Make your own free website on Tripod.com

EIN FESTE BURG IST UNSER GÖTZE
von Ninive zum Arsenal von Mesolóngi
von Mäzadā zur Synagoge von Wien
von Chittaurgarh nach Klungkung

Éxodos - Kiddusch-HaSchem - Jauhar - Puputan
****************************************************
"Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns itz hat betroffen
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr', Kind und Weib
Laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn
Das Reich muß uns doch bleiben!"

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Eigentlich ist Dikigoros ja kein großer Freund von Vorreden. Aber in diesem Fall ist er es seinen Lesern schuldig, bevor er sie auf eine mühselige und alles andere als erfreuliche Reise schickt, von der sie aufgrund der Überschrift vielleicht etwas ganz anderes erwarten und von der sie am Ende womöglich enttäuscht wären, wenn er ihnen nicht von Anfang an reinen Wein einschenkte. Diese Reise handelt weder von Martin Luder alias Martinus Lutherus noch vom Protestantismus noch von seinem GötzenGott. Sie handelt auch nicht in erster Linie von festen Burgen, denn dies ist kein Spaziergang durch die Militärgeschichte oder auch nur zu bestimmten Kapiteln derselben. Gewiß, es gab immer wieder Festungen, um die erbittert gekämpft wurde, was viele Menschen das Leben kostete und manchmal sogar Kriege (mit) entschied. Aber Dikigoros will Euch nicht mit nach Sewastopol, Verdun, Lemberg oder ähnlich "wichtigen" Orten nehmen - da hätte er viel zu tun; und ein Menschenleben würde wohl nicht ausreichen, um sie alle zu bereisen. Es wäre ja doch immer mehr oder weniger das gleiche: Festungen werden belagert und verteidigt, erobert oder auch nicht; wenn die Belagerer zu schwach sind, dann werden sie früher oder später abziehen; wenn sie zu stark sind, werden die Belagerten früher oder später kapitulieren; denn niemand, der rationell handelt - auch nicht der vernageltste Kommißkopp - wird eine Festung bis zum letzten Steintrümmer, bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Blutstropfen verteidigen, wie es die Herren Politiker - die ja für gewöhnlich nicht mitkämpfen und -sterben müssen - immer wieder von ihnen fordern. Wenn Ihr also so etwas sucht, liebe Leser, dann lest hier bitte nicht weiter. Auch dann nicht, wenn etwa die Aussage, daß religiöser Glaube rationalem Handeln oftmals entgegen steht, Eure christlichen, jüdischen oder sonstigen Gefühle verletzen könnte. Dikigoros weiß nicht, ob Luther wußte, welch zweideutigen Satz er da geschrieben hatte. (Er weiß nur, daß Luther als Ossi das Wort "Waffen" offenbar "Woffen" aussprach - sonst hätte es sich ja nicht auf "betroffen" gereimt :-) Vielleicht meinte er nur, daß der Glaube an Gott eine feste Burg sei; und mit dem "Reich", das uns bleiben muß, meinte er vielleicht "nur" das Himmelreich; aber rein sprachlich gesehen könnte es auch bedeuten, daß man eine Burg zum Götzen erhoben hat, indem man an ihre Unbezwingbarkeit glaubt, vielleicht qua Gottes Fügung. (Obwohl der bekanntlich meist auf der Seite der stärkeren Bataillone steht :-) Jedenfalls haben das viele später so ausgelegt. Aber es gab auch diejenigen, die sich zwar in durchaus irdischen Festungen verschanzten, aber nicht, um sie aus militärischer ratio zu verteidigen, bis es keinen Sinn mehr hatte, sondern auch noch darüber hinaus, um ihres Glaubens willen, dessen Aufgabe sie den Tod vorzogen. Es gibt offenbar Religionen und Ideologien (wenn man das denn so trennen kann, wie die Christen - aber eigentlich nur die Christen - das heutzutage tun), deren Anhänger dazu bereit waren - und sind? Nein, liebe Leser, die Ihr jetzt von Dikigoros eine neuerliche Suada gegen die Muslime erwartet (oder befürchtet :-) - der Islām eignet sich für diese Art des Glaubens-Bekenntnisses nicht. Denn hier geht es nicht um Selbstmord-Anschläge zur Vernichtung der Feinde unter Aufopferung des eigenen Lebens, sondern um kollektive Selbstmord-Aktionen, die nicht dem Feind schaden können, sondern nur den Akteuren selber, die ihren Glauben nicht aufgeben wollen, und das ist den Muslimen verboten; statt dessen gebietet ihnen Allah "Tāqijja" (was die Türken zu "Takiye" verballhornt haben, aber es meint das gleiche) oder einfach die Flucht; deshalb haben sie sich die besten Gelegenheiten, in diese Geschichte einzugehen - 1492 in Granada und 1881 in Göktepe - entgehen lassen. (Geholfen hat es ihnen nichts; denn die Scheinkonvertierten von Granada wurden durch die Spanier später ebenso nieder gemacht wie die Geflohenen von Göktepe durch die Russen :-) Und als Schauplatz solch radikaler Demonstrationen eines "festen Glaubens" eignen sich offenbar "feste Burgen" besonders gut. Einige der in der Überschrift genannten Orte werden Euch, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, nichts oder nicht viel sagen, oder Ihr werdet sie für olle Kamellen halten, die sozusagen verjährt sind und nicht wiederkommen können. Aber täuscht Euch nicht - Dikigoros hat die Paarungen nicht umsonst so zusammen gestellt, daß deutlich wird, wie die Erinnerung über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende erhalten geblieben ist und Wiederholungen inspiriert hat.

* * * * *

Man schreibt das Jahr 612 v.C., pardon, wir schreiben das heute so; aber die Menschen, die damals lebten, wären nicht im Traum auf die Idee gekommen. Erstens konnten sie ja nicht hell sehen, wußten also nicht, daß in rund 6 Jahrhunderten in einer römischen Kolonie am Ostrand des Mittelmeers ein gewisser Joshua sein Unwesen treiben würde, geschweige denn, daß jemand aus den ihm in den Mund gelegten Worten so etwas wie eine Religion machen würde, und erst recht nicht, daß in rund 1.100 Jahren ein Mönchlein namens Dionysius auf die Idee kommen sollte, nach dem vermeintlichen Geburtsjahr jenes Joshua eine neue Zeitrechnung beginnen zu lassen. Daß sich dieser Unsinn aber in rund 1.600 Jahren tatsächlich auf einem Kontinent namens "Europa" allgemein durchsetzen sollte, lag wohl außerhalb des Vorstellungsvermögens aller vernünftig denkenden Menschen nicht nur jener Zeit. Bis dahin hatten praktisch veranlagte Völker die Jahre ab dem Regierungsantritt ihrer Herrscher gezählt (wie es die Japaner heute noch tun), eher religiös veranlagte ab der vermeintlichen Erschaffung der Welt durch irgendeine Gottheit. Die Europäer hatten irgendwann mal keine Lust mehr, mit dem Zählen immer wieder von vorne anzufangen und einigten sich darauf, ab dem Regierungsantritt des letzten großen - vielleicht größten - "römischen" Kaisers zu beginnen, des Illyrers (wer immer die "Illyrer" waren - die heutigen Albaner behaupten kackfrech, ihre Vorfahren) Diokläs, der sich auf Lateinisch "Diocletianus" nannte. (Die Kopten in Ägypten haben diese Zeitrechnung übrigens bis heute beibehalten - schon aus Opposition zu den Muslimen, die einen komischen Profeten aus dem 4. nachdiokletischen Jahrhundert an den Anfang ihrer Chronologie gesetzt haben :-) Der versuchte, den Augias-Stall, den ihm seine Vorgänger hinterlassen hatten, auszumisten, vor allem die bereits an italienische und griechische Verhältnisse heutiger Zeit erinnernde Schlamperei und Korruption im Staatsapparat zu beseitigen und jene verderbliche Ideologie des intoleranten Monotheïsmus auszurotten, die von den einen "Judentum", von den anderen "Christentum" genannt wurde. Leider vergeblich; und als er die Schnauze voll hatte, machte er den Köhler, d.h. er zog sich beleidigt ins Privatleben zurück. Im Jahre 776 nach Diokletian kam man also überein, künftig im Jahre "1060 nach Christus" leben zu wollen und verlegte Diokletians Regierungsantritt in das Jahr "284 n.C." Und weil die Zurückrechnerei, die daraufhin einsetzte, eine ziemlich schwiemelige Sache war, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob das, was Dikigoros Euch hier schildern will, tatsächlich anno 612 v.C. statt fand oder ein paar Jahre davor oder danach - es ist aber auch nicht so wichtig.

Ninive. Na, davon habt Ihr doch sicher alle schon mal gehört, liebe Leser - oder etwa nicht? Die Palastgärten des Sanherib in Ninive waren doch das Vorbild für die hängenden Gärten der Semiramis in Babylon, eines der "Sieben Weltwunder"! Damals stand das assyrische Reich auf dem Gipfel seiner Macht; Sanheribs Vater Sargon hatte Babylon erobert, den Nachbarn und alten Widersacher (wiewohl sich die beiden Völker "Assyrer" und "Babylonier" nicht mehr von einander unterschieden als etwa Norddeutsche und Niederländer - aber so ist das in der Geschichte offenbar schon immer gewesen; auch Kain und Abel hatten ja nicht gar so weit entfernt von Ninive gelebt :-) und sich damit zum mächtigsten Herrscher des Orients gemacht; und Sanheribs Nachfolger Asarhaddon und Assurbanipal waren das noch immer. (Ihr seht Dikigoros doch hoffentlich nach, daß er sich hier der von Luther geprägten Namensformen bedient? Die Assyrologen unter Euch werden sich die Haare raufen; aber es wäre doch niemandem damit gedient, wenn er hier einen Buchstabensalat mit vielen Sonderzeichen abliefern würde, die niemand lesen, geschweige denn richtig aussprechen kann - so weiß wenigstens jeder, der die Bibel gelesen hat, wer gemeint ist :-) Dann ging es ganz schnell bergab. (Aber was heißt das schon? Ihr Kinder des 20. Jahrhunderts wißt doch, wie schnell ein Reich vom Gipfel seiner vermeintlichen Macht ins Nichts zerfallen kann: Wie lange haben sie denn gehalten, das groß-britische "Empire", das "groß-deutsche Reich" und die große "Sowjet-Union"? Und Ihr Kinder des 21. Jahrhunderts werdet mit erleben, wie schnell die Milliarden-Reiche China und Indien zerfallen - und dann dürft Ihr an die Opferzahlen wahrscheinlich eine Null dran hängen :-) Im jenem Jahre, das wir oben als "612 v.C." bezeichnet haben, herrschte in Ninive ein gewisser Sardanapal (oder so ähnlich - Dikigoros will aus den vorgenannten Gründen nicht nach einer anderen, "besseren" Schreibweise seines Namens suchen, zumal sich diese eingebürgert hat), ein schöner Mann in einem schönen Palast, mit vielen schönen Hunden, Pferden und Frauen. Und daneben herrschte mal wieder der Kriegsgott, denn die Babylonier wollten nicht länger unter assyrischer Herrschaft leben und den Spieß (nicht zum ersten Mal) umdrehen. Das taten sie denn auch; und als sie vor den Mauern der Stadt standen... Nein, da noch nicht, denn Ninive galt als eine der stärksten Festungen ihrer Zeit, hinter deren Mauern man sich durchaus sicher fühlen konnte. Erst als die Babylonier in die Stadt eingedrungen waren, sah Sardanapal, daß nichts mehr zu retten war, und er beschloß, all seine schönen Besitztümer - und last not least auch sich selber - nicht in die Hand der Feinde fallen zu lassen. Also holte er alles in einem Palast zusammen, zündete ihn an allen vier Ecken an und verbrannte vollständig. "Vollständig verbrennen" heißt auf Griechisch "holokávtomai", und es bezeichnet ein Brandopfer, bei dem tatsächlich alles verbrannt wird - im Gegensatz zum "normalen" Opfer, bei dem das Objekt der Begierde, pardon der Verehrung, nur gebraten und anschließend verzehrt wird. Das Wort erhielt sich - es wurde im 16. Jahrhundert von den Briten wieder ausgegraben und zu "holocaust" verballhornt, einem Schlagwort in ihrer Greuelpropaganda gegen "Bloody Mary" und den Katholizismus (aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle) -; aber das Ereignis, auf das es ursprünglich geprägt worden war, geriet für lange Zeit aus dem Blickfeld der "Mainstream"-Historiker: Ein gewisser Diodorus Sicilus hatte darüber bei einem gewissen Ktesias gelesen, der es wiederum von einem ungewissen Perser oder Meder hatte... Na wenn schon - es gab Interessanteres.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts begann die Menschen im "Okzident" (wie man damals sagte - früher hatte man "Evropä" gesagt, und heute sagt man "Europa") eine merkwürdige, revolutionäre Unruhe im allgemeinen und ein ebenso merkwürdiges Interesse für den "Orient" im besonderen zu erfassen. Die meisten von ihnen waren freilich keine Historiker, sondern "Dichter und Denker"; und unter denen entwickelte sich irgendwann im 19. Jahrhunderts eine Art Ketten-Reaktion: 1819 veröffentlicht ein Deutscher namens Goethe eine Gedichte-Sammlung mit dem Titel "Der West-östliche Divan". Die liest ein spleeniger englischer Lord, der daraufhin die Geschichte von Ninive wieder ausgräbt und daraus ein Epos mit dem Titel "Sardanapalus" macht, das er jenem Goethe widmet. Der liest es zwar nicht - und aufführen will es zunächst auch niemand (es wird zwar schon 1820 oder 1821 fertig, aber die erste Aufführung wird erst 1834 in Brüssel statt finden, als der Autor längst tot ist, und die zweite erst 1869 in Wien :-) -, aber dafür ein französischer Maler namens Delacroix. Der beginnt sogleich ein Bild zu malen, das den Feuertod jenes Sardanapal zum Thema hat. (Es wird zwar erst nach dem Ereignis, von dem Euch Dikigoros hier berichten will, fertig; aber er kann es Euch ja schon mal zeigen :-)

Aber zurück zu jenem Epos "Sardanapalus", dessen Titelheld eine ganz eigenartige Umdeutung erfährt: Während der historische Herrscher von Ninive wahrscheinlich bloß seinen Gegnern die Siegesfreude verderben wollte, bringt der Brite hier die Vermutung ins Spiel, daß doch noch etwas mehr dahinter gesteckt haben muß, etwas, das man als "Idealismus" oder auch "Ideologie" bezeichnen kann; jedenfalls etwas, für das es sich lohnt zu sterben. Diese Art zu denken hat damals weite Kreise erfaßt - auf merkwürdig widersprüchliche Art und Weise. Erst die Begeisterung für die "Ideale" der Französischen Revolution, dann für Napoleon Bonaparte - der für das genaue Gegenteil stand - und schließlich für die "Befreiungskriege" gegen eben jenen Napoleon. Und wenn man schon mal beim Befreien ist - warum dann nicht auch die griechischen Glaubenbrüder (na ja, fast - eigentlich sind sie ja "nur" Orthodoxe, also weder Katholiken noch Protestanten noch Anglikaner :-) aus der Unterdrückung der muslimischen Türken? Gesagt, getan; 1823 packt der englische Lord seine Koffer und reist mitsamt dem Manuskript des Theaterstücks, das sonst niemand haben will, nach Griechenland, genauer gesagt nach Mesolóngi - einem Städtchen, das wahrscheinlich irgendwann im 16. Jahrhundert unter dem Namen "Missolonghi" von Venezianern gegründet wurde, ganz in der Nähe von Lepanto, einem Ort, dem Dikigoros' Leser bereits auf einer anderen seiner "Reisen durch die Vergangenheit" begegnet sind. (übrigens ein sehr nützlicher Link für alle, die wissen wollen, was vor und nach den Ereignissen von Mesolóngi, über die Dikigoros hier schreibt, sonst noch so geschah in jenen Tagen.) Dort versucht seit 1821 ein kleines Häuflein aufrechter Hellenen (böse Zungen würden sagen: eine Bande zerlumpter Räuber ["Kleftäs" - daher kommt unser Wort "Kleptomane"] - so nennen sie sich übrigens auch selber :-), die "Idee" des Freiheitskampfes gegen die Türken in die Tat umzusetzen.

