):
Weiß: Kf1, Da4, Td8, Tf3, Lh1, Sc5, Se4, b7, c3, e6, g4
Schwarz: Kd5, Te5, Le3, Le8, Sd7, c7, f2, g5
Weiß setzt in zwei Zügen matt. Ihr denkt, solche Zweizüger seien doch meist ganz simpel? In diesem Falle nicht - aber Dikigoros hat Euch ja schon verraten, daß ein Springer der Schlüssel zur Lösung ist. Also sucht mal schön!

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Kleine Denkpause: Warum haben einige Nationen große Meister dieses neuen strategischen Kriegsspiels hervorgebracht, aber selber nie große Kriegsgeschichte gemacht? Italiener, Juden (doch, die haben mehr als genug Geschichte gemacht; aber eben immer nur, indem sie anderen Völkern Ärger bereitet haben, nicht als eigene Nation, die etwas geleistet hätte), Armenier, Georgier? Achtung, liebe Leser, jetzt geht es ans Eingemachte - und laßt Euch bitte nicht von den politisch-korrekten Gutmenschen das Nachdenken über diese wichtige Frage als "rassistisch" oder sonstwie anrüchig verbieten. Dikigoros hat an anderer Stelle mal versucht, die Spiele der Völker unter dem Gesichtspunkt "Glücksspiele", "Geschicklichkeitsspiele" oder Mischformen daraus zu klassifizieren - und dabei Schach natürlich in die zweite Kategorie einsortiert; aber vielleicht greift das zu kurz. Im Zeitalter der GleichmachereiChancengleichheit erscheint es uns heute selbstverständlich, daß bei einem guten Spiel jeder Spieler die gleiche Chance auf Sieg oder Niederlage haben müsse - und notfalls auf ein Remis. Aber wer selber mal Schach gespielt hat weiß, daß gerade das letztere auf die Dauer ziemlich nerven kann. Spiele ohne echte Entscheidung sind langweilig, und je perfekter die Chancengleichheit, desto größer eben auch die Wahrscheinlichkeit, nichts Halbes und nichts Ganzes abzubekommen. Warum haben Spiele wie Mühle, Dame und Halma keinen großen Reiz? Eben, weil in etwa gleichstarke Spieler immer Remis spielen werden. Woran das liegt? Nun ja, alle Steine haben den selben Wert, alle sind "demokratisch" gleich, also passiert während des Spiels nicht viel, und am Ende halt auch nicht. Es gab immer schon Völker, die so etwas nicht befriedigt hat, und die deshalb genau das Gegenteil suchten: Den Kampf von David gegen Goliath (den die Juden sicher - wie so manches andere auch - ungeheuer aufgebauscht haben; aber einen realen Hintergrund mit zumindest einem Körnchen Wahrheit wird die Geschichte schon gehabt haben - wie so manches andere auch), womöglich noch mit unterschiedlichen Waffen: Das chinesische Go-Spiel ist so ein Fall, und die Gladiatoren-Kämpfe der alten Etrusker und Römer ein weiterer. (Wozu sollten zwei Kämpfer mit den gleichen Waffen auf einander los gehen? Interessant wurde es doch erst, wenn der eine Schwert und Schild, und der andere Dreizack und Netz hatte!) Ja, aber haben nicht beide Schachspieler die gleiche Ausgangslage - vom winzigen Vorteil des Eröffnungszuges mal abgesehen? Pardon, aber darauf will Dikigoros nicht hinaus - auch der Betreiber eines Gladiatoren-teams hatte insgesamt die gleichen Chancen, denn er konnte ja beliebig viele Kämpfer der einen oder der anderen Kategorie aufstellen; und es ist auch nicht gesagt, daß der eine oder der andere Gladiator für sich genommen bessere oder schlechtere Chancen hatte; aber sie hatten andere Chancen, da sie über unterschiedliche Mittel, sprich Waffen verfügten. Und je unterschiedlicher diese Waffen waren, desto interessanter. Das alte, indo-persische Schachspiel war langweilig, da die Steine keine großen Unterschiede in den Zugmöglichkeiten aufwiesen - und selbst wenn eine Seite materielle Überlegenheit erlangt hatte, endete die Partie oft unentschieden, da die relativ schwachen Figuren den relativ starken König nicht matt setzen konnten. Das änderte sich nun mit den neuen, "italienischen" Regeln radikal: Die Unterschiede explodierten förmlich; jetzt wurde Schach zu einem Spiel, an dem auch die alten Römer Gefallen gefunden hätten - und mit ihnen halt auch das Volk, das derart von der Geschichte um David und Goliath fasziniert war. Aber - um zur Ausgangsfrage zurück zu kehren - damit hatte sich dieses Spiel zugleich von der Realität entfernt; denn seit dem 15. Jahrhundert war es so weit, daß sich auf den richtigen Schlachtfeldern kaum noch Heere gegenüber standen, die sich derart eklatant in der Bewaffnung von einander unterschieden; und je schneller die Kavallerie wurde (man legte die schweren Panzer ab und bestieg schnelle, aus Arabien importierte Pferde statt der guten alten europäischen Kaltblüter!) und je weiter die Feuerwaffen reichten, desto geringer wurde die Wahrscheinlichkeit eines vollständigen Sieges - es trat also genau der gegenteilige Effekt dessen ein, der auf dem Schachbrett erzielt wurde. Das mögt Ihr paradox finden, liebe Leser - aber so war es.

Kleine Illustration gefällt für Dikigoros' These, daß nun selbst bei scheinbar hoher Überlegenheit der einen Seite die andere Seite nicht mehr notwendigerweise unterliegen mußte? Ihr wartet doch jetzt bestimmt auf ein Feld aus dem Jahre 1526, liebe Leser, die Ihr zum einen wißt, daß Dikigoros ein großer Fan der türkischen Geschichte ist und zum anderen, daß "der Türke" lange Zeit geradezu ein Inbegriff des materiell überlegenen - da vermeintlich von einem Robotergehirn gesteuerten - Schachmeisters war. (Aber auf letzteren kommen wir noch zurück :-) Nicht wahr, in jenem Jahre griffen die Türken nach der Weltherrschaft im Osten und Westen gleichermaßen: In der Heimat des Schachspiels eroberten Babar und seine Usbeken Indien und gründeten das Muģal-Reich; und im Westen eroberten sie Südosteuropa bis einschließlich Ungarn - und kurz darauf um ein Haar auch noch Wien. Sollte das kein "Feld" im Sinne dieser Reise wert sein? Nein, unter keinem Aspekt, denn weder lassen sich da großartige Schlachten analysieren noch große Folgen zeitigen. Bei Panipat trafen an Führers Geburtstag (aber davon wußte man noch nichts :-) ja nicht etwa die Muslime auf die Hindus, sondern die Truppen des muslimischen Sultans von Delhi auf die Truppen des muslimischen Abenteurers von jenseits des Hindukusch. Ersterer war, je nachdem welchen Quellen man eher Glauben schenkt, den Invasoren 5-10-fach überlegen, weshalb er auch die offene Feldschlacht suchte - mit Frontalangriff ohne Rücksicht auf Verluste. Babar ließ seine Truppen sich gut verschanzen und den Angriff abwarten. Die Soldaten des Sultans stürmten ins Abwehrfeuer der modernen, weit reichenden Musketen wie knapp 400 Jahre später die deutschen Freiwilligen ins Feuer der Maschinengewehre bei Langemarck. (Aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle.) Am Ende war der Sultan tot, und Babar der neue Herrscher; aber am Lauf der Geschichte Indiens änderte sich dadurch gleich gar nichts - die erfuhr erst 200 Jahre später eine entscheidende Wendung. Und bei Mohács geschah vier Monate später etwas ganz ähnliches: Das Heer der Ungarn griff die türkischen Invasionstruppen frontal an, ohne Rücksicht auf Verluste, d.h. die SpringerReiter wurden sinnlos geopfert, die Bauern und der König flohen, und am Ende waren alle tot: Die Kämpfer gefallen, die Gefangenen niedergemacht, die Zivilisten in den umliegenden Dörfern ermordet - jawohl, die Türken leisteten ganze Arbeit, wie es ihnen der Koran vorschrieb! - und der König auf der Flucht im nächsten Fluß ertrunken. Nein, liebe Than-fans, nicht auf dem Schlachtfeld gefallen, wie es das 330 Jahre später entstandene Gemälde suggeriert - der letzte europäische König, der mit der Waffe in der Hand im Kampf fiel, war Richard III von England (aber das ist eine andere Geschichte, ebenso die Geschichte des Schwedenkönigs Gustaf II Adolf, der 1632 bei Lützen auf der Flucht starb, wie 1526 Ludwig bei Mohács).