[ein griechischer Räuber, pardon 'Freiheitskämpfer'] [Der 'Oberbefehlshaber der griechischen Streitkräfte' schwört, seine Wahlheimat zu befreien]

Bei denen findet sein Drama begeisterte Aufnahme; und gegen eine Spende von einigen tausend Pfund Sterling (der Lord ist von Haus aus wohlhabend, während bei den Räubern ständig Ebbe in der Kasse ist :-) wird er zum "Oberbefehlshaber der griechischen Streitkräfte" ernannt - ein schöner Titel fürwahr. Der Ärger ist nur, daß Mesolóngi inmitten von Sümpfen liegt (nur deshalb hat es sich überhaupt gegen die türkische Übermacht halten können), und dort grassiert das Sumpffieber. Der britische Lord ist weniger abgehärtet als die hellenischen "Freiheitskämpfer"; und so dauert es nicht lange, bis Wírωn (die Engländer schreiben ihn "Byron" und sprechen ihn penetrant "Mpairon" aus, weil sie nicht wissen, wie ein griechisches Wita und ein griechisches I-psilon richtig ausgesprochen werden; aber die Griechen lassen sich davon bis heute nicht beirren :-) der lateinischen Form seines Namens - dem Virus - erliegt. (Das war am 20. April 1824 - aber seit 1945 wurde das geändert in "19. April 1824"; denn es durfte und konnte doch nicht sein, daß der große Lord Byron an "Führers Geburtstag" starb! So eine Änderung des offiziellen Sterbedatums ist übrigens kein Einzelfall in der britischen Geschichte, wie Leser von Dikigoros' Webseite über Cromwell längst wissen :-)

[Der tote Lord Byron - Gemälde von Odevaere]

Die Griechen in Mesolóngi aber kämpfen ihren zunehmend aussichtslosen Kampf weiter, bis die Lebensmittel zur Neige gehen. Wofür eigentlich? Für die Ideale eines Lord Byron? Was ist "Freiheit", liebe Leser? Dikigoros pflegt diese Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten: "Freiheit wessen wovon wofür?" Den Griechen - zumindest ihrer Ober- und Mittelschicht - ging es im Osmanischen Reich eigentlich so gut wie nie zuvor: Zusammen mit den Armeniern und den Juden kontrollierten sie weitgehend die Wirtschaft, und das war ja das, worauf es ankam - auf die schlecht bezahlten und gefährlichen Jobs in Militär und Verwaltung konnte man gut und gerne verzichten. Was die neunmalklugen Leute aus dem fernen Evrópi, sie sich "Philhellenen [Freunde der Griechen]" nannten, meinten, war doch etwas ganz anderes, nämlich die eigentliche "Errungenschaft" der französischen Revolution von 1789 (die Schlagwörter "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sollten erst die Revolutionäre von 1848 erfinden, auch wenn das heutzutage kaum noch jemand weiß), den "Nationalismus". Es ging doch nicht an, daß die griechische Unterschicht statt von der "eigenen" Oberschicht von der Oberschicht einer anderen Nation beherrscht wurde. Egal, ob die "eigene" sie schlimmer unterdrückt und ausbeutet es als die "fremde" täte - Dikigoros wird ja nie müde zu erwähnen, was der große Reiseschriftsteller Richard Katz in "Heitere Tage mit braunen Menschen" geradezu profetisch über das mutmaßliche Ergebnis der "Befreiung" der orientalischen Völker schrieb. Halt, das hat noch Zeit, Dikigoros wird es etwas weiter unten ausführlich zitieren, wer es jetzt schon wissen will, mag den letzten Link anklicken und es dort nachlesen; denn Katz' Worte gelten nicht nur für die Menschen in Insulinde anno 1929, sondern für alle Zeiten und für alle Völker, die sich ihre Rasse-Instikte und ihr Nationalgefühl bewahrt haben; und laßt Euch den Blick darauf nicht dadurch verstellen, daß das in einem kleinen Teil Mitteleuropas seit wenigen Jahrzehnte anders gesehen wird - das wird sich ändern, spätestens wenn dort andere Völker die Herrschaft angetreten haben, die noch über jene Instinkte verfügen. Daß Byron persönlich nicht "Nationalismus", sondern "Freiheit" im Kopf hatte, will Dikigoros gern glauben, und das sogar in zweierlei Hinsicht, denn erstens war er schwul, und das war bei den Griechen - anders als bei den meisten zivilisierten Völkern der Welt - nicht strafbar (nicht umsonst nennen die Engländer das bis heute "the Greek way" :-), und zweitens war er aus England, Frankreich und Italien verjagt worden, weil er überall "Volks-Aufstände" anzuzetteln versucht hatte, denn künftig sollte ja jedes Volk einen eigenen Staat haben, also auch die von den Türken unterdrückten Griechen. (Nicht aber die von den Engländern unterdrückten Schotten, Waliser und Iren, versteht sich, ebenso wenig die von den Franzosen unterdrückten Bretonen, Flamen, Elsässer und Basken.) Allerdings sahen das gerade in Griechenland viele Leute anders - die Hellenen hatten ja nie einen "eigenen" Staat gehabt! [Die antike Polis war ein Stadtstaat, und das Wisadiónische ("Byzantinische") Reich ein Multi-Kulti-Konglomerat.] Um es kraß auszudrücken: Anständige Griechen beteiligten sich nicht an jenem "Freiheitskampf". Was war das denn für eine Freiheit? Die Freiheit der Räuber, noch mehr zu rauben? Von einer anderen, "politischen" Freiheit wußten sie nichts, es interessierte sie auch nicht. Lediglich das kleine Häuflein Kleften in Mesolóngi hat die Geschichte des toten Lords verinnerlicht und beginnt nun, sie mit ihrer eigenen Situtation zu vergleichen, denn aus ihrer Frosch-Perspektive macht es keinen großen Unterschied, ob eine märchenhaft reiche Weltstadt wie Ninive belagert wird oder eine Provinzfestung in "Griechenland", jenem ärmsten und schmutzigsten Zipfel des Osmanischen Reichs.

Im April 1826 beschließen die Belagerten von Mesolóngi, der Sache ein Ende zu machen: Wer noch eine Waffe tragen kann, macht sich bereit zum letzten Ausfall ("Éxodos"), der Rest - Frauen, Kinder, Greise, Verwundete - bleibt zurück und sprengt sich, als der Ausbruchsversuch wie erwartet gescheitert ist (glaubt doch nicht das alberne Märchen vom "Verrat", liebe Leser - was gab es denn da zu verraten? Das Unternehmen war so oder so aussichtslos!) mit den letzten Munitions-Vorräten der Waffenkammer ("Oplostásio" - von den Engländern und Franzosen meist mit "Arsenal" übersetzt) in die Luft. (Sie verlieren dabei nichts; denn sie wissen - oder glauben zu wissen -, wie die Türken 1822 nach der Eroberung von Chíos mit den dortigen Griechen verfahren sind. Wenn Ihr es auch wissen wollt, liebe Leser, dann empfiehlt Euch Dikigoros hier noch einmal diesen Link.) So weit so gut; aber bevor Ihr Euch jetzt den Kopf zerbrecht, ob das eine Heldentat war oder nicht oder doch, darf Euch Dikigoros noch eine Kleinigkeit am Rande verraten: Während nämlich das Fußvolk und die "Idealisten" an der Spitze der versuchten Ausbrecher den Tod fanden - u.a. der Schweizer Johann Jakob Meyer, der nicht halb so bekannt wurde wie Byron, obwohl er wesentlich mehr spendete, schrieb (u.a. gab er die erste griechische Zeitung heraus) und kämpfte als der englische Lord - retteten ausgerechnet die drei Anführer der Griechen - Tsawelas, Botsaris und Makris - ihr wertvolles Leben. Wie sie das schafften? Dikigoros weiß es nicht genau, denn es wurde und wird nicht an die große Glocke gehängt; aber jedenfalls durch Flucht - nicht etwa, daß sie die Gefangenschaft überlebt hätten, in die immerhin rund 1.000 Griechen gerieten, die das Sich-selber-in-die-Luft-sprengen überlebt hatten, und die zumeist in die Sklaverei verkauft wurden. Aber wie auch immer - irgendwie bleibt da doch ein "Geschmäckle" zurück, nicht wahr?

Den Griechen ist es egal; sie feiern die Helden des "Éxodos" von Mesolóngi als Vorkämpfer der Freiheit - bis auf den heutigen Tag. Der Rest der Welt schwankt zwischen Trauer und Bewunderung - was ja nicht ausschließt, daraus auch ein gutes Geschäft zu machen. Monsieur Delacroix schiebt seinem Gemälde über das Ende des Sardanapal in Ninive - und einem über das "Massaker von Chíos", das schuld daran ist, daß das andere erst so spät fertig geworden ist - noch eines über das Ende des personifizierten Griechenlands in "Missolonghi" nach, das ihm wenige Jahre später als Vorlage für sein berühmtes Gemälde der personifizierten Freiheit dient, die - angeblich - das revolutionäre Volk führt. (Auch dieses Bild wird heute zu Unrecht - wie die Schlagwörter "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" - meist mit der Französischen Revolution von 1789 assoziiert; tatsächlich bezog es sich auf die Revolution von 1830. Ja, der Revolutionen in Frankreich waren viele in jenen blutigen Jahren zwischen 1789 und 1871!) Erst Jahrzehnte später, als Griechenland bereits unabhängig ist, unter einem König namens Otto (aus Bayern, nicht aus Essen - man hat Herakles noch nicht zu "Rehakles" verballhornt :-), wird auch dort noch ein Maler seinen Senf, pardon seine Farbe dazu geben, ein gewisser Wryzákis, und das Geschehen noch ein paar Nummern größer und heroïscher darstellen. (Was sich aus der Abbildung nicht so recht ergibt, da sie stark verkleinert ist; aber dies ist ja keine Seite über Malerei u.a. schöne Künste; Dikigoros wollte seinen Lesern das Bild bloß nicht vorenthalten.)

[Delacroix, Messolonghi] [Delacroix, Die Freiheit führt das Volk zur Revolution, Ausschnitt] [Wryzákis, Mesolóngi]

* * * * *

Wäre Byron etwas sattelfester in antiker Geschichte gewesen, dann hätte er bei seinem Drama vielleicht statt auf die wenig gesicherte Erzählung von Ninive und Sardanapal auf die Geschichte eines anderen festen Ortes zurück gegriffen, der Griechenland - nicht nur örtlich - viel näher lag als das Zweistromland und nach neueren Ausgrabungen ebenso alt ist wie Ninive: Xánthos, die einstige Hauptstadt Lykiens. (Für Türkei-Reisende: Ihr könnt einen Tagesausflug von Fethiye aus unternehmen; leider ist es inzwischen ziemlich überlaufen, trotz der happigen Eintrittsgebühr, denn seit 1988 trägt es den Titel eines "UNESCO-Kulturerbes", und die Schmiergelder, die das gekostet hat, müssen doch irgendwie wieder rein kommen :-) Blöderweise war sie Jahrhunderte lang in Vergessenheit geraten; erst 1838 buddelte sie ein Landsmann Byrons wieder aus - aber da war der letztere ja schon tot. Und leider hielt man die Berichte des Heródotos - die sich inzwischen alle bewahrheitet haben - damals (und noch als Dikigoros zur Schule ging!) überwiegend für Märchen, mithin als Quelle für ebenso wenig Vertrauen erweckend wie die über Ninive. Sonst hätte man dort nachlesen können, daß sich in einem Jahr, das christliche Chronisten auf "545 v.C." berechnet haben - also rund ein Menschenalter nach Sardanapal - dort eine ganz ähnliche Geschichte ereignet hatte: Es herrschte Krieg zwischen den Persern und den Lykern. Xánthos war die letzte Feste, die sich hielt, aber als das Ende absehbar war, versammelte sich die Bevölkerung mit all ihren Wertgegenständen, zerstörte diese, zündete die Festung an, tötete alle Frauen und Kinder, und dann unternahmen die Männer einen letzten Ausfall und starben allesamt den so genannten Heldentod. Großer Ruhm war ihnen sicher, denn die Griechen - die die Lyker aus unerfindlichen Gründen für ihresgleichen hielten - jubelten sie zu Martyrern im Kampf gegen die persischen "Barbaren" hoch, wobei man geflissentlich übersah, daß damals nicht die Perser "Barbaren" im heutigen Sinne des Wortes waren, sondern die primitiven Griechen selber. Dikigoros hat darüber bereits in einem anderen Zusammenhang allgemein geschrieben; aber die Geschichte von Xánthos ist ein guter spezieller Beleg für diese Tatsache. Unter den Persern blühte Xánthos nämlich bald wieder auf - bis die Athener es 470 v.C. eroberten und dem Erdboden gleich machten. Erst nachdem die Perser es 40 Jahre später erneut befreit, pardon zurück erobert hatten, erreichte es seine größte Blütezeit - übrigens ohne Unterdrückung der eigenen Sprache, Kultur und Religion. Man hätte sich den Massenselbstmord also sparen können.

Und da die Wiederholung, oder wie der große Cyniker Joachim Fernau es nannte, das Rondo, eines der Themen dieser "Reise durch die Vergangenheit" ist, kann Dikigoros seinen Lesern diese Wiederholung auch in Xánthos nicht ersparen. 42 v.C., im Imperium Romanum herrscht Bürgerkrieg. Auch darüber hat Dikigoros an anderer Stelle geschrieben, er braucht sich also hier nicht zu wiederholen. Aber erneut wird seine allgemeine Aussage, daß der "brave Republikaner" Brutus, der nicht nur von Shakespeare verherrlicht wurde, in Wahrheit ein krummer Hund war, durch den speziellen Fall Xánthos exemplarisch belegt: Brutus preßte die nicht von den Anhängern des von ihm ermordeten Caesars gehaltenen Gebiete so brutal aus, wie sein Name es suggeriert, mit Zwangsaushebungen und immer höheren Steuern, und wer sich zu widersetzen wagte, wurde vollständig ausgeraubt und ermordet. Zu den Städten, die nicht mehr zahlen konnten oder wollten, gehörte auch Xánthos. Und als die Römer, nein, die Brutisten vor den Toren standen, beschlossen die Einwohner im Andenken an die ein halbes Jahrtausend zurück liegenden Ereignisse, diese zu wiederholen: Sie zerstörten all ihr Hab und Gut, zündeten die Stadt an, töteten ihre Frauen und Kinder und - nein, diesmal machten die Männer keinen Ausfall, sondern töteten sich am Ende auch noch selber. (Nehmen wir mal an, daß es infolge der vorherigen Zwangsaushebungen keine waffenfähigen Männer mehr in der Stadt gab.) Die Römer, nein die Caesaristen, bauten die Stadt nach Beendigung des Bürgerkriegs wieder auf, und wieder gelangte sie zu großer Blüte. Erst als im 7. Jahrhundert n.C. die verfluchten Muslime (nein, Dikigoros schreibt nicht "nein, die Islamisten", denn da gibt es nichts zu differenzieren - Muslime sind Muslime!) kamen, wurde die Stadt endgültig zerstört - und da war niemand mehr, der sich noch einmal zu einem vergleichbaren Ritual aufraffte, dabei hätte es diesmal ein nachvollziehbares Motiv gegeben, denn unter islamischer Herrschaft hat noch niemand seine nicht-islamische Identität bewahren können, und unter diesen Umständen war das Leben für einen gläubigen und in seiner Kultur verwurzelten Menschen vielleicht schlimmer als der fysische Tod.

* * * * *

Aber Dikigoros hat vorgegriffen. Kurz nachdem die Bewohner von Xánthos zum zweiten Mal Massenselbstmord begangen hatten, beschloß im römischen Protektorat Böhmen und Mähren, pardon Judäa und Idumäa, Häródäs, der "König" von Roms Gnaden, für einen solchen Fall besser gewappnet zu sein und eben nicht jemals zu einer solchen Verzweiflungstat gezwungen werden zu können. Daher baute er in den nächsten Jahren nicht nur den Tempelberg in Jerusalem (Dikigoros erlaubt sich, diesen deutschen Namen zu gebrauchen, auch wenn die Juden heute "Jeruschalajim" sagen und man damals wohl "Hierosólyma" sagte) zu einer formidablen Festung aus, sondern auch das kleine Fort auf einem Berg im Südosten seines Reiches, am Rande des "Toten Meeres", das unter dem Namen "Masada" in die westliche Geschichtsschreibung eingegangen ist, obwohl das gar kein Name ist, sondern einfach das Wort für "Festung". Die Juden sagen heute auf Hebräisch "Mäzadā", deshalb gebraucht auch Dikigoros im folgenden diese Form; er will seine Leser nur der guten Ordnung halber daran erinnern, daß damals in Judäa kein Schwein Hebräisch sprach - sondern Aramäisch -, ebenso wie kein gebildeter Mensch im Imperium Romanum die Pöbelsprache Lateinisch sprach - sondern Griechisch. (Ja, was glaubt Ihr denn, in welcher Sprache sich Caesar und Kleiopátra sonst hätten unterhalten können?!? Keiner von beiden sprach Ägyptisch :-) Und das griechische Wort war eben "Masáda". Aber Namen sind bekanntlich Schall und Rauch, fragen wir lieber, was diese Festung so besonders machte. Häródäs ließ das Bergplateau im Umfang von sieben Stadien (1 Stádion = 600 Fuß, 1 Fuß [pous] = ca. 30 cm), also ca. 180 m, mit einer Steinmauer umgeben, die 12 Ellen [pächeis (à 1,5 Fuß, also ca. 45 cm)] hoch und 8 Ellen breit war, mit 37 Türmen von je 50 Ellen Höhe. Dazu ließ er riesige Zisternen, umfangreiche Lebensmittellager und eine ebensolche Waffenkammer anlegen. Erreichbar war diese Bergfestung nur über zwei schmale Wege, mit anderen Worten: mit den damaligen kriegerischen Mitteln war die Anlage eigentlich nicht zu erobern.

Aber "nicht zu erobern" gibt es in der historischen Realität bekanntlich nicht; und je schwieriger sich eine Eroberung darstellt, desto mehr Stoff bietet sie für Heldensagen - oder was man dafür hält. Im Jahre 1981 kam eine solche Heldensage auf den Markt (erst als Fernseh-Serie, dann - gekürzt - als Film; heute gibt es ihn sogar komplett auf DVD), der die Ereignisse der Jahre 70-73 n.C. wie folgt schilderte (Dikigoros macht es sich leicht und schreibt erstmal aus der offiziellen Produktbeschreibung ab): "Nach der brutalen Niederwerfung des jüdischen Aufstandes gegen die Herrschaft der Römer und der grausamen Zerstörung Jerusalems flüchten knapp tausend Männer, Frauen und Kinder in die Felsenfestung Madada. Die Festung gilt als uneinnehmbar und wird zum letzten Bollwerk des jüdischen Widerstands gegen Rom. Eleazar Ben Yair führt die Aufständischen. Sein großer Widersacher ist Flavius Silva (gespielt von Peter O'Toole, über den Dikigoros an anderer Stelle mehr schreibt), Befehlshaber der 10. römischen Legion. Silva erhält den Befehl, Masada um jeden Preis zu nehmen und die Verteidiger in Ketten nach Rom zu bringen. Als der große Angriff der römischen Legion erfolgt, schlagen ihn Eleazar und seine todesmutigen Mitstreiter zunächst zurück. Doch der zweite Sturm auf die Festung nimmt seinen Lauf und offenbart Schreckliches..." Und was war da nun so Schreckliches passiert? Die armen Aufständischen hatten sich doch glatt gegenseitig umgebracht - welch eine Tragödie! Aber andererseits auch eine große Heldentat, die den Römern gewaltig imponierte - wie schön!

Ja, ein schöner Film; und die Israelis sind auf die Ereignisse, wie sie darin geschildert werden, so stolz, daß sie das Ende von Mäzadā neben dem "Holocaust" zum zweiten ideologischen Fundament ihres Staates gemacht haben (schließlich waren die Römer Italiener, also böse Fascisten :-) und die öffentliche Vereidigung ihrer Rekruten bis heute in Mäzadā durchführen, auf daß sie nötigenfalls ebenso tapfer bis zum bitteren Ende kämpfen mögen wie die Rebellen von damals. [So wie die Machthaber der BRDDR das Attentat vom 20. Juli auf das deutsche Staatsoberhaupt von 1944 zum ideologischen Fundament ihres Staates gemacht haben und die öffentliche Vereidigung ihrer Rekruten an diesem Datum durchführen, auf daß sie nötigenfalls ebenso tapfer (oder, wie Dikigoros doch hoffen will, etwas tapferer - und erfolgreicher - als der Feigling Stauffenberg) gegen diejenigen aufstehen werden, die diesen Staat zugrunde richten - ob die Initiatoren jener Veranstaltung das bedacht haben? Wahrscheinlich nicht, sonst hätten sie sich wohl gehütet!] Und den Rest des Jahres über stauen sich dort die Touristen-Busse.

Allerdings deckt sich die Darstellung im Film - die inzwischen auch in die offiziellen Geschichts- und Märchen-Bücher in Israel und anderswo Eingang gefunden hat, nicht so ganz mit den Quellen, genauer gesagt mit der einzigen Quelle, die uns das alles überliefert hat, nämlich "Der jüdische Krieg" von Flavius Josephus. Danach war es nicht etwa so, daß der brave Eleazar mit knapp tausend anderen "Männern, Frauen und Kindern" vor den brutalen Römern floh, nachdem diese seine Heimatstadt Jerusalem grausam zerstört hatten, sondern genau umgekehrt: Der drohende Aufstand der Juden in Jerusalem (aus ganz nichtigem Anlaß: Ein Syrer wollte sein Grundstück, das an eine Synagoge grenzte, nicht an die Juden verkaufen, die sich daran störten, daß er dort am Shabbat seinen Göttern opferte; und obwohl die Juden den Statthalter von Judaea bestochen hatten, verboten die Römer dem Syrer zwar die Opfer, enteigneten ihn jedoch nicht zugunsten der Juden, was einige der letzteren zur Weißglut trieb) war durch kluge Vermittlung des Agrippa - des Nach-Nachfolgers von Häródäs als Vasallen-König von Israel (Galiläa, Nord-Samaria und Peräa) - in letzter Minute abgewendet worden; und die römischen Truppen standen zwar GewehrLanze bei Fuß; aber sie hatten noch nichts zerstört und nur eine kleine Besatzung in Jerusalem zurück gelassen. Da kam Eleazar - seines Zeichens Kommandeur der Tempelwache (jawohl, die Römer gestanden den Juden eigene Truppen zur Bewachung ihres höchsten Tempels zu!) - auf die Schnaps-Idee, ab sofort alle Nicht-Juden vom Tempelopfer auszuschließen, aktiv wie passiv, weil das gegen die zehn Gebote verstieß, die Mosche einst vom Berge Sinaï mitgebracht hatte. (Bis dahin war es so gewesen, daß im jüdischen Tempelbezirk die Angehörigen anderer Religionen ebenfalls ihren Götter Opfer bringen durften, u.a. auch die Römer dem Bild ihres Caesars - das war eine verdeckte Form der Besteuerung durch freiwillige Selbstveranlagung, denn die Tempel fungierten im Altertum zugleich als Banken und Finanzämter.) Wenn dieser Ausschluß noch keine Kriegserklärung war, dann war es das gleichzeitige Unternehmen eines jüdischen Stoßtrupps, der die abgelegene Festung Mäzadā angriff und die kleine, völlig überrumpelte Wache der Römer, die dort lag, massakrierte. Der Stoßtruppführer, ein gewisser Manaim, holte aus der dortigen Waffenkammer alles, was er brauchte, um neue Anhänger - die ihm offenbar von überall zuliefen - auszurüsten, dann kehrte er zurück nach Jerusalem und versuchte, sich dort zum Herrscher aufzuschwingen, was allerdings einigen anderen Jerusalemern mißfiel, die zwar auch für eine Rebellion gegen das römische Joch waren, aber nicht unter so einem daher gelaufenen Proleten. Es kam zum innerjüdischen Kampf, bei dem Manaim getötet wurde, während Eleazar Ben Yair nach Mäzadāh floh - wohlgemerkt nicht vor den Römern, sondern vor seinen eigenen jüdischen Landsleuten! Nachdem Manaim, der scheinbar schlimmste Bube, tot war, kapitulierte die kleine römische Besatzung, die sich in der "Antonia" genannten Festung an der Nordwest-Ecke des Tempelbezirks verschanzt hatte, gegen Zusicherung freien Abzugs. Aber kaum hatten sie die Waffen nieder gelegt, da wurden sie von der anderen Rebellen-Partei trotz aller heiligen Eide - und obwohl Shabbat war - massakriert. (Mit einer einzigen Ausnahme, dem Oberkommandierenden, einem gewissen Metilius, der sein Leben dadurch rettete, daß er öffentlich zum Judentum konvertierte und sich beschneiden ließ :-)

Wenn die Römer bis dahin vielleicht noch bereit gewesen wären, den Überfall auf Mäzadā mit einem gewissen Achselzucken abzutun und den Streit um die Tempelopfer mit irgendeinem Kompromiß beizulegen - dieser meineidige Mord brachte das Faß zum überlaufen; jetzt hatte in Jerusalem niemand mehr Gnade von ihnen zu erwarten. Nero gab seinem neuen Statthalter Cestius den Befehl, die jüdische Rebellion mit Hilfe der im Lande stationierten römischen Truppen nieder zu werfen. Kein Problem, mit den paar Krawallmachern wird man doch leicht fertig werden - oder? Nichts da, Cestius erleidet eine vernichtende Niederlage; und nun glauben die Juden plötzlich mehrheitlich, daß Jahwe ihnen den Sieg schenken wird. Das ganze Land steht auf, auch der Autor Josephus selber. Er wird sogar Oberkommandierender der Rebellen in Galiläa und schafft es, alleine dort rund 65.000 Mann auszuheben. Er formt sie zu vermeintlich schlagkräftigen Truppen, baut die jüdischen Städtchen zu Festungen aus zu harrt der Dinge, die da kommen sollen. Es kommen der spätere Kaiser Vespasian (dem man - zu Unrecht - die Sache mit der Pinkelsteuer anhängen sollte :-) und sein Sohn Titus mit besseren Truppen, und die kämpfen den Aufstand tatsächlich nach und nach nieder, wobei auch Josephus in ihre Hände fällt, der schließlich einsieht, daß weiterer Widerstand gegen die materielle Übermacht der Römer zwecklos ist. Er versucht noch - vergeblich - die zerstrittenen Rebellen-Parteien in Jerusalem zur Aufgabe zu bewegen, ebenso wie Vespasian und Titus versuchen, der Stadt die schlimmsten Zerstörungen zu ersparen; aber um es kurz zu machen: Am Ende wird Jerusalem mehr oder weniger gründlich zerstört. (Und schuld ist nach offizieller jüdischer Lesart der böse Titus - ein noch heute gängiges Schimpfwort der Juden für Gojim lautet "unreine Söhne des Titus :-) Den Rebellen bleibt jetzt also nur noch Mäzadā, wo immer noch der unselige Eleazar mit seinen Anhängern sitzt. Nachdem sie den Römern eine Zeit lang tapfer Widerstand geleistet haben, plädiert die Mehrheit dafür, das Kapitulationsangebot des Flavius Silva anzunehmen; aber Eleazar überzeugt sie mit einer flammenden Rede davon, daß es besser sei, den Freitod zu wählen, um Lob und Ruhm zu ernten, statt zu Sklaven der Römer zu werden. Und so geschieht es denn auch - nur ein paar alte Weiber, die das anders sehen, verstecken sich rechtzeitig und berichten dem Josephus über jenes letzte traurige Kapitel des Aufstands. So weit die Quelle.