Einige SchlaumeierHistoriker meinen, König Ludwig hätte besser abwarten sollen, bis auch seine lieben Verbündeten angerückt wären - aber die hatten sich insgeheim längst mit den Türken verbündet, allen voran der saubere Räuberhauptmann von Transsylvanien "Fürst" von Siebenbürgen. Und überhaupt hätte ein Abwehrerfolg der Ungarn ebenso wenig gebracht wie drei Jahre später der Abwehrerfolg der Habsburger vor Wien - der Zug war längst abgefahren, und weil die Gründe dafür zum einen derart in Vergessenheit geraten sind, daß sie dringend mal wieder breit getreten werden müssen und Dikigoros zum anderen auf seinen "Reisen durch die Vergangenheit" sonst nicht dazu kommt, will er die schäbige Vorgeschichte der Schlacht von Mohács an dieser Stelle kurz referieren:
(...)
Für die nächsten Jahrhunderte blieb Südosteuropa türkisch, und dann ging es wie beim Tsunami: Die Welle zog sich eine Zeit lang zurück, nur um danach mit umso größerer Kraft zurück zu kehren. Gut 500 Jahre nach Mohács eroberten die Türken nicht nur Wien, sondern ganz Mitteleuropa - und diesmal endgültig, denn diesmal brachten sie ihre Frauen mit; und Dikigoros wird ja nie müde zu betonen, daß es in der Geschichte der Eroberungen nicht darauf ankommt, wie vielen Feinden die Männer eines Volkes auf dem Schlachtfeld das Leben nehmen, sondern wievielen Kindern ihre Frauen das Leben schenken - und da schlugen die Türkinnen die Europäerinnen im Durchschnitt 6:1; binnen weniger Generationen sollten sie gesiegt haben. Kleine Denkpause Ende.

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12. Alcalá, Ruy Lopez 15??-1561). Eifersüchtiger Feind Damianos. Spanien auf dem Höhpunkt seiner Macht, sein "Siglo de Oro".

13. Gioacchino Greco (1600-1634) aus Kalabrien (wahrscheinlich kein Grieche, sondern Jude). Wenig bekannt, da er jung starb, aber wohl der genialste Spieler seiner Zeit, und D. ist geneigt, ihn den ersten Weltmeister zu nennen. Reiste durch Italien, Frankreich, Spanien und England und schlug sie alle. Wanderte nach Kuba aus, wo er starb.

1575: erster Länderkampf Italien-Spanien in Madrid.

* * * * *

Das 14. Feld ist London 1756. Soeben ist wieder ein Krieg zwischen England und Frankreich ausgebrochen. Das ist eigentlich nichts besonderes, denn die beiden Länder sind "Erbfeinde", schon seit dem 100-jährigen Krieg, in dem die Engländer die französische National-Heilige, Jeanne d'Arc, der einige Schach-Historiker nachsagen, daß nach ihrem Vorbild die Erweiterung der Dame-Züge erfunden wurde, als Hexe verbrannt haben (aber das ist eine andere Geschichte). Doch diesmal ist es ein besonderer Krieg, der erste echte Weltkrieg, denn es geht nicht mehr nur um die Vorherrschaft in Europa, sondern auch um die in Amerika, um die in Indien, der Heimat des Schachspiels, und - um die auf dem Schachbrett. Dabei sah es eine Zeit lang so aus, als sollten sich die beiden Nationen gerade über dem Schachspiel versöhnen, das ihnen beinahe einen neuen, gemeinsamen National-Heiligen beschert hätte: François Philidor, den bei den Engländern Mitte des 18. Jahrhunderts populärsten Franzosen. Franzosen? Nun ja, der Übersetzung seines Namens - Franz Goldfreund - dürft Ihr getrost entnehmen, liebe Leser, daß er ebenfalls Jude war - aber was machte das schon? Der einzige in England lebende Schachspieler, der damals ähnlich populär war, war ein Araber, der sich anglisiert "Philipp Stamma" nannte. Unser Goldfreund, der vor seinen Gläubigern aus Paris hatte fliehen müssen und auch in Amsterdam kein Auskommen fand, reiste weiter nach London und forderte, nachdem er seinen Glaubensbruder Abraham Jansson besiegt hatte, Stamma zum Wettkampf heraus. Die Engländer - fair, wie sie nun einmal waren und noch immer sind - boten Philidor äußerst großzügige Bedingungen: Der Wettkampf wurde auf 10 Parteien begrenzt, Stamma durfte in allen 10 Partien mit Weiß spielen, und ein Remis wurde als Sieg für Stamma gewertet. (Unter diesen Bedingungen würde Dikigoros den braven Goldfreund selbst heute noch, nach Jahrzehnten ohne ernsthafte Wettkampfpraxis, leicht besiegen, zumal wenn sich Philidor mit der nach ihm benannten, drittklassigen Eröffnung verteidigt hätte; er war eigentlich kein großer Schachspieler, sondern vielmehr ein großer Komponist, der furchtbar darunter litt, daß er seinen Lebensunterhalt statt mit seinen Opern mit dieser elenden Figurenschieberei im Kaffeehaus verdienen mußte.) Wie ging der Wettkampf also aus? Falsch geraten: 8:2 für den Goldfreund! Die Engländer waren begeistert, feierten Philidor als "Weltmeister" und behielten ihn gleich da. Bis 1755, dann ging er zurück nach Paris (irgendwelche Bewunderer hatten inzwischen seine Schulden bezahlt). Ein Jahr später brach der Krieg aus, den die Deutschen den "siebenjährigen" und die Engländer den "französischen und indischen" nennen, und ein englischer Dichter namens William Jones wies nach, daß der antike Kriegsgott Mars dieses Kriegsspiel just für die Söhne des perfiden, pardon ruhmreichen Albion erfunden hatte:

"He [Mars, Anm. Dikigoros] fram'd a table of celestial mold,
Inlay'd with squares of silver and of gold;
Then of two metals form'd the warlike band,
That here compact in show of battle stand;
He taught the rules that guide the pensiv' game,
And call'ed it Cassa from the Dryad's name;
Whence Albion's sons, who most its praise confess,
Approv'd the play, and nam'd it thoughtful Chess.

[Wer das ganze Gedicht nachlesen will - leider nicht ganz fehlerfrei - kann das hier tun. An den Auslassungszeichen vor dem Endungs-d - mit denen das Versmaß gewahrt werden soll - kann man übrigens erkennen, daß das Endsilben-e Mitte des 18. Jahrhunderts normalerweise noch mit gesprochen wurde - kleiner Hinweis für sprachgeschichtlich Interessierte.] Und weil England den Krieg gewann (mit Hilfe der doofen Deutschen, pardon Preußen, die Österreicher - und die meisten anderen - standen auf der falschen Seite, wie so oft), setzte sich diese Sicht der Dinge allmählich in der ganzen Welt durch, und "Caïssa" (oder "Kaïssa"), jene von William Jones erfundene Göttin, von der die alten Griechen und Römer nie gehört hatten, wurde zur Patronin des Schachspiels.