Aber warum sollte man dieser Quelle nicht ein wenig - oder auch mehr - Gewalt antun? Vielleicht waren die Leute, die Mäzadā überfielen und damit den Aufstand auslösten, gar keine Verrückten und Verbrecher, wie Josephus sie nennt, sondern brave Patrioten, die nur ihre Pflicht getan hatten? War Flavius Josephus überhaupt glaubwürdig? War er nicht ein Verräter an der jüdischen Sache? Schrieb er nicht nur, um dem Kaiser in Rom zu schmeicheln und so seinen Kopf zu retten? Nein, liebe Leser, das glaubt Dikigoros nicht. Er hat "Der jüdische Krieg" nicht einmal gelesen, sondern gleich dreimal, einmal in deutscher Übersetzung, einmal im griechischen Original und noch einmal in einer (anderen) deutschen Übersetzung. (Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis diese Seite fertig wurde :-) Und wiewohl auch er nicht aus allen Angaben des Josephus schlau wird (er vermag z.B. den Stadtplan des damaligen Jerusalems ebenso wenig nachzuzeichnen wie alle anderen Historiker, die das vor ihm versucht haben :-), hält er seinen Bericht insgesamt doch für glaubhaft, auch und gerade dort, wo es um seine eigene Beteiligung am Krieg geht; er schildert die Ereignisse und Überlegungen, die zu seinem Gesinnungswandel und zu seiner Verurteilung des Massenselbstmords führten, nämlich so verworren, wie sie sich ein kluger Autor, dem es lediglich um Beschönigung ginge, bestimmt nicht ausgedacht hätte - da hätte er es sich wesentlich einfacher machen können. Und er schildert auch ungeschminkt die Härte des römischen Besatzungs-Regimes im allgemeinen und während des Krieges im besonderen, damit wollte er bestimmt niemandem schmeicheln. (Lest es selber einmal nach - es gibt den vollständigen Text im griechischen Original und in Übersetzung kostenlos im Internet: Könnt Ihr Euch vorstellen, daß irgendein amtlich besoldeter Geschichts-Professor der BRDDR mit der gleichen Schonungslosigkeit die Kriegs- und Nachkriegs-Verbrechen der alliierten Besatzer im Deutschland der 1940er Jahre anprangern würde? Eben - Dikigoros auch nicht!) Und, nebenbei bemerkt, Josephus war auch kein "Verräter" an der jüdischen Sache, für die er lange genug an vorderster Front gekämpft hatte. Es ist kein Verrat, wenn man einsieht, daß weiterer militärischer Widerstand nicht nur zweck-, sondern auch sinnlos ist: Unter römischer Herrschaft wurde die jüdische Religionsfreiheit nicht angetastet; und selbst die Aufständischen konnten, wenn sie die Waffen rechtzeitig nieder legten, mit "clementia" rechnen; weiter für jene zu kämpfen, die den Aufstand angezettelt hatten, bedeutete entweder den Tod im Kampf, oder, wenn man ihn denn "against all odds" tatsächlich gewinnen sollte, ein Leben unter der Diktatur der fanatischten Fundamentalisten. Nein, Verräter an der jüdischen Sache - im wohlverstandenen Interesse der Bevölkerungsmehrheit - waren vielmehr diejenigen, die Mäzadā überfallen und die römische Besatzung dort massakriert und damit den "Judenkrieg" überhaupt erst ausgelöst hatten.

Das ist aber gar nicht das eigentlich Problem der Josephus-Interpretation. So lange man das Ende der Rebellen in ihrer letzten Festung tatsächlich für eine "Heldentat" hielt, kam niemand auf die Idee, das Ganze irgendwie in Zweifel zu ziehen - "Der Judenkrieg" war der zweite große Bestseller des Abendlandes, im 16. Jahrhundert das meist gedruckte (und wohl auch meist gelesene :-) Buch nach der Bibel! Aber inzwischen gibt es ja Gutmenschen, die es gar nicht so toll finden, wenn Frauen, Kinder und Greise von ihren eigenen Leuten umgebracht oder zum Selbstmord gezwungen werden. Könnte das nicht bloß finstere anti-semitische Propaganda der Römer gewesen sein, ähnlich wie die Berichte, daß die Fönikier - und später auch die Juden - ihren Göttern Kinderopfer darbrachten? Das würden brave Juden doch nie tun - oder? Speziell einige deutsche "Historiker" gehen heute sogar noch einen Schritt weiter, indem sie behaupten, das ganze Werk des Flavius Josephus sei eine Fälschung (weil es anderthalb Jahrtausende verschollen war und dann ganz plötzlich wieder entdeckt wurde) - diese Narren begreifen gar nicht, daß sie den Juden damit ein Stück ihrer eigenen Identitätsfindung kaputt machen. (Oder doch? Wollen sie etwa, daß von den zwei ideologischen Säulen Israels nur noch der "Holocaust" übrig bleibt?) Und die These, daß "Der Judenkrieg" vielleicht eine jüdische Fälschung ist, hat denn doch noch niemand ernsthaft zu vertreten gewagt. (Aber wer weiß, was da noch alles nachkommt :-)

Exkurs. Es ist pikant, sich vorzustellen, was wohl aus der These des "erfundenen Mittelalters" (genauer gesagt dreier Jahrhunderte des Mittelalters, noch genauer gesagt 297 erfundener Jahre zwischen dem Beginn des 7. und dem Ende des 9. Jahrhunderts "n.C.") eines Heribert Illig geworden wäre, wenn dieser sich als Bezugsperson für seine Beweisführung nicht Karl den Fiktiven, pardon Karl den Großen ausgesucht hätte, sondern Flavius Josephus. Denn ganz am Rande zählt er auch dessen "Judenkrieg" zu den vielen Büchern, die er für mittelalterliche Fälschungen hält. Aber das müssen all diejenigen aus der "Fachwissenschaft" übersehen haben, die ihn angegriffen und verleumdet haben, sogar als "Holocaust-Leugner" - was bekanntlich das Schlimmste ist, was man einem Menschen heutzutage in der BRDDR vorwerfen kann, und was ihn unweigerlich zum Schwerverbrecher stempelt -, obwohl er nie etwas in dieser Richtung hat verlauten lassen, und obwohl zu seinen wichtigsten Mitstreitern der auch in Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" gelegentlich zitierte Jude Gunnar Heinsohn zählt, seines Zeichens Professor für Holocaustistik, pardon Genozid-Forschung, an der Universität Bremen. Wenn Illig aber "bewiesen" hätte, daß der "Judenkrieg" gar nicht in der Antike geschrieben wurde, sondern nur von bösen mittelalterlichen Anti-Semiten - denn das waren böse Leute, wie wir gleich sehen werden -, daß folglich der Massenselbstmord vielleicht gar nicht statt fand, sondern daß in Wahrheit die Römer die armen Verteidiger massakrierten, dann hätte ihn die Geschichts-"Wissenschaftler" der BRDDR nicht so einfach beiseite schieben können; ja Dikigoros vermutet ganz stark, daß sie sogar bereit gewesen wären, dafür knapp 300 Jahres ihres Mittelalters zu opfern oder dies zumindest ernsthaft in Betracht zu ziehen. Exkurs Ende.

Nun will Dikigoros dem Josephus keineswegs blindlings jedes Wort - und schon gar nicht jede Zahl - glauben, sondern seinen Lesern ein wenig Material an die Hand geben, das man nicht in allen Ausgaben des "Judenkrieges" findet - viele sind gekürzt (natürlich nur zur besseren Lesbarkeit :-) -, und mit dessen Hilfe sie sich ein eigenes Bild machen können. Er schreibt ja des öfteren über den leichtfertigen, pardon großzügigen Umgang jüdischer "Historiker" - und ihrer Nachbeter - mit Zahlen, und er hat an anderer Stelle auch etwas ausführlicher dargelegt, weshalb das so ist, nämlich weil es den Juden von Alters her an einem einheitlichen Ziffern-System gefehlt hat, so daß es immer wieder zu - gewollten oder ungewollten - "Mißverständnissen" kommen konnte. (Nein, nicht mußte, aber die Wahrscheinlichkeit war doch recht hoch; und Fälschern wurde es recht leicht gemacht.) Aber das war es nicht allein; und Dikigoros will Euch an dieser Stelle einmal exemplarisch aufzeigen, wie der Jude Flavius Josephus seine Zahlen der jüdischen Opfer in Jerusalem bei der Eroberung anno "70 n.C." durch Titus errechnet hat. (Wer ihm nicht glaubt: "Der jüdische Krieg", Buch VI, Kapitel IX.) Beginnen wir mit der mutmaßlichen Einwohnerzahl: Was meint Ihr, liebe Leser, wie viele Einwohner die damals größten Städte des Imperium Romanum, Rom, Antiochia und Alexandria, hatten? Ein paar hunderttausend? Möglich. Und eine Provinzstadt (nicht mal Provinz-Hauptstadt, das war Caesarea :-) wie Jerusalem? Ein paar 'zigtausend? Na ja, vielleicht, wenn man die erste Ziffer nicht allzu hoch greift. Als Pompeius, Caesars Gegenspieler, sich zur Eroberung Jerusalems anschickte, traf er auf eine - wie so oft - gespaltene Bevölkerung: Ein Teil - wohl etwas mehr als die Hälfte - war dafür, ihm die Tore zu öffnen, der andere Teil war dagegen; und der letztere besetzte den schon damals recht gut befestigten Tempelberg. Nachdem der gefallen war, kam es zum Massaker an der unterlegenen Hälfte: 12.000 wurden getötet (wohlgemerkt, auch diese Zahl stammt von Josephus!), einschließlich Frauen, Kinder und Priester; und das dürfte mehr als die Hälfte der Einwohner gewesen sein, denn Pompeius ließ die Juden den Kampf weitgehend unter sich austragen (die Römer selber hatten nur eine Handvoll Tote), das schließt also die Verluste auf Seiten der Römer-Freunde ein (und diejenigen, die durch einen Sprung in die Schlucht Selbstmord begingen). Die Gesamtbevölkerung Jerusalems dürfte also zuvor höchstens 24.000 Personen betragen haben, und danach deutlich unter 12.000. Nun, das war lange her - ca. sechs Generationen -, und damals waren die Frauen noch gebärfreudiger als heute. (Die durchschnittliche Jüdin in Israel bringt es heute statistisch auf 1,4 Kinder im Leben, die durchschnittliche Araberin in Israel auf 6, und die durchschnittliche Jüdin in der Antike dürfte ca. 12 Lebendgeburten geschafft haben - die Kindersterblichkeit war hoch.) Dennoch, Jerusalem war seitdem nicht wesentlich gewachsen; Häródäs hatte nur die Befestigungen ausgebaut, nicht etwa die Stadt als solche (das war schon wegen der geografischen Lage kaum möglich); selbst wenn man also enger zusammen rückte, mußte ein Großteil des Geburtenüberschusses wohl oder übel auswandern. (Entgegen heutzutage weit verbreiteten Märchen wurden die Juden nicht erst nach dem Aufstand des Bar Kochba - und dem "dritten jüdischen Krieg" gegen die Römer binnen knapp 100 Jahren - in alle Welt zerstreut, sondern es gab schon damals jüdische Gemeinden in fast allen Städten des Imperium Romanum.)

Aber diesen Einwand hat Josephus voraus gesehen und kontert gleich: Als die Belagerung durch Titus begann, war doch Passah-Fest (Ostern), und da waren selbstverständlich alle frommen Juden von nah und fern nach Jerusalem gekommen, um im dortigen Tempel ihrem Gott Jahwe zu opfern. (Auch viele Nicht-Juden waren gekommen, um dort zu opfern - die Römer waren in religiösen Dingen tolerant und zollten aus Höflichkeit auch fremden Göttern ihren Respekt. Nicht so die Juden - wie wir gesehen haben, hatte sich der "jüdische Krieg" ja überhaupt erst entzündet an dem plötzlichen Beschluß einiger ihrer Fundamentalisten, keine Nicht-Juden mehr im Tempelbezirk opfern zu lassen - es ging wohlgemerkt nicht um ein Opfer im Allerheiligsten, sondern draußen, im Vorhof!) Und aus irgendwelchen Geschäfts-Büchern (Ja, Römer und Juden waren gute Geschäftsleute und führten da genau Buch bzw. Papyrus :-) ergab sich wohl, daß in jenem Jahr insgesamt 256.500 Opfertiere verkauft worden waren. (Als "Opfertier" galt - in Aufweichung der strengeren Vorschriften des 2. Buches Mose - jedes 1-jährige männliche Kalb, Schaf oder Zicklein. Kamen die alle zur selben Zeit auf die Welt, und wurden die sonst nicht ge- oder verkauft?) Die können aber nur für das Passah-Fest in Jerusalem bestimmt gewesen sein, meint Josephus. Und da man ein Opfertier ja nicht alleine zu verzehren pflegt, sondern mit "mindestens 10 bis 20 Leuten", hängt er erstmal eine Null dran und rundet dann noch großzügig auf. [Es stimmt zwar, daß zur Abhaltung eines jüdischen Gottesdienstes ein "Minyan", d.h. ein Minimum von zehn Personen zusammen kommen soll; aber nirgends steht geschrieben, daß ein Opfertier für mindestens zehn Personen ausreichen muß; im Alten Testament steht vielmehr "1 Tier je Haushalt"!] So kommt er auf 2.700.000 "reine und für die heilige Handlung bereite Menschen", denn, so fährt er fort, "den Aussätzigen war die Teilnahme verboten, ebenso Geschlechtskranken, menstruierenden Frauen und anderweitig Unreinen, natürlich auch den Angehörigen anderer Völker, die etwa zum Gottesdienst her gekommen waren." Hm... das ist schon eine tolle Statistik, und wenn sie stimmt, dann müßte es seit der Volkszählung im Jahre der Geburt Jesu zu einer geradezu beängstigenden Bevölkerungs-Explosion in Judaea gekommen sein - und danach zu einer ebenso beängstigenden Bevölkerungs-Abnahme. Und die Differenz? Richtig geraten, liebe Leser, die muß dann wohl zu "Opfern" mutiert sein, zu menschlichen, pardon zu reinen, d.h. jüdischen Opfern wohlgemerkt, nicht zu tierischen. Na ja, nicht die ganze Differenz. Ein paar zieht der gute Josephus vorher noch ab - und die wollen wir ihm mal glauben: 11.000 verhungerten während der Belagerung, 2.000 brachten sich gegenseitig um, damit sie nicht in die Hand der Römer fielen, und 97.000 gerieten am Ende in römische Gefangenschaft. Das wären zusammen 110.000 Personen, und wenn Ihr Dikigoros fragt, dann war das auch ziemlich genau die Menge Menschen, die sich während der Belagerung maximal in der Stadt [auf]halten konnten. Aber bei Josephus waren es ja 2,7 Millionen; und von denen konnten auch allenfalls ein paar tausende, maximal zehntausende, bei den gelegentlichen Ausfällen gegen die Römer oder bei den Kämpfen untereinander (es herrschte wie gesagt gleichzeitig Bürgerkrieg, auch in der belagerten Stadt, zwischen mindestens drei Fraktionen!) umgekommen sein. Der Rest der Differenz mußte also von den bösen Römern massakriert worden sein.

Wie viele mögen das gewesen sein? Fragen wir mal praktisch und gehen dabei von der Gegenseite aus: Wie viele Römer waren eigentlich gegen Jerusalem im Einsatz? Das läßt sich nicht so genau sagen: Vespasian hatte theoretisch vier Legionen unter seinem direkten Kommando - die 5., die 10., die 12. und die 15. -; aber von denen hatte keine mehr volle Kriegsstärke. (Das wären je 5.000 Römer/Latiner plus ebenso viele einheimische HiWis gewesen, also in diesem Falle wohl Syrer, oder, wie Josephus sie manchmal nennt, "Griechen"; allerdings meint er, daß auch die "römischen" Soldaten jener Legionen hauptsächlich aus Syrien kamen - aber vielleicht waren es ausgewanderte Kolonisten.) Insbesondere die 12. Legion war in den vorherigen Kämpfen schon arg mitgenommen worden; und auch von den anderen drei Legionen waren zahlreiche Soldaten - seien sie verwundet, abgekämpft oder sonstwas - zurück nach Rom geschickt worden. Dafür war Titus mit einer weiteren Legion zur Verstärkung gekommen, der einzigen, für deren Stärke Josephus eine konkrete Zahl nennt: 2.000 Römer plus 3.000 HiWis (wohl Ägypter, denn sie kam aus Alexandria) - wohlgemerkt bevor sie in den Kampf eingriff. Mehr dürften auch die übrigen Legionen nicht mehr gezählt haben, die 12. eher weniger; insgesamt mögen es im Zeitpunkt der Eroberung um die 20.000 Mann gewesen sein. (Das ist Dikigoros' persönliche Schätzung, und die ist bewußt hoch gegriffen; andere gehen von ca. 15.000 Mann aus.) Wenn nun jeder von denen eigenhändig einen Juden getötet hätte oder zwei oder drei... nein, seien wir großzügig und billigen jedem römischen Soldaten (Dikigoros scheut das Wort "Legionär", das es damals noch nicht gab) zu, daß er so viele Juden tötete wie mindestens um ein Opfertier herum saßen, nämlich zehn, dann kommen wir auf rund 200.000 Tote. Auf welche Zahl kommt aber der gute Josephus? Lest es selber nach, liebe Leser, aber wagt bloß nicht, nachzurechnen und dann zu sagen, Josephus habe sich etwa verrechnet (und das auch noch zuungunsten der armen jüdischen Opfer)! Wenn Dikigoros nicht wüßte, daß es damals noch keine "Wiedergutmachung" gab, hätte er jetzt geschrieben: "Shoa-business läßt grüßen!" Und um auf Josephus' Ausrede zurück zu kommen, daß ja die Juden aus dem ganzen Imperium Romanum zum Osterfest nach Jerusalem gekommen seien: Auch da kann etwas nicht stimmen, denn er berichtet ja selber, daß gleichzeitig außerhalb Jerusalems etwas statt fand, was Dikigoros an dieser Stelle nicht "Pogrome" nennen will, da dieses Wort heute anders besetzt ist; und die "Vernichtung" der Juden in Damaskus u.a. Städten des Imperiums erfolgte wohl auch nicht durch die Verfolgung und Massakrierung wehrloser Zivilisten, sondern in harten militärischen Kämpfen, welche die Juden überwiegend selber angezettelt hatten. Aber wenn es "in allen Städten" des Imperiums zu solchen "Vernichtungen" kam, und dabei jeweils 4- oder 5-stellige Zahlen von Juden umkamen, dann können wohl doch nicht alle in Jerusalem gewesen sein. (Und, nebenbei gefragt: Woher kamen denn dann die "hunderttausende" Juden, die 115-117 außerhalb Jerusalems den etwas ungenau als "Babylonischen Aufstand" bezeichneten "zweiten jüdischen Krieg" gegen die Römer entfesselten? Bis da war es doch nur zwei Generationen hin, und so schnell pflanzten sich auch die fleißigsten jüdischen Mütter nicht fort!

Aber Dikigoros will nicht allzu weit abschweifen, zumal das, was er im letzten Absatz über die Eroberung Jerusalems geschrieben hat, für Mazädā nicht unbedingt eine Rolle spielt. Da geht es ja weniger um Zahlen als um die grundsätzliche Frage, ob man die Schilderung des Flavius Josephus überhaupt für glaubhaft hält. Wenn nicht, dann gab es ohnehin null Selbstmörder; und wenn doch, dann kommt es auch nicht drauf an, ob es ein paar mehr oder weniger waren als die von ihm genannten 960, zumal diese Zahl weder zu einer heiligen noch "symbolischen" gemacht worden ist, anders als die berühmt-berüchtigten "6 Millionen" im 20. Jahrhundert.

* * * * *

Wir schreiben das Jahr 1421, d.h. die Christen schreiben das Jahr 1421, so auch die in der Hauptstadt des christlichen Herzogtums Österreich, Wien. Andere Wiener schreiben dagegen bereits das Jahr 5183, und daraus könnt Ihr messerscharf schließen, daß es sich um Juden handelt. Herzog Leopold V von Babenberg hatte sie um 1200 ins Land geholt, um die Geldgeschäfte zu managen, die den Christen aus dogmatischen Gründen verboten waren (ebenso wie heute noch den Muslimen; aber die Christen waren damals noch nicht so clever wie die letzteren, die dieses Verbot mit allerlei Spitzfindigkeiten zu umgehen wissen; erst Ende des 14. Jahrhunderts sollte ein Genfer Bischof auf den Dreh kommen - er begründete die bis heute anhaltende Vormachtstellung der Schweizer Banken in Europa :-). Und sein Nach-Nach-Nach-Nachfolger, Herzog Albrecht II, hatte im 14. Jahrhundert seine schützende Hand über sie gehalten, als ein paar Idioten ihnen die Schuld an der Pest in die Schuhe schieben wollten, von wegen sie hätten die Brunnen vergiftet. Er hatte überzeugend argumentiert, daß die Pest ja auch an Orten grassierte, wo es gar keine Juden gab, und daß, dort wo es sie gab, auch die Juden selber jener schrecklichen Seuche zum Opfer fielen. Die Juden gaben ihm darob den Beinamen "der Weise". Aber ach, liebe Leser, er hätte eher einen anderen Beinamen verdient gehabt, z.B. "der Narr", der "Tragische" oder der "Massenmörder wider Willen" - er ist ein Musterbeispiel dafür, daß auch die gut[gemeint]e Tat bisweilen schlimmere Folgen zeitigen kann als das größte Verbrechen. Denn wie das so ist, wenn man Idioten ihr Lieblingsspielzeug weg nimmt, dann suchen sie sich ein neues, womöglich noch schlimmeres - so auch hier: Wenn nicht die Juden die Pest herbei geführt hatten, dann konnten es nur die Hexen gewesen sein; und die trieben ihr Unwesen bekanntlich in Katzengestalt. (Erst später degradierte man die Katzen zu bloßen Begleitern der Hexen.) Diese Idee ist zwar noch idiotischer als die erste; denn immerhin war es ja theoretisch - und sogar praktisch - möglich, wenngleich nicht sehr wahrscheinlich, daß die Juden die Brunnen vergiftet hatten; daß es aber Hexen in Tiergestalt waren... wie dumm ist eigentlich jene Affenart, die sich selber großkotzig als "sapiens [weise]" bezeichnet? Was folgte, war ein Katzenpogrom ungeheuren Ausmaßes in ganz Europa, in dem Glauben, damit die Pest eindämmen zu können. Das Gegenteil war der Fall, denn in Wahrheit wurde die Seuche von Nagetieren übertragen (genauer gesagt von ihren Flöhen, die auch gerne mal auf Menschen übersprangen), die sonst zur bevorzugten Beute der Katzen zählten. Und als die Katzen weg waren (um ein Haar hätte man sie vollständig ausgerottet), tanzten die Ratten und Mäuse auf den Tischen und Bänken, wie das Sprichwort sagt, und die Pest breitete sich jetzt erst richtig aus. Die niedrigsten Schätzungen über die Menge ihrer Todesopfer im 14. Jahrhundert liegen bei 1/3 der Bevölkerung Europas, die damals rund 60 Millionen betragen haben mag. Mit anderen Worten: Albrecht hatte, in der guten Absicht, ein paar hundert Juden zu retten, den Tod von ca. 20 Millionen Menschen verursacht - einschließlich Juden, denn wie er ja richtig bemerkt hatte, machte die Pest auch vor denen nicht halt. (Aber fragt jetzt bloß nicht, liebe Leser, ob es nicht für alle besser gewesen wäre, wenn man die Juden... solche Fragen sind heute tabu!)

Wie dem auch sei, den Juden des Jahres 5183 bzw. 1421 geht es gut - sehr gut sogar. Sie genießen zahlreiche Privilegien, von denen Christenmenschen nur träumen können: Kein Kriegs- oder Frondienst, keine Abgaben. Nun ja, eine kleine Kopfsteuer, die von der jüdischen Gemeinde pauschal aufgebracht wird, aber die ist lächerlich gering im Vergleich zu dem, was sie erwirtschaften kann: 500% Jahreszins sind ganz normal (fünfhundert, liebe Leser, nicht daß Ihr glaubt, daß Dikigoros sich um ein oder zwei Nullen nach oben vertan hätte - er ist doch kein Jude!), und wer da von "Wucher" spricht, hat ganz recht, denn das war damals das allgemein gängige Wort für "Zins". Den Herrschern ist das nur Recht, sie verdienen genug am Münzregal - die jüdischen Münzmeister, nicht nur die in Österreich, sind berühmt und berüchtigt für ihre Geldverschlechterungen, an denen wohlgemerkt nicht sie selber verdienen, sondern die Herrscher; wenn die letzteren auch nur den Funken eines Verdachts haben, daß die Juden dabei in die eigene Tasche wirtschaften, geht es ihnen übel. (Der Vertreibung der Juden aus England unter Edward I, über die Dikigoros an anderer Stelle schreibt, lagen keine "religiösen" oder "rassistischen" Motive zugrunde, sondern der Verdacht eben eines solchen Betrugs am Oberbetrüger König.) Wer davon weniger begeistert ist als die Herrscher sind Otto Normalverbraucher und Eva Mustermann, bei denen sich der Haß auf "die" Juden aufstaut - und bisweilen auch Bahn bricht. Was kann man dagegen tun? Ganz einfach: Man zwingt die Juden einfach, sich taufen zu lassen; und wenn sie dann Christen sind, dürfen sie ja keine Zinsen mehr nehmen. (Daß sie dann auch kein Geld mehr verleihen würden - schon gar nicht zinsfrei -, das kapiert der kleine Mann nicht; er ist auf seine Art ebenso blöd wie der Otto Normalwähler von heute, der den Wahllügen der Parteien glaubt, daß der Staat immmer mehr Sozialleistungen ausschütten könne, ohne im Gegenzug die Steuern zu erhöhen - soll er es doch auf Pump tun, die Juden, pardon, die "Besserverdienenden" habens ja und geben sicher gerne Kredit!) Nun steht also in Wien wieder mal eine Forderung nach Zwangstaufe der Juden auf der Agenda. Aber die Juden sehen das ganz eng: Anders als bei den Muslimen gibt es bei ihnen keine Pflicht zur Verstellung, sondern das Judentum ist - wie das Christentum - eine "Bekenner-Religion", d.h. man hat seinen Glauben zu bekennen und dafür notfalls auch zu sterben; und wenn man zwangsweise ins Taufwasser getaucht wird, dann hat man Selbstmord zu begehen, zur Ehrung und Heiligung des Namens Jahwes - "Kiddusch HaSchem" nennt man das. (Ja ja, liebe Leser, die sefardischen Juden in Spanien sahen das anders, sie ließen sich in großer Zahl zum Schein taufen, blieben aber insgeheim weiter ihrem Glauben treu - viel geholfen hat es ihnen nicht, aber das soll hier nicht unser Thema sein.) Das hatte es schon während des Ersten Kreuzzugs gegeben, als die belgischen Haufen durchs Rheinland zogen und die Juden, die sie antrafen, zum einzig wahren Glauben bekehren wollten - sie brachten sich um, und ihre "Historiker" behaupteten anschließend, die Kreuzfahrer hätten sie ermordet und hingen an die Zahl der Opfer noch ein paar Nullen dran (aber auch das ist eine andere Geschichte). Dikigoros ist sich nicht sicher, ob es in Europa schon frühere Beispiele dieser Art gab (und ob überhaupt ein Zusammenhang mit dem großen Vorbild Mäzadā besteht), aber das, was sich 1421 in Wien ereignet haben soll, gilt den Juden jedenfalls als markantestes Beispiel für ihre Verfolgung und ihre "heldenhafte" Reaktion darauf.