Aber was geht uns der Krieg, der damals ausbrach, heute eigentlich noch an? Schlesien, das damals - wie einige Historiker voreilig schrieben "endgültig" - an Preußen fiel, ist inzwischen an Polen gefallen (und es war ein tiefer Fall, wie er tiefer gar nicht hätte sein können); Nordamerika, das nach sieben Jahren Krieg an England fiel, hat sich nur 13 Jahre später selbständig gemacht und dem "Mutterland" bald den Rang abgelaufen, das heute nur noch eine "Macht" dritter Größenordnung ist - Dikigoros hat gewisse Zweifel, ob das mit einem französischen Nordamerika auch so gelaufen wäre. Überhaupt keine Zweifel hat er jedoch bezüglich des Kriegsausgangs in Indien, für das der englische Sieg eine Katastrofe war. Wieso - ist Indien nicht inzwischen auch unabhängig geworden? Gewiß, aber schaut Euch die Heimat des Schachspiels doch einmal an: In den knapp zwei Jahrhunderten ihrer Kolonialherrschaft zerstörten die Briten nachhaltig die Staats- und Gesellschaftsstruktur der Hindus, die sie für minderwertige Götzenanbeter hielten, nicht viel besser als ihre afrikanischen Nigger, und stützen sich überall auf muslimische Kollaborateure, denn die glaubten doch wie die Christen an den einen und einzigen Gott. Es war der schwerste außen- und kolonialpolitische Fehler, den die Angelsachsen je begingen, und die schrecklichen Folgen dauern bis heute an - und nicht nur in Indien. Aber ist nicht auch Schach, das "königliche Spiel", ein Spiel für Monotheisten? Ach was, im Gegenteil: Der König ist bekanntlich die schwächste Figur, alle anderen sind stärker: Ganesh, der elefantenköpfige Gott, für den die Türme stehen, der Springer Kalki, der eine - die letzte - Inkarnation Wishnus ist, selbst die Königin ist viel stärker als er - so wie die gefürchteten Blutsäuferinnen Durga und Kali stärker sind als die meisten männlichen Gottheiten in Indien. Außerdem stehen ja auf dem Schachbrett zwei Könige gegen einander - das kann es, jedenfalls nach allgemeiner Auffassung, im Monotheismus nicht geben. (Dikigoros persönlich sieht das anders, denn für ihn sind der christliche Gott und der muslimische Allah nicht identisch, sondern in einem Kampf auf Leben und Tod verstrickt - aber das ist eine andere Geschichte.) Indien, das sind die Menschenmassen und die Hungersnöte. Ihr kennt doch sicher alle das Märchen von den Weizenkörnern, nicht wahr? Da kommt ein kluger Mann und erbittet sich vom König nur eine winzige Kleinigkeit, nämlich ein Schachbrett mit Weizenkörnern: Auf dem ersten Feld eines, auf dem zweiten das doppelte, nämlich zwei, auf dem dritten vier, auf dem vierten acht, usw. Der König - der offenbar kein großer Mathematiker ist und auch keinen rechten Überblick hat, was die Nahrungsmittel-Vorräte im Königreich anbelangt - sagt das leichtfertig zu, nur um am Ende zu seiner peinlichen Überraschung zu erfahren, daß soviel Weizen in 100 Jahren nicht auf der Erde wachsen würde. Doch dieses Märchen stammt gar nicht aus Indien, sondern... aus Deutschland, nämlich aus der Feder des Schriftstellers Christof Martin Wieland. Es war damals im 18. Jahrhundert in Europa Mode, den lieben Landsleuten den Spiegel ihrer eigenen Dummheit nicht direkt vorzuhalten, sondern über den Umweg eines anderen, exotischen Landes, vorzugsweise eines orientalischen (deshalb nannte z.B. auch der berühmte Montesquieu seine Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in Frankreich "Persische Briefe") - andernfalls hätten die Autoren riskiert, von ihren Herrschern nicht minder grausam zur Rechenschaft gezogen zu werden als von den "orientalischen Despoten", denen man so etwas gerne nachsagte. Und so macht es denn auch Wieland nicht besser als die Engländer: Der "kluge Mann" aus dem pseudo-indischen Märchen ist natürlich ein Muslim, und der König ein dummer Hindu. Der Muslim hat übrigens auch das Schachspiel erfunden (dafür sollte er ja die Weizenkörner überhaupt erst bekommen, als Belohnung!) - merkwürdig nur, daß es bis heute nie einen wirklich herausragenden muslimischen Schachspieler auf der Welt gegeben hat...

Zurück zu Philidor. Der hatte inzwischen mit seinen Opern (vor allem einer über Sancho Pansa, den Begleiter Don Quixotes) doch noch einigen Erfolg und vor allem eine gesellschaftliche Anerkennung erlangt, wie sie ihm allein die Schachspielerei nie hätte bringen können. (Die mutmaßlich wirklich besten Spieler seiner Zeit, zwei Italiener, Ercole del Rio [Herkules vom Fluß] und Domenico Ponziani [dessen solide Eröffnung man heute noch spielen kann - auch wenn sie etwas aus der Mode geraten ist] waren - und blieben - weitgehend unbekannt.) Philidor verkehrte nun mit den "Größen" seiner Zeit (und besiegte sie natürlich allesamt am Schachbrett - aber wer jemals gegen "Prominente" gespielt hat, weiß, wie wenig solche Siege besagen): Voltaire, Rousseau, Robespierre... Kommen Euch diese Namen bekannt vor, liebe Leser? Sicher, denn sie führen uns mit Riesenschritten auf das 15. Feld - das Ihr wahrscheinlich im Paris des Jahres 1789 vermutet, weil in Euren Geschichtsbüchern steht, daß damals die glorreiche "Französische Revolution" ausbrach, auf die sich die französischen Demokraten ja bis heute als ihre geistige Brut- pardon Geburtsstätte, berufen. Ja, Voltaire hatte mit seinem Cynismus das "Ancien Régime" moralisch untergraben, Rousseau mit seinem blödsinnigen Hauslehrergewäsch den Bazillus der Gleichmacherei in die Hinterköpfe der Kopflosen eingepflanzt, und Maitre Robespierre - ein verkrachter Anwalt und Parlaments-Abgeordneter - die Ergüsse dieser beiden Schreibtischtäter in praktische Politik umgesetzt, will sagen: Die Köpfe der Adeligen rollten - und die Philidors waren Adelige. Bald steht unser Goldfreund auf der Proskriptionsliste der zu guillotinierenden. (Das Fallbeil - Erfindung eines Arztes namens Guillotin - galt damals als besonders humane Tötungsart, und verglichen mit dem Zu-Tode-Foltern, dem Ersticken auf einem brennenden Scheiterhaufen oder dem langsamen Verhungern im Kerker war sie das sicher auch.) Philidor flieht nach - ja, wohin soll er schon fliehen? Nach London natürlich. Die Engländer reagieren kühl, um nicht zu sagen eisig: Selbstverständlich darf er einreisen; aber kein Engländer ist mehr bereit, auch nur um einen Penny mit dem Mann aus dem Lande des Erbfeindes zu spielen, gegen das sie inzwischen wieder Krieg führen. Philidor stirbt 1795 einen langsamen und qualvollen Hungerstod, mitten im Londoner Überfluß, vor den Augen der coolen Söhne Albions, die Caissa doch so verehren.... Da hatte es der König von Frankreich zwei Jahre zuvor leichter gehabt: er war kurzerhand unter der Guillotine matt gesetzt worden, und tatsächlich war dieses Ereignis - nicht der alberne "Sturm" der Marktweiber auf die leere Bastille, die man erst im Nachhinein (nämlich 1848) zum "Beginn der Französischen Revolution" hoch stilisieren sollte. (1848 sollte man auch erst das Schlagwort "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" erfinden - aber das ist eine andere Geschichte.)