Exkurs. Dikigoros hat eben bewußt "in Europa" geschrieben, denn daß es Vergleichbares außerhalb Europa schon früher gab, ist allgemein bekannt - jedenfalls unter Juden. Im April 627 bzw. - nein, das rechnet Ihr jetzt bitte selber um, liebe Leser, wenn Ihr die jüdische oder gar die islamische Zeitrechnung bevorzugt - stand eine der bedeutendsten Schlachten der Weltgeschichte an, die Ihr nirgendwo als solche verzeichnet finden werdet, da es eigentlich gar keine war. Es ging um die Stadt Mädina, wo sich der selbst ernannte Profet Muhammad verschanzt hielt; wäre sie gefallen, wäre der Menschheit die Geißel des verfluchten Islam erspart geblieben. Schuld daran, daß es anders kam, waren... die Juden, und es ist trotz all der anderen ungeheuren Verbrechen, die sie im Laufe ihrer Geschichte begangen haben, ihr größtes. Wie war das? Kleine Ursachen, große Wirkungen. Auf der arabischen Halbinsel hatte in religiösen Dingen immer mehr oder weniger Toleranz geherrscht. Zwar hatte jeder Wüstenstamm seine eigenen Götter, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, sie seinen Nachbarn aufzuzwingen - die hätten sich auch schön bedankt und jedem, der das versucht hätte, gemeinsam (! - wiewohl "Gemeinsamkeit" bei den Arabern sonst ein Fremdwort war :-) eins aufs Haupt gegeben. So auch, als der größenwahnsinnige Muhammad versuchte, sie alle auf "seinen" einen Gott "Allah" einzuschwören; da bildete sich eine große Koalition aller Stämme - einschließlich der jüdischen, die dort lebten - und zog mit einem starken Heer gen Mädina. Die Muhammädaner wären chancenlos gewesen, wenn nicht... das Aufeinandertreffen just auf einen Samstag gefallen wäre. Am Schabbath aber wollten die Juden nicht kämpfen, also verließen sie das Koalitionsheer. Es wäre die letzte Chance gewesen, denn an den folgenden Tagen regnete es, und bei Regen kämpfen Wüstenkrieger nicht gerne; also zogen auch die Araber ab, und Muhammad behauptete Mädina. Er dankte den Juden ihre DummheitFrömmigkeit übrigens so, wie es seitdem bei Muslimen gegenüber Ungläubigen Brauch ist: Er überfiel sie, sie kapitulierten kampflos, und er bot ihnen großzügig ihr Leben an, wenn sie nur zum Islam konvertieren wollten. Niemand wollte, und so wurde einer nach dem anderen einen Kopf kürzer gemacht. Diese Armleuchter werden von den Juden heute als "große Helden und Martyrer" verehrt - aber Dikigoros wüßte gerne mal, worin ihre "Heldentat" denn bestanden haben soll. Je länger er über dieses Ereignis nachdenkt, desto mehr... nein, er wird Euch jetzt nicht mit einem Spruch kommen wie "Der Krieg um Troia findet nicht statt" bzw. "Der Krieg um Mädina findet nicht statt", denn er fand ja statt, halt bloß, ohne daß eine Schlacht geschlagen wurde (da seht Ihr, liebe Pazifisten, wohin es führen kann, einem Kampf auszuweichen!), sondern desto mehr gelangt er zu der Überzeugung, daß die These von Kamal Salibi, wonach die Juden unter Mosche von Ägypten aus nicht nach Palästina zogen, sondern gen 'Asīr, doch zutreffen könnte; denn woher sollten sonst die vielen, auch zahlenmäßig starken jüdischen Stämme auf der arabischen Halbinsel gekommen sein, die im Laufe des 7. Jahrhunderts allesamt von den Muhammädanern ausgerottet wurden? (Allein in Mädina - das erst der Anfang war - sollen zuvor drei jüdische Stämme gelebt haben, die zusammen rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachten.) Exkurs Ende.

Zurück nach Europa, zurück nach Wien. Was geschah dort eigentlich wirklich anno 1421? Die christlichen Quellen sind dünn, die jüdischen umso ausführlicher und eindeutiger; deshalb fällt es Dikigoros nicht ganz leicht zu begründen, warum er ihnen nicht so recht zu glauben vermag. So steht es geschrieben: Eines Tages wurden die rund 800 in Wien lebenden Juden ohne jeden Grund auf einer Wiese - der "Gänseweide" in Erdberg - zusammen getrieben und 200 von ihnen "verbrannt"; der Rest wurde auf Schiffe getrieben und auf der Donau "ausgesetzt". Nur 80 besonders tapfere und glaubensfeste Juden hatten sich in der Synagoge verschanzt, wo sie sich verbrannten. Und der böse Herzog Albrecht (V.) rührte keinen Finger für sie. Seitdem sind die armen Juden in Wien entrechtet und verfolgt... Mal im Ernst, liebe Leser, ist das glaubhaft? Fangen wir hinten an: Bereits um 1500 war das Finanzwesen in Österreich wieder fest in der Hand Wiener Juden - wo kamen die wohl her? Nein, damals noch nicht aus Galizien und der Bukowina - diese beiden Länder fielen erst bei den so genannten "polnischen Teilungen" im 18. Jahrhundert an Österreich - und mit ihnen rund 200.000 Juden, die bis dahin in Polen tatsächlich diskriminiert worden waren, in Österreich aber mit dem "Toleranz-Patent" Josefs II praktisch mit den Christen gleich gestellt wurden. Und als dann im 19. Jahrhundert gar noch die Freizügigkeit eingeführt wurde, bekam Wien binnen weniger Jahre eine jüdische Bevölkerung von 200.000 und wurde zur größten jüdischen Metropole nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt - mit weitem Abstand vor Prag, Lemberg, Krakau, Berlin und Warschau. Glaubt Ihr wirklich, daß die alle dorthin gekommen wären, wenn sie ihre "Historiker" ernst genommen und regelmäßige "Verfolgungen" befürchtet hätten? Wie wahrscheinlich ist es, daß die Wiener 1421 "nur" 200 Juden verbrannten (auf offener Wiese? Wie soll das bittschön vor sich gegangen sein?), die anderen aber unbehelligt davon schiffen ließen? Und was hätte den Juden in der Synagoge denn konkret gedroht? (Das war übrigens eine sehr schöne, repräsentative Synagoge, gerade erst wieder aufgebaut nach einer Feuersbrunst in Wien anno 1406, von der nicht mal die Juden zu behaupten wagen, daß etwa die bösen Christen oder sonstige "Anti-Semiten" sie gelegt hätten oder daß sie den Wiederaufbau zu be- oder gar verhindern versucht hätten.) Wohl nicht viel mehr als den anderen Juden, nämlich vorübergehende Deportation auf einem Schiff, mit dem sie alsbald wieder hätten zurück kehren können. Egal, sie mußten sich verbrennen, um ein Zeichen zu setzen, um ein Symbol zu schaffen, denn nur das Verbranntwerden erfüllt in jüdischen Augen den Tatbestand des Opfertodes als religiöser Martyrer. Und wenn in der Synagoge 80 Juden verbrannten - also rund ein Zehntel der Gemeinde -, dann mußte man den Christen halt eine entsprechend höhere Zahl anhängen, die sie auf der Wiesn verbrannten. Jawohl, vollständig, holokávtomai, aber dennoch sollte es noch über 500 Jahre bis zur Erfindung des Begriffs Holocaust dauern (wer sprach damals schon Griechisch :-) - bis dahin gebrauchen die Juden, wenn sie sich über erlittenes Unrecht beklagen wollen, das Schlagwort "Gesera [Verhängnis]", das sie damals geprägt haben.

* * * * *

Als Dikigoros Anfang der 1990er Jahre so viel Hindī gelernt hatte, daß er sich zutraute, Indien abseits der ausgelatschten Touristenpfade zu bereisen, fuhr er zum zweiten Mal nach Rājasthān. (über seine erste Reise dorthin - mit dem üblichen "Pflichtprogramm" Agra-Jaipur-Udaipur, wie er das damals noch schrieb - heute würde er "Āgrā-Jaypur-Udaypur" schreiben - berichtet er an anderer Stelle.) Das ist eigentlich ein blöder Name - "Fürstentum" oder "Königreich", je nachdem wie man "Rāj[a]" übersetzen will. Dikigoros zieht die Bezeichnungen der historischen Reiche auf diesem heute so genannten indischen Bundesstaat vor, weil sie genauer sind. Genauer gesagt besuchte er also das alte Mewār, dessen historische Hauptstadt zunächst nicht Udaypur war, sondern ein Ort namens Chittaur. (Das spricht sich "Tschittor", mit geschlossenem "o" und einem Endungs-Konsonanten, den es im Deutschen nicht gibt, er liegt zwischen einem "d" und einem spanischen "r".) Der war damals dem Tourismus - zumal dem ausländischen - noch völlig unerschlossen: Es gab nur ein einziges Hotel, das man selbst nach bescheidenen "westlichen" Maßstäben als solches bezeichnen konnte (und Dikigoros' Maßstäbe sind da wahrlich sehr bescheiden, ganz im Gegensatz zu denen seiner Frau, die er auch deshalb nie mit nach Indien genommen hat :-) - ein anderes befand sich gerade erst im [Um]Bau -, und wenn man die einzige Sehenswürdigkeit besichtigen wollte, gab es dafür keine Verkehrsmittel außer Schusters Rappen (die, so sie aus Leder waren, mit äußerst scheelen Blicken betrachtet worden wären - aber so etwas passierte Dikigoros damals schon nicht mehr :-) oder einem Leihfahrrad; und wenn Ihr das folgende Bild betrachtet und Euch Dikigoros dazu noch verrät, daß sich das ganze auf einem Berg oberhalb der heutigen Stadt befindet, dann werdet Ihr verstehen, daß auch letzteres für die meisten Touristen kein akzeptables Fortbewegungsmittel war.

(Bitte nehmt Dikigoros nicht übel, daß er Euch hier kein "schöneres" Foto zur Verfügung stellt. Wer danach gelüstet, dem empfiehlt er diese Seite.) Dikigoros aber machte sich tapfer auf den Fußweg durch all die versunkene Pracht; und an einem der noch "aktiven" Tempel fand er einen kleinen Bücherstand. Dort wurden Schriften feil geboten, die nur ein einziges Thema hatten: Die Geschichte der Rānī Padmīnī - vom kompletten "Padmawat" bis zu kleinen Broschüren mit kurzen Inhaltsangaben für Schulkinder - wohlgemerkt nur in indischen Sprachen, nicht auf Englisch, was ging das die blöden Ausländer an? Darf Dikigoros es hier ebenfalls erstmal ganz kurz machen, gewissermaßen für den Schulgebrauch? Im Jahre 1303 n.C. (Dikigoros erspart Euch hier Fragen der indischen Zeitrechnung, sie ist eine Wissenschaft für sich :-) kam Allauddin, der böse Sultan von Delhi, auf die Idee, sich die als umwerfende Schönheit weithin berühmte Frau des Herrschers von Chittaur persönlich anzuschauen, und kreuzte dortselbst mit seinem Heer auf. Das war aber nach indischen Moralvorstellungen unmöglich, denn eine anständige Frau ließ sich nicht von fremden Männern anschauen. Man fand zunächst einen Kompromiß: Der Sultan durfte ihr Spiegelbild im Schloßteich betrachten. Das genügte ihm aber dann doch nicht: Er ließ Padminis Mann kidnappen und verlangte für dessen Freilassung die Erlaubnis, Padmini in natura zu sehen. Die kam auf einen genialen Einfall: Sie ging zum Schein auf die Forderung ein; aber dann entpuppten sich die Sänften, mit denen angeblich sie selber und ihre Hofdamen zum Sultan kamen, als trojanische Pferde, d.h. in ihnen hatten sich rajputische Krieger verborgen, die nun ihren Rājā mit Waffengewalt raus hauten. Der Sultan war not amused und blies zum Sturm auf die Festung. (Festung heißt im Indischen "garh"; "Festung Chittaurgarh" ist also doppelt-gemoppelt; deshalb spricht Dikigoros nur von "Chittaur", wenn er die Stadt meint.) Der wurde zwar abgeschlagen, aber die anschließende Belagerung machte die Lage Chittauras irgendwann aussichtslos. Da beschlossen die Frauen, um nicht in die Hände der muslimischen Angreifer zu fallen, sich - in ihre Hochzeitsgewänder gehüllt - mitsamt dem Königspalast zu verbrennen. Anschließend schmierten sich die überlebenden Männer die Asche ihrer verbrannten Frauen ins Gesicht und stürzten sich auf das Heer des Sultans, von dem sie bis zum letzten Mann nieder gemacht wurden. Der "Jauhar" war geboren, der sich dann noch zweimal so ähnlich wiederholte - 1535 und 1568 -, und damit ging Chittaur als die Stadt der indischen Martyrerinnen in die Geschichte ein. So weit, so gut.

Nachtrag. Kaum hatte Dikigoros diese Seite - in noch halbfertigem Zustand - ins Netz gestellt, da bekam er auch schon eine Mail, was "Jauhar" eigentlich wörtlich bedeute. Das ist eine gute Frage, deren Beantwortung er mit einer Gegenfrage einleiten möchte: Woher kommt denn unser Wort "Juwel" für einen wert-vollen Edelstein? In Kluges etymologischem Wörterbuch steht: von lat. "iocus", Jux, aber das ist wohl nur ein schlechter Scherz des Verfassers, um nicht zu sagen kompletter Blödsinn. Das Wort "Juwel", genauer gesagt "Juwelier" tauchte erst im 18. Jahrhundert in Deutschland auf, und es kam vom englischen "Jeweller". Das war wiederum eine Verballhornung des indischen "Jauharī", was wörtlich jemanden bezeichnet, der den Wert - "Jauhar" - einer Sache [er]kennt. Die Wendung "Jauhar dikhānā [Wert zeigen]" bezeichnet exakt das, was die Frauen taten: Sie zeigten ihren Wert dadurch, daß sie sich töteten; und so nahm das Wort "Jauhar" die Nebenbedeutung "Selbstaufopferung" an. (Die Hauptbedeutung ist bis heute "Wert".) Allerdings galt das nur für die Selbstverbrennung von Frauen; Männer stellten ihren Wert anders unter Beweis; der anschließende Verzweiflungsausfall der Rājputen-Krieger heißt daher nicht "Jauhar", sondern "Shaka" - aber das soll uns hier nicht weiter interessieren. Nachtrag Ende.