Den Franzosen von 1789 und 1793 erging es bald wie den Schachspielern, die allzu leichtsinnig ein Bauernopfer annehmen: Die Revolution fraß ihre Kinder, genauer gesagt ihre Väter. Eines ihrer gefräßigsten Kinder, der korsische Leutnant Napoleon Bonaparte, betritt die Bühne und besetzt das 16. Feld:

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16. Feld. 1809: Napoleon verliert gegen den "Türken".

Ofen (das spätere Buda) 1769 Der Türke des Barons Wolfgang von Kempelen. 1854 in New York verbrannt. Warum erwähnt Dikigoros das hier überhaupt? Nun, weil er die Gnade der späten Geburt besitzt und deshalb zwei Jahrhunderte in die Zukunft schauen kann, als es niemand mehr nötig hat, einen Menschen in eine Pseudo-Maschine zu stecken, um seine Gegner zu schlagen...

Als es heraus kommt, lacht alles - war doch klar, daß ein Roboter, eine blöde Maschine, nicht besser Schach spielen kann als der Mensch, jene geniale Krone der Schöpfung, oder? "Wenn der Türke echt gewesen wäre," schreibt der amerikanische Journalist und Schriftsteller Edgar A. Poe, "dann müßte er immer gewinnen; und da er manchmal verliert, kann er also nicht echt sein." Nun war E.A.P. ein guter Schriftsteller, in vielerlei Hinsicht ein Vorläufer von Mark Twain, den Dikigoros als solchen sehr schätzt; aber von Schach hatte er keine Ahnung, und von Computer-Schach erst recht nicht (wie auch?). In seiner Argumentation steckt ein Denkfehler: Jeder Schachspieler, egal ob Mensch oder Maschine,

Nachdem Napoléon nach Sankt Helena abgeschoben worden ist, gibt es erstmal keine Schlacht- oder Schach-Felder, auf denen Ruhm und Ehre zu erringen wäre. Es ist das so genannte "Biedermeier"; man sitzt lieber hinter dem Ofen und leckt seine Wunden. Nur einige Unverbesserliche suchen verruchte Orte auf wie die notorischen "Cafés", in denen vor allem dreier Laster gefrönt wird: Dem Rauchen, dem Saufen (nicht nur Kaffee!) und - dem Spiel. Noch sind es vornehmlich Karten- und Würfelspiele oder solche, in denen der Zufall wenigstens eine Teil-Rolle spielt, wie jene merkwürdige Kombination aus Halma, Dame und Würfelspiel, das die Engländer Backgammon, die Franzosen Trictrac und die Griechen Tavlí nennen. Nur in einigen großen Weltstädten wie Budapest, Krakau, Lemberg, New Orleans, New York, Prag, Preßburg und Wien wird das königliche Spiel weiter gepflegt. (Und es ist wohl weder ein Zufall, daß fast alle diese Städte im Habsburger-Reich liegen noch daß sie allesamt große Juden-Gemeinden haben, denn die haben sich zum Volk der besten Schachspieler entwickelt, und die Habsburger gewähren ihnen eine weltweit einmalige Toleranz.)

1846: New Orleans: Morphy schlägt Winfield Scott. Der Mexico-Krieg. leipzig.htm

Eine Stadt hat Dikigoros noch vergessen, und das ist London. Dort findet 1851 auf dem 17. Feld - dem der Wissenschaften - eine ganz neue Art von Schlacht statt: die erste Weltausstellung (aber das ist eine andere Geschichte). An deren Rande kommt es zum Duell der beiden vermeintlich weltbesten Schachspieler: Der preußische Mathematik-Professor Adi Anderssen schlägt den britischen Journalisten und Verleger Howard Staunton (den Erfinder der "englischen" Eröffnung). Das ist nicht nett und wird in England äußerst übel vermerkt. (Obwohl Andressen eigentlich gar kein echter Preuße ist, denn erstens ist Schlesien damals noch weitgehend österreichisch geprägt - seine Großeltern wurden noch als Habsburger geboren -, und zweitens ist er Jude. Aber das ist für die Engländer keine Entschuldigung sondern im Gegenteil noch ein Grund mehr, sich aufzuregen.) Die Königin Victoria - selber eine gebürtige Deutsche, aus Coburg (sie heißt richtig Alexandrina von Battenberg) - spricht zwar ständig von "poor little Germany [armes kleines Deutschland]", um schön Wetter für ihre Heimat zu machen beim mächtigen englischen Parliament, aber bald wird ihr das niemand mehr so recht abnehmen. Die Partien halten heutigen Ansprüchen zwar schwerlich stand - aber kann man das erwarten? Auch die ausgestellten Kanonen und Maschinen (nein, ein Schach-Computer ist nicht dabei; der "Türke" steht inzwischen in einem New Yorker Museum, das in drei Jahren mitsamt seinen Exponaten abbrennen wird) sind noch nicht so leistungsfähig wie die heutigen; alles ist eben relativ. Im übrigen wurde damals ein erfrischender Angriffsstil gepflegt, kurz entschlossen und opferfreudig - nicht diese lähmende Remis-Schieberei, wie sie sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat.

18. Weihnachten 1858, Paris (Napoleon III auf dem Höhepunkt seiner Macht, Krimkrieg, Italien). Morphy aus New Orleans fegt Anderssen von der Platte - und alle anderen auch, mit der Überlegenheit eines Profis über mittelstarke Vereinsspieler. Landet im Irrenhaus.

Wenn Dikigoros eben geschrieben hat, daß... dann trifft das sicher auf eine Nation nicht zu: die USA. Morphy. Das 6. Feld ist ein Friedhof - Dikigoros hat die 2. Hälfte des 2. Zeile nicht etwa nur wegen der schönen Alliteration gewählt. Blind- und Simultan-Schach.

19. London 1866: Preußisch-österreichischer Krieg. Wohin sollte ein Schlesier gehen (der Friede von Hubertusburg, in dem Schlesien endgültig von Österreich an Preußen abgetreten wurde, war noch keine hundert Jahre alt!), abgebrochener Mathematik-Student (in Wien)? (Er ähnelte übrigens Dikigoros' ebenfalls aus Schlesien stammenden Freund Zille wie ein Ei dem anderen.) Er ging nach London, genauer gesagt blieb er dort; denn er war schon 1862 dorthin übergesiedelt. Schlägt Anderssen, den Morphy hatte ja aufgehört, damit Weltmeister.

20. Wien 1873 (wieder Weltausstellung) Steinitz (1836-1900) siegt.

21. Wien 1882. Steinitz siegt erneut; dann wandert er - wie Dikigoros' Urgroßvater - in die USA aus und läßt sich in New York nieder.

22. 1886. WM-Kampf gegen den ungarischen Juden Zukertort, zugleich eine Schaukampftournee durch die drei damals größten deutschsprachigen Städte der USA: New York, St. Louis und New Orleans.

* * * * *

23. 1894: Dreieck Montreal, New York, Philadelphia. Steinitz verliert WM-Titel an Emanuel Lasker (1868-1941). Auch der lebt vorzugsweise in London. Arzt (?) und Mathematiker (Dr. med. (?) und Dr. rer. nat.)

Auf welches (24.) Feld mag Dikigoros den Leser nun entführen? Hat er nicht allmählich alles durch, und könnte er nicht mal wieder einen schönen Krieg...? Nein, jedenfalls keinen auf dem herkömmlichen Schlachtfeld; aber es geht nicht weniger um Leben und Tod. Knapp hundert Jahre später wird eine gewisser Ronald Clark den Mittelabschnitt einer 700-seitigen Biografie mit "Der Feldherr" überschreiben; und gut hundert Jahre zuvor ist - wieder im Habsburgerreich - die erste Klinik für geistig Kranke eingerichtet worden, im Zuge der Justiz-Reformen des aufgeklärten Kaisers Josef. Das war sicher gut gemeint: Wer für seine Taten - mögen sie auch kriminell sein - nicht im strafrechtlichen Sinne verantwortlich ist, da sein Geist gestört ist, soll in einer psychiatrischen Anstalt wenn möglich geheilt werden und nicht auf dem Schafott enden. Leider war das wie mit vielen gut gemeinten Neuerungen: Sie wurden von allen Seiten mißbraucht. Auf der einen Seite von echten Kriminellen, die sich ein wenig bekloppt anstellten, um ihren Kopf zu retten, auf der anderen Seite von Behörden, die mißliebige Leute, denen auch beim bösesten Willen keine Straftat nachzuweisen war, aus dem Verkehr zogen, indem man sie in die "Klapse" einwies. Und - am schlimmsten - von den Kurpfuschern, pardon Ärzten und ihren Henkersknechten, pardon Helfershelfern, die nach dem Grundsatz der selbsterfüllenden Profezeiung arbeiteten wie schon die Henkersknechte im Mittelalter: Wenn die Hexe nicht wahr haben will, daß sie eine Hexe ist, wird sie so lange gefoltert, bis sie wahnsinnig ist und sich selber für eine Hexe hält. Und wenn der Irre nicht wahr haben will, daß er ein Irrer ist, wird er so lange im Irrenhaus "behandelt", bis er es tatsächlich ist. Dies ist bis heute bei verbrecherischen Regimen in aller Welt eine beliebte Methode, sich aufmüpfiger, aber populärer Untertanen zu entledigen, die man nicht einfach so "an die Wand stellen" kann, ohne sie zu Martyrern zu machen.

Der "Feldherr", über den Clark schrieb, war der große Arzt und Psychologe Sigmund Freud, der heute leider mehr für seine Irrtümer (die er später allesamt verwarf - ohne daß das die meisten Zeitgenossen zur Kenntnis genommen hätte) bekannt ist als für seine bahnbrechenden Erkenntnisse. All der Schmu mit Psychoanalyse, Ödipus-Komplex usw. geistert bis heute durch die Praxen der Psycho-Klempner, dabei dämmerte es Freud damals gerade, was von alledem zu halten war. Sein Schlüssel-Erlebnis fand in einem Irrenhaus statt: Nachdem er einen eingebildeten Kranken (oder Simulanten) lange und ausgiebig, aber erfolglos psychologisch behandelt hatte, fand er spontan das richtige Mittel: Ein paar hinter die Löffel, und der Betroffene war geheilt. Leider war damit das umgekehrte Problem nicht aus der Welt geschafft: Noch immer wurden Menschen, die geistig völlig gesund waren, in Irrenanstalten gesperrt und mittels Gehirnwäsche allmählich zu geistigen Krüppeln gefoltert. Seit jeher führend in dieser Kunst waren die Chinesen und die Russen. (Nein, liebe Leser, das ist keine sowjetische oder maoïstische Erfindung - das dürft Ihr dem bekennenden Anti-Kommunisten Dikigoros getrost glauben -, schon in den Reichen der Mandarine und der Zaren war das eine Spezialität nicht nur eines Hauses!)

Während der geistige Feldherr Sigmund Freud mit dem Glaubenskriegs zur Verbreitung seiner Ideen beginnt, sitzt in Moskau sein Glaubensbruder William Steinitz (er ist inzwischen US-Bürger geworden und hat seinen Vornamen amerikanisiert) und führt einen verzweifelten Kampf um die Rückeroberung seines Weltmeistertitels. Er hat ihn zweieinhalb Jahre zuvor gegen den eine ganze Generation jüngeren Arzt und Mathematiker Emanuel Lasker klar verloren. Er ist jetzt, mit Anfang 60, erst recht chancenlos. Warum tut er sich das noch an? Darauf könnte er nur antworten, was er schon in seiner besten Zeit den Leuten geantwortet hatte, die ihn fragten, warum er denn nicht auch man die jüngeren ranlassen könne, er habe doch schon genug Ruhm und Ehre geerntet: "Auf Ruhm und Ehre könnte ich gut und gerne verzichten - aber auf das Preisgeld nicht." Nun rächt es sich, daß Steinitz keine bürgerliche Existenz hat; als Schachprofi kann man nur leben, wenn man gewinnt; und er verliert wieder, noch deutlicher als beim ersten Kampf gegen Lasker, der zwar noch nicht ganz im Zenith seines Könnens steht, aber schon fast unschlagbar ist.

 

1897: Moskau. Steinitz verliert auch die Revanche, der 61-jährige beginnt eine Weibergeschichte mit einer 18-jährigen; ihr Vormund läßt ihn ins Irrenhaus stecken, wo er brutal gefoltert und einer Gehirnwäsche unterzogen wird (ja, liebe Leser, das ist keine Erfindung der Sowjets - Rußland ist Rußland, schon immer gewesen!), an deren Folgen er ein paar Jahre später als gebrochener, bettelarmer Mann stirbt.

Aber das stört niemanden,

Die Amis rühren keinen Finger für ihn, sondern er stirbt in einem New Yorker Irrenhaus arm und verlassen. Und vergessen: Die meisten Amerikaner halten bis heute Bobby Fischer für den ersten (und letzten) amerikanischen Schach-Weltmeister, dabei war der nicht weniger deutsch-jüdischer Abstammung als Steinitz - aber dazu schreibt Dikigoros weiter unten mehr.

am wenigsten den neuen Weltmeister, der auch weiterhin zu Turnieren nach Rußland reist und zwei Jahrzehnte lang ungeschlagen bleibt - seinen größten Triumf feiert er im Frühling 1914 in St. Peterburg (das ist übrigens die richtige Schreibweise, damals und auch heute wieder, nur die Deutschen schreiben es penetrant falsch "Petersburg", mit s), wo er überlegen Turniersieger wird, vor einem Kubaner namens Capablanca und einem Russen namens Al. Aber nein, liebe Leser, das ist noch nicht das 25. Feld, dafür ist es zu friedlich. Es ist die letzte große, glanzvolle Veranstaltung, die die kosmopolitische Hauptstadt des Zarenreichs erleben soll - aber das ahnt noch niemand.