Nun will Dikigoros nicht behaupten, daß das alles unwahr ist - er war ja nicht dabei. Aber zumindest eines ist unwahr: daß dieser Akt der Selbstverbrennung im Angesicht der muslimischen Gefahr eine Erfindung der Frauen von Chittaur war. Der böse Sultan Alauddin war nämlich schon anno 1297 auf die Idee gekommen, sich auch mal die Frauen von Jaisalmar in der Wüste Thar anzuschauen; und bei diesem Angriff geschah so ziemlich das gleiche: Die männlichen Krieger stürzten zum Angriff heraus und fielen bis zum letzten Mann; und ihre Frauen legten die Hochzeits-Saris an und verbrannten sich, um nicht... usw. Und 1314 sollte es schon wieder so weit sein, d.h. die ganze Geschichte wiederholte sich. Hm... Fangen wir mal damit an. Es war durchaus nicht so, daß Sultan Alauddin es generell auf die Hindū-Frauen abgesehen hätte: Er hatte seinen eigenen Harem und war damit sicher mehr als ausgelastet. Jaisalmar war eine Gründung von Wüstenräubern, die bei einer Oase, wo praktisch alle Karawanen auf dem Weg nach Dillī vorbei kamen, ein Fort errichtet hatten, von dem aus sie Weg-"Zölle" erpreßtenerhoben und davon reich wurden. Das hätte den Sultan schon verlocken können; aber nein, der hatte auch finanziell mehr als genug. Doch eines Tages bekamen die Räuber von Jaisalmar den Hals nicht voll; sie hielten eine Karawane des Sultans an und nahmen ihr nicht nur den üblichen "Zoll" ab, sondern raubten sie vollständig aus. Das ließ beim Sultan das Faß überlaufen, und er entschloß sich, das Nest auszuheben. Und es war auch nicht so, daß sich alle Frauen verbrannten und daß alle solchermaßen verwitweten Männer den Tod in der Schlacht suchten, sondern nur die Angehörigen der Kriegerkaste (die schon immer den zahlenmäßig kleinsten Teil der indischen Bevölkerung stellte - was sich übrigens bis heute nicht geändert hat). Und den übrigen geschah auch von den Händen des Sultans nichts - nicht alle muslimischen Herrscher in Indien waren blutrünstige Barbaren wie der im Westen (und nur dort) als ach-so tolerant und menschlich gerühmte Akbar (auf den wir gleich zurück kommen) und die anderen ["Groß"-]Muģalen. Andere Quellen berichten denn auch einiges anders, z.B. daß das Gerücht von Padminis Schönheit lediglich von einem bei Hofe zu Chittaur in Ungnade gefallenen Musikanten erfunden wurde, aus Rache, um den Sultan aufzustacheln. Dann wäre sie also in Wahrheit gar nicht so schön gewesen, daß der Sultans einen Grund gehabt hätte, ihretwegen mit seinem Heer auf Chittaur zu marschieren? (Aber vielleicht war das ohnehin nur ein Vorwand, wie damals die Geschichte der schönen Helena, derentwegen die Hellenen angeblich in den Krieg gen Troia gezogen waren :-) Nach noch einer anderen Quelle - der Dikigoros geneigt ist, eher zu glauben, obwohl ihr Verfasser, Malik Muhammad Jayasī, offenbar Muslim war - war ohnehin alles ganz anders: Danach wurde Padminis Gemahl zwar vom Sultan gefangen genommen; aber niemand dachte daran, zu seiner Befreiung troianische Pferde zu schicken. (Die ja überhaupt eine ziemlich fragwürdige Sache sind - in der Ilias kommen sie nicht vor; lediglich in der Odyssee behauptet der große Lügner Ulysses gegenüber seinen leichtgläubigen Zuhörern ihre Existenz (und in aller Bescheidenheit auch seine persönliche Urheberschaft dieser angeblich kriegsentscheidenden List :-) Vielmehr zog der Sultan wieder ab, d.h. er verzichtete auf eine langwierige und kostspielige Belagerung. Dagegen interessierte sich bald der Rājputen-Fürst des benachbarten Kambhalnar für die Strohwitwe Penelope, pardon Padmini, und machte den Freier. Das erfuhr deren Ehemann, der urplötzlich aus der Gefangenschaft des Sultans entwich. Vielleicht ließ dieser ihn auch bewußt laufen, wohl ahnend, daß die beiden Rājputen sich wechselseitig die Köpfe einschlagen und ihn so zum lachenden Dritten machen würden? (Güle güle, wie der Türke heute noch sagt :-) Genau so geschah es: Padminis Ehemann tötete seinen Nebenbuhler, wurde dabei aber auch selber tödlich verletzt. Padmini und ihre Leidensgenossin - eine gewisse Nagmati - begingen Jauhar, und der Sultan bekam beide Städte praktisch kampflos.

Damit will Dikigoros nicht etwa sagen, daß es gar keinen echten "Jauhar" im Sinne der Legende von Chittaur gegeben hätte. Doch, den gab es - aber halt meist woanders, z.B. 1327 in Hosadurg, der Hauptstadt von Kampilī, viel weiter südlich gelegen, und keinesfalls von Rājputen verteidigt. Es war auch nicht der böse Sultan Alauddin, sondern ein anderer Bösewicht namens Muhammad Tuģlak, der den Jauhar und den Shaka auslöste; aber das nur am Rande. Und der nächste Jauhar von Chittaur? Der kam wie gesagt erst im 16. Jahrhundert, 1535, und da kam die Bedrohung nicht aus Dillī im Nordosten, sondern aus Gujrāt im Südwesten, in Person des bösen Sultans Bahadur, der Chittaur angriff, nachdem dessen Herrscher, der Rānā Sangā, gestorben war, und nur noch seine arme, schwache Witwe, die Rānī Karnawatī, auf dem Thron herum saß. Und da auch die keine Lust hatte, von einem lüsternen muslimischen Sultan begafft zu werden... usw., kurzum: Chittaur bekam seinen zweiten Jauhar und seinen zweiten Shaka. Allerdings gibt es dazu eine ärgerliche - und deshalb von allen braven Rājasthānī angezweifelte - Überlieferung, wonach es mit der Lauterkeit der Motive der Rānī nicht gar so weit her gewesen sein kann. Nein, Dikigoros meint nicht, daß sie sich als anständige Rājputin schon 7 Jahre vorher - so lange war sie nämlich schon Witwe - hätte verbrennen müssen; aber es scheint doch so gewesen zu sein, daß sie ausgerechnet dem neuen Herrscher des Sultanats Dillī, Humāyūn, dem zweiten Groß-Muģal, ein Rakshā Bandhan schickte (so heißen die inzwischen auch bei ausländischen Indien-Touristinnen beliebten Freundschafts-Armbändchen, die ursprünglich nur Schwestern ihren Brüdern schenkten, als Zeichen ihrer engen Verbundenheit) nebst Hilferuf und Bündnisangebot. Wollte sie also den Teufel mit Belzebub austreiben, oder ging es ihr ganz einfach nur um Machtpolitik? Wie dem auch sei, sie hatte sich verrechnet, Humayun schickte keine Truppen - jedenfalls nicht rechtzeitig -, und so mußte sie sich halt verbrennen, und ihre Krieger mußten sich bei einem sinnlosen Ausfall bis zum letzten Mann opfern. Und was Chittaur von Dillī zu erwarten hatte, das bewies der dritte Groß-Muģal, Humāyūnas Sohn Akbar. Nicht, daß die Rājputen-Herrscher - die sich bald nach Bahadur wieder in den Besitz der Festung gebracht hatte - besser gewesen wären; der dritte Jauhar ist ein Schurkenstück ersten Ranges von allen maßgeblich Beteiligten. Als nämlich Akbar zur Belagerung auszog (zu der ihm der Rānā, Uday Singh II, nicht weniger Grund gegeben hatte als einst der Herrscher von Jaisalmer dem Alauddin), verpißte sich Uday Singh mitsamt seinen Frauen (ja, was hattet Ihr denn gedacht - daß nur muslimische Herrscher einen Harem hatten?) und Höflingen durch geheime Ausgänge und überließ es einer kleinen Schar von Kriegern und deren Angehörigen, etwas zum Ruhme Chittauras zu tun. Ihr kommt sicher selber drauf, liebe Leser, was das war... Richtig: Chittaur bekam seinen dritten Jauhar und seinen dritten Shaka. Aber eigentlich war das alles ja nur getürkt, denn diejenigen, derentwegen Akbar eigentlich gekommen war, waren ihm wie gesagt entfleucht. (Erinnert Euch das an etwas, liebe Leser? Nein, Dikigoros meint nicht den Metilius, sondern die heldenhaften Führer des "Éxodos" von Mesolóngi, die es 300 Jahre später genauso machen sollten!) Sie gingen ins Gebirge und führten von dort einen Partisanenkrieg mit ärgerlichen kleinen Nadelstichen. Akbar was not amused und statuierte ein Exempel: Er zerstörte die ganze Festung und ließ alle Einwohner ermorden - also nicht nur die Angehörigen der Kriegerkaste, sondern alle. Das war er, der brave Akbar, und das war die dritte "Heldentat" der Rājputen von Chittaur. Noch Fragen? Ach so, nach den Quellen. Nein, keine hinduïstische Greuel-Propaganda gegen die bösen Muslime, sondern Akbars autorisierte Biografie - das "Akbarnama" - aus der Feder seines Hofschreibers Abul Faz'l; er schämte sich nicht ob seiner Morde an den Ungläubigen, sondern war ganz im Gegenteil stolz darauf! Einer der seltenen Fälle also, in der die Täter (die es wohlgemerkt auf beiden Seiten gab, was aber nichts Außergewöhnliches ist in der Geschichte, wie Dikigoros nie müde wird zu betonen) und die Opfer gleichermaßen stolz auf sich waren; und wenn Ihr darob den Kopf schüttelt, liebe Leser, dann seid Ihr wahrscheinlich weder Hindūs noch Muslime, sondern Christen oder Juden und habt alles, was Dikigoros in den ersten Abschnitten dieser "Reise durch die Vergangenheit" geschrieben hat, schon wieder vergessen oder verdrängt.

* * * * *

Andere vergaßen nicht; denn der Ruf des "Jauhar" verbreitete sich über die ganze indische Welt (das oben erwähnte "Padmawat" wurde ursprünglich nicht auf Mewārī geschrieben, sondern auf Avdī, übrigens erst Mitte des 16. Jahrhunderts, man kann es also nicht gerade als "Primärquelle" bezeichnen :-), bis in deren fernsten östlichen Winkel - nach Bali, die einzige Insel Insulindes, pardon, heute sagt man ja "Indonesia" oder "Indonesien", auf der sich der Hinduïsmus gegenüber dem Islām behaupten konnte. Und die Geschichte von Padmini war dort auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch präsent, als sich die bösen Holländer anschickten, Bali ihrem Kolonialreich einzuverleiben. Die Duodezfürsten im Norden der Insel hatten sich bereits mit ihnen arrangiert, pardon, sich ihnen unterworfen, aber die im Süden - in Tabanan, Klungkung und Badung (das heute "Denpasar" genannt wird) - dachten gar nicht daran, ein gleiches zu tun. Also landeten die Holländer im September 1906 Truppen in Sanur (heute einer der Badestrände von Denpasar im Südosten, nicht ganz so bekannt und vor allem bei ausländischen Touristen nicht ganz so beliebt wie der von Kuta im Südwesten) und marschierten auf Badung. Noch bevor sie den Palast erreicht hatten, kam ihnen schon der Raja mitsamt seinem Gefolge von Frauen, Kindern, Priestern u.a. Hofschranzen entgegen, ganz in Weiß, doch ohne Blumenstrauß, dafür mit allen Klunkern behängt und mit Dolchen (den malerisch schönen Malaien-Dolchen, "K[e]ris" geschrieben und "Krieß" gesprochen) in der Hand. Und als sie bis auf 100 m an die Holländer heran gekommen waren, begannen sie einander mit eben jenen Dolchen zu töten. Statt gerührt abzuziehen oder gar zu versuchen, die Balinesen daran zu hindern, sich umzubringen (wie es politisch-korrekte Gutmenschen von heute getan hätten :-), feuerten die Holländer ganz herzlos auch noch mit Schußwaffen in die Masse der Wehrlosen hinein; an die tausend starben. Dann plünderten die Holländer die Leichen aus und brannten den Palast nieder.

Klingt das nach einem echten Jauhar? Nein, und es heißt ja in der Landessprache auch ganz anders, nämlich "Puputan". Wenn Ihr mal nachforscht, was das angeblich bedeutet, liebe Leser, werdet Ihr dabei auf allerlei Unfug stoßen, etwa "Kampf bis zum Tod", abgeleitet von "puput", was "beendet" bedeute. (So z.B. auf der englischen Seite von Wikipedia oder auf "Bali authentique" von Jean Cognet.) Tatsächlich bedeutet "puput" schlagen; und "puputan" bedeutet soviel wie "[großer] Schlag", nicht mehr, nicht weniger; man kann allenfalls darüber streiten, ob das auch im übertragenen Sinn, als großer Propaganda-Schlag, gemeint sein kann. Aber dafür brauchten die Balinesen eigentlich eine andere Version der Ereignisse, die mehr an den Jauhar erinnerte, und die sie denn auch bald zu verbreiteten begannen: Danach hatten die Holländer bereits angefangen, den Palast mit Kanonen zu beschießen, als der Raja den "Puputan" beschloß: er zündete seinen Palast an, ließ sein Gefolge zu Schwert und Speer greifen und den holländischen Aggressoren mutig entgegen treten. Erst als die letzteren begannen, die Mutigen tot zu schießen, brachte sich deren Rest gegenseitig um. Wie auch immer, das Resultat war das gleiche; und die Martyrerrolle war ihnen so oder so gewiß. Heute erinnert ein großes Denkmal im Zentrum von Denpasar an jene Heldentat.

Aber Moment, wir sind ja noch nicht fertig, denn die bösen Holländer gaben sich nicht mit der Eroberung von Badung zufrieden, sondern wollten auch noch Klungkung unterwerfen. Im April 1908 war es so weit, und die Ereignisse wiederholten sich: Der Raja verließ mit Kind und Kegel (und Dolchen :-) seinen Palast, zog den holländischen Truppen entgegen und wurde erschossen. Daraufhin brachen sich seine Frauen und das übrige Gefolge gegenseitig um. Die Holländer plünderten die Leichen aus und brannten den Palast nieder - aber das hatten wir ja schon - und brachten so ganz Bali in ihrer Gewalt.