Das 25. Feld ist - nein, liebe Leser, nicht im Frühjahr 1914 in Sankt Peterburg, wo das bis dahin hochkarätigste und bestdotierte Schachturnier aller Zeiten statt findet, unter der Schirmherrschaft seiner Majestät, des russischen Tsaren Nikolaus II, der sich bei der Gelegenheit anmaßte, höchstpersönlich darüber zu entscheiden, welche Spieler den Titel "Großmeister" führen durften und welche nicht (Juden und andere Nicht-Russen aus seinem Reich, wie Aaron Nimzowitsch, Ossip Bernstein oder Akiba Rubinstein, schloß er grundsätzlich aus), sondern - Anfang August 1914 in - nein, liebe Leser, auch nicht Sarajevo. Was dort kurz zuvor passiert ist, wißt Ihr doch sowieso alle schon. Dikigoros will Euch aus einem anderen Ort berichten, aus Mannheim; dort findet nämlich ein ebenfalls recht gut besetztes internationales Schachturnier statt, das freilich weniger bekannt ist, aber Ihr sollt doch ein wenig von der unterschiedlichen Handlungsweise der bösen, kriegsschuldigen und verbrecherischen Deutschen einerseits und den edlen, ritterlichen Alliierten auf der anderen Seite erfahren. Nehmen wir die letztere vorweg: Im amerikanischen Pittsburgh (auch nur ein anderes Wort für "Petersburg", diesmal die niederländische Variante - aber das hat historische Gründe) spielt die deutsche Tennis-Mannschaft im Davis-Cup gegen Australien (und verliert ziemlich kläglich). Als der Erste Weltkrieg ausbricht, lassen die - wohlgemerkt offiziell noch "neutralen" - Amerikaner es zu, daß die Engländern die deutschen Spieler gleich vor ihrer - der amerikanischen - Küste kidnappen und (als Zivilisten!) in Gefangenenlager stecken, wo sie sie dann später verrecken lassen. In Mannheim treffen sich zur selben Zeit Schachgrößen aus aller Welt - auch und vor allem aus den Staaten, die plötzlich im Krieg gegen Deutschland stehen, z.B. der russische Meister Aleksandr...

Ausgerechnet an dieser Stelle muß Dikigoros einen längeren Exkurs einschieben. Ihr kennt den Nachnamen des Meister wahrscheinlich in der Form "Aljekhine" - so schrieb er sich später, als er aus Rußland emigriert war. Damals schrieb er sich im Westen noch "Aljochin" - die russische Schreibweise lautet Алехин. Den dritten Buchstaben kann man auch als "ё" transkribieren; für gewöhnlich tut man das, damit westliche Leser, die mit den Feinheiten des Russischen nicht so vertraut sind, leichter erkennen können, ob dieser Buchstabe "jä [e]" oder "jo [ë]" ausgesprochen wird. Aber wie wurde Aleksandars Nachname denn nun ausgesprochen? Eigentlich wäre diese Frage ganz einfach zu beantworten - wenn es denn ein russisches Wort wäre, denn da die zweite Silbe unstreitig betont ist, müßte sie dann zwangsläufig als "jo" gesprochen werden - und so sah Aleksandr das damals offenbar auch. Doch dann machte er eine peinlich Entdeckung: Diesen Namen trugen nicht nur Arier, sondern auch Juden; und wenn er etwas auf keinen Fall sein wollte, dann letzteres. Das war verständlich: Seit Jahrhunderten - und verstärkt seit den 1870er Jahren - wurden die Juden im Tsarenreich diskriminiert und verfolgt (das Wort "Pogrom" kommt nicht umsonst aus dem Russischen; und wie das noch 1914 mit den Schachgroßmeistern war, hat Dikigoros ja gerade geschrieben); und wiewohl sie das vermeiden konnten, indem sie zum Christentum konvertierten, war es z.B. in der Armee kaum möglich, als konvertierter Jude Karriere zu machen. Da ging es doch nicht an, den braven Aleksandr auch nur entfernt in den Verdacht einer jüdischen Abstammung geraten zu lassen! Schließlich war sein Vater von Adel, Offizier in der kaiserlichen Armee, er selber war groß, blond und blauäugig, getauft und verwestlicht; und was den Namen betraf, so legte er sich eine interessante Theorie zurecht: In der Aussprache "Aljochin" war er jüdisch, in der Form "Aljechin" arisch; deshalb bestand er fortan für sich selber auf der letzteren Aussprache. Aber ach, liebe Leser, das war nun - um mit Aleksandars größtem jüdischen Zeitgenossen zu sprechen - eine Freud'sche Fehlleistung reinsten Wassers, denn in Wirklichkeit war es eher umgekehrt - wenn es denn da überhaupt einen Unterschied gab. Es war ja nie so, daß etwa ein "arischer" Russe einen jüdischen Namen angenommen hatte, sondern vielmehr umgekehrt, daß jüdische Russen, die konvertierten, ihren alten Namen beibehielten - und so standen halt bald beide Formen neben einander. Der Name Aljechin (mit oder ohne Trema auf dem e) ist eine russische Verballhornung des alten jüdischen Grußes "Schalom Alejkhum" (verwandt mit dem arabischen "Salem aleikum"), den die Juden für gewöhnlich "Friede sei mit Dir" übersetzen (Dikigoros übersetzt es bekanntlich einfacher mit "Heil Dir"); Juden, die bei ihrer Konvertierung die "150%igen" markieren wollten, paßten auch die Aussprache dem Russischen an, so daß aus dem (jüdischen) "e" ein (russisches) "ë" wurde - voilà. (Man findet, wenn man sich mal etwas intensiver auf die Suche begibt, erstaunlich viele Russen, die "Schalom Alejkhum", "Schalom Aljekhin" o.ä. heißen - und sie sind allesamt Juden.) Wenn Dikigoros eben von "150%igen" gesprochen hat, dann war Aleksandr ein mindestens "200%iger". Aber das ist unter konvertierten Juden gar nicht so selten; um sich von ihren Ex-Glaubensbrüdern umso mehr abzugrenzen, haben ja auch andere seiner Zeitgenossen ihre übelsten Seiten hervor gekehrt, von all den brutalen jüdischen Juden-(und Nichtjuden-)Schlächtern der sowjet-russischen Revolution bis zu Reinhard Heydrich (ebenso groß, blond und blauäugig wie Aleksandr!) und Adolf Eichmann im Dritten Reich. Aleksandr war da übrigens sehr flexibel: In der Sowjetunion wurde er Mitglied der KPdSU und ein braver Kommunist; als er nach Frankreich auswanderte wurde er französischer Staatsbürger und ein braver Demokrat; und als er in Deutschland lebte, wurde er ein braver Nazi und Antisemit, der mit einigen nicht ganz ernst zu nehmenden Artikeln gegen jüdische Schachspieler vom Leder zog. Nein, liebe Leser, es läßt sich doch nicht ernsthaft bestreiten, daß das Schachspiel für die Juden der Nationalsport Nr. 1 ist, und daß fast alle genialen Schachspieler zumindest teilweise jüdischer Abstammung waren. (Einer von ihnen, Ruben Fine, hat das mal - wohl im Scherz, aber vielleicht gar nicht so abwegig - damit erklärt, daß Schach das einzige Spiel oder überhaupt die einzige Beschäftigung sei, die einem frommen Juden am Schabbat nicht verboten sei, weshalb er jeden 7. Tag vom morgens bis abends Schach spiele.) Geht doch nur mal die Weltmeister des 19. und 20. Jahrhunderts durch: Steinitz, Lasker, Aleksandr A., Euwe, Botwinnik, Smyslow, Tal, Petrosjan (der war ein so genannter "Juhuro [Bergjude]"), Spasskij, Fischer, Weinstein alias "Kasparow; dazu könnt Ihr noch Zukertort, Gunsberg, Tarrasch, Janowski, Schlechter, Spielmann, Tartakower, Rubinstein, Nimzowitsch, Réti, Fine, Reshevsky, Najdorf, Bronstein, Pachman, Kortschnoj und Kamskij nehmen, die von der Spielstärke her alle auch Weltmeister hätten werden können und fast alle immerhin Vizeweltmeister wurden. Und, liebe Leserinnen, wenn Ihr partout noch ein paar Frauen dabei haben wollt: Es gibt weit und breit nur ein Grüppchen, das jemals die Spielstärke männlicher Weltmeister erreicht hat, und das sind die Polgar-Schwestern, die zum Wettkampf mit der gleichen Selbstverständlichkeit den Davidsstern um den Hals tragen wie einst Klaus Junge - auf den kommen wir gleich zurück - die Hakenkreuzbinde am Oberarm. Eine einzige Ausnahme, die die Regel bestätigt, gibt es: den Inder Ānand, aber über den schreibt Dikigoros an anderer Stelle. Dagegen haben sich die beiden anderen vermeintlichen Ausnahmen, die Dikigoros hier früher stehen hatte, als Irrtum erwiesen: Der "Kubaner" Capablanca bzw. seine Vorfahren hießen selbstverständlich nicht immer so - denn einen solchen Namen gibt es im Spanischen nicht; das ist vielmehr die wörtliche Übersetzung von "Weis[s]mantel", und das ist ein jüdischer Name. Und die Großeltern des "Russen" Karpow waren halt rechtzeitig konvertiert. (Sein Kollege Lew Alburt hat das mal ausgeplaudert; und auch wenn dessen Webseite inzwischen verschwunden ist - bei JINFO kennt man sie noch :-) Seine nicht-konvertierten Verwandten laufen noch heute als Rabbis herum. (Wenn Ihr nach ihnen googeln wollt, gebt "Karpov" ein, denn so schreiben sie sich auf Englisch.) Und Morphy, Aleksandars erklärtes Vorbild? Schwer zu sagen: Sein Vater war unzweifelhaft irischer Abstammung, über die seiner Mutter weiß man nichts genaues. "Kreolin" soll sie gewesen sein, oder "Spanierin". Aber das sind Vermutungen, die sich praktisch nur darauf stützen, daß er eben in New Orleans geboren war, wo jene beiden Nationalitäten damals noch vorherrschten. Ob eine dieser alt-eingesessenen "Nativisten"-Töchter freilich einen "Paddy" geheiratet hätte, wagt Dikigoros zu bezweifeln. Er glaubt vielmehr, daß Morphys Mutter eine geborene Gottschalk war, und daß er seine halb-jüdische Abstammung aus gutem Grunde verschwieg (wie er ja auch seinen irischen Vatersnamen, der richtig "Murphy" lautete, änderte), weil seit den 1850er Jahren auch und gerade in New Orleans Pogrome gegen deutsche Juden (und deutsche Nicht-Juden) statt fanden - aber er will kein Dogma draus machen. Exkurs Ende.

Zurück nach Mannheim und in den August 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Selbstverständlich läßt das Deutsche Reich alle Gäste frei ausreisen - frei ist in jeder Hinsicht wörtlich zu nehmen; sie bekommen auf Kosten des deutschen Steuerzahlers einen Freifahrtschein in die Schweiz. (Nein, liebe Leser, das waren keine alten Knacker, die nur noch die Figuren übers Schachbrett schieben konnten. Aleksandr z.B. war 22 Jahre alt, also im besten waffenfähigen Alter und kerngesund - dagegen waren die meisten Teilnehmer aus dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn kleine, dicke, wehrdienstuntaugliche Krüppel fortgeschrittenen Alters.) Alechin, der führt, als das Turnier abgebrochen wird, bekommt den Sieg zugesprochen und darf auch seinen Preis mitnehmen. So war das damals. Die Geschichte hat noch ein böses Nachspiel, und Aleksandr (der dumm genug ist, aus der Schweiz nach Rußland zurück zu kehren) wird später oft wünschen, daß er gleich in Deutschland geblieben wäre, denn als Sohn eines adeligen Großgrundbesitzers und Garde-Offiziers wird er nach der sozialistischen Oktoberrevolution von 1917 arg in die Bredouille kommen und bald wieder aus Rußland, pardon der Sowjet-Union, abhauen. Die Sozialisten sagen, der Krieg werde gar nicht von den Völkern und für die Völker geführt, jedenfalls nicht was ihre armen, ausgebeuteten Arbeiterklassen angeht, sondern er werde den letzteren - die schließlich das Kanonenfutter stellen müssen - von ihren bösen, militaristischen adeligen und bürgerlichen Unterdrückern aufgezwungen. Das hatten die Sozialisten schon vor dem Krieg gesagt. Aber dann stimmten die sozialistischen Parteien doch alle für die Kriegskredite, d.h. für den Krieg. Plötzlich waren sie alle Patrioten, und wer es nicht war und etwa gegen den Krieg agitierte - wie der französische Sozialistenführer Jaurès - wurde kurzerhand erschossen (wohlgemerkt von den eigenen Genossen ermordet, nicht etwa von der Obrigkeit hingerichtet). Ja, die Patrioten. Die Russen zweifeln am Patriotismus ihrer deutschen Mitbürger. Millionen werden aus Galizien und Wolhynien deportiert und verrecken in Sibirien - aber das ist eine andere Geschichte. Viele Deutsche zweifeln am Patriotismus ihrer jüdischen Mitbürger. Manchmal mit Recht. (Ein gewisser Einstein, unfähiger, aber hoch dotierter Professor für theoretischen Klimbim, pardon, theoretische Fysik in Berlin, weigert sich, während des Krieges für Deutschland zu forschen - aber vielleicht ist er auch nur zu dumm und versteckt seine Charlatanerie hinter der Maske des Pazifismus.) Öfter zu Unrecht. Emanuel Lasker verfaßt kriegsfilosofische Werke, die ihm die "gutmenschliche" Nachwelt viele Jahrzehnte später äußerst übel nehmen wird (ähnlich wie ein gewisser Thomas Mann, der davon später, als er zum Todfeind aller Deutschen mutiert ist, selber nichts mehr wissen will). Wäre Lasker nicht Jude und überzeugter Kommunist gewesen - er emigrierte zur Zeit des schlimmsten stalinistischen Terrors in die Sowjet-Union -, hätte man ihn womöglich zu einem "Vorläufer des National-Sozialismus" gestempelt. [Viel daran gefehlt hat ohnehin nicht: ein amerikanischer (und jüdischer) Schachhistoriker hat ihm - wohlgemerkt noch nach 1945 - vorgeworfen, seine Gegner "vergasen" zu wollen, weil er, der sonst nur die teuersten Zigarren rauchte, während seiner Schachpartien stets den billigsten Dreck qualmte und seinen Gegnern den Rauch gezielt ins Gesicht blies. Nein, ein Ritter des Fair-play war er nicht!] Auch sein persönlicher Todfeind, der Jude Siegbert Tarrasch, wie er ein nicht wehrfähiger Krüppel, ist selbstverständlich strammer deutschnationaler Patriot.

Das 26. Feld ist Havanna, neben dem argentinischen Buenos Aires die Schachhochburg Lateinamerikas und Hauptstadt Kubas, das zwar nicht der iure, aber de facto eine Kolonie der USA ist. 1898...

Vorwand - Parallele Lusitania.

Konzentrationslager - hinterher werden sie einfach zu "spanischen" Lagern erklärt.

Zurück zum Schach.

1918: Carl Schlechter verhungert - mit seiner Lungenentzündung hätte er es eh nicht mehr lange gemacht.

Lasker ist der Bürde des Weltmeisters müde und will seinen Titel kampflos an seinen Freund Capablanca, den kubanischen Meister, abgeben; aber der besteht zumindest auf einem Schaukampf. 1921 findet er statt, und Lasker läßt Capablanca gewinnen, gibt irgendwann auf, "wegen der großen Hitze", und diese Version wird auch allgemein als Erklärung bemüht. Andere meinen, Lasker sei alt geworden. Wie dem auch sei, es war kein regulärer Wettkampf; noch bis 1935 gelingt es Capablanca in keinem offenen Turnier, sich vor Lasker zu plazieren. Er spielt solide, mit mathematischer Präzision, wie ein Computer. Er macht keine Fehler, weil er nichts riskiert. Sein Schachspiel ist erfolgreich, aber langweilig. Er soll denn auch nicht lange Weltmeister bleiben.

(...)