Nun muß hier mal einiges gerade gerückt werden: Die Niederländer hatten eigentlich gar kein Interesse daran, das vergleichsweise arm[selig]e Inselchen Bali zu unterwerfen (geschweige denn seinen albernen Mini-Rajas oder deren Weibern etwas anzutun); sie hatten genug an Java, Celebes und den Molukken, von wo sie all die schönen Gewürze holten, die sie auf ihren Schiffen ins ferne Europa transportierten. Der Ärger war nur, daß die See in Indonesien bisweilen recht stürmisch war und daß dabei schon mal Schiffe in Seenot gerieten und irgendwo strandeten, so auch an den Küsten Balis. Nun galt und gilt es unter Malaien - egal ob in Indonesien oder sonstwo, und egal welcher Religion - als "gutes altes Recht", gestrandete Schiffe zu überfallen, die Besatzungen zu ermorden und die Ladung zu plündern. (Nein, es waren nicht nur die berühmt-berüchtigten "Piraten" von Makassar, Madura und Bugi, die es übrigens heute noch gibt, wie man hier nachlesen kann, wenngleich man sie über all der Hysterie ob der Piraterie am Horn von Afrika im Westen nur allzu leicht vergißt oder verdrängt.) Das gefiel den Holländern gar nicht; und sie verlangten von den Rajas wiederholt, daß sie das abstellten. Die dachten aber gar nicht daran, spielten vielmehr die in ihren "Souveränits-Rechten" beleidigten Leberwürste und machten weiter wie bisher. Irgendwann platzte den Holländern der Kragen, genauer gesagt als nicht eines ihrer eigenen Schiffe, sondern das eines chinesischen Händlers, der unter ihrem Schutz fuhr, in Sanur strandete und die Balinesen nach ihrem "guten, alten Recht" verfuhren. Der Chinese verlangte Schadensersatz, und die Holländer schickten nicht etwa Truppen, sondern einen Sondergesandten nach Badung und trugen diese Forderung dort vor - von einer Unterwerfung oder gar Annexion war nie und nimmer die Rede. Es ging, nebenbei bemerkt, um bescheidene 7.500 Gulden, die der Raja aus der Portokasse hätte bezahlen können. Aber er dachte gar nicht daran; vielmehr verließ er sich auf die Stärke seiner bewährten Soldaten - von den Waffen der europäischen Barbaren hatte er eine ganz geringe Meinung - und antwortete: "Wir werden mit unseren Speerspitzen zahlen!"

Nachdem sie zwei Jahre ergebnislos herum verhandelt hatten (man könnte meinen, das alles hätte sich 100 Jahre später zugetragen - da wird auch Jahre lang "verhandelt", obwohl es da nicht mehr um harmlose Schiffswracks geht, sondern z.B. um Anlagen zum Bau von Atombomben, die jeden Tag gefährlicher werden, so daß Geduld eigentlich fehl am Platze ist), nahmen die Holländer den Raja von Badung beim Wort und machten sich daran, diese Speerspitzen entgegen zu nehmen; und wenn es ihnen tatsächlich darum gegangen wäre, den Rest Balis militärisch zu unterwerfen, dann hätten sie das sicher in einem Aufwasch erledigt. Aber der noch verbliebene Mini-Raja von Klungkung (der sich freilich nicht als solcher fühlte, sondern als göttlicher Herrscher über ganz Bali, ja über die ganze Welt - das bedeutete sein Titel "Dewa Agung" :-) war einstweilen klug genug, sich nicht mit ihnen anzulegen, sondern gute Zusammenarbeit und Verzicht auf die Erhebung von "Zöllen" (so wurde das Ausplündern von gestrandeten Schiffen eufemistisch genannt) zu versprechen. Wie ernst es ihm immer gewesen sein mag mit diesem Versprechen - sein Volk wollte jedenfalls nichts davon wissen, denn die bösen Holländer mischten sich auch in andere alt-ehrwürdige Traditionen als nur das Schiffeplündern ein, z.B. in den Brauch der Witwenverbrennung (der wohlgemerkt nichts mit "Jauhar" und "Puputan" zu tun hat, auch wenn bisweilen etwas anderes behauptet wird)! Kurzum, schon 1908 es gab einen "Aufstand", d.h. die Holländer auf Bali - Zivilisten, keine Soldaten! - wurden massakriert, und die nächste Militär-Expedition war fällig. Der Dewa Agung hatte nun keineswegs kollektiven Selbstmord beabsichtigt; vielmehr hatte er sich von einem einheimischen Profeten beraten lassen, und der hatte ihm versichert, daß er und seine Mannen unverwundbar gegen holländische Kugeln seien, wenn er nur seinen zauberkräftigen Dolch mit sich führte; er werde mit Leichtigkeit ein Massaker unter seinen Feinden anrichten. Das hörte der Raja gern und eilte mit breiter Brust den holländischen Kugeln entgegen - schon das Treffen mit der ersten war zugleich auch das letzte. Danach brachten sich seine Frauen, genauer gesagt seine sechs Hauptfrauen, um, und danach die übrigen Hofschranzen. Darauf schlossen auch die letzten Mini-Mini-Rajas, die noch übrig waren (Ihr müßt sie Euch als Dorfälteste von Orten mit maximal dreistelliger Einwohnerzahl vorstellen - man kann sie nichtmal als "Häuptlinge" bezeichnen, denn hinter ihnen standen keine Stämme, sondern bloß ein paar Familien) "Schutzverträge" mit den Holländern; und das Gros der Bevölkerung dürfte damit am besten gefahren sein.

* * * * *

Aber wie das so ist, das Gros der Bevölkerung erkennt das nicht immer so genau; und nun will Dikigoros endlich das oben schon angekündete Zitat von Richard Katz anbringen: "Das Ergebnis ihrer Befreiung wird bei allen asiatischen Völkern die absolute Herrschaft einer Dynastie oder einer Kaste sein. Wenn Intellektuelle diesem Ziel entgegen wirken, so nehmen sie die Blutschuld des Bürgerkriegs nutzlos auf sich. Es ist dem Asiaten nicht nur etwas Gewohntes , sondern auch etwas durchaus Erwünschtes, beherrscht zu werden. Es ist ihm nur unerwünscht, einer fremden Rasse zu dienen, den Weißen, die geistig anders geartet sind als er und vor denen er sich körperlich ekelt. Während beispielsweise die Javaner auch die jetzt weiche Hand der holländischen Regierung als drückende Last empfinden, werfen sie sich vor dem eingeborenen Sultan freiwillig in den Staub. [...] Ginge Holland aus Insulinde: nicht einen Monat würde sich das Volk selbst verwalten. Statt eines weißen Herrn bekäme es einen seiner Rasse. Einen grausamern, willkürlichern Herrn. Tut nichts. Die schlechteste farbige Regierung ist den Eingeborenen noch immer lieber als die beste europäische. [...] Das Äußerste, was kluge Kolonisation erreichen kann, ist, daß sich die Farbigen mit ihr abfinden. Daß sie sie verstehen, kommt selten vor. Daß sie sie billigen, nie. Holländisch-Indien ist die reichste Kolonie der Welt. Die reiche Zukunft der Kolonie Holländisch-Indien läßt sich aber nur unter der Voraussetzung prophezeichen, daß es in hundert Jahren überhaupt noch Kolonien geben wird. Woran ich zweifle." Ja, Niederländisch-Indien war die reichste Kolonie der Welt, und zwar nicht durch irgendwelche Bodenschätze wie etwa Belgisch-Kongo (Erdöl spielte noch keine Rolle), sondern durch menschlichen Fleiß, der es zum größten Nahrungsmittel-Produzenten und -Exporteur der Welt gemacht hatte. (Und zwar nicht, wie es heute in gewissen Staaten geschieht, indem man - ohne Nahrungsmittel-überschüsse zu erwirtschaften, die Ernten billig ins Ausland verkauft, damit sich die Herrschenden für den Erlös Luxus-Artikel kaufen können, während ihre Untertanen hungern.) Ja, auch durch die Arbeitskraft der "Indonesier"; aber die Holländer hatten sie zu ihrem Glück zwingen müssen, durch das "Cultuurstelsel" genannte Wirtschaftssystem, das jeden Landbesitzer zwang, bestimmte Produkte in bestimmter Menge anzubauen. Und das schmeckte ihnen gar nicht, denn sie waren von Natur aus faul. (Ihr wollt das bitte nicht als abwertend verstehen, liebe Leser; es ist ganz einfach eine Tatsachenfeststellung, die jeder, der die Menschen Indonesiens etwas besser kennt, bestätigen wird. Auch ein Richard Katz teilte sie, bei aller Liebe :-) Wie schrieb der große Kultur-Psychologe Sigmund Freud in "Die Zukunft einer Illusion": Ohne Zwang wären die meisten Menschen nicht einmal bereit, so viel zu arbeiten, daß es für ihr eigenes überleben ausreicht (sinngemäß; wer den genauen Wortlaut wissen will, kann ihn hier nachlesen; Kapitel 1, Seite 3). Die Indonesier haßten die Holländer auch und vor allem ob dieses Zwangs, den sie ausübten; sie nahmen es als selbstverständlich hin, daß ihre Bevölkerung immer weiterhin jedes Jahr um Hunderttausende zunahm, daß alle genug zu essen hatten und medizinisch versorgt wurden, und sie meinten, daß es auch ohne die weißen Herren so gut weiter ginge - vielleicht sogar besser. (Nein, Dikigoros verkneift sich an dieser Stelle Ausführungen darüber, wie verarmt die Bevölkerung "Indonesiens" heute ist, daß das Land in großem Stil Lebensmittel einführen muß und am Tropf ausländischer Entwicklungshilfe hängt; das ist kein Thema dieser Reise durch die Vergangenheit.)

Als nun die Japaner, die Niederländisch-Indien Anfang 1942 besetzt hatten, 1945 sahen, daß sie ihre Eroberungen aufgeben mußten, rächten sie sich vor ihrer Kapitulation noch dadurch, daß sie "Indonesien" für unabhängig erklärten; und als die Holländer zurück kehrten, bliesen die neuen Herren - die körperlichen und geistigen Enkel der Rajas - zum "Widerstand". Über das dabei statt gefundene Massaker an der holländischen Zivilbevölkerung - das heute aus allen politisch-korrekten Geschichts- und Märchen-Büchern getilgt ist - schreibt Dikigoros an anderer Stelle; aber damals, als das noch in aller Munde - und in allen westlichen Zeitungen nachzulesen - war, brauchten die Indonesier aus Gründen der Propaganda etwas, das sie dem entgegen setzen konnten - am besten wieder eine Art "Puputan", mit dem die Grausamkeit der bösen Holländer anprangern konnten. Da traf es sich gut, daß die Holländer so dumm gewesen waren, einigen Indonesiern, die sie für besonders zuverlässig gehalten hatten, eine militärische Ausbildung zukommen zu lassen - nein, nicht als Schütze Arsch und Kanonenfutter, sondern als Offizier an einer guten Militär-Akademie. So auch einem gewissen I Gusti Ngurah Rai, der es bis zur japanischen Besetzung immerhin zum Leutnant gebracht hatte. Als die Japaner abzogen und die Holländer zurück kehrten, beförderte ihn die neue "Regierung" des unabhängigen "Indonesien" flugs zum Oberstleutnant (nein, nicht zum Oberleutnant, sondern gleich um vier Ränge!) und ließ ihn Truppen ausheben, mit denen er Bali verteidigen sollte. Ausbildung? Null. Chancen? Null. Aber darauf kam es ja gar nicht an - die neuen Herren brauchten Martyrer. Und so jagte jener Ngurah Rai denn sein armseliges Häuflein Rekruten bei Marga ins Feuer der niederländischen Gewehre - sie fielen bis zum letzten Mann; und anders als gewisse Rājputen-Fürsten beim mittelalterlichen Jauhar, pardon, Shaka fiel er an der Spitze seiner Männer. Die Regierung beeilte sich, dieses Selbstmordkommendo zum neuen "Puputan" zu erklären und entsprechend auszuschlachten; und nach einigen Jahren bekam der Oberstleutnant nicht nur ein schönes Denkmal, sondern wurde durch Präsidialerlaß ganz offiziell zum "National-Helden" ernannt. Wenn Ihr mal - Dikigoros' Warnungen zum Trotz - auf Bali Urlaub machen solltet, liebe Leser, und nicht wie er einst auf dem Land- und Wasserweg dorthin anreist, sondern durch die Lüfte einschwebt, dann achtet doch mal auf den Namen, den der Flughafen von Denpasar trägt: "Ngurah Rai International Airport". Jetzt wißt Ihr also, nach wem und warum.

* * * * *

Zurück zu der Frage, die Dikigoros am Ende des ersten Absatzes gestellt hat: Kam Euch das alles ziemlich alt und angestaubt vor, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, vor allem Euch, die Ihr in Mitteleuropa lebt? Ihr meint vielleicht: "So ein paar antike Geschichten aus zweifelhafter Quelle, dazu einige in Qualität und Quantität stark übertriebene Ereignisse im Mittelalter und dann noch ein paar Einzelfälle von einer exotischen Insel in Hinterindien, das liegt uns doch räumlich und zeitlich alles sooo fern..." Täuscht Euch nicht. Die Denkmäler auf die NarrenHelden der Massenselbstmorde stehen vielerorts noch heute; und die Erinnerung an sie wird auch sonst auf jede erdenkliche Art und Weise in Ehren gehalten - in Israel, wie wir gesehen haben, sogar als ausdrückliches Vorbild für die heutigen Soldaten! Es kann also jederzeit wieder vorkommen - vielleicht früher als manche glauben. Wenn die Nicht-Muslime in gewissen Ländern Europas in ein, zwei Generationen erst gegenüber den Anhängern des verfluchten Islam in der Minderheit sind, wird ihnen, so sie sich nicht zuvor aufraffen, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten (wozu nicht nur Männer gehören, die den Mut haben, ihre muslimischen Todfeinde in Notwehr zu töten, sondern auch Frauen, die den Mut haben, Kinder zu gebären und sie zu Kämpfern wider die islamische Bedrohung zu erziehen), vielleicht nichts anderes mehr übrig bleiben, als ähnliche Massenselbstmorde zu veranstalten. Dikigoros bezweifelt freilich, daß es dann noch Chronisten geben wird, die solche Taten verherrlichen.


Anhang I: Der Mythos Montsegur

Anhang II: Von Numantia nach Toledo

Anhang III: Der Mythos Stalingrad

Anhang IV: Die Klippen von Saipan

Anhang V: Massenselbstmord in Demmin


weiter zu Über allen Gipfeln ist Ruh'

zurück zu Ein Paß kann [k]eine Brücke sein

heim zu Reisen durch die Vergangenheit