* * * * *

Das 30. Feld ist einmal mehr in Paris. Dort findet die "VIII." Olympiade der Neuzeit statt. Warum setzt Dikigoros das in Anführungsstriche? Weil es gar nicht die achte ist, sondern erst die siebte - denn die sechste wäre ins Jahr 1916 gefallen, und die ist aus Gründen "höherer Gewalt" ausgefallen - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle. Trotzdem zählen die Olympia-Statistiker sie mit - um sich wichtig zu machen; denn in Wirklichkeit ist die Olympiade noch eine ziemliche Gurken-Veranstaltung, an der auch diejenigen, die teilnehmen dürfen (also ausschließlich Angehörige der Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs) nur wenig Interesse zeigen. Einige Schachspieler würden schon gerne mitmachen; aber die läßt man nicht, weil die Sesselpupser im IOC die Auffassung vertreten, daß Schach kein Sport sei. Also beschließt die französische Schach-Föderation, eine Schach-Olympiade ins Leben zu rufen, und zu diesem Zweck gründet sie selbstherrlich den "Weltschachverband", die "Fédération Internationale des Échecs", kurz "F.I.D.E." Dikigoros hat bereits an anderer Stelle geschrieben, was er von diesem Verband hält, aber er will es gerne noch einmal wiederholen und auch begründen warum: Es war von vorneherein - und ist bis heute - eine kriminelle Vereinigung, deren Geschichte aus einer Aneinanderreihung mehr oder weniger gut vertuschter Skandale besteht. Es fing schon damit an, daß gleich bei der ersten "Schach-Olympiade" - wie bei der "echten" Olympiade - der Spruch "Vae Victis" als unsichtbares Zeichen an der Wand geschrieben stand: Teilnehmer aus Verlierer-Staaten des Ersten Weltkriegs durften nicht teilnehmen - denn jedem war klar, daß die Medaillen sonst nach Deutschland, Österreich und Ungarn gegangen wären, und das war ja nicht der Sinn der Übung.

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Das 27. Feld ist Buenos Aires. Die lateinamerikanischen Staaten sind aufgeblüht; sie sind die großen Kriegsgewinnler: Erst neutral, dann im Handel mit den Alliierten reich geworden. (Zunächst haben sie auch die Deutschen enteignet; aber dann haben sie doch eingesehen ist, daß es klüger ist, ihnen ihr Eigentum zurück zu geben - sie können damit ein höheres Steueraufkommen erwirtschaften als andere.) Besonders Argentinien und Uruguay. Ihre Hauptstädte Buenos Aires und Montevideo stecken Paris oder Rom glatt in die Tasche und bieten überdies noch das Flair Nizzas oder Monte Carlos - das der Spieler. Auch der Schachspieler, und auch die spielen ja inzwischen um viel Geld. Viele haben es bitter nötig, Al. zum Beispiel. Was ist aus ihm geworden? Es ist ihm 1920 gelungen, aus Sowjet-Rußland zu fliehen, erst nach Berlin (wo er sich seinen Lebensunterhalt in Schach-Cafés verdient), dann in die Schweiz, dann nach Frankreich, dessen Staatsbürgerschaft er annimmt - wie so viele seiner Landsleute aus dem einstigen Zarenreich, nur daß er im Unterschied zu diesen nicht Taxifahrer spielt, sondern Schach. 1927 gegen Capablanca um die Weltmeisterschaft, in Buenos Aires. Dort ahnt anno 1927 noch niemand etwas vom New Yorker Börsenkrach, der ein paar Jahre später auch Argentinien und die anderen Länder Südamerikas tief in die Weltwirtschaftskrise stürzen wird. Aleksandr gewinnt den Titelkampf klarer, als es das Ergebnis (34) zum Ausdruck bringt. Merkwürdigerweise haben ihn die Franzosen bis heute nicht als "ihren" ersten Schachweltmeister reklamiert, sondern führen ihn in ihren Statistiken als "Russen" oder "Staatenlosen". Merkwürdig, wenn man bedenkt, daß die "französische" Fußball-"National"-Mannschaft, die Ende des 20. Jahrhunderts Welt- und Europameister wurde, fast nur aus Negern, Arabern und Ex-Sowjetbürgern bestand. Aber Al. war ihnen wohl aus anderen Gründen peinlich.

Insgeheim war er aber begeisterter National-Sozialist und ging nach Deutschland, als Hitler dort an die Macht kam. Seine Titelverteidigungen (damals konnte sich ein Weltmeister noch selber aussuchen, gegen wen er antrat, ohne irgendwelche korrupten Verbandsfunktionäre) bestritt er denn auch vorzugsweise gegen Parteigenossen, die ihm spielerisch weit unterlegen waren, am liebsten gegen seinen geschäftlich erfolgreichen Landsmann, den dicken Bogoljubow (der ihn 1921 vor dem Verhungern gerettet und ihn wohl auch dem National-Sozialismus näher gebracht hat - er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen, war Parteigenosse geworden und Reichsschachtrainer).

28. 1933: Die Nazis zwingen den deutschen Patrioten Lasker ins Exil. Das ist schäbig. Dikigoros versteht vieles, was die Nazis getan haben (auch solche Dinge, für die er persönlich kein Verständnis hat, denn alles verstehen ist entgegen einem weit verbreiteten französischen Sprichwort eben nicht gleich alles verzeihen), aber das versteht er nicht. Im "Dritten Reich" haben viele Juden einen"Schutzbrief" als Arier h.c. bekommen, die es weit weniger verdienten...

29. 1935: Euwe schlägt Al. Zur selben Zeit siegt der junge russische Meister Botwinnik im Turnier von Moskau vor Lasker. Lasker, der deutsche Nationalist, läßt sich von den Sowjets umgarnen: Er bleibt in Moskau, wird in die Akademie der Wissenschaften gewählt,

Und so haben wir wieder einen Treppenwitz der Geschichte: Während der deutsche, aber jüdische Patriot Lasker bei den Kommunisten in der Sowjetunion sitzt, sitzt der russische, aber zaristische Patriot Al. bei den National-Sozialisten in Deutschland...

30. 1937: Al. gewinnt den Rückkampf gegen Euwe.

Feld 38: Al. unterschätzt Euwe (das spricht sich "Öwä"), der sich Max nannte, aber eigentlich Machgielis hieß (in kaum einer Sportart werden so große Anstrengungen unternommen, um eine jüdische Abstammung zu verschleiern, wie im Schach) maßlos. Der hatte doch schon mehrfach gegen Capablanca und Bogoljubow (und natürlich auch gegen Al.) verloren ... Al. akzeptierte Euwe überhaupt nur als Herausforderer, weil ein Sponsor ihm dafür eine schöne Kreuzfahrt von Holland nach Niederländisch-Indien geboten hatte. Wer war das schon? So ein blöder Mathe-Lehrer an einer Mädchen-Schule (Universitäts-Professor sollte er erst viel später werden, in den 50er Jahren), der konnte doch nicht denken, sondern nur rechnen, noch so ein Capablanca. Al. gewann die ersten Parteien spielend, wurde dann sorglos und leichtsinnig, trank während der Partien statt Kaffee (wie es sein Gegner tut) tassenweise Schnaps - und im Suff verlor er seinen Titel, wenn auch denkbar knapp mit nur einem Punkt. Vor Wut gewöhnte sich Al. das Trinken ab und schlug Euwe in der Revanche überlegen. Aber bald gab es wichtigere Dinge auf der Welt als Schachmeisterschaften. Schach war schließlich nur die Theorie des Krieges; nun mußte mal wieder die Praxis erprobt werden.

Feld 38: AVRO-Turnier 1938, w. WK 1939: Paul Keres: WM-Kampf gegen Al. platzt, da Stalin Estland annektiert.

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